Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 4. Sonntag nach Epiphanias über Jes 51, 9-16

Liebe Gemeinde!
Unser heutiger Predigttext ist lang und kompliziert, voller Gedanken und Anspielungen auf andere Teile der Bibel. Er ist aufgebaut wie ein Gedicht.
Ein Gedicht als Predigttext - was machen wir damit? In der Schule haben wir Gedichte auswendig lernen müssen. Und so mancher, besonders von den Älteren, könnte bestimmt noch so ein Gedicht auswendig - oder wenigstens den Anfang, schließlich ist nicht jeder wie einst Bernhard Minetti. Manchmal haben wir Gedichte auch analysiert, gegliedert, Form und Inhalt untersucht. Das fand ich persönlich zwar ziemlich langweilig, aber besser verstanden hat man den Text dadurch schon. Das brauchen wir jetzt mit dem Predigttext aber nicht zu machen. Andere haben für uns die Hausaufgaben gemacht und geben uns einige Erläuterungen zu diesem Gedicht (Sie finden sie ebenfalls auf dem Zettel.):

Der Zusammenhang: Es handelt sich um einen Abschnitt von drei zusammengehörigen Texten, die alle wie dieser in Vers 9 mit dem doppelten Ruf: "Wach auf!" beginnen. "Wach auf!" Das versteht jeder so, wie es gemeint ist: Das ist ein Weckruf. Eigentümlich ist hier sein Adressat: Gott soll aufwachen. Gott soll erwachen? Schläft er denn? Ein seltsamer Gedanke - doch wohl eher ein Bild dafür, daß Gott dem Propheten wie abwesend oder schweigend oder eben schlafend vorkommt: wie einer, der da ist und doch nicht da ist - weil er nicht handelt. Der Weckruf meint: Gott, misch dich endlich sichtbar und spürbar ein in das Geschehen der Welt. Tu was!

Und was? Davon handeln die nächsten Verse 10 und 11. Gott wird angerufen als Schöpfer und Erlöser: Bilder aus den alten Mythen Babylons tauchen auf. Gott ist der Sieger über den Chaosdrachen, der Befreier seines Volkes aus der Sklaverei in Ägypten. Der sein Volk trockenen Fußes durch das Schilfmeer führte, er wird es auch siegreich aus der Gefangenschaft in Babylon herausführen. So klagt das Volk in Babylon und drängt auf Jahwes Eingreifen. Es erinnert ihn an seine früheren Taten und klagt künftige geradezu ein.
Danach folgt im nächsten Abschnitt mit Vers 12 bis 16 die ausdrückliche Heilsantwort. Jetzt spricht Gott als der Herr der Welt und der Menschen. Aber er verspricht nicht einfachhin Hilfe, er kritisiert das Volk, das ihn vergaß. Vergessen meint hier nicht die Gedächtnisstörung, den Blackout: Wer Gott im biblischen Sinne 'vergißt', der wird sofort von fremder Macht in Anspruch genommen. Vergessen meint Gottlosigkeit. Umgekehrt meint 'Gott gedenken', sich ihm zu unterstellen. Wer das tut, der ist frei von aller Menschenfurcht. Wer sind diese Menschen denn, die Gegner Israels? Vergängliche Menschen. Vor denen braucht das Volk nicht in Furcht zu verfallen. Wenn das Volk sich jetzt aber vor der Macht Babylons fürchtet, dann ist das das Zeichen, daß es von Gott abgefallen ist. Menschenfurcht ist die Folge mangelnder Gottesfurcht. Dagegen bringt sich Gott erneut als Schöpfer und Erlöser ins Spiel: "Du bist mein Volk." Neue Schöpfung steht bevor, einer wird - Vers 16 a - sein Knecht: "Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen."

Ein vielschichtiger Text - mit einer klaren Botschaft. Jesaja bezeugt: Es geht weiter Gottes Volk. Das prophetische Gedicht erklingt zwar an einem Tiefpunkt israelischer Geschichte, im Exil zu Babylon. Aber Israels Geschichte ist in Babylon nicht zu Ende. Sie geht weiter. Gott macht mit seinem Volk weiterhin Geschichte. Und schon bevor es geschichtlich wirklich soweit ist, ruft das prophetische Gedicht Gott als Befreier aus, als Neuschöpfer seines Volkes. Die meisten klagen noch - Jesaja stimmt das Lied von der Befreiung an.

Wie verstehen wir dieses Gedicht, zweieinhalbtausend Jahre später, wenn wir es sprechen und hören? Sprechen wir zunächst gemeinsam die erste Strophe:

Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des Herrn!
Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt!
Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?
Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe,
der den Grund des Meeres zum Wege machte, daß die Erlösten hindurchgingen?
So werden die Erlösten des Herrn heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen,
und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein.
Wonne und Freude werden sie ergreifen,
aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.
Wenn wir uns in der Welt von heute umschauen, drängt sich da eigentlich noch die Frage der Gläubigen von einst auf: "Schläft Gott? Schweigt er? Will er von uns nichts mehr wissen? Wo bleibt denn sein Handeln in der Geschichte?" Da war die Wende 1989. Da war das Kriegsende 1945. Aber schon damals haben nur wenige Gott hinter dem Wirken der Menschen gesehen. Immer häufiger heißt es seitdem: Der Mensch macht seine Geschichte. Dann aber verstummt ein Wort wie das des Propheten Jesaja. Es rechnet ja mit einem Eingreifen Gottes; damit, daß er Geschichte macht. Da, wo es erklingt, kommt die Frage nach Gott aber wieder ins Spiel - und läßt uns bei dem, was wir erleben, mehr sehen, als die Oberfläche Mensch. Und was trägt es aus, wenn wir die Geschichte der Menschen nicht ohne Gott verstehen? In einem Wort: Hoffnung. Nur so gibt es Grund zur Hoffnung.

Jüdische Schriftgelehrte sprachen nach dem Exil im Rückblick vom Churban. Das Wort bedeutet Zerstörung. Am Beginn des Exils stand ja die Zerstörung des Tempels Salomos im Jahre 587. Und dann gab es einen Zweiten Churban, die Zerstörung des Tempels des Herodes durch den römischen Kaiser Titus im Jahre 70 nach Christus. Zweimal zielten Feinde mit der Zerstörung des Tempels auf die Vernichtung des Judentums - und scheiterten. Einige Rabbiner nennen Hitlers Versuch, das Judentum zu vernichten, den Dritten Churban. Und wieder scheiterten Menschen an der Macht Gottes. Deshalb stirbt bei ihnen die Hoffnung nicht.

Müssen wir nicht in den Jahren seitdem, nach Wiederaufbau, Entspannung, Wiedervereinigung und 'Aufbau Ost' feststellen, daß es vielen Menschen immer weniger möglich wird, im Wechselspiel der geschichtlichen Ereignisse am Bekenntnis zu Jahwe als dem Herrn festzuhalten? Viele von uns leiden darunter. Manche fragen sich, ob der antichristliche Faschismus in anderer Spielart nicht doch gesiegt hat. Was die Nazis mit ihrem Kampf in den Kirchen und gegen die Kirchen nicht völlig erreicht haben, den Menschen den letzten Rest an Gottesfurcht auszutreiben, wird zum gesellschaftlichen Grundkonsens: Leben, als ob es Gott nicht gäbe. Aus "Gott mit uns" ist geworden: "Wir ohne Gott!" oder gar: "Gott? Ohne uns!" Gesellschaftlich tritt Krisenmanagement an die Stelle von Visionen, kirchlich Verwaltung an die Stelle von prophetischem Zeugnis.
Der Mensch selbst wird zum Richter über das, was als gut und böse zu gelten hat. An die Stelle von Gottes Gericht tritt das Gericht der Öffentlichkeit, die BZ als Letzte Instanz. Und die Hoffnung ist tot, die Hoffnung auf eine Wende der Geschichte durch Gott.

Brechen wir doch dieses Tabu: Was Gott an Jesus getan hat, gibt uns das Recht dazu.  Wir bekennen Jesus als die entscheidende Wende in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Gott ist nun auch im Tod, am Ort der Gottesferne. Unsere menschliche Geschichte kann also gar nicht mehr gott-los sein. Das ist gewiß.

Auch der christliche Glaube bekennt sich damit zum Handeln Gottes in der Geschichte, auch er spricht von der Vorsehung, er glaubt an Gott als den Herrn und Richter der Geschichte. 1945 und 1989 war er nicht außen vor. Auch wenn Menschen es sind, die dies sagen und bekennen - ohne sie, ohne ihr Bekenntnis, wird das nicht erkannt. Darum läuteten in der Nacht des 9. November unsere Glocken. Aber es ist Gottes Geist, der dieses Bekenntnis anstimmt: Im Glauben wohnt er unter uns, in Brot und Wein ist er uns nahe. Auch so macht er Geschichte.

Und wenn wir im Glaubensbekenntnis vom Kommen Christi sagen, er kommt "zu richten die Lebenden und die Toten", dann meinen wir: Gott hat nicht nur das letzte Wort über die Geschichte der Menschen, er bringt sie auch zu Ende. Noch handelt er durch die Geschichte und mittels der Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen, aber als Richter wird er sie zu einem gnädigen Ende bringen und die Täter werden nicht über ihre Opfer triumphieren, sondern Gott wird alles in allem sein. Darum hören wir Gottes Verheißung an Israel, sie ist auch an uns gerichtet - und freuen uns schon heute der guten Folgen:

Ich, ich bin euer Tröster!
Wer bist du denn, daß du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben
und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen,
und hast des Herrn vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat,
und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers, als er sich vornahm, dich zu verderben?
Wo ist nun der Grimm des Bedrängers?
Der Gefangene wird eilends losgegeben, daß er nicht sterbe und begraben werde
und daß er keinen Mangel an Brot habe.
Denn ich bin der Herr, dein Gott, der das Meer erregt, daß seine Wellen wüten
- sein Name heißt Herr Zebaoth -
ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen,
auf daß ich den Himmel von neuem ausbreite
und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk.
Amen.
 
 


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