Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Palmsonntag über Jes 50, 4-9

Liebe Gemeinde!
Mit Palmzweigen in den Händen feiern wir den Einzug Jesu in Jerusalem. Wir spielen nicht nach, was damals geschah. Wir erinnern uns nicht einfach an alte Geschichten. Was wir damit zu Beginn der Karwoche, der 'Heiligen Woche' tun, ist dies: Wir bekennen Jesus als unseren Herrn und Herrscher, wir lassen ihn bei uns und in unserer Stadt einziehen. Was damals geschah, wird unsere Gegenwart - eben: Advent, Ankunft des Herrn. Darum das Adventslied.

Noch mehr scheinbar Vergangenes wird in dieser Woche Gegenwart: die ganze Geschichte Gottes mit seinem erwählten Volk - wenn wir uns versammeln, um Gottes rettender Taten beim Auszug aus Ägypten zu gedenken, wenn wir das Mahl zusammen halten, in dem Jesus in Brot und Wein als unser Messias für uns da ist, wenn wir seinen Tod als unsere Befreiung von allen Todesmächten feiern, wenn wir staunend vor der Nachricht stehen: "Der Herr ist auferstanden!" Jesus - der Herr. Das ist seine Woche.

Wer aber ist der Mann, der da in der Lesung aus dem Alten Testament gesprochen hat? Wie gehört der in diese Woche? "Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden." Ein Gläubiger also ist es, der da redet; einer, der auch hört: "Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören." Er ist ein Prediger, der gehorsam sein will, auf Gott hören will und seinem Wort nicht ausweichen will. Dabei bleiben ihm harte Auseinandersetzungen nicht erspart. Wer hören will, muß fühlen. Der alte Spruch trifft auf diesen Mann zu, den wir suchen. Er stellt sich den Verfolgungen: Ich habe "mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein". Härte? Das klingt nach der Philosophie fernöstlicher Kampfsportarten, als hätten wir es hier mit einer Art von Karatekämpfer zu tun: stark werden durch Abhärtung, siegen durch Leidensfähigkeit, Einstecken-können statt austeilen. In welche Welt führt uns da bloß unser Predigttext? In die Welt der Berliner Schule? Spricht da ein Berliner Lehrer? Einer von den Gesuchten, nervenstark und hart im Nehmen?

Wir bleiben natürlich in der Welt der Bibel. Jener unbekannte Mann, den wir suchen, vertraut auf Gott: "Aber Gott der Herr hilft mir." Aber, obwohl das schon nach Bibel klingt: Seine Worte klingen gar nicht fromm, sondern trotzig. Er provoziert: "Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!" Wer kann denn da so viel einstecken, wer ist so hart im Nehmen - und will dann noch austeilen?

Ich denke da an einen Berliner Kampfsportler - großes Holzkreuz am Hals - der einmal dem Tagesspiegel ein Interview gab: Der Kampfsport, sagte er, sei nur ein Mittel, seinen Körper in ein Schwert zu verwandeln. "Ein Schwert, das für das Gute schneidet", ein Schwert, das vor allem die eigene Schwäche ausmerzen will. Denn die sei der größte Feind ... weil für Gott alles Schlechte verloren hat, egal wie klein es ist." Gott und Gewalt - geht das etwa so zusammen? Von der Abhärtung gegen Gewalt zur Gegengewalt? Kämpfen fürs Gute? Der Kampfsportler berief sich auf David gegen Goliath. Wie aber sieht das der Prophet Jesaja?

Manche sagen, der sei hier ja selbst gemeint. Mitten im babylonischen Exil fordert er sein Volk auf, das Land zu verlassen, auszuziehen - wie damals aus Ägypten. Seine Zuversicht ist: Gott wird sein Volk wiederum führen und es nicht im Stich lassen, ihm den Weg in die Heimat bereiten. Für die herrschenden Babylonier ist das natürlich Hochverrat. Da predigt einer der unterworfenen Israeliten Aufruhr, und das mitten in ihrem eigenen Land. Aber auch das Volk Israel ist dem Propheten alles andere als dankbar, sondern frustriert und fragt sich und Jesaja: Wo bleibt denn die Befreiung? Besser, wir bleiben hier im Land der Babylonier und nähren uns redlich. Von allen Seiten also schlägt Jesaja Feindschaft entgegen - von den Babyloniern und von seinen Landsleuten. Ihm droht Gewalt. Ihm widerfährt Gewalt. In dieser Situation beweist Jesaja Härte, leistet er so etwas wie passiven Widerstand, vor allem mental, also im Kopf - und erlebt damit schon eine Wende vor der Wende. Bevor die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft Wirklichkeit wird, weiß Jesaja sich schon frei, frei von der Fessel einer falschen Überzeugung. Denn: Es ist nicht wahr, daß sein Leiden ein Zeichen seiner Gottverlassenheit ist, wie man sich das bisher so dachte. Darum akzeptiert er die Verfolgung.

Sein Ja zum Leiden gilt aber nicht dem Leiden selbst, sondern Gottes Willen - denn der kann seinem Willen auch durch das Leiden hindurch Bahn brechen. Leiden kann also gar nicht als Argument gegen Gott herhalten - ein befreiender Gedanke. Und Jesaja, der Verfolgte - er ist in Wahrheit ein leidender Gerechter, ein Gottesknecht. Das ist die eigentliche Wende, eine Wende schon vor der Wende der späteren Befreiung des Volkes! - Die hat Jesaja wohl gar nicht mehr erlebt. Das Bild vom Gottesknecht aber lebte weiter im Glauben Israels, in seinen Hoffnungen - bis hin zur Hoffnung auf den Messias.

Ein leidender Gerechter, ein Gottesknecht - war nicht auch Jesus ein solcher? Paßt das Bild, das wir bei Jesaja finden, nicht auch auf ihn? Dessen provozierende Härte zeigt er nicht - aber der Verfolgung standgehalten hat auch er, ist nicht geflohen.

Und nach Ostern und mit der Erfahrung der Auferstehung weiß dann die Schar der Jünger, daß Gott an Jesus wahrgemacht hat, was der leidende Gerechte, der Gottesknecht, der Prophet Jesaja erhoffte: "Siehe, Gott der Herr hilft mir." Im Licht von Ostern fangen die Jünger an, das Leben Jesu zu verstehen. Jetzt geht ihnen auf, was vorher unverständlich war; jetzt erst bekommen bestimmte Ereignisse Sinn. Da wird hinter der Ohnmacht Jesu am Kreuz Gottes Macht sichtbar. Und die Jünger fragen sich: Wer ist da in Jerusalem eingezogen? Antwort: Das war nicht der Aufrührer, der Tempelkritiker, der als Rebell und wegen Gotteslästerung Hingerichtete - es war der König von Israel, der in seine Stadt Einzug hielt. Sie suchen nach Worten dafür. Und sie finden sie in der Schrift, in den Psalmen, bei den Propheten. Da lesen sie:
"Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." (Sach 9,9)
"Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn." (Ps 118, 26a)

Mit diesen Worten gestalten sie die Berichte vom Einzug Jesu in Jerusalem: Der da mit Palmzweigen wie ein siegreicher Herrscher begrüßt wird, ist der Friedenskönig, dessen Reittier nicht das Schlachtroß ist, sondern der Esel, demütig und bescheiden.
'Hosianna', 'hilf doch' ruft man ihm zu - wie dem messianischen König, dessen Einzug in Jerusalem durch das Goldene Tor man erwartete. Der Ohnmächtige hat die Macht.

Das wird dann immer wieder Gegenwart in der Feier des Gottesdienstes. Die christliche Gemeinde begrüßt den in ihrer Mitte Einzug haltenden Herrscher mit den bekannten Worten: - Sanctus: Kantor stimmt an, Gde singt weiter -
Heute haben wir ihn mit den traditionellen 'Winkelementen' von damals, mit Palmzweigen in den Händen in unserer Mitte begrüßt. Die katholischen Mitchristen kennen damit verbunden am heutigen Sonntag sogar den Brauch einer feierlichen Prozession: Ein Student aus Südamerika hat mir einmal erzählt, daß die bei ihm zu Hause an einem Palmengarten vorbeiführte. Jedes Jahr bediente sich die Menge dieser Palmen, riß die Zweige ab und verwendete sie in südländischer Begeisterung für die Prozession - obwohl sich der Besitzer des Gartens jedesmal beschwerte. (Zum Glück wachsen Palmwedel rasch nach... Aber auch die Prozession kam jedes Jahr wieder...)

Die kirchliche Liturgie dieses Tages kennt seit dem Mittelalter auch eine große Einzugsfeier: Das Kreuz, das Evangelienbuch, Brot und Wein für die Abendmahlsfeier wurden als Zeichen für Jesus Christus in einer Prozession mitgeführt - oder einfach eine Christusfigur auf einem hölzernen Esel, dem 'Palmesel'. Und 'Palmesel' wurde auch der genannt, der am Palmsonntag als letzter aufstand, als letzter in die Kirche kam - oder auch als letzter hinausging... Das war heute....?

Aber spotten wir nicht. Wir spotten ja alle jeder Beschreibung. Wieso? Der Messias kommt auf einem Esel. Die christliche Tradition hat darin ganz seriös ein Zeichen für die selbstgewählte Niedrigkeit des Messias Jesus, des Christus Jesus gesehen. Die Welt aber hat dafür nur Spott und Hohn übrig - schon seit alters: So einer soll der Messias sein? Der als messianischer König in die Stadt einreitet und wie der letzte Verbrecher am Kreuz krepiert? Spottet der nicht jeder Beschreibung? Und die, die an ihn glauben, auch?

Einer der ältesten archäologischen Hinweise auf die Existenz von Christen in der Stadt Rom ist das bekannte Spottkreuz vom Palatin. Es ist eine in Stein geritzte Karikatur. Sie zeigt einen Sklaven oder Schüler und einen Gekreuzigten mit Eselskopf. Die Unterschrift: "Alexamenos betet seinen Gott an." Ein Narr also, der sich ans Kreuz schlagen läßt; ein Esel, der sein Leben hingibt für andere. Und auch, wer an Christus glaubt, ein Esel. Der Christ - ein Eselsanbeter. Wir alle sind Esel - ich auch. Ich bin ein Esel: i- a.

Den Spott darüber können wir aber einstecken - wie Jesus selbst, wie schon der Prophet Jesaja in Verfolgung. Wir verstehen ja die große Ablehnung: Ein solcher Messias kommt schließlich unerwartet und paßt nicht ins vorhandene Bild. Er sprengt jeden Rahmen - auch den Rahmen, den Jesaja bereitstellt, das Bild vom leidenden Gottesknecht mit seinen harten Zügen. An etwas Höheres glaubt ja fast jeder - aber an einen Gott in Niedrigkeit, leidend wie einer (nein, wie viele, wie allzu viele) von uns, ein Gott, der dennoch mit den Insignien des Siegers ausgestattet ist? Gottes Macht hinter der Ohnmacht Jesu zu erkennen, ist den Christen vorbehalten. Und das feiern wir in dieser Woche - wie jeden Sonntag.

Und den Spott, wer solches glaube, sei ein Esel, können wir uns auch deshalb ruhig gefallenlassen, weil wir ja auch wirklich wie die Esel sind, nämlich eine ganz besondere Last tragen: Wie der Esel einst Jesus den Messias in die Stadt Jerusalem trug, so tragen wir seine Botschaft zu den Menschen, besonders in dieser Woche, der 'heiligen Woche': i - a. Das sagte man denn auch im Mittelalter am Palmsonntag durchgängig statt des Wortes:
Amen. I - A.
 
 


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