Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis über Jes 43, 1-7

Liebe Gemeinde!
—Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir den  ... her.ž Das beliebte Kinderspiel zeigt, wie wichtig uns unser Name ist. Ein paar Mal in einer unbekannten Runde gespielt - und wir haben die Namen der anderen drauf. Und das muß auch so sein; denn jemanden ohne seinen Namen anzureden, das galt und gilt als unhöflich. Bei Verballhornungen unseres Namens reagieren wir unfreundlich. Was machen also zwei Engländer, die sich auf einer einsamen Insel begegnen? - Sie schweigen, weil kein Dritter da ist, der sie einander vorstellen kann. Das ist natürlich ein Witz. In Wirklichkeit hieß der berühmte Satz, mit dem der Journalist Stanley den in Afrika verschollen geglaubten Forscher begrüßte: —Mr. Livingstone, I suppose?ž Eine Anrede mit Namen. - Die Kraft des Namens, die Ehre, einen großen Namen zu tragen, sie mag gegenüber früher abgenommen haben, als sich die preußischen Reserveoffiziere mit den Namen der Regimenter vorstellten, bei denen sie gedient hatten - aber es gibt sie noch. Manche Produkte verkaufen sich vor allem über den Namen. Und ohne den großen Namen meines Professors hätte ich als Student nie ein Stipendium bekommen. Von der Magie des Namens handelt auch unser heutiger Predigttext:

1 So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! 2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. 3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, 4 weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben. 5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, 6 ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, 7 alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

Das, liebe Gemeinde, sind Worte des Propheten Jesaja, eine gute Nachricht, ursprünglich gerichtet an die im babylonischen Exil vereinzelten und verzweifelten Juden, die Nachricht von der Wende. Gott hat sie erneut als sein Volk erwählt: "So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir." Und er zählt den großen Aufwand auf, den Gott hat, um sie wieder heimzuführen.

Diese gute Nachricht an Israel haben schon die ersten Christen sich sagen lassen - auch die, die nicht zum Volk der Juden gehörten - denn sie wußten: Derselbe Gott, der Abraham so angesprochen hat, der Joseph in Ägypten die Zusage machte: "Ich bin mit dir!", der Israel unter der Führung des Mose durchs Wasser hindurch errettete, der seine Glaubenszeugen bei Verfolgung durch Feuer bewahrte, der hat in Jesus Christus auch zu ihnen gesprochen: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!" Gehört hatten sie diese Worte bei ihrer Taufe. So verstanden sie die Taufe mit Wasser als äußeres Zeichen der sicheren und unabänderlichen Zuwendung Gottes zu ihnen: zu jedem Einzelnen, zu jedem Menschen, der das an sich gesehehen ließ. Die Taufe - das war die gute Nachricht, das Evangelium konkret.

Wie gehen wir heute mit dieser guten Nachricht um? Häufig habe ich den Eindruck, daß wir sie schlechtmachen. Statt Gottes in der Taufe angebotene Hand geehrt anzunehmen und dankbar uns von ihr ergreifen zu lassen, schlagen wir sie aus. Wir gehen mit Gott ins Gericht: —Gott, wie kannst du das Leid der Welt, das Leiden Unschuldiger, das Leiden Schwacher und Armer, das Leiden der Frauen und Kinder in aller Welt bloß zulassen? Was haben wir überhaupt von dir?ž Aus der Frage wird rasch das Urteil über diesen Gott: Es gibt ihn nicht, ich will ihn nicht, ich strafe ihn mit Mißachtung. Machen wir uns lieber selbst einen Reim aufs Leben. Am Ende habe ich meinen eigenen Glauben - ohne Gott! Die Gute Nachricht erscheint wie verbraucht, auch in der Kirche.

Dabei ist das Wort des Propheten doch ein provozierender Besitzanspruch - wie in dem (Werbe-) Spruch: —Mein Haus, mein Auto, mein Pferd...  - mein Volk!ž Gottes Ruf ist nicht nur das freundliche —Mein rechter, rechter Platz ist leer....ž, sondern klingt auch nach: —Rex, komm her!ž So ruft ein Herr seinen Hund.

Ich - ein Hund? Gott - mein Herr? Ja, wie kommt der denn bloß dazu, Ansprüche auf mein Leben anzumelden? Wer hat das Recht, solche Besitzansprüche auf mich zu äußern? Ich will frei sein.

Wer allerdings die Autorität Gottes abschüttelt, der droht verlorenzugehen - wie gestern die ausgesetzten Kaninchen bei uns im Gemeindegarten, die sich einfach nicht einfangen lassen wollten, obwohl die Katzen sie schon jagten. Da half kein Zureden. Eines mußte ich schon begraben. Andere haben die Kinder der Siedlung eingefangen - kannten sie den Namen der Tiere? Jedenfalls wußten sie besser mit ihnen umzugehen. Der «tierischeŽ Vergleich hinkt; denn wir gehen ja nicht verloren - weil Gott so viel mehr Aufwand treibt, um uns zurückzuholen, mehr als ich bei meiner vergeblichen Hasenjagd. Und das gibt ihm alles Recht der Welt, seine Besitzansprüche auf uns, sein Volk anzumelden.

Aus jüdischer Sicht zeigt der Protest gegen den besitzergreifenden Gott, wie sehr Menschen anderen Göttern gehorsam sind - und sei es insgeheim. Das Prophetenwort stellt dagegen auch uns wieder vor das 1. Gebot: —Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Göttern haben neben mir.ž Rabbi Akiba sagte: —Israel soll nicht sein wie die Heiden, die ihren Göttern danken, wenn Gutes geschieht, und ihnen fluchen, wenn das Böse kommt. Wenn Gutes kommt, danken die Juden dem Allmächtigen, und wenn Böses kommt, danken sie ihm auch.ž Das ist was anderes als unsere pseudochristliche Kuscheltheologie vom «lieben GottŽ.

Der «liebe GottŽ ist ja nur ein Wunschbild, ein Zerrbild. Den gibt's nicht wirklich. Gott ist der Herr, der seine Hand auf uns legt. Und die Beter der Psalmen wissen: —Deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir...,ž während wir Gott noch vorwerfen: —Du bist nicht lieb.ž (Aber sind wir es denn selber?) Das biblische Gottesbild ist nicht das des «lieben GottesŽ, sondern das des liebenden Gottes, des Gottes, der am Handeln der Menschen leidet, besonders an ihrem Zuwiderhandeln, der sich immer wieder in Erinnerung ruft, der um Gehör bittet, ja sein Herrsein einfordert: —Ich bin der Herr, dein Gott.ž Dieser Gott erspart uns nicht das Leiden, aber er ist im Leiden bei uns. Er schützt nicht durch Verschwindenlassen des Bösen wie ein Zauberer, er schützt inmitten des Bösen. Dazu hat er uns nicht nur bei unserem Namen gerufen. Er hat sich selbst in Jesus Christus das Leiden nicht erspart. So hat er seine Sympathie zu uns gelebt. Das hat er für uns investiert. Dieser Gott ist der Vater Jesu und unser Vater. Das ist die gute Nachricht des heutigen Tages.

Und solch gute Nachrichten können auch schon inmitten großer Not wohltuend wirksam sein, wirklich befreiend wirken: Freispruch! Du bist nicht allein! Ich liebe dich! Oder einfach: Hitzefrei! Von solcher Art ist auch die Nachricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Und warum hat Gott nun ausgerechnet Israel und uns erwählt? Ich weiß es nicht, ich weiß nur: Lassen wir uns diese Erwählung doch einfach gefallen! Das gereicht uns zur Ehre. Geschöpfe, Menschen, Kinder Gottes, Christinnen und Christen - das sind unsere Namen, Ehrentitel. Und Ehre, wem Ehre gebührt! Darum laßt uns singen, Gott zu ehren, der uns nicht allein bei unserem Namen gerufen hat, sondern auch die Ehre erwiesen hat, uns seinen Namen zu nennen und uns nach seinem Namen zu nennen:

gott deinen namen will ich singen
dir entspringt mein leben
aus deiner schöpfung schöpfe ich
schöpfe meine kraft
in deiner sonne blühe ich
in deinem boden wurzle ich
aus dir ziehn meine sinne saft
deine farben färben mich
deine schatten schlagen mich
dein langer atem schafft mir luft
in deine nacht verkriech ich mich
ruhe aus und träume
dein morgen weckt mich auf
spannt meinen willen an
dein wille setzt voraus
ich setze nach
und tue
was ich kann
dein abendrot führt mich in weiten
ich ahne meine zeit
die dunkelheit führt mir beizeiten
dein amen vor
die unbekannte ewigkeit
gott deinen namen will ich singen
und dann zu guter letzt
versteck den meinen
in deinem großen weiten kleid.
Amen.
 
 


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