Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias über Jes 42, 1-4

Liebe Gemeinde!
Bundespolitisches Hauptthema der vergangenen Woche war die K-Frage, die Frage nach dem Kanzlerkandidaten der CDU/CSU. Kaum daß die beantwortet ist, stehen wir heute morgen vor einer zweiten K-Frage. Die schlägt ein biblisches Hauptthema an: Wer repräsentiert auf Erden Gottes Willen? In der Sprache der Bibel: Wer ist sein erwählter Knecht?

Knecht ist für die meisten von uns ein altmodisches Wort. Der Titel —Knechtž mag zwar in der Grünen Woche wieder aktuelle Bezüge haben - Bauern suchen ja wieder händeringend Knechte und Mägde - erinnert in der Bibel jedoch weniger an —Borstenvieh und Schweinespeckž, sondern an keinen geringeren als an Mose, den großen Führer Israels, der das Volk im Auftrag Gottes aus ägyptischer Sklaverei in die Freiheit führte. Der war der Knecht Gottes schlechthin - und einer wie er, der wird gesucht. Wer ist Gottes Werkzeug? Das ist unsere K-Frage.

Und nun: Offensichtlich hat Gott sich schon einen ausgesucht. —Siehe, das ist mein Knechtž, heißt es beim Propheten Jesaja. Ganz offensichtlich wird bei diesen Worten auf jemanden gezeigt, wird jemand bezeichnet: Der da ist es. Bloß: Auf wen wird da gezeigt? Wer ist dieser Knecht? Wir wissen es nicht, wir erfahren es nicht. Wir hören die Worte, sozusagen den Ton, bekommen aber kein Bild mitgeliefert. Es ist, als wäre unser Empfang gestört: kein Bild, nur Ton. Wer wird hier zum Kandidaten gekürt? Mal sehen, was wir mit Hilfe der bloßen Worte herausfinden können.

Wie bei der politischen K-Frage handelt es sich um einen öffentlichen Vorgang: —Seht!ž Da müssen also Leute sein, die das ganze mitkriegen, vor deren Augen sich diese Kandidatenkür abspielt. Schon das ist etwas besonderes. Wenn Gott in der Bibel - sagen wir - einen Propheten erwählt, dann geschieht das nämlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Öffentlich ernannt, designiert wird hingegen der König. - Ernennt Gott hier also einen König, einen König von Gottes Gnaden, wie man früher sagte - einen König als seinen irdischen Stellvertreter, seinen Knecht? Hören wir weiter zu: Dreimal erfahren wir etwas über die Aufgabe dieses sogenannten Knechtes: Er soll Gottes —Recht unter die Heiden bringenž, —in Treue trägt er das Recht hinausž, wird —auf Erden das Recht aufrichtežn. Das hebräische Wort für Recht bedeutet: Rechtsentscheid, Rechtsurteil. Der Knecht richtet also Gottes Urteil über die Völker aus. Es lautet: Eure Götter sind abgesetzt. Der Knecht verkündet das und setzt es damit in Kraft. Den Völkern wird mit diesem Rechtsentscheid verkündet, wer nun ihr Gott ist. Es ist der Gott des Volkes Israel. Jahwe ist auch ihr Gott.

Liebe Gemeinde, diese Botschaft geht als Gottes Urteil hinaus in die Welt: Der Gott Israels ist euer aller Gott - ein Satz wie ein Keulenschlag. Bisher konnte jedes Volk glauben, es habe seinen Gott, seinen ganz privaten. Das geht nun nicht mehr. In Ägypten hatte zwar schon der Pharao Echnaton geherrscht, der überzeugt war, er sei der Knecht des einen Gottes aller Menschen. Aber den hatte man ganz schnell wieder verdrängt. Heutzutage sagen viele, selbst Atheisten, etwas, was nur scheinbar ähnlich klingt: Wenn es Gott gibt, dann natürlich nur einen, so daß letztlich alle dasselbe glauben. Aber hier in der Bibel, liebe Gemeinde, erklingt eine völlig andere Botschaft, hier heißt es weder wie ganz früher oder post-modern —Jeder hat eben seinen Gottž noch allgemein religiös —Es kann nur einen geben...ž, hier wird der Gott Israels zum Gott aller Völker ausgerufen. Das ist ein Schlag gegen die übrige Götterwelt.

Und der geschieht durch seinen Knecht, seinen Auserwählten, den er hält, dem er seine Kraft verleiht: —Ich habe ihm meinen Geist gegebenž. —Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen.ž Ein starker Typ muß das also sein, dieser Knecht des Gottes Israels, ein Sieger-Typ - alles, bloß kein Looser. Also einer wie Mose oder ein König wie einst David und Salomo?

Jedenfalls soll dieser Knecht den Gott eines kleinen Volkes am Rande der großen Weltereignisse zum Gott der Heiden, zum Gott aller Menschen ausrufen: —Eure Götter sind nichtig. Alles was euch heilig ist, soll vor Jahwes Heiligkeit verblassen. Ihr selbst sollt euch als seine Geschöpfe und Diener verstehen.ž

Liebe Gemeinde, solche Sätze wirken auch heute noch wie Keulenschläge. Dieser eine Gott für alle? Ist das nicht intolerant und undemokratisch - und kärglich angesichts des breiten Angebotes von Weltanschauungen? Kein Wunder, daß von den neuen Berliner Senatorinnen und Senatoren sich kaum noch jemand zu diesem Gott bekennen will - oder höchstens ganz privat. Wie könnte man mit einem solchen Gott weltlich regieren - in einem Land, dessen Bewöhner alles Mögliche verehren: Gott und Geld, Mensch und Macht, Tier und Teufel? Da will einer beanspruchen, Gott aller zu sein? Eröffnet Israels Gott hier, mit der Proklamation seines Knechtes und seinem Urteil über die Götter der Völker, nicht schon den vielbeschworenen Kampf der Kulturen, Gott gegen Allah? Wie befremdlich!

In Wahrheit ist das biblische Zeugnis sogar noch viel befremdlicher: Hier ist der Kampf ja schon beendet - hier wird bereits der Sieg von Israels Gott verkündet. Der Knecht Gottes ist ein Machthaber, von Gottes Geist erfaßt - aber kein Kämpfer, kein Gotteskrieger. Warum sollte er auch noch kämpfen? Gott hat ja schon gewonnen. Seine Herrschaft ist universal, umfaßt die ganze Welt.

Wie Gottes Knecht seine Aufgabe nun im Einzelnen ausführen wird, erfahren wir nicht - aber wir erfahren, wie er es nicht machen wird: —Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht nicht auslöschen.ž Wenn der Knecht Gottes Recht verkündet, braucht er nichts zu zerschmettern, sondern kann aufrichten. Sanft tritt dieser Knecht auf, fast zärtlich: kein Schreihals, keine Gassenhauer, kein Terminator. Sein Recht wird in keinem Amtsblatt veröffentlicht, auch in keinem kirchlichen. Das alles hat er nicht nötig. Wer ist bloß dieser Knecht?

Einen befremdlichen Hinweis gibt es noch, weiter hinten im Buch des Propheten Jesaja, im 53. Kapitel: Der Knecht Gottes ist einer, der an und mit seiner Botschaft vom einen Herrn Jahwe leiden, vielleicht sogar sterben wird. Jesaja lieferte uns auch dort kein Bild von ihm, lediglich eine Beschreibung seines Wirkens - und auch die bewußt verhüllt.

Die Juden zu seiner Zeit konnten an einen charismatischen Führer denken - wie Mose, wie die sogenannten Richter in Israels Frühzeit. Sein Wirken gilt aber nicht Israel, sondern den Heiden, den Völkern der Welt. —Ihr Völker der Welt, schaut auf diesen Knecht Gottes!ž Auf geheimnisvoll-verhüllende Weise beantwortete der Prophet Jesaja also die K-Frage, die Frage nach dem Knecht Gottes, er beantwortete sie so, daß sie eigentlich offen blieb.

Die ersten Christen haben sich die K-Frage wieder gestellt und ihre Erfahrungen mit Jesus bedacht. Beim Evangelisten Matthäus klingt das so: Als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah  den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine  Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn,  an dem ich Wohlgefallen habe. Wenig später heißt es: Eine große Menge folgte Jesus, und er heilte sie alle und gebot ihnen, daß sie ihn nicht offenbar machten, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 42,1-4): »Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, und mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat; ich will meinen Geist auf ihn legen, und er soll den Heiden das Recht verkündigen. Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen; das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht hinausführt zum Sieg; und die Heiden werden auf seinen Namen hoffen.«

Matthäus und die anderen Evangelisten sind sich also sicher: Jesus ist der Knecht Gottes. Darum erzählen sie von seiner Taufe wie von der Proklamation des Knechtes, die der Prophet Jesaja vor Augen hatte. Für gläubige Augen wird hier sichtbar, wer Jesus in Wirklichkeit ist: Gottes lieber Sohn.

Die meisten Juden aber widersprachen ihnen - und tun das bis heute. Auch die Muslime widersprechen: —Gottes Recht unter den Völkern zu verbreiten, heißt, den Koran anzunehmen. So und nicht anders!ž
Die Christen aber haben erkannt, daß Jesus mit seinem Leben und Sterben Gottes Rechtsentscheid über die Völker öffentlich gemacht hat: Eure Götter sind nichts, allein Jahwe, mein Vater und euer Vater, ist Gott. Warum können wir Christen das so zu sagen wagen?

Gott hat Jesus seinen Geist gegeben, ihn gehalten. Er ist nicht verloschen und nicht zerbrochen. Insoweit passen die Worte des Propheten auf ihn. Mit den Worten des Glaubensbekenntnisses gesprochen: Jesus ist —auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vatersž.
Christlich gesehen ist die K-Frage, die Frage nach dem Knecht Gottes, von Gott her eindeutig beantwortet.

Die Folge: An Jesus führt kein Weg zu Gott mehr vorbei. Wir können nun nicht mehr alle Gottesvorstellungen in einen Topf werfen und sagen: Ach, eigentlich glauben doch alle dasselbe. Aber wir sind auch nicht mehr hilflos angesichts der Theologie von Terroristen und Gotteskriegern, die auf Kampf für Gott setzen. Denn wir können seinen Sieg verkünden: Christus - den Sieger.

Mochten die Worte des Propheten Jesaja das Bild des Knechtes Gottes noch offen lassen: In Jesus Christus hat Gott unsere Empfangsstörung behoben, hat er uns das fehlende Bild geliefert. Unsere Suche nach dem geheimnisvollen Knecht Gottes ist beendet.
Amen.
 
 


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