Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Quasimodogeniti über Jes 40, 26-31

Liebe Gemeinde!
—Nomaden der Lüfte - das Geheimnis der Zugvögelž ist ein aktueller Film, der bisher nie gesehene Bilder vom Flug der Vögel zeigt. Seine Stars sind fünfzig Vogelarten bei ihrem jahreszeitlichen Flug über Berge, Meere und Städte. Die Ausschnitte in den Nachrichtensendungen sind überwältigend. Faszination des Fliegens pur. Faszination Schöpfung.

Schon die Nomaden der Wüste im Alten Israel haben sich vom Flug der Vögel begeistern lassen. Adlersflügel - Sinnbild von Kraft. Ihre modernen Nachfolger legen sich mit der Kamera auf die Lauer, an vielen Orten der Welt, besonders an den Hauptflugrouten über dem Roten Meer und dem Sinai. Dort postieren sie ihr Foto- und Videogerät in den alten Bunkern aus dem Sechs-Tage-Krieg. (Wer weiß, wie lange noch, wann bis diese Bunker im nächsten Nahostkrieg wieder militärischen Zwecken dienen werden?) Wunderschön ist dort des Nachts der Blick auf die Sterne: —Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen.ž Lob des Schöpfers.

Von der Schöpfung zum Schöpfer, vom Geschöpf auf den Schöpfer zu schließen - das ist ein uralter menschlicher Gedankengang. —Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, daß ihm auch nicht eines fehlet...ž Fürsorge des Schöpfers.

Der Philosoph Kant hat uns zwar belehrt, daß wir mit diesem Gedankengang die Grenzen unseres Wissens überschreiten - aber wen kümmertŽs? —Von nischt kommt nischtž, wissen die Berliner und kommen damit diesen alten Gedanken so nahe wie jeder andere, der beim Anblick der Sterne ausruft wie einst der Dichter Schiller: —Über diesem Himmel muß ein gütger Vater wohnen....!ž

Und selbst der kritische Philosoph Kant höchstpersönlich setzte Gott einfach voraus - wenn schon nicht als erkennbaren Schöpfer der Sterne, dann doch als notwendig anzunehmenden Geber aller himmlischen und irdischen Ordnung und pries —den gestirnten Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns.ž

Naturgefühle dieser Art sind gut für Sonntagsreden und Sonntagsredner. Hat uns dann aber der Alltag wieder, ist es nicht nur vorbei mit den erhebenden Gefühlen, sondern auch mit dem Gedanken an einen Schöpfer. Die Wissenschaft kommt heutzutage - angeblich - ohne Gott aus. Jedenfalls sagen das die Leute. Schon der Hausmeister meiner alten Schule machte kein Hehl aus seinem Wissen: —Die Wissenschaft weiß, daß es keinen Gott gibt. Alles ist Naturž, verkündete er uns.

Die Natur wird dann aber gelegentlich mit sehr menschlichen, ja fast göttlichen Zügen ausgestattet: Sie hat alles geschaffen. Da gibt es Redensarten wie: —Mutter Natur wird schon wissen, was für uns gut ist...ž Oder: —Die Natur braucht den Menschen nicht, aber der Mensch die Natur.ž Die Natur wird damit zur Person gemacht, personifiziert - was nach Kant eigentlich auch ein Ding der Unmöglichkeit ist. (Ich denke mir manchmal: Eigentlich wäre es besser, die Wissenschaft käme wirklich konsequent ohne Gott aus - statt Gott derart unter dem Gewand der Natur zu verstecken.)

Der Bibel hingegen ist Gott als Schöpfer der Welt und des Menschen, der Gestirne und der Vögel selbstverständlich. Aber sie argumentiert nicht mit uns, sie kann die Zweifler vom Schlage Kants, moderne Wissenschaftler und alte Hausmeister nicht überzeugen. Müssen wir deshalb wählen, wählen zwischen dem biblischen und dem modernen Weltbild - wie viele Menschen glauben, besonders die, die eine vermeintlich moderne Erziehung genossen haben?

Ich meine nein, denn wirklich modern und auf der Höhe der Zeit - oder wie man heute sagt: post-modern - sind erst die Menschen, die in verschiedenen Hinsichten denken können. Die verschiedenen Weltbilder schließen einander nämlich nicht aus.

Biblisch von Gott dem Schöpfer zu sprechen oder naturwissenschaftlich vom Urknall und vom sich beständig schneller vergrößernden Weltall oder vom großen Einen, das die Vielfalt des Beobachteten erst als Vielfalt bestimmen läßt (dazu bedarf es ja eines Maßstabes, der alles zusammenhält) - das alles sind Aspekte des großen Geheimnisses, das sich der Mensch selbst ist.

Und einer dieser Aspekte, dieser Hinsichten antwortet auf die Frage: —Woher kommt unsere Kraft?ž mit: —Sie kommt von Gott.ž Bei Jesaja heißt es: —Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.ž (Übrigens ein beliebter Spruch zur Konfirmation.) Gott gibt Kraft, sagt der Prophet - gegen alle Gottverlassenheit.

Da haben wir sie wieder, die von den Menschen seit alters bewunderten Adlerflügel, stark und ausdauernd. Jung und alt stimmen ja im Wunsch nach adlergleicher Kraft überein: —Ich wünschen Ihnen viel Kraft.ž —Sie brauchen jetzt viel Kraft.ž - Bloß: Woher nehmen und nicht stehlen? Woher kommt mir Kraft?

Ohne die Komponente Religion muß es bei der Frage, beim bloßen Wunsch danach bleiben. Als die Menschen beschlossen hatten, modern zu sein, blieben sie mit ihren Wünschen allein - oder mußten sie selbst erfüllen. Mit dieser Einstellung haben sie zwar viel geleistet, diese Einstellung hat aber auch viel Kraft gekostet. Jetzt sitzen wir allein da, kraftlos - aber mit einem Bündel an Problemen, alten und neuen: mit alten Problemen wie Hunger, Krankheit, Tod und neuen wie Umweltzerstörung, Verlust gemeinsamer Überzeugungen und einer verbindlicher Moral.

Sich alleingelassen fühlend schreien die Völker wieder nach Gott und Religion, wie verlassene Kinder nach ihren Eltern. Das ist weltweit ein Merkmal der letzten Jahre, der Post-Moderne. (Nur die Deutschen bleiben lieber in der Einsamkeit der Moderne.) Wo ist Gott? Die wöchentliche Kolumne im Tagesspiegel wird zur persönlichen Frage nach dem, was mir Kraft gibt, Kraft zum Leben.

Gott ist für die Suchenden die Kraftquelle, eine, die von außen kommt, die das geschlossene System aufsprengt und wirklich etwas Neues einführt in den Lauf der Welt. Das machte ja schon den Glauben des Alten Israel aus: —Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen?ž (Der heutige Staat Israel hingegen setzt auf die eigene Kraft - und wie sehr müssen Palästinenser und Israelis unter diesem scheinbar modernen Konzept leiden.) Das Konzept Jesajas ist anders. In Not und Verfolgung appelliert er an Gott als alleinige Kraftquelle, nein, er appelliert nicht: Er weiß - nur dort ist die Kraft.

Über die Kraft Gottes haben Juden und Christen in ihrer Geschichte viel nachgedacht. Wird sie eigentlich ganz unsere, so daß wir damit machen können, was wir wollen (bildlich gesagt: einmal volltanken, und wir bestimmen wieder den Kurs) - oder ist die Kraft Gottes in uns nur tätig (bildlich gesagt: nach Art einer Gasleitung,  kein Öltank)? Ist Kraft am Ende nicht nur ein Name für Gott selbst, so daß eigentlich er selbst in uns wirksam ist, so daß, was wir unsere Kraft nennen, in Wahrheit die seine ist? - Biblisch ist das kaum zu entscheiden, philosophisch ringen die verschiedenen Ideen miteinander - und persönlich?

Vielleicht kommen wir der Wahrheit am nächsten, wenn wir auch hier lernen, in Hinsichten und Aspekten zu denken, so daß wir verbinden können, was in Wirklichkeit ja zusammengehört: Da ist der eine Schöpfer, der alles gemacht hat, Mensch und Natur, die Sterne, die Vögel - und auch die Produkte, die menschliche Produzenten haben: Lampen und Flugzeuge. Auch die hat letzten Endes also Er gemacht. Das Produkt läßt sich zwar von seinem Produzenten lösen - aber auch, wer nicht mehr den einen Schöpfer hinter den vielen Schöpfern erkennt, lebt von seinem Schaffen, benutzt sein Produkt. Made in Germany, made in Heaven - eine Sache der Hinsicht. Glauben aber heißt, den Produzenten zu loben, den Macher, die Kraftquelle - und dankbar die eigene Kraft als sein Geschenk zu bekennen.

Ob im Großen oder im Kleinen, ob es um die Enden der Erde geht oder um unser persönliches Schicksal: Gläubige preisen den Geber aller Gaben - unsere Kraftquelle: —Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.ž - G. —Amen.ž
 
 


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