Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag im Advent über Jes 40, 1-11

Liebe Gemeinde!
Liebe Adventsmenschen!
Es muß in den fünfziger Jahren gewesen sein, in der Amtszeit des legendären Bundesverkehrsministers Seebohm. Die Älteren erinnern sich: Der ließ keine Gelegenheit aus, neuerbaute Autobahnen höchstpersönlich zu eröffnen. Und immer wieder übertrug das Fernsehen Bilder vom berühmten Scherenschnitt durch das Band, mit dem die neue Straße symbolisch noch abgesperrt war. Einmal ist ihm besonders feierlich zumute, und er läßt sich hinreißen: "Ich eröffne das neue Teilstück der Bundesautobahn Köln - Bonn ... im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." - Die Umstehenden sagen erst einmal automatisch "Amen"- schließlich ist man ja in Köln - sind dann aber doch etwas irritiert. Der Kölner Kardinal Frings - ja, damals waren selbst Kardinäle bei so was dabei - sagt schließlich trocken: "Herr Minister, das lassen sie besser meine Sache sein."

Diese Anekdote aus den Jahren des Wiederaufbaus ist nur ein Beispiel für ein großes Problem: Wie wende ich eigentlich biblische Texte an? Vor diesem Problem stehen wir auch an diesem Sonntag. Da ist in der Lesung aus dem Alten Testament tatsächlich vom Straßenbau die Rede, von einer breiten Straße in der Wüste, sie reicht von Babylon bis Israel. Und wirklich, heute gibt es dort Straßen, geradezu Autobahnen in der Wüste. Der Negev ist durchzogen von Straßen, auf denen man sich mit Tempo 100 auf Jerusalem zu bewegen kann. Und es gibt auch in Israel Menschen, die das als Erfüllung des biblischen Auftrags sehen: "Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden." Auch der künstliche See in der Wüste wird per Inschrift zur Erfüllung biblischer Verheißung deklariert.

Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich davon berührt, angenehm davon angetan, daß es auch heute noch Menschen gibt, die so eng mit der Bibel leben, daß sie einen Bezug sehen zwischen dem, was da geschrieben steht, und ihrem eigenen Tun. Mittlerweile bin ich meiner Sache nicht mehr so sicher. Warum? Nicht weil zügelloser Autobahnbau - ob in Deutschland oder in Israel - ökologisch bedenklich ist (das ist er auch, aber das ist ein anderes Thema), auch nicht, weil der Mensch hier selbst in die Hand nahm, was Gott vorbehalten sein könnte, also selbst dafür sorgte, daß die biblische Verheißung in Erfüllung ging (Gott kann auch durch unser Tun handeln) - sondern weil der Zweck dieser Wege nicht der biblische ist: Auf den realexistierenden Wüstenautobahnen rollten Panzer an die Grenzen, sie wurden gebaut als Aufmarschwege fürs Militär. Und auf den alten babylonischen Triumphstraßen aus biblischer Zeit marschierten vor Jahren Sadams Elitetruppen gegen Kuwait und die Kurden, marschieren heute die Truppen der US-amerikanischen "Koalition der Willigen". Wer diese Straßen für die Erfüllung göttlicher Verheißung ausgibt, liebe Gemeinde, der denkt gottlos. Aber wie dann wende ich biblische Texte wie diese auf uns heute an?

Um das beantworten, versuchen wir erst einmal herauszuhören, was die Worte des Propheten seinem Volk damals sagten: Für die nach Babylon deportierten Juden waren sie ein Aufruf zum zweiten Exodus. Einst befreite Gott sein Volk aus Ägypten, nun befreit er es aus der Unterdrückung durch Babylon. Hier wie dort geht es um ein geschichtliches Geschehen, hier wie dort steht am Ende eine Existenz als unabhängiger Staat. Nicht das Schicksal Einzelner ist hier Thema: Das Volk wird befreit. Bloß: Will es eigentlich befreit werden? Beim ersten Exodus sehnte es sich nach den sprichwörtlich gewordenen Fleischtöpfen Ägyptens zurück und zu Jesajas Zeiten - davon müssen wir ausgehen - hat Babylons Macht bei vielen Eindruck gemacht, so daß viele sich mit den Verhältnissen arrangiert haben. Babylons Religion ist potent. Seine Götter sind stark. Ihre Bilder werden in eindrucksvollen Prozessionen durch die Straßen getragen, selbst draußen vor den Toren der Stadt sind ihre Wege durch die Wüste zu bewundern: eben, wie von Götterhand gemacht. Diese Götterwege gibt es wirklich. Kann Jahwe, von dem es kein Bild geben darf, dagegen bestehen?

Gegen die Anschaulichkeit der Götter Babylons wird das Volk in die Wüste geschickt. Wie beim ersten Exodus geht an der Wüste kein Weg vorbei. Aber die Wüste lebt! Vor unseren Augen entsteht ein Bild aus Worten: Gott kommt mit seinem Volk durch die Wüste gezogen, er bringt es nach Jerusalem heim - wie ein Hirte seine Herde. Der Weg durch die Wüste ist sein Weg, sein Triumphzug. Alle Völker können sehen, wie Jahwe herrscht: Sie sehen keine Bilder durch die Gegend rollen, sondern ein Volk heimkehren. Gott kommt und bringt sein Volk mit sich. Der Prophet versteht die Heimkehr des Volkes als Advent oder Epiphanie: als Erscheinung Gottes. Und damit wird die alte Geschichte von den Straßen in der Wüste auch für uns interessant.

Denn noch ehe der Ruf zum Aufbruch "Ziehet aus!" erklingt, mit dem der Prophet seine Predigt abschließt, tritt eine erste Wirkung ein. Schon vor dem Betreten der Heimat, ja, schon vor dem Aufbruch aus Babylon ist Gottes Wort wirksamer Trost. Denn der Himmel wird wieder aktiv, er greift ein ins irdische Geschehen. Im himmlischen Hofstaat vorab erklingt die Aufforderung: "In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!" Von diesem Geschehen wird auch der Prophet überwältigt. Während bei den Menschen noch das Sich-Arrangieren mit den Verhältnissen oder das große Klagen darüber angesagt ist, hat Gott die Wende schon eingeleitet. Während sie sich noch genüßlich der Trauer hingeben, wird Freude über sie ausgerufen. Das, liebe Gemeinde, meint Advent. Das ist die Botschaft des Textes auch für uns heute, die Antwort auf die Frage, wie dieser Text 'anzuwenden' sei.

Während wir uns unserer Trostlosigkeit hingeben und klagen, während wir uns auf die Konkurrenz mit erfolgreicheren Weltanschauungen einlassen müssen, während wir Gott mit Nichtbeachtung bestrafen, wenn er seinen Willen nicht zu unseren Gunsten durchsetzt, während wir ihn noch fragen: Wie kannst du das alles zulassen, was in der Welt geschieht? - da hat er schon die Wende heraufgeführt und Erlösung über uns ausgerufen: Gott ist im Kommen.

Aber was bekommt man davon mit? Nichts Spektakuläres jedenfalls. Was die Welt damals beim zweiten Auszug, dem Auszug aus babylonischer Gefangenschaft sehen konnte, war eine kleine Anzahl von Menschen, die durch die Wüste zurück in ihre Heimat zog. So zeigte sich die Macht Gottes.

Und was bekommen wir heute vom Kommen Gottes zu sehen? Wieder nur eine kleine Zahl von Menschen, aber Menschen, die hier und heute dankbar Gottes Kommen feiern wollen. Adventsmenschen. Damit aber hat Gott sein Trostwort: "Ich komme" schon wahrgemacht. Zugegeben, es sieht so aus, als wären wir noch in der Wüste, jedenfalls nicht am Ziel. Berlin hat ebenso wie das realexistierende Jerusalem wenig Ähnlichkeit mit dem himmlischen Jerusalem, das uns das Neue Testament als Bild des Zieles vor Augen stellt. Und unsere Versuche, Gottes Kommen in Szene zu setzen - in dem wir unsere Kirchen schmücken, die Lichter am Adventskranz entzünden - die fallen, daran gemessen, recht bescheiden, ja geradezu hilflos aus. Noch ist Gott "am Kommen". Was wir hier und jetzt haben, ist also nicht die Erfüllung der biblischen Verheißung - weder sind es unsere Autobahnen (auch nicht die "im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" eröffneten) noch die künstlichen Seen in Israel - aber beides können Bilder sein, Bilder des Kommenden - weil der künstliche See in der Wüste mehr ist als ein Wasserspeicher und Straßen wirklich Wege zueinander eröffnen könnten (was man besonders dann merkt, wenn sie aus Gründen der Politik und der 'nationalen Sicherheit' Israels wieder gesperrt werden, wie jetzt nach und um Bethlehem). Es sind Bilder vom künftigen 'mehr'.

Auch die kirchliche Feier des Advent, die Feier des Kommens Gottes in Jesus Christus, ist so ein Bild, so etwas wie ein Vorschein des Kommenden - wie der Duft aus der Küche, in der der Festbraten schmort; wie die Melodie, die aus dem Festsaal ins Freie dringt; wie ein Lichtstrahl im Dunkeln. Das alles bringt Leben in die Wüste, in unsere Wüste. "Weihnachten ist doch die schönste Zeit im Jahr", sagte mir eine vom christlichen Glauben nicht gerade geprägte Frau aus dem Osten beim Schmücken ihres Hauses. Die Adventszeit bringt also nicht nur "himmlische Öffnungszeiten" in den Geschäften, sie bewegt Herzen, selbst die hartgesottener Zweifler und vom Leben Frustrierter. (Die haben manchmal sogar die größten Lichterspiele an ihren Balkonen.) Hartgesottene Männer gestatten sich ein paar Tränen, verhärmte Frauen ein Lächeln - und sei es nur der Kinder wegen. Das Weihnachtsfest hat noch immer seine Magie, seine Faszination. Es bezaubert, schließt uns auf für Erwartungen. Und die Geschichten aus dem Leben des Alten Israel, die Geschichten vom Auszug aus Ägypten und Babylon, sie rufen allen zu: Ihr werdet nicht enttäuscht werden...
Amen.
 
 


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