Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Septuagesimae über Jer 9, 22-23

Liebe Gemeinde!
Worauf können wir stolz sein? Gibt es da etwas im Leben, was man den anderen mit Freude und voller Selbstbewußtsein vorzeigen kann: Seht her, das habe ich gemacht, das kann ich, das zeichnet mich aus, das bin ich gewissermaßen?

In meinem persönlichen Umfeld der kirchlichen Bescheidenheiten klingt diese Frage vielleicht veraltet, wie von gestern, oder sogar verboten (darf man das denn überhaupt, stolz sein?) - aber trendy ist sie trotzdem. Wir sind ja Papst. Wir wollen Weltmeister werden - und die olympische Nation mit den meisten Medaillen. Mit dem Gebrauch des Wortes Stolz ist man in manchen Zusammenhängen noch ein bißchen vorsichtig - aber etwas Selbstdarstellung, die muß schon sein. Schließlich muß man sich heutzutage ja überall gut verkaufen, in Beruf und Freizeit. Kein Smalltalk ohne die lauernde Frage: —Und was machen Sie denn so?ž Da muß man zeigen, was man zu bieten hat. Ich denke da an die Fernsehwerbung, bei der eine junge Frau die anderen Karrierefrauen mit ihren Leistungen in Sachen Organisationswesen, Personalführung und Rechtsprechung aussticht: —Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen!ž - Sie ist Hausfrau und Mutter, neudeutsch: Familienmanagerin. Darauf kann sie stolz sein - zu Recht. Bei der Vorbereitung von Trauerfeiern, beim Gespräch über den Verstorbenen höre ich das übrigens sehr häufig: —Besonders stolz war er auf seine Familie.ž Stolz - das hat ja mit Beziehungen zu tun. Auch ein großer Freundeskreis hebt das soziale Ansehen, bei jungen Leuten reicht schon das häufig klingelnde Handy: —Seht, wie gefragt ich bin!ž Worauf noch kann ich alles stolz sein? - Die einen backen leckeren Kuchen, andere sind schon als Kinder gut im Sport. Andere zeigen zufrieden vor, was sie gebastelt oder gebaut haben, wie den 3er BMW mit seinen Bässen: buffta, buffta, buffta. Wer ein Schnäppchen gemacht hat, gibt die Geschichte des Kaufes zum besten - wegen der eigenen Cleverness. Und da gibt es immer noch die Mitarbeiter vom alten Schlag, die stolz darauf sind, in ihrem Arbeitsleben keinen einzigen Tag krank gewesen zu sein. Männer sind stolz auf ihre Frau - und auf das eigene Auto, das meist schneller fährt und trotzdem weniger verbraucht als das des Nachbarn. Manche sind —stolz, ein Deutscher zu seinž. Auf etwas stolz zu sein, sich zu rühmen - das hat wieder Hochkonjunktur, von Big Brother bis zu GermanyŽs next Top Model mit Heidi Klum. Worauf man dann im einzelnen stolz ist, das ist sehr vielfältig.

Soll ich noch mehr aufzählen? Dabei erwarten Sie doch bestimmt, daß gleich die Moralpredigt anfängt, die Kritik am Stolz, der Ruf zur Bescheidenheit - in dem Sinne, daß man doch an all das nicht sein Herz hängen soll, nicht an die eigene Leistung, nicht an die sogenannten Statussymbole, von denen wir hier einige abgebildet sehen (o je, eine Karikatur):
- Karikatur, Vor einem Altar:  beschreiben -

Die Karikatur hat man schnell erfaßt. Und wendet sich auch schnell wieder davon ab: Ist schon recht - aber so verhalte ich mich doch nicht. Bei aller Freude an bestimmten Dingen, ich gehe doch vor ihnen nicht auf die Knie. Im Konfirmanden-unterricht kommt das Bild in jedem Kurs vor - trotz geringen Erfolgs, weil alle gleich sagen: —Ich bin doch nicht blöd, nicht so blöd wie dieses Männchen da.ž Die Gewisssenserforschung bleibt im Ansatz stecken. Wer will mir denn schon sagen, daß ich wirklich etwas vergöttere - ich freue mich doch nur über gute Sachen. Will die Kirche mir meine Hobbies vermiesen? Tja, Karikaturen haben es schwer und kommen nicht immer richtig an. - Im Konfer schlage ich dann vor, das einmal für sich selber durchzudenken, sich ganz persönlich die Frage zu stellen: Worauf verlasse ich mich im Leben? ... Und dann wird man sich auch schon einmal dabei ertappen, daß aus echter Freude und berechtigtem Stolz Fanatismus und Blindheit werden kann. Und dann kann man sogar merken: Hier geht es nicht mehr um richtiges Leben als Thema einer Moralpredigt, hier steht viel mehr auf dem Spiel. Hier kommt das 1. Gebot ins Spiel - mit Martin Luther gesprochen: —... woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.ž Hier werden ja Statussymbole und Lebensweisen vergöttert.

Solche Fähigkeit zur Selbstkritik, auch mit den Mitteln der Karikatur, zeichnet religiöse Menschen aus - und manchmal wissen das auch die anderen zu schätzen, daß ein religiöser Menschen fähig ist zur Selbstreflexion, keine Dumpfbacke ist.

Und unser heutiger Predigttext geht aber noch einen Schritt weiter als die Karikatur:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Hier kommt - in der Weise eines direkten Wortes Gottes - eine ganz neue Dimension von Stolz, Ruhm und Ehre ins Spiel: Sich rühmen soll man sich nicht dessen, was zu einem gehört, was man sich erworben hat - wie Weisheit, Stärke, Reichtum - sondern Gottes. Darin besteht die wahre Klugheit: Gott zu kennen. Auch dieses Wort aus dem Propheten Jeremia schärft das 1. Gebot ein: —Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben!ž Aber es fordert keine falsche Bescheidenheit oder persönliche Selbstbesinnung, sondern geht ganz offensiv vor: Wer sich rühmen will, rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne. Sich dessen rühmen, daß man Gott kennt - wie geht das?

Es ist noch nicht lange her, da hätte man wie selbstverständlich geantwortet: in die Kirche gehen - da wird Gott gerühmt; und natürlich: beten - morgens, mittags und abends - aber auch in der Öffentlichkeit, sich als Christ also zu erkennen geben. Heute hingegen ducken viele Christen weg und wollen nicht auffallen; sie fühlen sich auch genervt von anderen, die ihr Christsein allzu offensiv darstellen. Obendrein ist nicht jedes Kreuz am Hals ein Bekenntnis zu Christus, sondern kann auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene anzeigen: Rocker tragen große, auffällige Kreuze. Muß man so dick auftragen? Gibt es nicht auch den Mißbrauch christlicher Symbole? (Nichts gegen Orden und Ehrenzeichen - aber mußte es ausgerechnet ein Eisernes Kreuz sein?) Und überhaupt: Meint der Prophet etwa, man solle mit Gott angeben? Führt das nicht zu den sattsam bekannten Problemen mit denen, die mit ihrem wahren und einzig richtigen Glauben provozieren?

Ja! Und das muß auch so sein - um einer wichtigen Einsicht willen: um vor lauter Glauben Gott selbst nicht zu übersehen. Schauen wir näher zu: Jeremia treibt hier seine prophetische Kritik auf die Spitze. Als er dieses Gotteswort verkündete, befand er sich schon in der zweiten Phase seiner Tätigkeit als Prophet: Zunächst hatte er dem Volk Israel in scharfer Weise vorgeworfen, das 1. und 2. Gebot (—Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen!ž) zu verstoßen. Daraufhin hatte der König Josia eine weitreichende Gottesdienstreform durchgeführt. Jetzt gibt es nur noch den Tempel in Jerusalem und einen geordneten Kultbetrieb. Darauf konnte man stolz sein - und war es auch. Aber nun muß Jeremia kritisieren, daß sich die Menschen auf den Tempel verlassen wie auf eine Lebensversicherung: —Uns kann nichts passieren, wir haben ja den Tempel.ž Indem er sie jetzt auffordert, sich Gottes zu rühmen, kritisiert er diesen problematischen Glauben - und damit sticht er ins Wespennest von Religion überhaupt: Religion kann nämlich selbst ein Statussymbol werden, menschlicher Besitz, Eigentum: —Mein Haus, meine Frau, mein Auto, meine Religion!ž Gott kann hinter dem Glauben verschwinden - und auf einmal steht der Mensch wieder im Vordergrund und macht sich da breit. Und das ist genauso penetrant wie das Angeben mit Reichtum oder Leistungen. Man kann den Glauben vergöttern. Das ist meiner Meinung nach der theologische Kern dessen, was man soziologisch den Kampf der Kulturen nennt. Hier stehen nicht Muslime gehen Christen, nicht einmal Fundamentalisten gegen liberale Toleranz, hier steht Religion gegen Gott. Was meine ich damit?

—Nicht Religion ist das Letzte, sondern Gottž, hat unser Bischof bei den Feiern von Dietrich Bonhoeffers 100. Geburtstag vorige Woche gesagt - und das mit vollem Recht. Denn in den letzten Schriften vor seinem Tod war Bonhoeffer auf dem Weg, diese alte Einsicht wiederzuentdecken. Er suchte das religionslose Christentum. Was meinte er damit?

Eine Religion kann Teil des Menschen werden, sie kann seine Kultur prägen, und ein Glaube kann mir ganz persönlich Halt sein in Lebenskrisen, zu mir gehören wie Menschen, die mich prägen und ohne die ich nicht bin, was ich bin. Aber Gott - selbst wenn er, wie die Christen das glauben, mit seinem Geist in mir ist, wenn Christus im christlichen Glauben anwesend ist - Gott bleibt dennoch der allem entzogene und überlegene Herr. Er läßt sich nicht vereinnahmen. Weder können wir ihn für die Interessen des Staates dienstbar machen noch für die persönliche Identität. Religion aber versucht das immer wieder.

—Gott ist nicht euer Kumpelž, sagte mein alter Pfarrer im Ruhrgebiet häufig (und wir widersprachen ihm als junge Leute genauso, wie manche von Ihnen mir widersprachen, als ich diesen Ausspruch schon einmal zitierte). Gott ist nicht unser Kumpel - weil er nicht unser ist. Selbst wenn wir beten: —Vater unserž - dann setzt das nicht die Reihe besitzanzeigender Aussprüche fort: —Mein Haus, meine Frau, mein Gott.ž - In der alten Form der Messe gab es deshalb vor dem Vaterunser die Einleitungsformel: —Durch heilbringende Anordnung gemahnt und durch göttliche Belehrung angeleitet, wagen wir zu sprechen: Vater unser...ž - Gott also ist Gott und der Mensch ist Mensch. Das stellen uns Jeremia, Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer vor Augen - jeder auf seine Weise.

Und wie soll man ihn nun rühmen, ihn, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden? Natürlich nicht durch Verschweigen, sondern durch das Rühmen seiner Taten; dadurch, daß wir nicht unser Tun rühmen, wenn wir eine Leistung vollbracht haben, sondern ihn. Und das ist eigentlich ganz einfach. Schon im Alten Bund hat das Volk Israel seine Rettung aus der Gefangenschaft ihn Ägypten eben nicht auf den großen Führer Mose, sondern auf Gott zurückgeführt. Und selbst unser Alltag hält dafür noch eine Fülle traditioneller Redensarten bereit: —Gott sei Dank!ž —Gottlob!ž —So Gott will!ž Ein Beispiel zum Valentinstag: Nicht —gut, daß es Dich gibtž, sondern: —Ich danke Gott, daß es Dich gibt...ž

Um Gott zu rühmen, müssen wir nur meinen, was wir da sagen. So können wir beständig und immer wieder neu unterscheiden zwischen Gott und uns - weil wir ihn kennen, der sich nicht auflöst in den Glauben an ihn, nicht in den Religions- und Kirchenbetrieb, nicht in den Menschen, der ihn für sich haben will. Großartig ist nicht der Glaube - sondern Gott! Auf ihn können wir stolz sein!
Amen.
 
 


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