Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres über Jer 8, 4-7

Liebe Gemeinde!
Die heutige Predigt ist eine Lesepredigt, d.h. ich lese aus einer Predigt des Propheten Jeremia vor. Gehalten hat er seine Predigt ursprünglich etwa im Jahre 605 vor Christus, in Jerusalem, zur Zeit des Königs Jojakim (608-598):

So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, daß sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, daß sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was habe ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit. Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.

Soweit die Predigt aus alter Zeit. Die Zeitgenossen damals wußten natürlich sofort, was Jeremia damit meinte. Wir heute brauchen vielleicht einige Erläuterungen:

Jeremia beginnt zunächst mit Fragen. Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Sowas nennt man rhetorische Fragen. Natürlich erwartet er, daß alle nicken: Klar, wenn einer stürzt, will er wieder aufstehen; wenn sich einer verläuft, will er sich wieder zurechtfinden. - Finden manche das heute aber nicht schick, bewußt falsche Wege zu gehen? Das ist doch Abenteuer, Fun und Selbstverwirklichung. Und wer weiß denn schon, welcher Weg der richtige ist? Jeder geht eben seinen Weg. Und auch, wenn heute einer stürzt, steht nicht jeder gleich wieder auf, sondern so mancher schreit doch gern die ganze Welt zusammen, um Eindruck zu schinden - das kleine Kind mit Schramme am Bein oder der Profifußballer, der eine Schwalbe macht, um einen Elfmeter herauszuholen

Solche Einwände aber sind Ablenkungsmanöver von den Fragen des Propheten. Was der sagen will, zielt genau auf den Ungeist, der aus solchen Einwänden spricht: Ihr merkt schon gar nicht mehr, wie sehr ihr euch auf euren falschen Wegen eingerichtet habt und alles zerredet.

Und was ist falsch an den Gottesdiensten des Volkes? Das Volk und seine Führer verlassen sich zu sehr auf den Tempel und den funktionierenden Religionsbetrieb. Sie merken gar nicht mehr - und wollen das auch nicht bemerken - daß sie sich benehmen wie ein Streitroß im Getümmel: Immer drauf los, wie blind, ohne Rücksicht auf die Folgen.

Das Volk insgesamt setzt falsche Prioritäten, meint Jeremia. Politisch setzt es auf eigene Klugheit durch Bündnispolitik, religiös erwartet es seine Sicherheit durch Gottes Macht im Tempel. Dabei ist das feindliche Heer schon im Anmarsch und Gott, wo ist der? Er spielt hier nicht mit. Das Volk und seine Führer verletzen das 1. Gebot: —Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!ž Die Zugvögel erkennen die Zeichen der Zeit - die Menschen sind blind dafür.  - Eine Bußpredigt, wie man sie lange nicht gehört hatte. Sie hat Folgen für den Propheten.

Jeremia wird angeklagt, weil er die Zerstörung des Tempels prophezeit. Das demoralisiert, das ist Wehrkraftzersetzung. Ein erstes Verfahren endet zwar mit Freispruch - man erinnert sich, daß schon der Prophet Micha ähnliches angekündigt hatte - aber als Jeremia seine Unheilsankündigung über Jerusalem und das umliegende Land Juda wiederholt, wird er durch den Tempelaufseher Paschchur bestraft. Jeremias Strafe besteht wohl zunächst darin, daß er den Tempel nicht mehr betreten darf, und dann: Die erste Aufzeichnung der Prophetenworte gegen Jerusalem wird vom König höchstpersönlich verbrannt.

Wenige Jahre später: 587 erobern die Babylonier unter ihrem König Nebukadnezar Jerusalem und führen die Führungsschicht Jerusalems und Judas ins Exil. Der Lauf der Geschichte hat den Propheten bestätigt.

So war das damals. So ergeht es dem Volk, wenn es das Recht des Herrn nicht beachtet. Und wie ergeht es uns, dem Volk des neuen Bundes? Haben die Christen in ihrer Gesamtheit überhaupt je eine ähnlich katastrophale Situation erlebt?

Ja - das war das Aufkommen des Islam. Blühende christliche Kirchen in Nordafrika und Kleinasien, die führenden Städte der Alten Kirche: Alexandrien, Antiochien - innerhalb weniger Generationen ist der christliche Glaube an den Rand und auf die Dörfer gedrängt, wird die christliche Kultur, die das Erbe der Weisheit des Alten Griechenlands und Roms angetreten hatte, von den Anhängern des Propheten Mohammed assimiliert. Jahrhunderte vergehen, bis das sogenannte christliche Abendland politisch, religiös und militärisch so weit erstarkt ist, daß es mit den Kreuzzügen einen Versuch unternimmt, verlorenes Land zurückzugewinnen - vergeblich und mit neuen Unrechtstaten.

Wie konnte das passieren, daß da eine neue Religion, die mit Juden und Christen doch so viel gemeinsam hat, sich gegen sie durchsetzt? Schon sehr früh hat man versucht, sich einen Reim darauf zu machen, indem man in den biblisch Ereignissen Ähnlichkeiten mit dem Lauf der Geschichte suchte. Man fand sie im Schicksal Jerusalems und bei den Propheten. War nicht auch der Sieg des Islam in ähnlicher Weise die Folge des Versagens von Bischöfen und Kaisern, Folge des Unglaubens und Streites unter den Christen?

Bis heute bleibt diese Frage Thema christlicher Bußpredigt. Bis heute wird sie zwar ungern gehört - aber bis heute müssen wir uns davon beunruhigen lassen. Auch wir verbrauchen immer mehr Kräfte, um den tröstlichen Religionsbetrieb noch so halbwegs aufrechtzuerhalten. Kaum schaffen wir es noch, den christlichen Glauben unseren Kindern und Enkeln als lebens-wert vorzuleben - und dann diese Selbstverständlichkeit, mit der die Deutschen sich ihres verlorenen Glaubens an Gott rühmen: —Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter!ž

Einige Jahre lang hat eine Gemeinde von Schwarzafrikanern bei uns Gottesdienst gehalten. Weil es immer wieder Probleme gab - um Geld und Termine - waren viele Gespräche mit Ihnen nötig. Was sie dabei nie verstanden: Warum sind die Deutschen keine Christen mehr? Ihre afrikanische Gemeinde blühte auf - in Berlin gibt es mehr als 80 solcher Gruppierungen, meist Emigranten, viele mittlerweile deutsche Staatsbürger - aber die Kirchen der Deutschen sind leer.
—Bist du katholisch, evangelisch oder konfessionslos?ž, wird ein Schüler gefragt. Seine Antwort: —Ich bin normal.ž - Gottlosigkeit ist normal. Kommt das so über uns - oder tragen wir mit Schuld daran?

Ich glaube nicht, daß wir wirklich schon die Antwort auf diese Fragen haben. Und vielleicht wollen wir sie auch nicht hören. Denn dazu müssten wir die Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche mit sehr kritischen Augen sehen - und wie Jeremia politisch werden. Ich nenne heute, am staatlichen Volkstrauertag, an dem wir der Toten unserer Kriege gedenken, nur dies: Dieses deutsche Gebräu von Nationalsozialismus, realexistierendem Sozialismus und modernem Kapitalismus, dieser Cocktail aus Hitler, Stalin und Onkel Dagobert, versetzt mit einem Spritzer (Neunmal-)Klugheit ist tödlich für den Glauben an Gott - und weltgeschichtlich eben ziemlich einmalig.

Der Philosoph Jürgen Habermas, der nach dem 11. September als Verteidiger des Glaubens auftrat, allerdings, er braucht Religion wieder - aber um sie gebrauchen zu können - beispielsweise um überhaupt noch Orientierung in den schwierigen Fragen rund um die Gentechnologie geben zu können. Ein bißchen Religion also muß sein - zur Sicherheit, für Staat und Gesellschaft.

Da höre ich schon Freudenrufe: Endlich interessiert sich wieder einer für uns! Und wir lassen uns doch gerne gebrauchen, um noch eine Rolle zu spielen. Dabei ist die Sünde der evangelischen Kirche gerade ihre Nähe zum jeweiligen Staat und zu den in ihm jeweils vorherrschenden Ideen. Erst untertänig und obrigkeitstreu, wollte sie später modern sein, dann sozial engagiert, dann besonders deutsch, anschließend superökumenisch und neuerdings: auf Harmonie bedacht, nach innen und außen. Immer kurzlebiger werden die Trends, denen wir nachlaufen. Wo Kirche drauf steht, ist da wirklich noch Kirche drin?

Religöse Menschen sind das so allmählich leid. Sie suchen Religion nicht mehr in der Landeskirche - aber sie suchen und finden sie, auch in der biblischen Tradition.
Deutet sich da eine Wende an, zurück zum ersten Gebot? Jeremia läßt grüßen:
Warum will denn dies Volk ... irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, daß sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, daß sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was habe ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.

Juden, Christen und Muslime wissen sich darin einig: Allein Gott haben wir uns unterzuordnen. Der Staat sieht das anders: —Religionen müssen sich in der Demokratie natürlich der Verfassung unterordnenž, meint der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Dagegen ist schon Jeremia aufgetreten - und hat Verfolgung erlebt. Wenn Sie im Ernst meinen, unsere Verfassung könnte an Gottes Stelle treten, bereiten Sie besser schon einmal die nächste Christenverfolgung vor, Herr Präsident!
Was soll man hie zu sagen? Amen?
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite