Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Exaudi über Jer 31, 31-34

Liebe Gemeinde!
Ach, ja! Da hat Gott seinem Volk versprochen, einst einen neuen Bund mit ihm zu schließen, einen Bund, der nicht mehr gebrochen wird. Der Prophet Jesaja hat ihn mit klaren Worten beschrieben: Alle werden Gott erkennen, keiner muß dem anderen mehr sagen, was er zu tun hat, Gottes Gesetz wird zum eigenen. Und wir haben diese Worte eben als Lesung aus dem Alten Testament gehört, weil wir uns ja als das Volk des Neuen Bundes verstehen. Aber nicht nur die Juden, das Volk des Alten Bundes, und die Ungläubigen fragen uns: Woran sieht man das Neue bei euch? Immer wieder fragen wir uns das auch selbst: Warum sieht man so wenig vom Neuen?

Den Weg zur Antwort soll uns dieser Kuchen, diese Super-Erdbeertorte weisen. Er ist für Sie ? aber nicht für Sie alle, sondern nur für die, die hier auf Seite der Kanzel sitzen. Warum? Für alle würde es doch gar nicht reichen. Wir könnten natürlich kleine Stücke schneiden, klitzekleine, so daß es vielleicht doch reicht. Wenn aber so kleine, daß dann nur Matsche übrigbleibt, dann wollen Sie lieber keinen Kuchen? Dachte ich mir doch, darum habe ich gleich gesagt: Der Kuchen ist für die hier. Wer den Kuchen stiftet, kann schließlich bestimmen, für wen er sein soll. ? Aber das sei doch ungerecht, sagen Sie: Was unterscheide denn die hier von denen da?  Da haben Sie Recht. Na, dann will ich mal versuchen, gerecht zu sein. Wie verteilen? Man könnte sich den Kuchen ja bezahlen lassen, vielleicht zum Selbstkostenpreis. Dann sind die natürlich im Vorteil, die Geld dabei haben. Was machen wir aber mit den Kindern? Und da das mitgebrachte Geld für die Kollekte ja schon abgezählt ist, müßte man jetzt etwas davon abzweigen, um sich nachher noch ein Stück Kuchen kaufen zu können: —Das können Sie doch nicht wollen, Herr Pfarrer!ž Außerdem sitzen hier nun mal Leute, die mehr Geld haben, neben denen, die weniger Geld haben. ? Vielleicht sollten sich diejenigen den Kuchen teilen, die sich um die Gemeinde besonders verdient machen. Die haben doch mal ein Dankeschön verdient. Bloß: Wie ich die kenne, wollen die das gar nicht ? und schon gar nicht, wenn das nur neuen Streit gibt. ? Wer hat denn nun den Kuchen verdient?

Da ich ihn bezahlt habe und Sie mich bezahlen, hätten Sie eigentlich doch alle ein Anrecht drauf, und zwar nicht nur auf einen Kuchen, sondern auf ganz viele, Kuchen satt sozusagen, Kuchen ohne Ende: Mit fünf Mark sind sie dabei, einschließlich der Reste zum Abgreifen für zu Hause: all inclusive. (Und die Grundgebühr ist auch schon drin.) ? Uberhaupt ist die ganze Sache mit dem Kuchen ungerecht, schließlich haben die ja gar keine Chance auf ein Stück, die heute nicht hier sind. Na, dann sollte ich ihn wohl wieder mitnehmen und den Armen geben. Richtig, sagen da einige und nicken. Gut, daß wir die Armen haben. Sollen die doch unser Verteilungsproblem lösen. Bloß: Wer ist das? Und wer bringt den Kuchen gleich in der Gegend rum? ? Spätestens jetzt ist ja wohl jeder Kuchenspender ratlos und hat es satt. Je nach Temperament wirft er dann die Torte dem nächstbesten ins Gesicht ? oder stürzt sich selbst hinein. —Tod durch Tortež, können die Zeitungen dann morgen titeln ? oder: —Suche nach Gerechtigkeit endet mit Tortenschlachtž.

Liebe Gemeinde, so absurd, wie das klingt, ist mein Beispiel gar nicht, obwohl ich nicht in erster Linie an die Tortenprobleme denke, die wir in der Gemeinde wirklich haben, eher schon an die große Politik: an die Rentenreform oder an die schlechter werdenden Berufseinstiegsmöglichkeiten für junge Leute. Da ist ja immer wieder von der Torte die Rede, von dem immer kleiner werdenden Kuchen, den sich immer mehr Menschen teilen müssen. Im Weltmaßstab haben wir Europäer zwar noch ein ziemlich großes Stück von der Weltfinanztorte zur Verfügung, um es allein unter uns zu verteilen. Aber, obwohl alle das wissen, ist uns das kein Trost inmitten hitziger Debatten um Gerechtigkeit.

Die Torte also ? ein vertrautes Bild für die immer wieder scheiternde Suche nach Gerechtigkeit. Wie kann ich da sagen, dieser Kuchen soll uns den Weg weisen, das Neue am Neuen Bund zu erkennen? Beweisen die aufgezählten Probleme nicht, wie sehr alles beim Alten bleibt? Egal, ob in der Gesellschaft oder bei der Kirche?

Ich denke nein. Mir scheint gerade dieses starke Gefühl für Ungerechtigkeit ein Zeichen für die Ankunft des Neuen zu sein. Wir nehmen einfach nicht mehr hin, was kommt und rufen: Mit mir nicht! Leben in der besten aller möglichen Welten? Das sind Gedanken von vorgestern, heute beherrscht uns das untrügliche Gefühl: So, wie es ist, sollte es nicht sein. Nur noch die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Sicher, manchmal tarnt sich auch Einzel- oder Gruppenegoismus mit dem großen Wort Gerechtigkeit. Dann wird in Staat und Gesellschaft, in Kirche und Gemeinde eine Gerechtigkeitslücke beschworen, und gemeint ist: Ich will mehr, gebt mir mehr vom großen Kuchen. Aber das ist nur das eine. Das andere ist, daß es diese Gerechtigkeitslücken wirklich gibt, etwa die Belastung der mittleren Generation, die zwischen Kinder- und Elterngeneration nicht nur finanziell (sondern auch emotional) aufgerieben wird. Dennoch ? und das scheint mir entscheidend: Der laute Ruf nach Gerechtigkeit ist ein Beweis für etwas unter uns und in uns, das da ist, aber nicht da sein müßte, der Beweis einer Sehnsucht, die um so stärker ausfällt, je mehr die Wirklichkeit hinter unseren Erwartungen zurückbleibt.

Stellen wir die Gegenfrage: Warum soll denn eigentlich Gerechtigkeit herrschen? Ist das so selbstverständlich? Ginge es in der Welt nicht viel konfliktfreier zu, wenn wir die Dinge nähmen, wie sie kommen, ohne so hysterisch auf mangelnde Gerechtigkeit zu reagieren? Manche unter uns denken wirklich so, und es werden immer mehr: —Abschied von der Gleichheitž, lautet dann der Slogan, Abschied vom Ausgleich zwischen Starken und Schwachen. Wie sieht es in der Welt denn aus? Frauen sind am Ende des 20. Jahrhunderts im Beruf und in der Familie engagiert, dauerhaft und ohne Entlastung, Tony Blair nimmt gerade mal eine Woche frei ? und die Bunten Blätter sindŽs zufrieden. Die Wirtschaft plant den Abschied von Tarifverträgen und Arbeitsschutzmaßnahmen ? und wo das (wie in Amerika) bereits geschieht, da boomt sie auf einmal, so daß am Ende sogar mehr für alle übrigbleiben könnte. Weniger Gerechtigkeit ? dafür mehr Kuchen. Ist das die neue Welt?

Eine Woche Rhodos aus dem Internet ist schon billiger als die Bahnfahrt zur Expo 2000 ? man muß nur wissen, wie man an die Schnäppchen kommt. (So vorteilhaft kann Ungleichheit sein.) An den alten Idealen gemessen, könnte die Welt zukünftig wirklich ungerechter werden, ungleicher bestimmt ? was auch immer der Bundesbereichstag am Ende zum Thema Rente beschließen mag.

Wie sollten nun die Christen mit diesen neuen Zeiten umgehen? Ihnen schlägt die wunderbare Kuchenvermehrung zur Zeit eher auf den Magen. Sie sind im Bunde mit den alt gewordenen Vorstellungen von —Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeitž, den Idealen der französischen Revolution, einst gegen die Christen gerichtet. Heute aber haben die Christen sie sich einverleibt, so daß sie geradezu als christliche Produkte, als das christliche Leib- und Magengericht gelten mit Namen —Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfungž. So treten die Christen an gegen die neuen Zeiten ? mit alter Moral und vielen Worten. Immer noch muß da anscheinend einer dem anderen sagen, was er zu tun hat. Neuer Bund, wo doch die Zeiten schon wieder etwas noch Neueres gebracht haben? Und woran sieht man das Neue denn bei uns: siehe unser ungelöstes Tortenverteilproblem?

Was ist denn den Christen wirklich eigen ? und eigentümlich? Die Christen verstehen sich als das Volk des Neuen Bundes, hatte ich gesagt. Was ist daran neu? Der Prophet Jeremia verkündete: Alle werden Gott erkennen, keiner muß dem anderen mehr sagen, was er zu tun hat, Gottes Gesetz wird zum eigenen. Das Neue ist also nicht ohne Gott. Sein Geist im Menschen ist das eigentlich Neue am Neuen Bund. Es ist der Geist, der die Menschen in Verbindung hält zu Gott ? selbst unter Lebensbedingungen, die wenig an Gleichheit und Gerechtigkeit erkennbar werden lassen, die uns allenfalls zum Stöhnen bringen, zum Aufschrei: —Die Welt ist ungerecht.ž Und genau das ist der Punkt. Auch die Kirchen können die neue Ungleichheit zwar nicht ausgleichen, aber sie halten (hoffentlich) die weltliche Unzufriedenheit wach und (bestimmt) den Glaubensgedanken an den Neuen Bund, den Gott eingegangen ist, als er sich in Jesus den Menschen in die Hand gab: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute. Die Folge: Gott und Mensch sind und bleiben Verbündete. Das ist neu.

Der Glaube an diesen Bund öffnet uns die Augen auf die Welt, wie sie ist. Darum reden wir uns die Welt nicht schön, vermissen wir Gottes Gerechtigkeit. Aus der Sicht des Glaubens ist der Ruf nach mehr Gerechtigkeit nicht das Werk von Obernörglern, sondern das Seufzen des Geistes in uns.

Und der wird weder durch einen neuen und größeren Kuchen zum Schweigen gebracht noch durch das wohltuende Gefühl, zu den Guten zu gehören, die immer mehr Gerechtigkeitslücken entdecken, aber beim Versuch, sie zu beseitigen, alles noch viel schlimmer machen ? wie die unmögliche Möglichkeit einer gerechten Kuchenverteilung uns gezeigt hat: neuer Wein und alte Schläuche, frischer Kuchen, alte Bäuche.

Was bleibt, ist das Seufzen: —Ach, ja!ž —Ach, jaž, das ist das ganze Leid der Welt, zusammengefaßt im —achž ? und dennoch unser —Jaž zum Leben: das Seufzen des Geistes Gottes. ? Und dann ist da noch dieser Kuchen. Er scheint zwar mehr Probleme zu stellen als zu lösen. Trotzdem werden wir ihn gleich untereinander teilen (nicht nur unter denen, die auf der Kanzelseite sitzen) und ihn genießen in der Vorfreude auf die Gerechtigkeit, die Gott uns schenken wird, voll des Heiligen Geistes, uns dann satt zurücklehnen und lustvoll-kritisch stöhnen: —Neuer Bund, ach, ja!ž
Amen.
 
 
 


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