Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis über Jer 23, 16-29

Liebe Gemeinde!
—Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr.ž So haben wir eben in der Lesung aus dem Alten Testament gehört. Manchen unter uns klingen diese Worte wie gute Bekannte im Ohr. Es sind Worte aus dem Buch des Propheten Jeremia, die wir Jahr um Jahr im Text unseres Friedensgebetes gesprochen haben, Worte, die aber alles andere als friedlich klingen: Sie stellen uns Gottes Zorn vor Augen, seinen Zorn über die falschen Propheten. Was ist an diesen Propheten falsch? Sie sagen: —Es wird euch wohlgehen.ž Und: —Es wird kein Unheil über euch kommen.ž Aber das ? sagt Jeremia ? ist nicht Gottes Wort, sondern das sind eigene Gedanken nur sogenannter, also falscher Propheten.

Wenn solche Heilsbotschaft das Falsche an den falschen Propheten ist, dann wimmelt es auch bei uns, mehr als 2600 Jahre später, nur so von falschen Propheten. —Alles wird gutž, so klingt es nicht allein in jedem zweiten Film aus Hollywood und Babelsberg ? kein Katastrophenfim kommt ohne diese Redewendung aus ? —alles wird gutž, das ist auch die frohe Botschaft, die wir nicht oft genug hören können: egal ob beim Renten- oder Steuerkompromiß oder zu den Zukunftsaussichten für die nächste Generation oder zur Entwicklung unserer Gemeinde in den nächsten Jahren. Wer dieser Erwartung nicht entspricht, der wird wie Jeremia ignoriert und abgestraft ? und wennŽs dann schlecht kommt, dann ist er auch noch schuld daran: Hat er die Katastrophe nicht herbeigeredet? Gute Prognosen müssen es sein, damals wie heute, um jeden Preis. Wenn nur das Zauberwort erklingt: —Alles wird gut!ž, wird dem gern geglaubt, ohne kritische Nachfrage.

Dabei geht es bei denen, die Jeremia als falsche Propheten bezeichnet, nicht nur um das Schönfärben. Das Problem mit den Gut-Rednern ist damals ein doppeltes: 1. Sie predigen den Menschen nicht die Umkehr, obwohl sie diese auch selbst bitter nötig haben, und 2. sie predigen nicht Gottes Gericht, sondern: Sie —wollen, daß mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baalž. Das ist der Punkt, den Jeremia hier als Sprachrohr Gottes in direkter Rede setzt: die Gottvergessenheit seines Volkes.

Gottvergessenheit, das ist eine Haltung mit Folgen ? auch heute. Wenn Gottes Namen in unserem Volk vergessen wird, dann ist das nicht durch die Einführung von Religionskunde zu beheben ? so daß alle brav lernen, die Juden rufen Gott unter dem Namen Herr an, die Christen nennen ihn Gott Vater, Sohn und Geist, die Muslime Allah ? sondern Gottvergessenheit, das ist der Auszug Gottes als des Herrn ? mit der Folge, daß andere Götter einziehen und herrschen.

Damals hieß der konkurrierende Gott Baal, ein Gott des Landes und der Fruchtbarkeit, heute ist der heimliche Gott unseres Volkes, der nach dem Auszug Jahwes als des Herrn eingezogen ist, auf der Expo 2000 zu bestaunen. Es ist das Absolute, die All-Einheit der Mutter Natur, der Erde, das kosmische —ozeanischež Gefühl von Harmonie. Die atemberaubende Schönheit der diesem Gefühl gewidmeten Halle, ihre Farben und die Töne weiten das Herz, sie lassen die Last des Alltags besser tragen und Hoffnung keimen. Die Botschaft jener Gottheit: —Alles wird gut.ž Die neue Welt beginnt mit dem Wachstum des Guten: Spürst du es nicht? Du bist schon drin.

Neulich in der Schule: Auch unsere Kinder hören sie schon, die gute Nachricht aus jener neuen Welt, etwa die Geschichte von Jakob, dem kleinen Kranich, der nicht fliegen kann. Ist er etwa behindert? Davon ist keine Rede, er kann doch so viele andere Sachen: Er kann gut zuhören, wunderschön singen ? nur fliegen kann er nicht. Nun wollen die anderen Kraniche ihm helfen und geben gute Ratschläge. Sollte man ihn vielleicht gut füttern, damit er stark wird, um zu fliegen? Oder sollte er besser abnehmen, damit sein Körper nicht zu schwer ist? Die Geschichte fordert die Kinder auf, sich zu beteiligen: Wer hat die beste Idee? Dazu aufgefordert, machen die Kinder auch Vorschläge, am Ende setzt sich einer durch, der jedem Konflikt aus dem Wege geht:

Jakob, der lahme Kranich soll einfach wegziehen, dorthin, wo ihn keiner kennt, um dem Stress der guten Ratschläge aus dem Wege zu gehen. Nur: Fliegen kann er immer noch nicht. Und keiner traut sich, die grausame Wahrheit zu sagen: Ein Kranich, der nicht fliegen kann, ist ein toter Kranich.
.
Eine Unheilsbotschaft hätte in diesem Unterricht wohl keine Chance ? und schon gar nicht Jeremias Botschaft von einem eifernden, zornigen, fordernden Gott. Woran mag das liegen? Aus dem Glaubensbekenntnis: —Alles wird gut!ž folgt ein neues erstes Gebot: —Du sollst Harmonie bewahren!ž Ihm haben wir uns unterworfen: Harmonisch muß es zugehen, stets ist eine Lösung zur Hand, man muß bloß drüber reden. Störendes denkt man sich einfach weg. Und damit dieses neue Gebot nicht mit dem biblischen ersten Gebot: —Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Göttern neben mir haben!ž in Konflikt kommt, stellen wir uns auch Gott als Gott der Harmonie vor. Er bestätigt unsere Lebenseinstellung.

Und wenn wir dann beim Propheten Jeremia hören: —Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?ž, dann gilt das höchstens für damals. Wir hingegen brauchen kein Gericht Gottes mehr. Seit Jesus gilt die Parole: Gott ist die Liebe, wir sind gerettet, alles wird gut, das Big Brother-Haus entließ nur Gewinner ? und Jakob der Kranich braucht schließlich nicht zu fliegen, weil wir alle nett zu ihm sind. Zu solchem Kitsch ist das Christentum verkommen, hat den Namen Gottes vergessen über den eigenen Träumen, Gottvergessenheit inmitten der Kirchen.

Natürlich gibt es auch Christen, die ganz anders denken, die die Welt als Ort von Katastrophen begreifen, als Kampfplatz von Gut und Böse, hinter dem Sichtbaren den Kampf von Engeln und Dämonen sehen und die Menschen vor die Entscheidung zwischen Gott und Teufel stellen. Sie fordern, Gott allein die Ehre zu geben, und schwingen dazu das erste Gebot wie ein Schwert. Unversehens und ohne es zu merken übernehmen sie damit die Rolle, die allein Gott zukommt, werden selbst zu Richtern: Auf zum letzten Gefecht! Prompt spiegelt die andere Hälfte der Filme aus Hollywood und Babelsberg  eben diese Geisteshaltung wieder: Ob Teminator oder Matrix, meine Erlösung geschieht durch Kampf.

Aber auch das ist nur eine andere Art von Gottvergessenheit. War jenen Gott so nah, daß sie sich seine Herrschaft der Harmonie schon als gegeben herbeiträumten, ist er diesen ist so fern, daß sie sie am liebsten selbst herbeiführten. In beiden Fällen tritt der Mensch an die Stelle Gottes ? und wir haben das Problem, das der Prophet Jeremia mit scharfen Worten geißelte: —Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.ž Die Folge: Falsche Propheten allerorten.

Wie können wir uns da richtig orientieren? —Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?ž Gott ist nah und fern. Er ist fern, d.h. er bleibt der Herr, der alle großen und kleinen Herren mit ihren Herrschafts-ansprüchen von der Herrschaft über Menschen ausschließt: Er bleibt ihr Richter, d.h. er distanziert sich. Harmonie ist erst noch herzustellen. Zugleich ist Gott nah, d.h. der Herr, der den Menschen in seine Herrschaft einschließt: So läßt er uns die falschen Herren erkennen. So macht er aus Herrenmenschen Menschen des Herrn, menschliche Menschen, die ohne religiösen Kitsch auskommen.

Praktisch heißt das: Nicht verstehendes Einverständnis ist das Patentrezept für Konfliktlösungen in Politik, Kirche und Familie: Böses muß benannt und in die Schranken gewiesen werden, sonst ufert es aus. Grenzen müssen gesetzt werden, sonst werden nicht nur Kinder zu Tyrannen, auch Könige, denen einst keiner zu widersprechen wagte: —Wer kann gedeihen bei solch einer Ration von Einverständnisž, philosophierte der Arzt Georgs III., des kranken Königs, dem sonst keiner widersprach. Und nicht nur dem DFB und unseren müden Kickern sind Menschen zu wünschen, die ihnen widersprechen, wenn sie wieder einmal erklären: —Alles wird gut.ž

—Alles wird gutž ? das durchzusetzen können und müssen wir Gott dem Herrn und Richter überlassen. Für uns heißt das, das Dunkle nicht zu verdrängen, schon für erledigt zu erklären. Es kann weltlich auch schlimmer werden, unharmonischer, ungleicher, ungerechter. Der klarsichtige Witz weiß das längst: —... und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: >Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen.< Und ich lächelte und war froh, ... und es kam schlimmer.ž

Der Zwang zur guten Nachricht hingegen zerstört die Frohe Botschaft des Evangeliums, er macht aus dem einen rettenden Wort Gottes, das allein wider die Gottvergessenheit zu predigen ist, eine Kette läppischer Beschwichtigungsversuche, Opium des Volkes ? wo Karl Marx recht hatte, hatte er recht. Denn in dieser Welt ist und bleibt ein Kranich, der nicht fliegen kann, ein toter Kranich.

Und der Gott des schönen ozeanischen Gefühls? Wir kennen ihn als den Schöpfer des Himmels und der Erde, als den Vater Jesu Christi und unseren Vater, als Richter ? fern und nah, heute in einem Stück Brot und einem Schluck Wein, erst dereinst Gastgeber des himmlischen Hochzeitsmahles, Gott alles in allem. Gegen die Gottvergessenheit der Menschen und ihre Träume steht die Gestalt Jesu Christi: —Nicht umschlossen werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten ? das ist göttlich.ž Amen.
 
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite