Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Oculi über Jer 20, 7-11a

Liebe Gemeinde!
Unser heutiger Predigttext ist nicht gerade jugendfrei - denn er handelt von einer Vergewaltigung und ihren Folgen. Um die Sache noch auf die Spitze zu treiben - es ist ein Mann, der sich hier damit auseinandersetzt, daß er verführt, nein wirklich: vergewaltigt wurde. Aber ich will jetzt nicht reißerisch werden. Und wenn ich den Text jetzt noch einmal vorlese, werden Sie sofort sagen, daß hier doch nur bildlich von Vergewaltigung die Rede ist, denn es spricht der Prophet Jeremia, und er spricht davon, was Gott mit ihm gemacht hat - aber ist das Erzählte wirklich so harmlos, das mit der Vergewaltigung nur ein Bild, nur ein schlechter Vergleich? Warum beschreibt der Prophet sein Schicksal so drastisch?

- Textlesung -

Liebe Gemeinde!
In der Beziehung des Propheten zu Gott geht es wirklich gewalttätig zu. Gott hat ihn in Besitz genommen - mit Gewalt. Gott legt dem Propheten eine Last auf, er selbst wird ihm lästig, bedrängt ihn wie ein Verführer. Und Jeremia läßt sich verführen, leistet erst noch Widerstand, aber sein Widerstand wird gebrochen: Was mit ihm geschehen ist, empfindet Jeremia wie eine sexuelle Gewalttat.

Nach dem jüdischen Gesetz gibt es im Fall von Vergewaltigung nur eins: Erst recht das eigenen Leben aufgeben, ganz zum Eigentum des Vergewaltigers werden - ihn heiraten So - in dieser typisch männlichen Logik aus alter Zeit - geht aus auch hier weiter: Jeremia, ein Prophet, aber ein Prophet wider Willen. Gott hat ihn gewaltsam in seinen Dienst genommen. Die Folge: Jeremias Mitmenschen verspotten ihn, sie tuscheln über ihn - wie eben über eine Frau, die vergewaltigt wurde. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.

Von Gott in seinen Dienst genommen werden - kann man das eine Vergewaltigung nennen? Viele Übersetzungen mildern die drastischen Ausdrücke. Biblische Kommentare gehen kurz über diese Stelle hinweg. Jugendschutz ist sicher nicht das Motiv, sondern Unverständnis.

Vielleicht denken sie: Das kann doch bestenfalls ein etwas drastischer Vergleich sein, den sich der Prophet da gestattet. Von Gott ergriffen zu sein, das muß doch mit mehr Hochgefühl verbunden sein, mit Partystimmung. Aber die Sache mit Gott ist hier nichts Schöngeistiges, nichts für schöne Stunden, in denen sich ein Mensch in Einklang mit Gott und der Welt empfindet. Hier geht es nicht gefühlvoll, sondern gewalttätig zu. Keine Zeit für Gemütlichkeit, Euphorie ist fehl am Platz. Und obendrein: Die Gewalt, die der Prophet von Gott erfährt, setzt sich fort von Seiten seiner Mitmenschen. Die reagieren auf seine Verkündigung mit Ablehnung und suchen nach einer Gelegenheit, ihn fertigzumachen. Was hat sie bloß so erregt?

Jeremia bekämpft die Westbindung des Staates Israel und plädiert für ein Bündnis mit der Großmacht im Osten: mit Babylon. Das ist politisch gegen den Zeitgeist, grenzt an Hochverrat. Mit der heidnischen und sündigen Stadt Babylon zu paktieren, ist das nicht gotteslästerlich? Jeremia aber fordert nicht nur durch seine Worte Widerspruch heraus. Seine ganze Person ist ein einziger Widerspruch zu allem, was den Zeitgenossen heilig ist. Demonstrativ boykottiert er die Feste und Trauerfeiern seines Volkes. So demonstriert er durch sein Verhalten, wie sich das Volk in den Augen Gottes verhält: Es lebt nicht in wirklicher Gemeinschaft mit Gott und untereinander, sondern asozial. Das Volk wird seinen Verpflichtungen aus dem Bund Gottes mit ihm nicht gerecht. Und Jeremias Zeichenhandlungen stellen dieses Verhalten dar. Zum Beispiel: Er lebt unverheiratet. Für jüdisches Verständnis entzieht er sich damit den Verpflichtungen seinem Volk gegenüber, für die nächste Generation zu sorgen - aber damit demonstriert er, daß das Volk in den Augen Gottes unfruchtbar ist.

Offensichtlich werden seine Provokationen damals auch als solche verstanden und erregen gewaltig Widersspruch. Das Jeremiabuch berichtet davon. Aber unser Predigttext setzt sich nicht mit den äußeren Geschehnissen auseinander, sondern beschreibt, wie es dem Propheten mit Gott und den Mitmenschen ganz persönlich ergeht: Von den Menschen erfährt er Spott und Verfolgung. Und sie lauern darauf, daß er klein beigibt. Nach seiner Verführung durch Gott droht ihm nun eine zweite: "Vielleicht läßt er sich verführen", sagen seine Gegner, dazu verführen, einfach aufzugeben. Damit hätten sie ihre Ruhe.

In der Tat, Jeremia war versucht, aufzugeben - aber er hat es nicht geschafft. Er ist von Gott nicht losgekommen. Schon der Versuch war schmerzhaft: "Jedesmal, wenn ich dachte: «Ich will nicht mehr an ihn denken, nicht mehr in seinem Namen sprechen!», da war's in meinem Herzen wie brennendes Feuer, wie ein Brand in meinen Gliedern." Die Besinnung des Propheten auf sein Verhältnis zu Gott kommt mir trotz, nein: wegen seiner Bilder erotischer Gewalt vor wie eine Liebeserklärung, trotz seiner totalen Abhängigkeit wie eine verzweifelte Liebeserklärung.

Gottes Inanspruchnahme des Menschen Jeremia ist nicht schön, sondern gewalttätig - doch dieser Mensch kann nicht von Gott lassen, beide können nicht voneinander lassen. Am Ende unseres Abschnittes steht wie ein Ausruf das Bekenntnis zu Jahwe als einem 'schrecklichen Helden', aber eines, der auch über die Verfolger Jeremias siegreich bleibt.

Verzweifelte Liebe, erotisches Vokabular, Gewalt - das klingt nach einem Stoff für Hollywood. Höchste Zeit, daß Hollywood das verfilmt. Das Thema ist doch ein Tabu ersten Ranges. Ein yoyeuristisches Interesse an Jeremia und seinem sexuell aufgeladenen Gottesverhältnis - das hätten wir wohl auch. Welche unserer 38 wöchentlichen Fernsehtalkshows nimmt sich endlich dessen an?

Bloß: Muß man denn gleich so übertreiben, sein ganzes Leben einsetzen und andere so vor den Kopf stoßen? Einer wie Jeremia sollte sich heutzutage lieber auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Nur Kranken ist unsere Gesellschaft bereit, Leidenschaft im Gottesverhältnis zu attestieren. Selbst aber lieben wir die schöne Welt: schöner Wohnen, schöner Essen, schöne Ferien, die schöne tolerante Religion im neuen Zeitalter. Positiv denken ist angesagt. Alles andere überlassen wir Sekten, Fanatikern und Fundamentalisten. Über Religion und Politik zu diskutieren, bringt nur Streit. Das stört unsere Harmoniesucht, wohltemperiert hätten wir's gern.

"Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." Fünfundreißig Jahre ist es her, daß ich diese Worte zuletzt hörte. Ich war damals so dreizehn, vierzehn Jahre alt. Einer unserer Pfarrer brachte diesen Ausruf - ein Vers aus dem Brief an die Hebräer - in fast jeder seiner Predigten unter. "Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." Er war klein von Gestalt, fast schmächtig, mit einer Fistelstimme. Wir haben ihn belächelt, nicht ganz ernst genommen. Der 'liebe Gott' war uns lieber. "Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." Ein bißchen erschraken wir über diesen Satz aber schon. Hatte auch er das erlebt, was Jeremia widerfahren war, diese 'Last Jahwes'? Bloß: Gute Werbung ist das nicht gerade. Wenn soll das denn für Gott gewinnen? Wo bleibt das Positive? Ist Jeremias Beispiel nicht abschreckend? Würden Sie einen wie Jeremia oder auch meinen alten Pfarrer gern vor sich stehen sehen? Würden da die Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht davonlaufen?

Heute antworte ich nicht mehr so einfach mit Ja. Schon damals sind wir ja nicht alle weggelaufen. Natürlich hatten wir lieber unseren Jugendpfarrer, der so toll und anschaulich und fröhlich predigen konnte, der so schön über 'das Leben' sprach. Aber eigentümlich: Was der damals sagte, ich habe es vergessen. "Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." Das habe ich behalten. Ich habe verstanden: In der Beziehung zu Gott geht es wirklich um Tod oder Leben, um alles oder nichts. Wenn man das weiß, versteht man mehr von Gott, versteht man seinen Weg mit Jesus.

Als die ersten Christen, vor die Aufgabe gestellt, das gewaltsame Schicksal Jesu zu deuten, nach Worten suchten, stand das Beispiel Jeremias vor ihren Augen. Das hatte es in ihrem Volk also schon einmal gegeben, eine gewalttätige Beziehung mit Gott, von ihm auferlegt und von ihm aufrechterhalten. Manche lasen den alten Text des Jeremia wie eine Beschreibung der Passion Jesu. Mehr noch: die Jesus nachfolgen wollten, die ersten Christen, sie erfuhren selbst die Last Jahwes, erfuhren Ablehnung, Spott und Verfolgung am eigenen Leibe - nicht alle im selben Ausmaß, aber viele bis hin zum eigenen Tod.

Die Erfahrung des Jeremia mit Gott hat seitdem viele Menschen begleitet - und gestärkt, obwohl sie auf den ersten Blick so wenig positiv zu sein scheint. Aber wenn mir der 'liebe Gott' unter den Erfahrungen einer gewalttätigen Welt zerbrochen wird - dann ist noch lange nicht Gott für mich gestorben, sondern nur ein zu schwaches Bild. Und wenn ein Bild nach dem anderen zerbrochen wird, bleibt nicht nichts.

"Gott ist alles in allem - und doch nichts von allem." "Gott ist mir näher, als ich mir selbst nahe bin." "Gott ist anders." "Gott ist das Nicht-andere." So versuchen Menschen seitdem, von Gott zu sprechen, um dem gerecht zu werden, das er anders ist als unser Bild von  ihm.

Der Glaube an Jahwe ist eben auch eine Last, auch wenn wir nicht so provozierend auftreten wie Jeremia. Doch Besserwisser und Spötter rufen auch wir auf den Plan. Wo ist Gott? Ist er nicht grausam? Ist er nicht schwach? Handelt er in den biblischen Geschichten nicht manchmal unmoralisch? Die Einwände gegen den christlichen Glauben kommen wie ein Trommelfeuer, wir erhalten keine Chance, sie zu bedenken und zu prüfen. Nicht einmal eine Antwort können wir geben. Der Fragesteller ist schon wieder fort, kaum daß er seine Bedenken wie eine Handgranate in die Runde warf. Das ist schmerzlich. Das verunsichert. Da versucht mancher, diese Last abzuschütteln. Aber da ist die Erfahrung des Jeremia: Nicht wir haben Gott in der Hand, sondern er uns. Wir können ihn nicht loslassen, weil er uns nicht losläßt. Ja, es gibt sie, diese gewalttätige Liebesgeschichte.
Amen.
 
 


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