Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt von Professor Dr. Angelika Thol-Hauke am 22.10. 2006 (19. Sonntag nach Trinitatis) über Jak 5, 13-16

Liebe Gemeinde!
Es ist Nacht. Ich liege im Bett und habe hohes Fieber, Schüttelfrost: Bronchitis. Ich fühle mich ekelhaft, mir geht es schlecht. Was sollte ich tun? Sollte ich tun, was Jakobus anregt: "Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.ž (Mit den Ältesten in der Gemeinde waren damals die Amtsträger gemeint. Man sollte also nicht nach einem charismatischen Heiler rufen, sondern nach den offiziellen Amtsträgern der Gemeinde.) Einer davon lag neben mir und schlief. Sollte ich ihn wecken und um eine Salbung mit Öl bitten? Oder gilt die Anweisung nur für Schwerkranke? So verstand die katholische Kirche lange Zeit die Anweisung des Jakobus. Das katholische Sakrament der Krankensalbung wurde darum auch als Letzte Ölung bezeichnet.

Jakobus empfiehlt im Falle der Krankheit also das Gebet und die Salbung mit Öl. Das Gebet für Kranke ist uns vertraut. Auch im Gottesdienst beten wir im Fürbittgebet regelmäßig für die Kranken der Gemeinde.. Jakobus weist uns darauf hin, dass dies —In dem Namen des Herrnž geschehen soll. Damit will Jakobus uns auf etwas Besonderes bei unserem Beten hinweisen, auf ein Geheimnis der Christen sozusagen. Wir beten —Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistesž, getauft und eingesegnet wird —Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistesž.
Was bedeutet das? —In dem Namenž oder kurz im Namen könnte zunächst heißen im Auftrag einer Person. —In dem Namenž meint aber bei Jakobus viel mehr: wenn Jesus der Herr angerufen wird, ist er da. Wenn wir ein Gebet, den Gottesdienst beginnen mit —Im Namen des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistesž, dann sagen wir damit, dass Gott da ist. Er ist es, der tauft und segnet, nicht der Pfarrer ? auch wenn er sich viel Mühe gibt und alles sehr feierlich macht, -, der Geist macht uns zu Gottes geliebten Kindern. So ist es auch bei Salbung und Gebet im Namen des Herrn. Jakobus betont: —Der Herr selbst wird ihn aufrichten.ž

Auf dieses hoffnungsvoll Wort folgt nun aber ein Satz des Jakobus, der uns alle Hoffnung wieder nehmen kann. Er schreibt weiter: —Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.ž Jakobus ist sich sicher: ein Gebet, das für einen Kranken von einem Gerechten verrichtet wird, der den Willen Gottes erfüllt, wird erhört. Dahinter steht die Vorstellung, die Fürbitte eines Gerechten hat bei Gott eine besondere Wirkkraft. So traten nach dem AT Moses z. B. bei dem Vorfall mit dem goldenen Kalb, oder die Propheten als Fürbitter für das Volk ein, wenn es gesündigt hat. Israel war davon überzeugt, dass gerade die Gerechten als die Lieblinge Gottes die großen Fürbitter für die Sünden des Volkes sind. Im alltäglichen Leben greifen wir zu so einem Mittel. Ich bin verärgert über meine Studenten, weil sie den Abgabetermin für die Prüfungsarbeit nicht eingehalten haben und sage, dass alle eine fünf bekomme. Einen Tag später wird der fleißigste und beste Student des Semesters vorgeschickt um mich umzustimmen, die Aufgabe sei doch ? selbst für ihn - sehr schwer gewesen.

Hat Gott solche Lieblinge auf die er besonders hört? Sind Sie ein solcher Liebling Gottes? Ist wenigstens der Pfarrer ein Liebling Gottes, auf den er besonders hört? Wenn nicht, dann sieht es nach Jakobus mit der Wirksamkeit unserer Gebete für die Kranken schlecht aus. žDes Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.ž Gilt dieser Satz für Christen? Ich muss Jakobus widersprechen. Hier ist Jakobus auf dem Holzweg, weil er noch ganz in jüdischer Tradition denkt. Nein, unsere eigene Gerechtigkeit und Ernsthaftigkeit kann uns Gott nicht herbeiholen. Aber - Gott hat einen Liebling, den einzigen Gerechten, auf den er immer hört, seinen geliebten Sohn. Paulus sagt, dieser absolute Liebling Gottes ist unser Anwalt und Fürsprecher, der reicht, einen besseren gibt es nicht.. Er hat bei Gott eine so —dicke Nummerž, dass sogar wir Ungerechten durch ihn Zutritt zu Gott haben. So sind wir Gottes Lieblinge, unverdient aber wir sind es. Unser Gebet ist entlastet. Wenn wir beten wissen wir schon, dass Christus mit seinem Heil bei uns ist.

Was hat es aber mit der Ölsalbung auf sich? - Öl war in der Antike ein beliebtes Heilmittel, man kann sagen fast ein Allheilmittel so vielleicht wie für viele Menschen heute Aspirin. Wenn Jakobus das Salben mit Öl empfiehlt, dann denkt er auch an Vorstellungen im Judentum, nach denen Öl Lebensöl ist, das aus dem paradiesischen Lebensbaum fließt. Dieses Öl - so erzählt eine Legende - soll dem kranken, alten Adam zur Linderung seiner Todesschmerzen dienen. Es steht erst wieder zur Verfügung, wenn das Reich Gottes kommt und die Toten auferstehen. Dieses Öl erhält das Leben und bewahrt endgültig vor dem Tod. Es ist das Öl der Freude, das den ganzen Menschen heilt von Krankheit Sünde und Tod.

Schon Markus berichtet davon, dass Jesus die Zwölf Jünger aussandte um überall vom Anbruch des Reiches Gottes zu predigen. In Jesu Auftrag salbten sie viele Kranke mit Öl und heilten sie. Damit verkündeten sie: Die von euch erhoffte Heilszeit ist angebrochen, das rettende Lebensöl ist schon jetzt da - in Jesus von Nazareth. Daran scheint Jakobus anzuknüpfen wenn er anordnet, die Ältesten sollen in dem Namen des Herrn über den Kranken beten und ihn salben. —Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten: und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.ž

Liebe Gemeinde,
Was können wir heute nun mit den Anordnungen des Jakobus anfangen? Bei uns sind für Krankheiten erst einmal die Ärzte zuständig. Sollen wir das ab heute ändern, sodass sich nur noch der Pfarrer mit Gebet und Salbung um die Kranken kümmert?

Wenn Jakobus damals auffordert die Ältesten der Gemeinde zu rufen um über dem Kranken zu beten, dann hat er dafür einen Grund. Krankheit war gefährlich, häufig lebensgefährlich. Sicheres konnte man über den weiteren Krankheitsverlauf nicht sagen. Krankheit wirft immer auf den Menschen den Schatten des Todes, man weiß nie wie es ausgeht.

Damals wurde außerdem nicht zwischen Medizin und Religion unterschieden, Krankheiten hatten etwas mit dem Zorn der Götter und dem Treiben der Dämonen zu tun, mit Mächten und Kräften, die das Leben zerstören und den Menschen vernichten wollen. Wer verzweifelt war, probierte alle möglichen Therapien und Praktiken in verschiedensten Kulten und Religionen aus, und ganz nebenbei konnte man sich noch finanziell ruinieren. Jakobus will sagen: seid nüchtern: ihr wisst doch, dass Jesus Christus allein der Herr über alle Mächte ist, dass er Dämonen und Tod besiegt hat. In Freud und Leid auch in der Krankheit bleibt darum also in Verbindung mit Gott. Fallt in eurer Angst und Sorge nicht auf irgendwelche Heiler und Götzenanbeter herein! Eure einzige Adresse ist Jesus Christus.

Wir heute unterscheiden in der Regel, wann wir zum Arzt gehen müssen und wann der Pfarrer eher gefragt ist. Eine schwere Bronchitis gehört in die Hand eines Arztes. Mit Religion hat das nach unserem Verständnis wenig zu tun. Aber vielleicht ist das zu oberflächlich gesehen.
Mal eine Frage: Gehen Sie gern zum Arzt?

Also ich hasse Arztbesuche. Das Schlimmste sind Vorsorgeuntersuchungen, - warum? Eine Psychologiekollegin beschrieb das so: —Wenn Du auf das Ergebnis wartest, siehst du in den Rachen des Todes.ž Dann muss man den lebensfeindlichen Mächten ins Auge sehen, verdrängen hilft nicht wirklich. Die Angst lauert einem förmlich auf. Vielleicht gibt es darum so viele Arztwitze. Kommt ein Patient zum Arzt: Herr Doktor, Herr Doktor, ich stehe an der Schwelle des Todes!ž Sagt der Arzt: Keine Sorge, ich helfe Ihnen rüber!ž

Manche verdrängen den Todesschatten mit Witzen, andere machen Ernst mit gesunder Lebensführung, gesundem Essen, positiven Gedanken und Mineralwasser, und wenn alles nichts hilft, dann mit Wellness. Andere machen es umgekehrt, sie machen Ernst mit ihrer Krankheit, lesen Bücher, Zeitschriftenartikel, surfen im Internet, sie fühlen sich stark durch Wissen. Wieder andere inszenieren ihre Krankheit wie eine besondere Leistung ? ich hab schon den vierten Bypass- und manche fallen dadurch auf, dass sie vorgeben alles im Griff zu haben. Und Robbie Williams will nie erwachsen werden. —Ich habe mich entschieden nie erwachsen zu werden. Ich versuche es und ich schaffe es.ž Angesichts des Todesschattens setzen wir uns in Szene praktisch oder philosophisch, wollen unverwundbare Helden sein, doch der Todesschatten holt uns immer wieder ein! Es gibt kein menschliches Mittel dagegen. Vielleicht bewegt ja auch die Diskussion um die Gesundheitsreform deshalb so heftig, weil wir ahnen, dass es im wahrsten Sinn des Wortes um unser Leben geht.

Liebe Gemeinde,
Mit der Anweisung zur Salbung der Kranken erinnert uns Jakobus daran, dass wir dem Todesrachen mit unseren Selbstinszenierungen nicht entgehen. Mit dieser Angst kann man nicht alleine fertig werden. Diese Angst gehört in das Gespräch mit Gott. Gegen diese Angst hilft nur Jesus der Herr, der den Tod besiegt hat. Er muss inszeniert, in Szene gesetzt werden gegen die lebenszerstörenden Mächte. Wenn wir beten ist er da, Wenn er in Szene gesetzt wird, zieht er uns über den Abgrund des Todes zu Gott. Und dieser Glaube hilft schon jetzt.

Bleibt noch zu fragen, wie sollen wir es denn nun mit der Salbung halten? Ich frage mich, ob man Menschen von heute diesen Glauben mit einer Ölsalbung nahe bringen und erfahrbar machen kann? Öl ist ja als Allheilmittel bei uns nicht bekannt. Die jüdischen Vorstellungen auch nicht. Martin Luther war schon war skeptisch, wenn er feststellen musste, dass die Menschen heiliges Öl als magisches Mittel verehrten statt es als Zeichen für den mächtigen Retter und Arzt Christus zu sehen. Vielleicht müssen wir es heute mit anderen Zeichen versuchen um deutlich zu machen, worum es geht. Ich versuche es heute mit meiner Krankheitsgeschichte: Schweißgebadet dachte ich - ehrlich gesagt - nicht an eine Ölsalbung, außerdem war mein Mann auch krank. Ein Glas Wasser wäre mein einziger Wunsch gewesen. Als ich so gegen 3 Uhr vor mich hindämmerte und meine Gedanken darum kreisten, wie schlimm es um mich stünde und mir etwas bange wurde, stand er auf einmal auf und sagte: "Ich habe jetzt Hunger auf Griesbrei! Willst Du auch was?" "Um Gottes Willen", stöhne ich. "Ich koche den auch selber." Na, Gott sei Dank, ich sinke wieder ins Kissen zurück. Er macht sich in der Küche zu schaffen. Mit dem dampfenden Griesbrei kommt er ins Schlafzimmer und macht etwas Licht. Ich bekomme ein Glas Wasser, einen frischen Schlafanzug und lasse mich zu einigen Löffeln Griesbrei überreden, ich fühle seine Hand, die Alpträume sind weg, ich falle in einen tiefen Schlaf.

Ein ganz alltägliche Geschichte, fast zu klein für das große ernste Thema. Könnte sie trotzdem so etwas wie ein Bild, ein Gleichnis für Christus sein, für Christus den Arzt, den Apotheker, die Medizin, das man heute besser versteht?

Oder ich komme auf den Witz zurück. Er könnte dann so lauten:
Herr Jesus, Herr Jesus, ich stehe an der Schwelle des Todes!
Keine Sorge, ich bringe dich herüber.
Amen.
 
 


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