Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 15.10.2006 (18. Sonntag nach Trinitatis) über Jak 2, 1-13

Liebe Gemeinde!
Bevor ich mit der Predigt beginne, möchte ich heute bei uns noch zwei Prominente begrüßen: Günther Jauch und Paris Hilton...
Nein, liebe Gemeinde, Sie brauchen sich nicht umzusehen. Ich möchte sie begrüßen, kann es aber nicht. Sie sind nicht wirklich da. Schade, denn ich wüßte zu gern, wie wir damit umgingen, wenn zwei Reiche und Berühmte, zwei Promis zu uns in die Kirche kämen. Würden wir sie groß in Szene setzen, ihnen einen großen Auftritt bereiten? Schon als einmal bloß der Bischof kam, habe ich ihn selbstverständlich gleich draußen am Auto begrüßt. Und als bei Einweihung der Jakobikirche vor über 160 Jahren der König kam, da waren natürlich auch alle Honoratioren von damals angetreten. Und tatsächlich habe ich hier in einer Predigt schon einmal hören müssen, wie eigens unser damaliger Bezirksbürgermeister begrüßt wurde. Tja, der Kult mit den Reichen...

Na und? Das sei doch eine Sache der Höflichkeit, mögen Sie jetzt denken. Dann hören Sie aber mal, wie Jakobus darüber denkt: Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist's recht, daß ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken? Wer die Schönen und Reichen gegenüber den Armen bevorzugt, den trifft hier die Kritik des Jakobus.

Sein Beispiel stammt so recht aus dem Leben der jungen Gemeinde. Die bestand zumeist sicher aus armen Leuten. Wenn da einmal ein Reicher in ihren Reihen auftauchte - man kann wohl annehmen, daß Jakobus an einen Mann denkt, der noch nicht Christ ist, sich aber für die christliche Lehre interessiert und darum den Gottesdienst besucht - dann kann man verstehen, daß viel Aufhebens gemacht wird und er auf den besten Platz komplimentiert wird. (Der soll übrigens nicht etwa vorn gewesen sein, sondern in der Nähe des Ausgangs...) Ein interessierter Armer rangiert im Vergleich dazu natürlich unter ferner liefen. So ein Reicher hat doch ganz anderen Einfluß. Vielleicht schließt er sich der Gemeinde ja an? Und finanzert sie? So weit, so gut. Welches Problem hat Jakobus denn bloß?

Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist?

Jakobus kritisiert hier also nicht nur die Ungleichbehandlung von Reich und Arm durch die Gottesdienstgemeinde, das —Ansehen der Personž, sondern kritisiert die Reichen ganz grundsätzlich: Im Alltag machen sie von ihrer Macht gegen die kleinen Leute Gebrauch und haben mit dem lieben Gott nichts am Hut - und am Sonntag will die Gemeinde sie hofieren? Pfui. Diese Art von Parteilichkeit gegenüber den Reichen ist Sünde. Schlimmer noch und grundsätzlicher:

Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2. Mose 20,13.14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes.

Jetzt ist Jakobus aber total grundsätzlich geworden: Das kleine Beispiel von der Bevorzugung der Reichen im Gottesdienst führt ihn zu grundsätzlichen Gedanken über das Gesetz Gottes. Ausdrücklich spricht er vom Gebot der Nächstenliebe und von den 10 Geboten: Wer eines verletzt, hat alle gebrochen. Wie das? Ein Ausleger dieser Bibelstelle erklärt das mit Hilfe eines Vergleiches: —Wer einen Zaun auch nur an einer Stelle überstiegen hat, hat ihn ganz überstiegen.ž Ebenso, wer ein Gebot mißachtet, der hat alle gebrochen. So holt das jüdische Gesetz als Ganzes die junge Christengemeinde wieder ein.

Paulus hatte ja die Freiheit vom Gesetz gepredigt, das Heil durch Glauben, nicht durch Werke. Manche hatten ihn so verstanden, als dürften sie sich nun alles erlauben: Einmal getauft, hat man seinen Freibrief für alles. Das hielt zwar auch Paulus für ein Mißverständnis, Jakobus im Gegenzug geht aber weiterhin vom Gesetz aus, von einem erweiterten Gesetz geradezu; denn auch die Liebe, die Nächstenliebe, zählt für ihn zum Gesetz. Wer eine Vorschrift mißachtet, bricht damit alle - denn er handelt gegen die Liebe. Die ist der Maßstab. Jakobus nennt sie das Gesetz der Freiheit: Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen.

Gesetz der Freiheit? Was ist das? Was passiert da, wenn aus der Liebe Gesetz wird? Holt die Christen das Gesetz damit nicht wieder ein, das Gesetz als Weg zum Heil? In der Tat wird bei Jakobus nicht so recht deutlich, was wir von Jesus Christus haben - außer noch mehr an Gesetz und andere Gesetze (wie die Bevorzugung der Armen). Das kehrt zwar die bisherige Ordnung um, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Geltung des Gesetzes. Also die bloße Umkehrung? Ob sich die Christen deshalb so gern in die letzte Reihe vordrängen - wie es ein katholischer Bischof mal ironisch gesagt hat? Das ist nämlich das Problem am Gesetz. Man kann die Verhältnisse, das Oben und Unten, umkehren - aber man entgeht ihm so nicht. An die Stelle der Herrschaft der Reichen tritt dann die der Armen. So haben  weltliche Revolutionen gedacht, diese Umkehrung auch praktisch versucht - aber die Tyrannei nicht aufheben können. Gesetz der Freiheit? Wo bleibt da denn die Freiheit?

Rückfrage: Ist das denn eigentlich wirklich für jemanden ein Problem? Was sollte eine Freiheit ohne Gesetz? Bringt doch nur Chaos. Hand aufs Herz: Wir finden Gesetze doch gar nicht so schlecht - solange sie uns nur selber nützen. Und Parteilichkeit? Zugunsten der eigenen Person: Ja, bitte. —Machen Sie doch mal von all Ihren Vorschriften eine Ausnahme - weil ich es bin.ž So hätten wirŽs doch gern. Gesetze für die anderen, Ausnahmen für uns selber. Rot für Fußgänger - aber doch nicht für Radfahrer!

Àpropos Fahrrad. Kommt ein Mann zum Pfarrer: —Herr Pfarrer, so geht das einfach nicht weiter. In unsrem Dorf herrscht keine Ordnung mehr. Da habe ich neulich mein Fahrrad abgestellt und finde es nun nicht wieder. Die Diebe werden immer dreister. Können Sie nicht mal über darüber predigen?ž

Gesagt, getan. Der Pfarrer will das aber gründlich angehen und beginnt eine Predigtreihe, eine Predigtreihe über die 10 Gebote. Ein Gebot nach dem anderen stellt er der Gemeinde vor: das erste, das zweite und das dritte. Das alles interessiert noch wenig. Beim vierten kommen schon mehr Leute in die Kirche und denken an die Probleme mit ihrer Rente. Beim fünften ist die Kirche voll. Mord und Totschlag interessieren immer. Schließlich ist das sechste Gebot dran: —Du sollst nicht ehebrechen!ž Die Kirche platzt aus allen Nähten... Nach dem Gottesdienst kommt der Mann, der die Anregung gegeben hat, zum Pfarrer und sagt: —Vielen Dank, Sie können jetzt schon mal mit den Geboten aufhören. Mein Fahrrad wurde gar nicht gestohlen. Mir ist bei ihrer Predigt wieder eingefallen, wo ich es habe stehen lassen.ž...

Ein Witz natürlich... - wo geht schon ein ganzes Dorf in die Kirche? Und wo entlarvt sich einer so selbst, seine eigene Übertretung eines Gebotes? Doch ist das ein Witz, der zeigt, wie einen das Gesetz immer wieder einholt. Wie es uns alle einholt. Anklagt. Überführt. Schuldig! Und was dann? Wer macht uns frei von unserer Schuld?

Paulus macht klar, was beim Judenchristen Jakobus undeutlich bleibt: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und  uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? (Röm 8, 33f.) Paulus lebt nicht ohne das Gesetz, er lebt im Gesetz Christi, in Christus. Da sollten die guten Taten ganz von selbst kommen, die Unparteilichkeit, die Beachtung der 10 Gebote - aber weil auch der Sünder —in Christusž ist, ist er vor Gott nicht ohne Chance, sondern hat einen, der für ihn eintritt. - Auch Jakobus sieht eine Chance. Er spricht von der Barmherzigkeit: Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Von welcher Barmherzigkeit ist hier die Rede? Nicht nur von der eigenen Leistung der Nächstenliebe, sondern auch von der Barmherzigkeit Gottes. Auf die hoffen ja auch Juden und Muslime. Die Christen aber wissen sich noch einen Schritt voraus, den Schritt, den nicht sie gegangen sind, sondern den Jesus Christus auf die Menschen zugegangen ist, indem er den Tod des Sünders, den Tod —im Namen des Gesetzesž auf sich nahm. Da schauen wir nur noch auf ihn; darauf, daß er bei Gott für uns eintritt, so daß wir eine Chance haben, wenn das Gesetz uns einholt. Unter seinem Kreuz treten alle sonstigen Unterschiede unter uns Menschen zurück.

Das ist die gute Nachricht für alle Armen: Sie brauchen sich nicht zurückgesetzt fühlen, müssen sich aber auch nicht vordrängen. Das ist die gute Nachricht auch für die Schönen und Reichen: In Christus werden sie die Last, den Ballast ihres Reichtums los. Und im Gottesdienst kann man als Gäste grundsätzlich auch Promis begrüßen. Dabei ist allerdings der mittelalterliche Brauch zu empfehlen, das erst nach dem Tagesgebet zu tun. Gott kommt nämlich demonstrativ an erster Stelle. Günther Jauch ist damit vertraut - und Paris Hilton? Die soll ja jetzt an klugen Männern interessiert sein - für ernsthafte Gespräche. Warum also nicht auch an der Kirche? Wir würden sie sicher gern hier begrüßen - natürlich erst nach dem Tagesgebet.
G. Amen.
 
 


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