Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Invokavit über Jak 1, 12-18

Liebe Gemeinde!
Heute möchte ich Sie mit (den) neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden bekanntmachen. Da stellt sich doch gleich die Frage, was der Kirchliche Unterricht eigentlich soll. Kann man das Christsein denn überhaupt lernen? Ist der Glaube nicht Gabe Gottes? Ich beantworte aber beide Fragen mit Ja und behaupte, beides paßt zusammen: Christsein kann und muß man lernen - und doch ist der Glaube allein Gabe Gottes.

Der heutige Predigttext gibt uns das zu erkennen. Wir erleben hier mit, wie religiöse Menschen dabei sind, den christlichen Glauben zu erlernen.
"Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird  von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien."

Manche sind mit diesem Text schnell fertig und nicken ihn ab: "Ja, so ist es." Schluß der Predigt. Warum geht das so schnell? Wir erfahren allgemeine religiöse Weisheiten: Gott wird die belohnen, die auch in schwierigen Situationen zu ihm halten. Sie erhalten die "Krone des Lebens", d.h. sie erhalten den Sieg zugesprochen - wie Schumi als Sieger einen Kranz umgehängt bekommt. "Heil dir im Siegerkranz...." - Lohn fürs Durchhalten, Lohn der Angst. Weltliche Bräuche werden religiös gedeutet, religiöse Zeichen überhöhen weltliches Brauchtum. Von Jesus Christus ist hier erst einmal nicht die Rede.

Populärphilosophisch geht es bei Jakobus weiter: Gott ist gut, heißt es, er tritt nicht als Versucher auf. Gott ist unveränderlich, darum kann er selbst nicht versucht werden. Alles Gute kommt von ihm, "von oben herab". Solche Sätze können wir auch bei den alten Philosophen Philo und Marc Anton lesen. Und die Redensart "Alles Gute kommt von oben" kennen wir sogar heute noch. Das ist Religion allgemein, Normalreligiösität. Von Jesus Christus ist nicht nur keine Rede, sondern auch kein Gedanke. Er kommt nicht vor.

Der Text dieses Anfangs des Jakobusbriefes ist damit eigentümlich modern. Schon hier tritt der Mensch an die Stelle, die früher, an älteren Stellen der Bibel, Gott selbst einnahm: Weder Gott noch der Teufel ist Verursacher der Begierde; sondern ein jeder, der versucht wird, wird  von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Der Mensch also ist seines Glückes Schmied - und auch sein Unglück verschuldet er selbst: Aus der Begierde kommt die Sünde, aus der Sünde der Tod. Sagen heute nicht alle, auch die gläubigen Menschen, daß Gott nichts mit dem Bösen zu tun habe? Daß es allein vom Menschen kommt? Wer Gott die Schuld gebe, der wolle sich bloß von der eigenen Verantwortung freisprechen: "Ich wars nicht, Gott ist es gewesen, der mich versucht hat." Und wer statt von Gott vom Teufel rede, auch der sei nicht bereit, für das eigene Tun die Verantwortung zu übernehmen - und obendrein von gestern. Wer glaube den heutzutage noch an den Teufel?

Damit haben wir die Grundgedanken einer bürgerlichen Religion vor uns, die es damals wie heute gibt: Gott ist gut - und der Mensch muß sehen, wie er das Beste aus seinem Leben macht. Das ist die normale Religiosität, eine Lebensphilosophie mit Gott als Geber alles Gutem im Hintergrund. Ein moderner Ausleger hat kein Problem damit und meint:

Der Schwerpunkt des Textes liegt offensichtlich auf der Aussage, daß Gott uns nicht versucht, sondern wir selbst. Wenn wir also einer Anfechtung widerstehen, dann widerstehen wir im Grunde nur uns selbst. So schwer dürfte das nicht fallen - vor allem nimmt es uns das Argument, jemand anderes sei für unser Handeln verantwortlich. Wir können für die Fehler, die wir machen, nicht andere, schon gar nicht ominöse Größen wie den "Teufel" oder "Versucher", verantwortlich machen, sondern müssen die Ursache bei uns suchen.
Damit wird die Tatsache ernst genommen, daß Gott uns schöpfungsgemäß die Fähigkeiten mitgegeben hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und entsprechend uns für das eine oder das andere zu entscheiden. Es liegt in unserer Hand. Denn eben, von Gott kommt alles Gute, und von ihm können wir auch die Hilfe erwarten, die wir brauchen, um uns von uns selbst zu befreien.

Das zu glauben ist unter religiösen Menschen heute so selbstverständlich, daß wir gar nicht merken, wie philosophisch-abstrakt einerseits und wie wenig christlich andererseits diese Gedanken sind. Eine simple Frage nur: Können wir wirklich zwischen Gut und Böse unterscheiden und uns für das eine oder andere entscheiden? Wieviel Gutes meinen Sie tun zu müssen, um gut zu sein? Konkret: Ab wieviel Euro ist Ihre Kollekte erst wirklich eine gute Tat? Ab welchem Betrag sind wir von uns selbst befreit? Sollte es nicht etwas mehr sein? Der moderne Ausleger muß da verstummen, Jakobus aber ist noch nicht am Ende.

Jakobus fängt seinen Brief zwar mit solchen religiösen Allgemeinplätzen an - aber er endet nicht damit. Er trägt zunächst vertrautes religiöses Gedankengut vor - und dann erleben wir mit, wie daraus allmählich der christliche Glaube wächst. Im heutigen Abschnitt beginnt das mit dem letzten Satz: "Er (Gott) hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien."

Das Wort der Wahrheit ist das Evangelium von Jesus Christus. Das macht uns zu neuen Menschen, zu "Erstlingen der Geschöpfe". Die allgemeinen religiösen Wahrheiten: "Gott ist gut" und "der Mensch ist für sein Tun verantwortlich" werden hier nicht einfach ungültig - aber weitergedacht. Gott ist nicht nur der, der uns in unseren Bemühungen unterstützt, Gott ist nicht wie die Oma, die mit 'nem Zehner das gute Zeugnis belohnt: Gott hat direkt eingegriffen in den Lauf der Welt durch "das Wort der Wahrheit" - und das war erst der Anfang einer grundsätzlich neuen Schöpfung. Die traditionell Gottgläubigen erfahren, was sie als Christen sind: Vorboten einer neuen Welt. Sie fangen an, sich neu zu verstehen. Aus allgemeinreligiösen Menschen werden Christen.

Liebe Gemeinde, liebe Vorboten also, wir sind der Beginn der neuen Welt Gottes. Und die ist allein Gottes Tat - wie der Glaube an ihn. Und daran können wir etwas ganz Grundsätzliches lernen: Glaube ist noch nicht christlich, solange wir nur allgemeine religiöse Sätze aufsagen - wie hier im Jakobusbrief - und Gutes tun. Martin Luther hat deshalb den Jakobusbrief eine "stroherne Epistel" genannt, einen trockenen Brief, der mehr vom Menschen und seinen Werken als von Gott und seinen Taten redet: "Er nennt Christus etliche Male, aber er lehrt nichts von ihm, sondern redet vom allgemeinen Glauben an Gott." Christliche Schriften aber lehren von Christus: "Auch ist das der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht."

Nehmen wir das Beispiel von der Versuchung: Hier im Jakobusbrief sind die eigenen Begierden des Menschen Ursache alles Bösen. An anderer Stelle der Bibel wird eine böse Handlung mal auf Gott, mal - wie im heutigen Evangelium - auf den Teufel als Versucher zurückgeführt. Und wir beten im Vaterunser zu Gott: "...führe uns nicht in Versuchung!" Was ist denn nun richtig? Antwort: Man muß als Christ lernen, in Aspekten zu denken. Der eine schließt den anderen nicht aus. Jeder hat ein Stück weit recht: Wer das Böse auf den Menschen zurückführt, will die Verantwortung des Menschen für seine Taten betonen; wer es auf den Teufel zurückführt, will betonen, wie übermenschlich die Macht des Bösen ist und wie groß die Gefahr, ihr zu erliegen; wer es auf Gott zurückführt, will sagen, daß Gott allein alles in der Hand hält, auch das, was sich gegen ihn richtet. Können wir da sagen, der eine oder der andere Aspekt sei falsch?

In Aspekten zu denken, das will allerdings gelernt sein - auch in Sachen Religion. In vielen anderen Zusammenhängen ist uns das schon längst selbstverständlich. Z.B.: Was ist das? - Euronote - Kein Mensch kommt auf die Idee zu sagen, es sei Papier oder Geld - im Gegenteil, es ist mehr als nur Papier und Geld, es ist ein Stück europäischer Geschichte. Stellen Sie sich vor, einer sagte im Ernst, das sei nur Papier: - Verbrennen andeuten -

Anderes Beispiel: In der Physik lernt man, daß neue Theorien fast immer Erweiterungen der alten sind. Die alten sind nicht falsch, sondern lediglich Spezialfälle eines größeren Zusammenhangs. Die uns vertrauten Naturgesetze von Ursache und Wirkung beispielsweise gelten nicht unter allen Bedingungen.

Schon in der Schulphysik verläßt man dabei die Grenzen der Anschaulichkeit: Die uns vertrauten drei Dimensionen Länge, Breite und Höhe und die vierte der Zeit sind theoretisch nur bei Annahme noch weiterer Dimensionen verständlich. Berühmt ist das Beispiel des Möbius-Streifens: Gibt es einseitige Flächen? Oder praktisch gefragt: Kann man von einer Seite einer Schlaufe auf die andere gelangen, ohne die Fläche zu durchstoßen? Ganz einfach, man muß die Schlaufe nur verdrehen: - zeigen - Es gibt also einseitige Flächen.

Letztes Beispiel: Das Licht verhält sich mal wie winzigkleine Teilchen, mal wie eine elektromagnetische Welle. Vor 80 Jahren war diese Erkenntnis noch nobelpreiswürdig, heute ist das Schulstoff. Widersprüche muß man in Kauf nehmen, selbst wenn man nur die Welt verstehen will.

So haben wir lernen müssen, in Aspekten zu denken und das Schwarz-Weiß-Denken von Entweder-Oder aufzugeben. Genug der Physik - aber solch mobiles Denken ist auch fürs Christentum nötig; denn das redet von Gott nicht allgemein, sondern konkret: von Gott in Jesus Christus. Und auch der kann nicht auf einen einzigen Aspekt festgelegt werden: Er ist Gott und Mensch.

Und der Glaube? Er kommt allein von Gott - aber was es heißt zu glauben, wie man den Glauben lebt und sich mit seiner Hilfe in der Welt orientiert, Christsein also, das können und müssen wir lernen. Glaube ist Gabe und Aufgabe. Dafür gehen wir ein Leben lang in die Schule des Glaubens und lesen die Bibel - laut Martin Luther - wie das liebe Rindvieh: indem wir das Wort der Wahrheit immer wieder lesen und durchkauen wie die Wiederkäuer das saftige Gras. Wer zur christlichen Vorhut gehören will, muß also ein Wiederkäuer sein. Dazu Willkommen, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden - und guten Appetit!
Amen.
 
 


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