Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 24. Sonntag nach Trinitatis über Hiob 14, 1-6

Liebe Gemeinde!
So ein fröhliches Lied vom Tod singen - geht das eigentlich? Ist das nicht pietätlos? Ist der Tod nicht eher eine Sache von Moll statt Dur, von großem Ernst statt leichter Heiterkeit? Versuchen wir es darum also einmal so:

- Textlesung -

Genug, werden Sie jetzt sagen, genug, das reicht uns aber für heute morgen. So geht das doch auch nicht. Schon das Wetter ist jetzt immer öfter zum Sterben - und dann auch noch so ein trauriger Text. Das zieht einen doch bloß noch weiter runter. Wo, bitte, bleibt das Positive, die gute Nachricht? Tja, wo bleibt sie denn?

Diese Meditation über Leben und Tod aus dem Buch Hiob bringt sie jedenfalls nicht. Eher sehen sich beim Hören dieses Textes alle, die des Lebens und seiner Mühen überdrüssig sind, in ihren Gefühlen bestätigt: Das Leben vergeht. Es ist kurz und voller Unruhe. Wie eine Blume blüht der Mensch auf und verwelkt. Er verschwindet wie Schatten im Aufgang der Sonne. Kürzer und besser kann man das menschliche Leben wohl kaum beschreiben. Frustrierend, auf den ersten Blick jedenfalls. Nur, darüber nachdenken sollte man doch noch:

Das Leben vergeht. Eben - und das ist auch gut so. Was, wenn alle Enttäuschungen, alle Not und alles Leiden ewig so weitergingen? Das wäre doch wohl noch schlimmer. Kann man sich schon bei unangenehmen Einzelsituationen, bei Prüfungen und Arztbesuchen, beim Warten auf Ämtern und in Krankheit damit trösten, das das alles irgendwann vorbei ist, einfach durch Ablauf von einiger Zeit, nur noch 15 Minuten, bis es wieder klingelt: schulfrei! - so gilt das erst Recht fürs Leben insgesamt. Vergänglichkeit ist auch ein Vorteil. Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten ewig leben - und die anderen täten das auch.

Zunächst klingt das wie die Erfüllung eines alten Menschheitstraumes. Aber in Wirklichkeit ist das die Hölle auf Erden: immer dieselben Menschen mit ihren ewig gleichen Macken um einen herum, alles hat man schon einmal erlebt, alles kehrt wieder - wie langweilig, wie sterbenslangweilig. (Bloß, daß man eben nicht mehr sterben kann.) žAm besten, Sie erschießen michÓ, sagte mir neulich einer, der seinen Willen nicht kriegte, sich aber auch nicht helfen lassen wollte. Und da war die alte Dame, die am liebsten schon vor Jahren Gift genommen hätte. Der Tod ist also auch eine gnädige Begrenzung des Lebens.

Alt und lebenssatt - nicht lebensüberdrüssig - zu sterben, das war für die Menschen im Alten Bund das Ideal. Bei Hiob allerdings sieht das anders aus: Der Mensch stirbt früh nach einem Leben in Schwäche. Hiob beklagt aber nicht einfach das Schicksal der Vergänglichkeit im allgemeinen, er will von Gott in Ruhe gelassen werden. Das ist Hiobs Wille. Wenn das mit dem Leben und Sterben schon so ist, wie es ist, dann soll Gott den Menschen wenigstens in Ruhe lassen, statt ihn zu beobachten und zur Rechenschaft zu ziehen. Dann soll er ihm doch wenigstens die kurze Freude des Tagelöhners gönnen, der seine Arbeit hinter sich gebracht hat. Ein bißchen Frieden.

Hiob ist dabei klar, daß bei diesem Leben nicht viel herauskommen kann: žWie könnte ein Reiner von Unreinen kommen? Auch nicht einer!Ó Was kann man, was kann Gott vom Menschen da erwarten? Es soll ja immer noch Mitmenschen geben, die sich wundern, daß die Leute nicht nett zu ihnen sind: Wieso sollte das denn sein? žWie könnte ein Reiner von Unreinen kommen? Auch nicht einer!Ó Das Ideal vom Gutmenschen kann sich jedenfalls nicht auf die Bibel berufen. Die weiß, wer wir wirklich sind - frei nach Tucholsky (oder war es Kästner?): žDie Menschen sind gut. Wenn bloß die Leute nicht wären...!Ó

žWie könnte ein Reiner von Unreinen kommen? Auch nicht einer!Ó In der Alten Kirche wurden Sätze wie diese zur Begründung der Lehre von der sogenannten žErbsündeÓ genommen. Heute versteht man sie wieder ganz ursprünglich in Hiobs Sinn als Aussage über das Wesen des Menschen - ohne dabei an Sex zu denken, an die Vererbung von Schuld durch Zeugung und Geburt:
Der Mensch lebt als Schuldbeladener in einer Gemeinschaft von Schuldbeladenen, kurz gesagt: Der Mensch ist Mensch, vergänglich und fern von Gott.

Anders als den Menschen heute ist Hiob Gott allerdings immer noch zu nah. Hiob weiß nämlich um das kommende Gericht Gottes. Dabei ist das Ergebnis, das Urteil doch klar: schuldig. Wie könnte es anders sein? Was aber soll das dann, dieser Prozeß mit sicherem Ausgang? Besser also žleben, als ob es Gott nicht gäbe?Ó Das versuchen die Menschen von heute: um die Unruhe loszuwerden, um das Gericht Gottes loszuwerden. Hiob dachte anders: Er klagte Gott an wegen der aussichtslosen Lage des Menschen. Er fühlte sich unschuldig, weil es doch so ist, wie es ist: žWie könnte ein Reiner von Unreinen kommen? Auch nicht einer!Ó

Das Buch Hiob - eine lange Meditation über Tod und Leben. Es endet ohne Ausweg, ohne Antwort auf die vielen Fragen, obwohl Hiobs Leiden endet. Eine Rahmenerzählung erklärt: Das Ganze war nur ein Deal, ein Deal des Teufels mit Gott, ein Test. Wie unschön. Doch Hiob hielt an Gott fest, obwohl der ihn scheinbar fallenließ. Hiobs Leiden kam und ging.

Seit dem biblischen Buch Hiob haben wir Menschen noch viele Erfahrungen mit Tod und Leben gemacht - aber auch mit Gott. Und das hat vieles verändert. Die Klage über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens ist zwar immer noch lebendig. Noch bei Shakespeare deklamiert Hamlet (und spielt dabei mit dem Totenschädel): žSein oder Nichtsein - das ist hier die Frage.ž

Immer noch lebendig ist auch der Wunsch nach Befreiung von der Last des Lebens und auch der Wunsch, von Gott in Ruhe gelassen zu werden - aber es ist ein neuer Faktor im Spiel, der die Regeln geändert hat: Jesus Christus, sein Sterben und Auferstehn. Tod und Leben sind jetzt nicht mehr unversöhnliche Gegner, die einander gegenüberstehen wie zwei Boxer, wobei man immer schon weiß, wer am Ende gewinnt, sondern Tod und Leben sind ineinander verschränkt: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen - mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen.

Dem Gericht Gottes entgeht dabei keiner - und das ist auch gut so. Nicht, weil es für die große Abrechnung am Ende steht, sondern weil es uns gerecht machen wird, auch unsere Taten zurechtbringen wird, diesen ganzen von Menschen unentwirrbaren Kuddelmuddel, den wir tagtäglich anrichten. Wo wir keine Möglichkeiten mehr haben: Gott machtŽs möglich. In Jesus Christus springt Gott selbst in die Waagschale unserer Taten, so daß sie sich zu unseren Gunsten neigt. Auch die Opfer der Weltgeschichte werden am Ende zu ihrem Recht kommen.

So gesehen, kann dieses Gericht Gottes nicht schnell genug kommen, der žliebe jüngste TagÓ, wie Martin Luther ihn nannte. Aber schon bis zu jenem Tag können wir in Jesus auf Gottes gerechtmachende Gerechtigkeit vertrauen - glauben. Das meint ja das heutzutage wieder vielstrapazierte Wörtchen «glaubenŽ. Hat nicht jeder seinen Glauben? Im christlichen Sinn aber meint «glaubenŽ: in Jesus Christus auf Gottes gerechtmachende Gerechtigkeit vertrauen können. Das erst ist wirklich Glauben. Das ist Leben.

Mit dem Tod also irgendwie fertigwerden - das können wir gar nicht. Und das müssen wir auch gar nicht. Denn mit dem Tod fertiggeworden ist Jesus Christus. Er hat ihn besiegt - zugunsten unseres Lebens. Und darum können wir Christinnen und Christen mit so einer fröhlichen Melodie vom Tod singen und vom Ende der Welt und vom Gericht Gottes. Wir könnten sogar selbst mit Totenköpfen spielen - nur daß Andersgläubige (und auch unser Staat) uns da mißverständen und uns wegen žStörung der TotenruheÓ belangen würden. Dabei hoffen wir doch nichts sehnlicher, als daß die Ruhe unserer Toten dereinst gestört werden wird, gestört von der Macht des Schöpfers aller Dinge, der auch den Staub nicht von seiner Herrschaft ausschließt, sondern einschließt in den Ruf zum Leben in ihm.

Gewiß, wir können das nicht selbst vorwegnehmen. Und noch drückt uns nicht allein die Last des Todes, sondern auch das Sterbenmüssen. Aber auch die Hoffnung auf Gott leben wir ja schon jetzt. Darum können wir den Tod verspotten - oder wenigstens makabre Witze über die Gesundheitsreform machen: žHerr Doktor, Herr Doktor, die Zuzahlung ist zuviel. Ich kann Ihre Rechnung jetzt einfach nicht bezahlen.Ó žKeine Sorge - Sie werden noch lange genug leben, um sie bezahlen zu können. Dafür werde ich schon sorgen.Ó

Und wie der in diesem Sommer verstorbene Satiriker Robert Gernhardt bleiben wir auch angesichts des Todes höflich:
—Ach, noch in der letzten Stunde werde ich verbindlich sein.
Klopft der Tod an meine Türe, rufe ich geschwind: Herein!ž
Amen.


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