Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Karfreitag über Hebr 9, 15.26b-28

Liebe Gemeinde!
Das ist das Ende, das Ende der Welt. Dieser Satz beschreibt nicht das Gefühlsleben der Jünger unter dem Kreuz nach Art der heutzutage so beliebten Reporterfrage - —wie fühlten Sie sich angesichts des Todes Jesu? - , mit diesem Satz deuten die Jünger bereits, was da geschehen ist. Daß für sie eine Welt zusammenbrach, als sie Jesus am Kreuz sterben sahen, das hat seine ganz eigene, noch viel grundsätzlichere Wahrheit. Der Brief an die sogenannten Hebräer - an Christen aus dem Judentum - gibt dem Geschehen am Kreuz genau diese kühne Deutung: Das ist das Ende, das Ende der Welt.

"Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer, die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal  geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil."

Worte wie in Stein gemeißelt, wie ein Grundsatzprogramm: Das Kreuz Christi - das Ende der Welt. Mit dem Tod Jesu geht eine Welt zu Ende: die Welt des antiken, insbesondere des jüdischen Opferkultes. Für uns ist das folgerichtig eine ferne Welt geworden; damals aber war sie noch lebendig, diese Welt des Opferns. Ihr Grundgedanke: Solange Menschen sündigen, müssen Opfer gebracht werden - um Sühne zu leisten, um das Verhältnis zu Gott wieder ins Reine zu bringen. Dieser Grundsatz - eine Selbstverständlichkeit.

Revolutionär aber seine Anwendung auf Jesus und seinen Tod am Kreuz: Auch sein Tod nimmt wie das Sterben der Opfertiere Sünden hinweg - aber zugleich stellt er die Wende dar, das Ende der alten und den Beginn einer neuen Welt. Als Deutung des Todes Jesu bringt der Brief an die Hebräer auf diese Weise die Welt des Opferns mit dem Gedanken von der großen Wende zusammen.

Auch der stammt aus einer anderen Welt - aus der Weltanschauung der sogenannten Apokalyptik. Die nun ist alles andere als vergangen. Immer wieder im Laufe der Geschichte der Menschen taucht sie auf, in den meisten Religionen, aber auch ganz weltlich, von den alten Germanen bis hin zu den Marxisten und zur «Neuen WeltordnungŽ der USA. Ihr Grundgedanke: Die Welt - so wie wir sie kennen - geht zu Ende. Wann? Bald? Das ist eigentlich egal. Entscheidend ist: Sie ist buchstäblich —am zu Ende gehenž. Und dann - also irgendwann - kommt eine neue Zeit. Schon Markus hatte den Tod Jesu so verstanden, als diese große von Gott her kommende Wende - und nun kombiniert der Hebräerbrief beides: Die Welt des Opferns für Sünden ist zu Ende - und eine neue Welt hat begonnen.

Was noch ist da alles passiert? Die Gedanken sind vielfältig und berühren sich: Nun besteht von Gott her ein neuer Bund. Und Jesus ist der Mittler dieses Bundes. Den neuen Bund zwischen Gott und Mensch hat er nicht nur vermittelt wie ein Unterhändler einen Vertrag zwischen zwei Parteien vermittelt, er ist selber Grundlage des Vertrags: Weil sein Tod erfolgt ist für die Sünden, sind die Menschen freigekauft, erlöst. Er selbst ist das Lösegeld.

All das zu hören, diese Bündelung von Themen, kann einen fast schwindelig machen. Man verliert leicht die Übersicht. Die im Hintergrund stehenden Vergleiche sind uns zwar nicht fremd - nicht der Gedanke der Wende, nicht der eines Vermittlers, nicht das mit dem Lösegeld - aber das vom Tod eines im Namen des Gesetzes hingerichteten Verbrechers zu sagen: Das ist unglaublich. Wie kommt man bloß auf so was?

Noch einmal müssen wir dazu auf den Glauben Israels schauen: Israel kannte ja seine Bundesgeschichte, die Geschichte der erfolglosen Propheten: deren Kritik am Opferwesen, ihre Hoffnungen auf einen neuen Bund - bis hin zu jenem unbekannten Gottesknecht beim Propheten Jesaja, der leidet um der Sünden des Volkes willen. Und es hoffte auf einen Retter, auf den Messias. Der würde eines Tages von Gott her kommen, um Gottes Verheißungen wahrzumachen - den neuen Bund schließen, das Opfern auf eine neue Grundlage stellen, das göttliche Gericht über die Menschen vorbereiten. Dieses Gericht Gottes kommt vielleicht schon nach dem Tod. Aber auf jeden Fall kommt es für alle - am sogenannten Tag Jahwes. Aber vorher kommt der Messias.

Auch diesen letzten Gedanken bezieht der Hebräerbrief noch ein in seine neue Gesamtschau des Kreuzes Christi - und es entsteht ein neues Weltbild, eine neue Welt, die Welt des christlichen Glaubens: Jesus ist dieser Messias, griechisch: der Christus. Sein Tod war schon das Gericht Gottes über die Menschen. Die Folge: Wenn er dereinst wiederkommt - dann zum Heil. Und mit ihm ist dann der Tag Jahwes gekommen - ein guter Tag, der Tag, an dem wir unsere Erbschaft ausgezahlt bekommen - das Heil, also den Frieden und das Leben mit Gott, hebräisch: den Schalom.

Wenn Juden heutzutage ihre Hoffnung auf einen Messias setzen, dann natürlich nicht auf Jesus - damit wären sie ja Christen. Aber einige wenige davon gibt es doch: Sie leben in den USA und in einigen Dörfern Israels und nennen sich Messianic Jews. Sie sind so etwas wie die geistigen Nachfahren jener Zielgruppe, an die sich der Hebräerbrief mit seinem aus dem Judentum gewonnenen christlichen Weltbild einst richtete, nämlich Christen aus dem Judentum, Judenchristen. Sie glauben wie wir an Jesus als den Messias.

Und die anderen? Ein amerikanischer Rabbiner sagte mal, wenn der Messias käme, möchte er ihn etwas fragen, nämlich: —Sir, is this your first visit?ž Ist das ihr erster Besuch bei uns?

Noch bleibt für ihn die Antwort offen - und die Welt (nicht nur die der Religionen) sucht weiter nach ihrem Erlöser: —Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?ž Die Christen aber haben ihn in Jesus von Nazareth, dem Gekreuzigten gefunden - an jenem Tag des Endes, des Endes der Welt.

Zwar fragen auch wir uns: Wann wird das endlich was mit der großen Erbschaft, mit dem Frieden Gottes, mit der Weihnachtsbotschaft der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens? Doch bleiben wir nicht ohne Antwort von Gott. Wir haben ja schon etwas: nämlich den Glauben an Jesus, den Gekreuzigten. Und was haben wir damit? Das Ende der Welt - das Ende der alten Welt, in der nicht Glaube, Liebe und Hoffnung zählen, sondern Macht, Ruhm und Ehre. Aber das sei doch unsere Welt, werden Sie einwenden, so sehe sie doch immer noch aus. Um so schlimmer für diese Welt - weil das bei Gott ausgespielt hat. Noch kämpfen alte und neue Welt gegeneinander - täglich, in jedem von uns - aber der Glaube weiß, wie dieser Kampf ausgeht: tödlich - für die alte Welt. Diesen Glauben haben wir empfangen.

Wir glauben ja nicht aus eigener Kraft oder gegen alle Hoffnung, sondern im Heiligen Geist; und den nennt Paulus häufiger das Unterpfand unsres Erbes - also eine erste Anzahlung, einen Vorschuß - von dem es sich leben läßt: auch im Angesicht von Leiden, Schmerz und Tod. Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und  versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat. Ein Pfand verpflichtet: Nach antiker Sitte verpflichtet es dazu zusammenzuhalten - durch dick und dünn. Am Kreuz Jesu ist Gott diese Verpflichtung eingegangen, hat er sich der alten Welt des Todes ausgeliefert. Für sie bedeutete das ihr Ende, das Ende der Welt. Darum läßt Johannes Jesus sprechen: —Es ist vollbracht.ž

Und so wird aus dem Freitag, dem Todestag Jesu, aus dem Kar-freitag - nach dem althochdeutschen Wort kara für Sorge - der gute Tag, englisch: der —good Fridayž. In diesem Sinne also: einen —Guten Tagž.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite