Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Judika über Hebr 5, 7-9

Liebe Gemeinde!
—Gott, schaffe mir Rechtž: So hat dieser Sonntag begonnen - und so geht er auch weiter. Denn wer so spricht, braucht Hilfe. Er oder sie ist verzweifelt, ruft darum keinen menschlichen Richter mehr an, sondern Gott; will ein Urteil Gottes, ein Gottesurteil.

Gottesurteil? Das klingt nach Mittelalter, nach Aberglaube: Wenn die wegen Hexerei Angeklagte und gefesselt ins Wasser Geworfene oben schwimmt, ist sie eine Hexe und wird hingerichtet; geht sie unter, ist sie keine - aber ertrunken. Wahrlich kein Gottesurteil, sondern Ausdruck menschlicher Bosheit, vielleicht auch menschlicher Hilflosigkeit. In der Bibel klingt das anders. Unser heutiger Predigttext aus dem Brief an die Hebräer - also an Christen aus dem Judentum gerichtet - gibt eine Antwort, wie Gott uns Recht verschafft, wie sein Urteil aussieht. Während uns Frau Rössler den Abschnitt noch einmal langsam vorliest,  zeichne ich dazu eine einfache Skizze:

[Und Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt,  Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.]

Wie also verschafft Gott uns Recht? Indem er zu uns hält. Warum tut er das? Das liegt an Jesus. Jesus bringt uns, die wir zu ihm halten, zu Gott. Wie kann er das? Er hat selbst zu Gott gehalten, und Gott hielt zu ihm: in seinem Leben, Leiden und Sterben. Der Hebräerbrief erläutert das mit Gedanken, die einem frommen Juden vertraut sind: 1. Beten und Bitten bringt Erhörung. 2. Leiden kann Gehorsam lehren. (Gehorsam, das meint das Halten des Ersten Gebotes.) Und 3.: Gott rettet den, der ihn ehrt. So hat er Jesus zum Grund unseres Heiles gemacht. Anders gesagt: Jesus ist so etwas wie unser Anwalt. Gott gibt ihm Recht - was weder —Liebling Kreuzbergž noch —Edel&Starckž erreichen könnten. Wer sich dagegen auf Jesus als seinen Anwalt verläßt, hat Gott auf seiner Seite.

Man kann diese Gedanken auch anders wiedergeben: wie Paulus, der als Kurzformel von der Gerechtigkeit allein aus Gnade sprach - und vielleicht auch so, wie ich das zu zeichnen versucht habe: mit Symbolen, mit sichtbaren Zeichen für Gottes unsichtbares Handeln: Jesus Christus auf Erden bleibt mit Gott verbunden; mit Gott im Himmel verbunden bleibt er mit uns verbunden. So schafft Gott uns Recht, macht er uns heil.

Das ist so etwas wie eine Kurzfassung, eine Skizze der theo-logischen Beziehungen zwischen Gott und Mensch, die der Hebräerbrief mit Worten ausdrückt. In einen größeren Zusammenhang werden diese Symbole durch dieses Tuch gestellt, eine Sammlung christlicher Symbole nach Art eines Quiltes. Die Konfirmandinnen dieses Jahrgangs haben es auf ihrer Freizeit angefertigt. Was sehen wir?

Lamm  Wasser  Taube

Fisch   Kreuz   —Peacež-Zeichen

Regenbogen  Licht   Schiff

All das christliche Symbole, Zeichen, die ich sehe, um etwas zu sehen, was ich sonst nicht sähe: was nämlich Gott für uns tut, wie er uns Recht verschafft.

Wir können hier auch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Symbolen entdecken: in der Mitte das Kreuz als Zeichen für Christus und weitere Christus-Zeichen - das Wasser der Taufe, das den Täufling aus  den todbringenden Wogen des Bösen rettet, das —Licht der Weltž, das alle Dunkelheit vertreibt. Links Zeichen für die Beziehung, die wir durch Jesus zu Gott haben: beginnend mit dem Regenbogen als Zeichen des Bundes, der Fisch (Jesus Christus Gottes Sohn Retter) und das Lamm, das letzte Opfer: —Christe du Lamm Gottesž. Rechts dann Zeichen für die neue Beziehung von Gott und Mensch: die Taube - der Heilige Geist, das Schiff der Gemeinde und der Friede, zu dem Gott uns bestimmt hat. Friede: So lautet Gottes Urteil über den Menschen, zu dem er durch unseren Anwalt Jesus kommt. Friede - wie schön! Aber bei seinem Urteil geht es um Leben und Tod.

Wenn wir nämlich Gott bitten, er möge uns Recht verschaffen, dann erfüllt Gott diese Bitte zwar durch Jesus - aber dabei werden wir vom Kläger, der sein Recht will, zum Angeklagten. Wer von Gott sein Recht verlangt - sozusagen einen Prozeß anstrengt - ist dabei selbst vor Strafverfolgung nicht immun. Von Rechts wegen müßten wir ja Strafe erleiden, Strafe für die Mißachtung von Gottes Gebot. In diesem Prozeß kommt eben alles zur Sprache. Gottlob haben wir in Jesus ja unseren Anwalt, einen Anwalt der besonderen Art: Als —Anwalt der Gerechtigkeitž setzt sich für uns ein, nimmt er die uns drohende Strafe auf sich. Rein rechtlich gesehen, geht so was natürlich nicht, daß Anwälte die Strafe für einen Angeklagten mittragen (obwohl das bei Edel&Starck neulich einmal vorkam - und davon träumt wohl jeder Angeklagte). Im Prozeß mit Jesus geschieht nun genau das. Und Jesus setzt noch eins drauf: Er trägt die Strafe nicht nur mit - der trägt sie ab. Ganz allein.

Ist das gerecht? Jedenfalls ist das nicht unsere Gerechtigkeit. Gott handelt hier nach eigenem Recht: Er hat die alten Regeln außer Kraft gesetzt. Gott hat zu Jesus gehalten und ihm Recht gegeben. Das ist das Gottes-Urteil - das einzige, das diesen Namen verdient. So haben die Menschen, die nicht mehr wissen, wo sie hingehören und die von Rechts wegen in die Hölle gehören, weil sie Gott und seine Gebote mißachten, wieder einen Platz bekommen, den Platz unter dem Kreuz Jesu.

Für uns, die wir Gott bitten: —Schaffe uns Rechtž heißt das: Der Kläger, der Gott um seinen Rechtsspruch bittet, wird zum Angeklagten - aber durch Gottes Urteil über Jesus gerettet: Freispruch. Das letzte Gottesurteil - am Kreuz vollstreckt. So wurden wir geholfen.
Amen.
 
 


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