Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Sexagesimae über Hebr 4, 12-13

Liebe Gemeinde!
—Worte sind Schall und Rauch... - bloß heiße Luft... - gehen hier rein, da raus... ž. Wirklich? Worte können doch auch weh tun und verletzen: —Deine Mutter ist eine Hurež, hieß es unter jungen Leuten neulich in unserer Siedlung. Das löste auch unter den Erwachsenen gleich einen heftigen Nachbarschaftsstreit aus - und einen größeren Polizeieinsatz, bis der Einsatzleiter brüllte: —Ich kapier nicht, was hier los ist - aber gebt endlich Ruhe!ž Worte setzen Armeen in Marsch, selbst lügnerische Worte - wie der Satz, Saddam Hussein hätte in 45 Minuten Massenvernichtungswaffen einsatzbereit. Worte können sogar töten: —Feuer frei!ž

Worte lassen auch tief blicken, entlarven Klischees. Treffen sich zwei Psychiater: —Hallo, wie gehtŽs mir?ž ... Selbst Scherzworte landen Treffer: —Woran erkennt man im Fasching einen Arzt? - Er zahlt alles mit 10-Euro-Scheinen.ž Und das Kabarett hat das aufdeckende Wort zur Kunstform entwickelt: —Junger Mann, Ihnen fehlt wohl die Konzentration. Wir haben ein Lager, da können Sie das lernen.ž (so Werner Finck in den ersten Jahren des Nationalsozialismus)

Und was macht Gottes Wort? - Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Gottes Wort richtet die Welt - es richtet sie nicht zugrunde, aber es legt offen, was ist. Mit diesem Resümee schließt der Brief an die Hebräer einen Gedankengang ab, der an Beispielen aufzeigt, was mit diesen Sätzen von der Wirksamkeit des Wortes Gottes gemeint ist: Es geht hier um das Schicksal Israels. Gott hat es aus Ägypten befreit und ihm Land versprochen. Doch wegen Israels Mißachtung von Gottes Gesetz heißt es in Psalm 95: —Sie sollen nicht kommen in das Land meiner Ruhe.ž
Der Hebräerbrief führt dieses Wort an, um offenzulegen, daß Israel sich noch gar nicht der Ruhe des Gelobten Landes erfreuen kann und Gottes Wege mit seinem Volk noch weitergehen - über das neue Volk Gottes, die Christen. - Dieser Satz ist verheerend für Israel. Er zerstört sein Selbstverständnis, den Glauben, Gottes Wege mit seinem Volk gipfelten im Gesetz und im Tempel. - Der Verfasser des Hebräerbriefes hat dabei vor Augen, was zu seiner Zeit schon passiert ist: Das Judentum hat sich gespalten, die Anhänger Jesu Christi gewinnen rasch die Mehrheit. Und nun will er auch die anderen mit ins neue Boot bekommen. Dazu erzählt er die Geschichte seines Volkes noch einmal neu - mit vielen Stellen aus der Bibel, denen er einen neuen Sinn gibt. Er deckt auf, wie Gottes Heil fern ist von seinem Volk - und wie man es in Christus findet.

Für Israel ist das ein schmerzhafter Prozeß, dem sich viele auch entziehen. Der Gedanke vom Gericht durch das Wort Gottes ist ihnen zwar nicht fremd - aber sie wenden ihn nicht auf ihre Situation an. Sie kennen Worte wie die des Propheten Jeremia (23,29): —Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?ž Gottes Wort hat Macht. Oder Jesaja (49,2): —Der Herr hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.ž Der Prophet und seine Botschaft - sie landen Treffer. Das Buch der Weisheit nennt Gottes allmächtiges Wort einen —Kriegsmannž und fährt fort (18,16): —Er trug ein scharfes Schwert, nämlich dein unerbittliches Gebot, und trat hin und erfüllte alles mit Toten, und obwohl er auf der Erde stand, berührte er doch den Himmel.ž

Vor unseren Augen entsteht das Bild vom Gericht Gottes am Jüngsten Tag - und tatsächlich stellen es die Künstler so dar, daß sie dem wiederkehrenden Herrn ein zweischneidiges Schwert in den Mund legen: Gottes Wort richtet die Welt - es richtet sie nicht zugrunde, aber es legt offen, was ist.

Der Gedanke an solches Gericht ist vielen allerdings nicht angenehm, der Gedanke an solch machtvolles Offenlegen. Wen wundertŽs: Wir machen ja miteinander viele, viel zu viele unangenehme Erfahrungen mit unserem eigenen Richten durch Offenlegen. Unsere (Medien-)Welt ist eine Welt der Skandale. Die John Kerry nachgesagte Affäre - einmal offengelegt, könnte sie das Ende seiner Karriere bedeuten. Das —Gericht der Öffentlichkeitž ist gnadenlos.

Allerdings frage ich mich, wo das größere Problem liegt: im Öffentlichmachen solcher Beziehungsgeschichten - oder nicht doch eher im Verheimlichen wichtiger politischer Weichenstellungen? Was ist John Kerrys Affäre gegen das Milliardengrab Toll Collect? Jedenfalls sollten wir nicht glauben, heutzutage würde alles aufgedeckt, was an wirklich Wichtigem aufgedeckt werden müßte - bloß weil wir von ein paar Bettgeschichten hören. (Präsident Mitterand seinerzeit konterte nur kurz: Et alors? Na und? - Ende der Affäre.) Was wissen wir schon wirklich? Nur die alte Witzfigur des Grafen Bobby wundert sich, wieso jeden Tag auf der Welt gerade so viel passiert, daß die Zeitungen davon voll werden. - Das —Gericht der Öffentlichkeitž findet eben nicht für alle statt.

Gottes Gericht, sein machtvolles Aufdecken des menschlichen Herzens bis ins Innerste hinein, erscheint mir darum sogar notwendig, —damit der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge.ž In der Schule haben wir dazu mal ein Gedicht von Adelbert von Chamisso besprochen mit dem Titel:

Die Sonne bringt es an den Tag

Gemächlich in der Werkstatt saß
Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
Es war im heitern Sonnenschein. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
Malt zitternde Kringeln an die Wand,
Und wie den Schein er ins Auge faßt,
So spricht er für sich, indem er erblaßt :
"Du bringst es doch nicht an den Tag" -

"Wer nicht? was nicht?'. die Frau fragt gleich,
"Was stierst du so an? was wirst du so bleich?"
Und er darauf: "Sei still, nur still!
Ich's doch nicht sagen kann noch will.
Die Sonne bringt's nicht an den Tag."

Die Frau nur dringender forscht und fragt,
Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
Mit süßem und mit bitterm Wort;
Sie fragt und plagt ihn Ort und Ort :
"Was bringt die Sonne nicht an den Tag?"

"Nein nimmermehr!" - "Du sagst es mir noch."
"Ich sag es nicht." - "Du sagst es mir doch."
Da ward zuletzt er müd und schwach
Und gab der Ungestümen nach. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

"Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
Da traf es mich einst gar sonderbar.
Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh,
War hungrig und durstig und zornig dazu. -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Da kam mir just ein Jud in die Quer,
Ringsher war's still und menschenleer,
'Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not!
Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!'
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Und er: 'Vergieße nicht mein Blut,
Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!'
Ich glaubt ihm nicht und fiel ihn an;
Er war ein alter, schwacher Mann -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

So rücklings lag er blutend da;
Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
Noch hob er zuckend die Hand empor,
Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr.
'Die Sonne bringt es an den Tag!'

Ich macht ihn schnell noch vollends stumm
Und kehrt ihm die Taschen um und um:
Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Dann zog ich weit und weiter hinaus,
Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. -
Du weißt nun meine Heimlichkeit,
So halte den Mund und sei gescheit!
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Wann aber sie so flimmernd scheint,
Ich merk es wohl, was sie da meint,
Wie sie sich müht und sich erbost, -
Du, schau nicht hin und sei getrost :
Sie bringt es doch nicht an den Tag."

So hatte die Sonn eine Zunge nun,
Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. -
"Gevatterin, um Jesus Christ!
Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt!" -
Nun bringt's die Sonne an den Tag.

Die Raben ziehen krächzend zumal
Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
Was hat er getan? wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den Tag.

Die Sonne bracht es an den Tag -  mit der Sonne ist Gott gemeint, haben wir damals in der Schule interpretiert. Nicht die schwatzhafte Frau, der Mörder hat sich selbst verraten. Das Gedicht legt obendrein das Klischee vom vermeintlich —reichenž Juden offen. Dabei hat gerade das Volk Israel den Gedanken vom richtenden Gott gekannt, wir verdanken ihm geradezu diesen Gedanken - wenn auch nur wenige von ihnen Jesus als diesen Richter anerkannt haben. - Auch heute fällt es ja vielen Menschen leichter, ganz allgemein an ein Gericht Gottes zu glauben - für die Muslime und ihren Glauben ist das sogar eine Selbstverständlichkeit - als an Jesus Christus als ihren Richter.

Dabei hat der Richter Jesus Christus etwas Besonderes an sich: Sein Schwert ist so scharf und dringt so tief ins unsere Persönlichkeit ein, daß es uns von unseren Taten abschneidet. Man kann sich fragen: Warum? Machen uns unsere Taten nicht erst zu dem, was wir sind? Was sind wir ohne unser Tun? Aber hier liegt zugleich auch das Problem: Wer sich - wie es nur menschlich, allzumenschlich ist und im alltäglichen Umgang miteinander völlig normal: wenn wir über unseren Beruf, unsere Hobbies, unsere Aktivitäten und Freizeitgestaltung reden - wer sich so über seine Taten definiert, der kann vor Gott nicht bestehen. Vor Gott zählt der Mensch, nicht wie er die Summe seiner Taten ist, nicht das Produkt seiner Erfahrungen. Darum muß das Schwert des Wortes Gottes uns frei machen vom Ballast des selbst gemachten Ichs.

Der Mörder in Chamissos Ballade hat das nicht erlebt, denn weltliches Gericht legt uns ja fest auf unsere Taten. Eine ähnliche Geschichte hat sich vor Jahren bei Passau abgespielt und hat die Frau des Täters mit in seine Untat verwickelt. Nachdem sie davon erfahren hatte, kam sie nicht mehr davon los - und zerbrach innerlich daran. Weltlich ist das eben so: Ein Mörder haftet für seine Tat, sie haftet an ihm, erst Gott vermag uns davon freizusprechen - frei zu machen mit seinem Wort. Das dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein.

Zugegeben, das tut weh - besonders, wenn man als junger Mensch sein Ich gerade erst entdeckt, entwickelt und pflegt. (Einer ist deshalb vor kurzem aus der Kirche ausgetreten, weil er das Befreiende dieses Gedankens nicht glauben wollte.) Dem alten Menschen tut das aber vielleicht sogar noch etwas mehr weh, weil man sich - bei aller Selbstkritik - doch im wesentlichen schätzt und im Großen und Ganzen mit sich im Reinen ist. Aber auch wenn der Gedanke an Jesu Gericht einem unbehaglich ist, der göttliche Befreiungsschlag tut gut. Gott behaftet uns nicht bei unseren Taten, die doch so selten glanzvoll sind. Wie sagte schon die Altberliner Type, der Eckensteher Nante, als ihm Vorhaltungen über sein nutzloses Leben gemacht wurden: —In mich gehen soll ich? Da war ick schon, war ooch nichts los.ž Er hatte gemerkt, daß er mit seinem Ego nicht allzuviel vorzuweisen hat. - Darum, liebe Gemeinde: Es tut gut, von sich los zu kommen. - Und wer das nicht aktiv, persönlich, bewußt glauben kann wie unser junger Mann? Auch der ist nicht verloren, er braucht sich einfach nur von Jesus Christus retten zu lassen. Kein Geschöpf ist vor ihm verborgen.

Bewußt lebende Christinnen und Christen aber haben es besser, sie erwarten Gottes Gericht, sein scharfes Wort, sehnlichst - wie die Rettungsaktion aus dem Dschungelcamp des Lebens. Zuversichtlich rufen sie im Chor: —Ich bin ein Christ, hol mich hier raus!ž
Amen.
 
 


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