Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Palmsonntag über Hebr 12, 1-3

Liebe Gemeinde!
Am Palmsonntag steht uns Jesus vor Augen, wie er unter dem Jubel des Volkes in Jerusalem Einzug hält, umjubelt wie ein König. Damit beginnt das —Abenteuer Osternž, der Weg Jesu durch den Tod ins Leben Gottes. Der heutige Predigttext gibt aus der Sicht nach Ostern einen Kommentar dazu ab, der Jesus als Vorbild für unser Leben schildert, einen sportlichen Kommentar mit dem Tenor: —Seht, welch ein (idealer) Mensch!ž

Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, laßt uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und laßt uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der soviel  Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken laßt.

Der Text versetzt uns in eine Sportarena. Wir sind die Kämpfenden, und die —Wolke der Zeugenž meint die Gläubigen aller Zeiten und Länder, die uns in unserem Lebenslauf anfeuern - wie die Zuschauer im Stadion die Spieler und Mannschaften. Sie unterstützen uns mit ihrem mutmachenden Zeugnis von der Wahrheit des Glaubens. Während wir uns noch abstrampeln, haben sie den Kampf schon hinter sich. Und nun unterstützen sie uns, wie Fans ihre Mannschaft unterstützen. Ein Bild aus der Welt des Sportes. Die Zeugen - das sind keine Gaffer, das ist kein zahlendes Publikum, das sind Veteranen, die nach ihrer aktiven Zeit weiterhin aktiv bleiben, indem sie den Nachwuchs unterstützen. Wir können uns durch sie getragen fühlen. Ihre Sympathie ist uns sicher. (Vom Heiligenkult des christlichen Mittelalters ist hier zwar noch keine Rede, der Bibeltext hat jedoch Pate gestanden bei dessen Entwicklung.)

Neben uns steht Jesus, im Mittelpunkt des Geschehens - als —Anfänger und Vollenderž des Glaubens. Diese im Neuen Testament sehr ungewöhnliche Formulierung wird wieder verständlich mit Hilfe des Bildes aus der Welt des Sportes: Jesus ist der Schrittmacher. Wir Glaubenden laufen Jesus hinterher wie unserem Anführer, indem wir uns an seine Fersen heften und auf seinen uns anspornenden Glaubensweg schauen: vom Kreuz zum Thron Gottes. —Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach!ž Jesus und wir geraten in eine Reihe: Statt Spaß wählen wir das Kreuz, Schande und Widerspruch nehmen wir in Kauf - um des Zieles willen. Jesus und die Gläubigen - eine Mannschaft, ein Team, ein Rennstall. Alles andere stellt man zurück, Mitmachen ist die Devise. Das Bild wird immer sportlicher.

Und wirklich: Jesus als Teamkollege auf der Rennbahn des Lebens - das ist ein Motiv, das Frömmigkeitsgeschichte geschrieben hat: Im Mittelalter war es die imitatio Christi, das Christus-Nachahmen, arm leben wie Jesus, heimatlos und ohne weltliche Absicherung. Heute wird daraus Jesus - das Vorbild. Schon bei Martin Niemöller führte das zu der schlichten Frage: —Was würde Jesus dazu sagen?ž Und seit einigen Jahren tragen amerikanische Teenager Armbänder mit der Aufschrift: WWJD - what would Jesus do, was würde Jesus tun?

An dieser Stelle pflegten sich bei meinem alten Seminarsdirektor die Zornesfalten zu röten, und er polterte wie ein sauerländischer Bauer (der er eigentlich auch war): —Meine Herren, Jesus ist nicht Ihr Kumpel.ž Er kannte nämlich die Geschichte dieser und anderer ähnlicher Bibelstellen. Ein Beispiel: —Wie Sie mit Gott Freundschaft schließen könnenž heißt ein Abschnitt aus dem Buch —Kraft zum Lebenž, das wir in der Passionszeit in der Dienstagsgruppe gelesen haben. Sein Verfasser schlägt uns vor: —Sagen Sie Gott, daß Sie an ihn glauben, daß Sie nicht ohne ihn weiterleben wollen, daß Sie Jesus Christus als Ihren Herrn akzeptieren und daß Sie von nun an Jesus erlauben, auf dem Thron Ihres Lebens zu sitzen.ž Falsch - wenn auch gut gemeint! Denn Jesus kommt auch ohne meine Erlaubnis und Einladung. Ich kann nicht über ihn verfügen (wie manche das mit ihren Mitmenschen tun): —Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir Freund Jesus her.ž
Ein solch kumpelhafter Umgang mit Jesus macht aus ihm den harmlosen guten Freund, den vorbildlichen Menschen, den Maßstab für ethische Entscheidungen. Wohin das führt? Aktuelle Anwendung: Wie hätte Jesus im Bundesrat abgestimmt? Nehmen wir an, mit Ja - aber ich frage Sie: Löst diese Antwort auch nur eine der damit verbundenen Fragen und eines der nun entstandenen Probleme? Kann man sich wirklich mit solch simplen Regeln durchs Leben schlagen? WWJD? Dann weiß man sich selber zwar ethisch auf der sicheren Seite - bloß: Wer trägt die Folgen? —Sollen die anderen doch mit dem ganzen Vertrauensverlust und Scherbenhaufen fertigwerden!ž - Mit Jesus als Kumpel ist man noch nicht der beste Politiker. Solche unprofessionellen Politiker machen mir Angst.

Diese simple Jesus-Ethik - Jesus als moralisches Beispiel - ist noch schädlicher als der bürgerlich-aufklärerische Mißbrauch dieser Bibelstellen, der Jesus als Vorbild an menschlicher Tugend verehrte. So rühmten unsere Dichter und Denker an Jesus seine Geduld, seine Standfestigkeit - und viele Menschen nahmen sich das, etwa bei eigener Krankheit, zum Vorbild. —Christliche Geduld bedeutet: an die Liebe Gottes glauben trotz des schreienden Widerspruchs der Erfahrung.ž Mit diesen Gedanken konnten unsere Vorfahren nicht nur persönlich schweres Schicksal, sondern auch die Greuel des Dreißigjährigen Krieges bestehen, des ersten totalen Krieges der Geschichte. Aber diese Theologie der Geduld hat häufig auch notwendigen und möglichen Widerstand gegen das Böse unterdrückt und deshalb bei vielen Menschen dazu geführt, daß sie aus der Mannschaft um Jesus ausgetreten sind, weil sie nicht weiter Schaden nehmen wollen durch vermeidbares Leiden. Nun ist unser Team geschwächt. Die Mannschaft aber soll doch gestärkt werden, gestärkt durch das Beispiel Jesu. Schließlich heißt es hier: Er ist —Anfänger und Vollender des Glaubensž. Was aber heißt das nun?

Schon die Alte Kirche rätselte über den Sinn dieses Ausdrucks. Heißt das: Jesus hat den Glaubens ins uns hineingelegt, er wird ihn auch vollenden? Oder meint das ausschließlich ihn selbst: In ihm kam der Glaube zur Vollendung? Wie dem auch sei: Jedenfalls wird damit aus dem Kumpel Jesus, an dem man sich orientiert wie an einem Vorbild, der Meister, der Star, der sich nicht so mir nichts dir nichts imitieren läßt. Jesus Christ, Superstar.

Andrew Lloyd Webbers altes Erfolgsmusical wußte bei aller Menschlichkeit, mit der es Jesus porträtierte - einschließlich des Schmusesongs der Maria Magdalena —I donŽt know how to love himž - um die Unerreichbarkeit des Vorbildes. Selbst wer ihm nachfolgt, wird kein zweiter Christus. Darum sprach die Alte Kirche von Jesus nicht als Vorbild, sondern als Urbild. Sportlich gesagt: Jesus ist nicht nur der beste Spieler, nicht nur unser Mannschaftskapitän, sondern auch Gründer, Eigentümer und Sponsor des Teams.

Schauen wir zurück: Der Hebräerbrief zeichnet hier den Weg Jesu von seiner Erniedrigung zu seiner Erhöhung nach - und legt damit seinen Passionsweg mit neuen Begriffen und Bildern aus. Auf den Palmsonntag bezogen heißt das: Hier sehen wir Jesus auf seinem Weg hin zur Rechten Gottes. Deshalb nahm er die Kreuzesstrafe auf sich, die schändlichste aller Todesarten - am Ende steht die Mitregentschaft mit Gott. Für uns wird aus diesem theologischen Kommentar auf das Leben Jesu eine Einladung zur Mitfeier der Karwoche: Die intensive Vergegenwärtigung der Passion Jesu ist das beste Mittel, um im eigenen Leiden fest im Glauben zu bleiben. Sportlich gesagt: Wer mitmacht, gewinnt. Die Goldmedaille liegt schon bereit.

Machen Sie also mit beim Team Jesus, beim Abenteuer Ostern: beim Durchzug durchs Rote Meer, bei der Betrachtung des leidenden Jesus Christus (—O Haupt, voll Blut und Wundenž), bei der Feier des Sieges über den Tod in der Osternacht. Und erleben Sie mit, was wir suchen, wenn wir Ostereier finden.
Amen.
 
 


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