Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag im Advent über Hebr 10, 23-25

Liebe Gemeinde!
Die kirchliche Feier der Adventszeit ist immer wieder für Überraschungen gut. Zeit und Raum geraten durcheinander. Da warten wir auf die Geburt Jesu in Bethlehem - und das Evangelium am 1. Advent berichtet vom Einzug des erwachsenen Jesus in Jerusalem. Da erwartet man einen Predigttext, der guter Hoffnung ist - und was wir als Epistel gehört haben, handelt von Problemen der Alten Kirche. Aufs erste Hören scheint beides wenig adventlich zu sein - aber, wie gesagt, die kirchliche Feier der Adventszeit ist immer wieder für Überraschungen gut. Zeit und Raum geraten durcheinander. Hören wir darum noch einmal auf den kurzen Abschnitt aus dem Brief an die Hebräer:

Laßt uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und laßt uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken, und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, daß sich der Tag naht.

Das fängt ja gut an! Da kommt man am 1. Advent mit guten Vorsätzen in die Kirche - und wird gleich angemacht. Wir werden ermahnt, einander zu ermahnen, immer schön brav in die Kirche zu gehen. Im Klartext: Wir sollen aufeinander aufpassen, daß alle schön kirchentreu bleiben. Gottes Gericht droht. Recht unverblümt steht das da so - in einem Text aus der Alten Kirche vom Rang apostolischen Zeugnisses.

Was war damals los? Wir befinden uns in der zweiten und dritten Generation von Christen. Der erste Schwung ist hin, eine erste Unlust, an den Gottesdiensten teilzunehmen, breitet sich aus. Wir kennen nicht die Ursache dieser Gottesdienstmüdigkeit, wir wissen nicht, ob andere Versammlungen attraktiver waren als der Gottesdienst mit der allsonntäglichen Feier des Herrenmahls - ein neuer Wanderprediger vielleicht oder die altehrwürdigen Gebete in der Synagoge - wie gesagt, wir wissen nicht den Grund, wir hören nur von den Folgen: Die ersten sind ausgestiegen.

Na, das fing ja früh an. Da wundert einen wenig, was heute die Regel ist: - Andreas zählen lassen - (Weniger als) 2% der Gemeindeglieder sind jetzt hier, (das wären) 44 von 2824 (Stand vom Juni - vor erneuten Austritten und den Todesfällen seitdem). Da könnte man zwar eine schöne Strafpredigt für heute daraus machen - aber wenn sich damals schon die Sitten lockerten, was soll man dann heute erst erwarten...?

Was empfiehlt die Alte Kirche dagegen? Hat sie ein Rezept? Sie ermahnt, sie fordert auf, sie startet einen Appell: —Laßt uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung.ž  Bekenntnis der Hoffnung, was ist das? Im Hebräerbrief ist das ein anderes Wort für Glauben. Glaube und Hoffnung - das ist dasselbe. Wir müssen hier noch nicht an eine feste Bekenntnisformulierung wie das Apostolische Glaubenbekenntnis oder an Texte im Ablauf des Gottesdienstes denken, die man nicht ändern solle - viel grundsätzlicher geht es hier darum, an der göttlichen Verheißung festzuhalten. Die ist nämlich so sicher, so stabil, so verläßlich wie Gott selbst. Weil Gott selbst verläßlich ist, darum können wir uns auf die Botschaft des Glaubens verlassen - und deshalb können wir die Gemeinde eigentlich gar nicht verlassen. Das geht einfach nicht. Der Verfasser des Hebräerbriefes jedenfalls sieht das alles mit Fassungslosigkeit und Unverständnis: Wer aus dem Gottesdienst aussteigt, läuft doch Gefahr, ins Wanken zu kommen und am Ende aus der ganzen Glaubensgemeinschaft ausgestiegen zu sein - auch wenn er doch nur seltener zum Gottesdienst kam und sich seiner so sicher war: —Ich habe doch meinen Glauben.ž

Gottesdienst? Ist der denn wirklich so wichtig für uns Evangelische, die —ihren Glauben habenž? —Da sind doch nur alte Leute, die nichts Besseres zu tun haben.ž - Erstens sind da nicht nur alte Leute, und zweitens können auch jüngere Leute wirklich nichts Besseres tun. Warum? Um die Ermahnung des Hebräerbriefes verstehen zu können, muß man wissen, was hier wirklich geschieht - und das ist nicht bloß das, was man auf den ersten Blick sieht. Was sieht man? - Nur wenige Kinder heute, ein paar Konfirmanden räkeln sich, der Gesang ist so lala - die Predigt? Naja. Die Texte aus der Bibel? Gut und schön - aber was habe ich damit zu tun?

Der Gottesdienst - eine Versammlung wie andere auch, mal mehr mal weniger gelungen, Theater für Arme. Was sonst ist am Sonntagmorgen umsonst? Kultur kostet Eintritt, bemerkte mal Der Tagesspiegel.

Falsch, weiß der Hebräerbrief und ruft uns über die fast 2000 Jahre, die uns von ihm trennen, hinweg zu: —Laßt euch die Augen öffnen, damit ihr seht, was ihr hier tut: Ihr feiert den himmlischen Gottesdienst. Ihr nehmt bereits teil am himmlischen Kult. Was ihr hier auf Erden seht, ist eine menschliche Versammlung - aber ihr seid kein Kultverein wie die anderen, sondern Teilnehmerinnen und Teilnehmer am himmlischen Kult. Hier ist kein Opfer mehr zu bringen, denn euer Hoherpriester ist Jesus Christus im Himmel. Dort, im Herrschaftsraum Gottes, wird der Gottesdienst gefeiert, dessen irdisches Abbild ihr seid!ž Heute schon Teilnehmenkönnen am großen Fest im Himmel, am Fest Gottes mit seinen Geschöpfen - das ermöglicht uns der christliche Gottesdienst. Er ist geradezu ein Tor zu den Sternen, Gottes Eintrittsort in die Welt, Gottes Ankunft auf Erden, eben: Advent. - Wie kann man da nicht mehr mitmachen wollen?

Als der römische Kaiser Diokletian Anfang des 4. Jahrhunderts die Christen in seinem Reich ausrotten wollte, verbot er ihnen, sich zum Gottesdienst zu versammeln. Er ahnte wohl, daß er sie hier an der empfindlichsten Stelle treffen würde. Vom Richter befragt, warum sie gegen das Verbot des Kaisers verstoßen hätten, antworteten die Märtyrer von Karthago: —Wir können ohne das sonntägliche Herrenmahl nicht leben.ž

Vielleicht denken jetzt einige, das sei eine unpassende Erinnerung. Von Christenverfolgung könne heutzutage doch keine Rede sein. Andere unter uns wissen das besser. In dieser Stadt kann zwar jeder seine Meinung frei äußern, Glaube ist angeblich Privatsache - für die Christen scheint das aber nur eingeschränkt zu gelten. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger sind ja derart stolz darauf, religiös unmusikalisch zu sein, daß sie das auf eine Weise herausposaunen, daß christliche Töne geradezu untergehen.

Manchmal muß man sich sogar von der Kirche verfolgt fühlen. Zwar spürt sie abwesenden Gottesdienstbesuchern nicht mehr nach wie im Genf zur Zeit des Reformators Calvin, aber freies Reden über erlebte Verfolgung wird unterdrückt - nicht nur bei Religionslehrerinnen. Da brauchen wir die Teilnahme am himmlischen Gottesdienst. Weil auf Erden dicke Luft herrscht, brauchen wir eine Stunde lang Höhenluft.

Dennoch hat die Teilnahme am Gottesdienst seit den 50er Jahren erheblich nachgelassen. Schon in den —guten alten Zeitenž vor 15 Jahren gab es in Kreuzberg mehr kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als sonntägliche Gottesdienstbesucher. —Mir ist der Gottesdienst zu langweiligž, hat eine unserer Mitarbeiterinnen mal gesagt.

Zugegeben, von Sonntag zu Sonntag geschieht hier eigentlich nicht viel Neues - und doch muß es einfach immer wieder sein, das Hören, Beten und Singen. Es ist wie mit dem Hören von Musik. Auch da kommt ja niemand auf die Idee zu sagen: Dieser Hit ist mein Lieblingslied, ich habe es jetzt einmal gehört - und das reicht mir. Nein, im Gegenteil, je lieber mir ein Musiktitel wird - egal ob Bach, Blues oder Benjamin Blümchen - ich kann nicht genug davon kriegen und will ihn immer wieder hören. Dazu aber muß ich die Musik spielen, aufführen, inszenieren - oder wenigstens einen Knopf drücken und zuhören. Dann aber öffnen sich mir neue Welten.

Die sichtbare Seite der unsichtbaren Wirklichkeit im Gottesdienst ist das eine - manchmal klein und ernüchternd - die unsichtbare aber die wahre Wirklichkeit dessen, was hier geschieht: Im Gottesdienst kommt der Himmel auf die Erde. Und mit Worten und Zeichen machen wir das sichtbar. - Da ist der Adventskranz. Was wir sehen, ist das Zählinstrument: Jeden Sonntag vor Weihnachten eine Kerze mehr - so, als könnten wir nicht bis drei zählen. Zum bloßen Zählen brauchen wir ihn ja auch gar nicht. Was er aber symbolisiert, ist der Sieg Christi über die Welt. Darum der grüne Kranz: für den Sieger - und für alle, die teilhaben an seinem Sieg.

Als Teilnehmer am himmlischen Gottesdienst könnte sich jeder von uns mit Fug und Recht diesen Kranz umhängen. - Da kommt mir eine Idee: Wir könnten ja jeden Sonntag die, die selten kommen, damit auszeichnen, ihnen den Kranz umhängen - um sie positiv zum Gottesdienstbesuch zu motivieren. Aber vielleicht ist das ja noch nicht die geniale Idee, sondern eher eine etwas peinliche Aktion. Dennoch: Wir müssen uns schon etwas ausdenken, um die Ermahnung des heutigen Predigttextes aufzugreifen: Laßt uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken, und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen.

Einander ermahnen, oh je. Heutzutage wird das ja leicht ein Schuß nach hinten. Wann immer wir in den vergangenen Jahren Gemeindeglieder durch einen Brief mit Hinweisen auf besondere Gottesdienste auf uns aufmerksam gemacht haben, gab es ein paar Austritte mehr. Aber dennoch dürfen wir die, die nicht kommen, nicht aus den Augen verlieren. Bloß: Wie erreicht man, daß sie kommen? Wie erreicht man wenigstens, daß die, die heute da sind, wiederkommen?

Da lohnt noch einmal ein Blick auf den Adventskranz. - Da sieht man beispielsweise Engelsfiguren. Was haben die am Adventskranz zu suchen? In der Bibel verbinden Engel Himmel und Erde, sie symbolisieren auf diese Weise, was auch im Gottesdienst geschieht: Advent, Gottes Ankunft auf Erden. Vielleicht kann ein solcher Engel uns positiv motivieren - ein kleiner Engel wie dieser hier - zeigen -, den Sie eingangs bekommen haben. Nehmen Sie ihn doch einfach mit zu sich nach Hause. Am besten kommt er ins Portemonnaie - zu Mark und Pfennig und demnächst zu Euro und Cent. So erinnert er Sie immer wieder, warum der Gottesdienst lohnt, weshalb man sonntags morgens wirklich nichts Besseres tun kann. Und wenn sie Wechselgeld herausnehmen, fällt Ihnen ein: Auch der andere hat ein Stück vom Himmel nötig.

—Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik.ž Mit diesen Worten schloß ich am Ewigkeitssonntag - heute darf ich hinzufügen: Im Gottesdienst hat das Fest schon begonnen, ist Gottes Herrschaft schon auf Erden angekommen: eben Advent. Die kirchliche Feier der Adventszeit ist wirklich immer wieder für Überraschungen gut. Da geraten Zeit und Raum durcheinander: Ganz im Hier und Jetzt nehmen wir teil an dem, was vor Gott schon Gegenwart ist. Advent, Advent. Jetzt - und nicht irgendwann mal ist der Himmel offen. Denn wer zu spät kommt... bestraft sich selbst, der läßt sich das entgehen.
Amen.
 
 


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