Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Invokavit über 1. Mose 3

Liebe Gemeinde!
Schon ein Blick auf diese Frucht macht klar, um welchen Fall es heute geht.... Es geht um einen ganz besonderen Fall, man nennt ihn seit alters den "Sündenfall". Und das ist unser Fall. Was von Adam und Eva erzählt wird, meint uns selbst, den Menschen überhaupt: die Frau, den Mann. Wir alle sind herausgefallen aus der Nähe Gottes, leben "jenseits von Eden", wir leben nicht im Paradies, dem schönen Garten,  den der Schöpfer für sein Geschöpf bereitgehalten hatte. Wir kennen die Lockungen verbotener Früchte, nicht nur die der "Äpfel in Nachbars Garten".

Als das Volk Israel vor Jahrtausenden aus den verschiedensten umlaufenden Erzählungen, aus Mythen und Glaubenstraditionen diese Gartengeschichte gestaltete, da war es ihm bewußt:Wir leben in einem Zustand des Unheils. Und das ist kein Schicksal, das war auch von Gott nicht so gewollt: Dieses Unheil haben wir uns selbst zuzuschreiben. Wir haben den Bund Gottes mit seinem Volk nicht gehalten.

Wie Israel sich dieses Unheil erklärt, erzählt nun die Geschichte vom sogenannten Sündenfall: Was immer wieder passiert, verlegt sie an den Anfang der Geschichte der Menschheit. Was unserem Leben zugrundeliegt, macht der Anfang klar. Was uns heute belastet, wird als Urgeschichte dargestellt. Wir haben es also mit einem 'mitlaufenden Anfang' zu tun, mit dem Anfang unserer Geschichte. Adam und Eva könnten auch unsere Namen tragen: Adam und Eva, das sind wir. Wie recht hatte das "Botterblömsche", als es im Karneval seinen Kölner Lokaladel betonte: "Eva? Dat war doch 'ne geborene Schmitz!"

Der Fall beginnt mit dem Auftritt der Schlange - biblisch eigentlich: "der Schlang" (oder der Schlangerich), das grammatikalische Geschlecht ist jedenfalls männlich. Genial erzählt ist das, ein Musterbeispiel von Verführung. Der Verführer macht Appetit auf verbotene Früchte: "Gott hat sie euch alle verboten? Na, so was!" "Nein", weiß die Frau, "alles ist erlaubt, nur ein Baum nicht, der hat nämlich todbringende Früchte!"
Ganz schön geschickt hat der Verführer es angestellt: Wenn nicht alles verboten ist, warum ist dann nichts alles erlaubt? Ist Gott neidisch, gönnt er dem Menschen nicht "zu sein wie er und zu wissen, was gut und böse ist"? Aus dem Verbot eines Baumes macht er die Unterstellung des Verbots aller - und legt so den Keim zum Widerstand.

Wie in Fabeln kann das Tier sprechen, besondere Klugheit wird ihm attestiert. Der Erzähler kennt wohl das sumerische Gilgamesch-Epos. Da sucht der Mensch das Kräutlein des ewigen Lebens - und verliert es am Ende durch einen dummen Zufall an die listige Schlange. Seitdem gilt die Schlange als Spezialistin fürs ewige Leben: Die menschliche Beobachtung stellt fest, wie sie sich häutet und damit scheinbar verjüngt.

Doch viel mehr bleibt hier rätselhaft: Wo kommt der Verführer her? Die Erklärung bleibt aus, die Kraft der Verführung ist einfach da. Und warum wird zunächst die Frau verführt? (Spätere Zeiten stilisieren sie dann merkwürdigerweise selbst zur Verführerin.) Auch dafür bleibt in der Erzählung die Erklärung aus. Diese offenen Fragen haben die Phantasie der Menschen angeregt, sie haben zu tiefen Gedanken über den Ursprung des Bösen, wie auch zu schlimmen Verkrüppelungen des Verhältnisses von Mann und Frau beigetragen. Dem nachzugehen wäre ein Thema für sich. Mich aber interessiert heute die Botschaft der Geschichte selbst.

Und da haben wir es zunächst mit dem Grundmuster von Verführung zu tun. Genau so läuft Verführung ab - und das heißt dann auch: Ich bin schuldig! Hier ist nicht das Böse über mich hergefallen und hat mich zu seinem willenlosen Werkzeug gemacht, hier habe ich der verführerischen Kraft, die von außen kam, aber in mir wirkt, nachgegeben. Ich bin es, der dem Verbot zuwiderhandelt. Ich bin es, der die von Gott gesetzte Grenze überschreiten will, nicht einmal, sondern immer wieder. Jeder weiß: Was verboten ist, zieht an. Die Saat des Mißtrauens zwischen Gott und Mensch, die der Verführer gesät hat, ist aufgegangen.

Worum es bei dieser Grenzüberschreitung geht, wird nicht konkret genannt. Bildlich ist es das Essen von der verbotenen Frucht - das es ein Apfel ist, wird nicht gesagt -  mythologisch ist vielleicht der Griff nach Gott vorbehaltener Erkenntnis gemeint. Die Erzählung spricht ja vom "Sein wie Gott", vom "Wissen, was Gut und Böse ist". Aber während wir noch räsonieren, was damit Hohes und Tiefes gemeint sein könnte, erfahren wir es im Fortgang der Geschichte selbst - und die Geschichte sagt es mit einem gewissen Augenzwinkern: Den Menschen gehen tatsächlich die Augen auf, sie sehen - aber das, was sie sehen ist: sich selbst und das sie nackt sind. Sie sind auf dem Boden der 'nackten Tatsachen' angekommen. Nacktheit und Scham sind jetzt in der Welt. Sein wie Gott? Statt der Erfüllung des großen Traumes die Erkenntnis der eigenen Nacktheit. Wie banal!

Die Erzählung des Jahwisten liest sich wie eine andere Antwort auf die alten Mythen: Nicht Zufall oder Ungeschick - das eigene Tun der Menschen ist für ihren Zustand verantwortlich. Aber die Menschen sterben nicht sofort, der Verführer behält vorläufig Recht. (Ob Verführung nicht gerade von da her ihre Kraft gewinnt, daß sie nicht platt lügt, sondern ihre Versprechungen teilweise auch wahr macht? Ist es deshalb so schwer, ihr zu widerstehen?) Und gegen der Menschen Nacktheit helfen provisorisch Feigenblätter. Flucht und Entschuldigungsstrategien hingegen scheitern: Gott kommt wie der Herr des Gartens, der Gärtner, und sucht den Menschen nach dessen Sündenfall: "Adam, wo bist du?" (Ein Echo davon erklingt im Ruf des Todes im Mysterienspiel: "Jedermann!")

Ein Sünden-Fall? Wie kommt die Geschichte eigentlich zu ihrem Namen? Das Wort Sünde fällt hier nicht. Israel aber führt das Unheil, das die Menschen erleben, auf ihren dauernden Abfall von Gott zurück. Beruht das Unheil der Menschen auf dem Griff nach verbotenen Früchten? Oder sind es nicht die Früchte selbst - Erkenntnis und Leben - ist es vielmehr das Überschreiten der den Menschen von Gott gesetzten Grenzen? Israel hat so gedacht. Und das wurde Sünde genannt.

Aber es geht hier nicht um x-beliebige Grenzen. Hier begegnet uns kein Menschenbild, das den Menschen klein machen will: Israel geht es um die Grenze zwischen Gott und dem Menschen, die der Mensch immer wieder verletzt, indem er sich selbst an die Stelle Gottes setzt, keine anderen Götter kennt als sich selbst. Konkret wird diese Grenzverletzung immer wieder im Bruch des Bundes zwischen Gott und den Menschen, in der fehlenden Antwort auf den Anruf Gottes, im Nichteinhalten seiner Gebote. Es sündigt, wer anderem mehr traut als Gott. Adams Fall besteht in seinem Aufstieg. Der aber mißlingt: "Adam, wo bist du?"

Nun bekommt das Wort vom Fall Adams einen anderen Klang: Gott rollt den Fall auf wie einen Rechtsvorgang, wie einen Prozeß. Der Täter wird gesucht und verhört. Adam versucht sich zu rechtfertigen - wie wir alle: "Ich war's nicht, die da war's, die du mir gegeben hast. Du bist selber schuld!" Und dann die Frau: "Die Schlange war's." - So sprechen sie alle, die notorisch Unschuldigen, die Mitläufer, die Täter - Menschen, die kein Schuldbewußtsein haben. Der Glaube Israels weiß noch davon: Adam und seine Frau schämen sich und verstecken sich vor Gott. Aber wir? Wir sind Entschuldigungsspezialisten geworden. Wir meinen, unsere Taten müßten durch die Magie des Wortes 'Tschuldigung' folgenlos bleiben - und wir selbst wären die Folgen los . Wir kennen niemanden mehr, der noch an irgendetwas schuld wäre. Doch halt - da sind ja die Politiker, die sollen an allem schuld sein. Also doch, dann bleibt es ja dabei: "Die anderen sind's gewesen, ich war's nicht," spricht Adam, spricht Eva.

Vor dem Urteil im Fall Adam nimmt die Erzählung noch einmal deutlich ihre Gegenwart in den Blick: Zunächst bekommt die kluge Schlange - das altorientalische Symbol der Unsterblichkeit - ihr Fett ab. Von Schlangen droht Gefahr, sie sind unreine Tiere, Fruchtbarkeitssymbole fremder Religionen. Dann Eva: Mutterschaft ist lebensbedrohend, schmerzhaft, der Mann einerseits anziehend und doch übermächtig, erwartet Unterordnung. Schließlich der Mann: Die bäuerlichen Arbeitsbedingungen sind hart. Israel interpretiert all das, seine faktischen Lebensbedingungen, als Folgen des Dauerfalls Adam und Eva. Das ist der Unheilszustand, die Vertreibung aus dem Paradies konkret.

Israel will nicht sagen: So soll es sein! Sondern: So ist es! Der von Gott geschaffene Mensch ist von Tod, Leid, Mühe und Sünde begrenzt. Israel weiß: Unsere Untaten haben Folgen. Und am Ende dieses harten Lebens - der Tod. Zurück zum Anfang, Rücknahme der Schöpfung: "Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück." Der Tod - der Sünde Sold. So hat der Apostel Paulus das später gesagt.

So ist es, aber so soll es nicht bleiben. Das Leben geht weiter, zwar ohne Zugang zum Baum des Lebens, in Gottesferne, aber nicht ohne Gottes Fürsorge: Die Menschen tragen nicht länger bloß die improvisierten Schurze, die sie sich zur Behebung der Folgen ihrer Tat ausgedacht hatten. Gott macht selbst Kleider für sie, die der Griff nach Erkenntnis bloßgestellt hatte. Da wird nichts 'bemäntelt', aber Leben 'jenseits von Eden', in unserer Welt, von Gott selbst möglich gemacht. Auch als Modeschöpfer bleibt Gott Schöpfer. Und der Mensch ist nicht mehr bloßgestellt. Kleider machen Leute. Amazing grace: "Erstaunliche Gnade, die einen Elenden wie mich rettete. Ich war verloren, aber jetzt bin ich gefunden, war blind, und jetzt sehe ich." - Flügel: Amazing grace -

Schon die Erzählung vom sogenannten Sündenfall ist mehr als nur eine Geschichte, die sagt, was ist. Sie enthält auch die Botschaft: So soll es nicht sein, das hat Gott nicht so gewollt. Sie ist eine Protestgeschichte gegen das, was ist, ein Protest auch gegen uns, die wir uns mit Leid und Tod abfinden, weil das alles doch 'zum Leben gehöre'. Im Neuen Testament dann setzt Paulus dem alten Adam Jesus als den Christus entgegen. Er stellt damit einen Zusammenhang her zwischen dem Menschen im Unheilszustand und dem Heil in Jesus Christus: "Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt."

Die Frucht des  Apfels sagt's auf ihre Weise: Apfelbaum heißt auf lateinisch malum. Und auch: 'das Böse'. So wurde der Apfel zum Zeichen der Verführung, zum Symbol für die verbotene Frucht und die Verstrickung des Menschen in Schuld und Sünde. In der Hand Jesu Christi wird der Apfel dann zum Zeichen seiner Herrschaft. So wird er vom Zeichen des Todes zum Zeichen der Erlösung. Darum hängen Äpfel am Weihnachtsbaum. Sie weisen hin auf die durch Christus erwirkte Heimkehr ins Paradies.
Amen.
 
 


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