Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Judika über Gen 22, 1-13

Liebe Gemeinde! index.html
Man weiß nicht, was spannender ist: die Geschichte von Isaaks Opferung - oder das lebhafte Für und Wider, das sie immer wieder auslöst. Schon als Kind fand ich die Geschichte eine der lebhaftesten in der ganzen Bibel - besonders diese Spannung zwischen Vater und Sohn: Abraham weiß, was seinen Sohn erwartet - und daneben der ahnungslose Isaak, der seinen Vater zum Opfern begleitet. Und wie ihm dann auffällt, daß kein Opfertier dabei ist - er kennt sich also schon aus, ist kein kleines Kind mehr (vor meinem geistigen Auge sah ich mich selbst, wie ich meinen Vater zur Kirche begleitete, auch da kannte mich aus, wußte ich, was sich abspielte). Und dann dieser geheimnisvoll klingende Satz: —Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.ž Und dann kommt Isaak selbst auf dem Brandopferaltar zu liegen - und schließlich, in letzter Sekunde, der rettende Bote, Gottes Engel. Isaak kommt frei, geopfert wird ein Widder, der wie —zufälligž zur Hand ist. - Spannend, wie gesagt - doch immer wieder Anlaß zu heftigen Reaktionen:

Wie kann Gott bloß ein Menschenopfer verlangen? Natürlich ist das die erste Frage, die sich durch den bloßen Hinweis darauf, daß Isaak ja gar nicht geopfert wird, nicht abweisen läßt. Dabei muß man die Geschichte vom Ende her auf sich wirken lassen, vom Wendepunkt, der wie bei der modernen Erzähltechnik einer Kurzgeschichte alles in ein neues Licht taucht: Das Menschenopfer findet in der Tat nicht statt - auf Gottes Geheiß. Vor dem Hintergrund der Geschichte der Religionen gelesen - da gab es ja so etwas wirklich, jedenfalls hat beispielsweise Israel das seinen Feinden, den Anhängern des Gottes Moloch, unterstellt - vor dem Hintergrund der Praxis von Menschenopfern kann man sagen: Der Gott Israels macht damit Schluß. Folglich spricht der Glaube der Juden hier nicht von Isaaks Opferung, sondern korrekt von Isaaks Bindung.

Andererseits wirkt der Mythos von Menschenopfern in der Erinnerung der Menschen so stark, daß auch angesichts dieser Geschichte die Frage auftaucht: Was ist das für ein Gott? Gemeint ist: Einen solchen Gott wollen wir nicht, den lehnen wir ab. Solche Geschichten darf man Kindern im Religionsunterricht heute gar nicht mehr erzählen oder - eine Spur raffinierter argumentiert - solche Geschichten erzählen wir vielleicht lieber in Religionskunde oder LER - in der Absicht, unseren Kindern den Glauben an einen solchen Gott auszutreiben.

Dabei ist das Problem des Gottesbildes dieser Geschichte ja gar nicht die Grausamkeit eines Menschenopfers - noch einmal: das findet ja gar nicht statt - sondern - versetzen wir uns dazu einmal in die Lage Abrahams: daß man bei diesem Gott gar nicht weiß, wo man dran ist: Erst soll Abraham seinen Sohn opfern - und dann doch nicht. Weiß Gott nicht, was er will? Oder will er Abraham testen? —... nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillenž. Ein Test also, ein Treuetest, ein Glaubenstest. —Abraham - ein Experiment.ž

Vor etwa 30 Jahren - ausgerechnet auf dem Höhepunkt der sogenannten antiautoritären Erziehung - hat der amerikanische Sozialwissenschaftler Stanley Milgram in einem Experiment getestet, wie weit Menschen gehen würden, wenn sie Befehle ausführen - und sei es nur im Dienste der Wissenschaft. Die Versuchsanordnung bestand aus einem Lerntest: Wenn die Versuchsperson bestimmte Wortkombinationen nicht lernte, sollte sie mit einem Elektroschock —bestraftž werden. Ein Großteil der Versuchsteilnehmer war ohne Widerspruch bereit, das zu tun - bis hin Stromstößen, die für die zu testende Person eigentlich tödlich sein mußten. Daß die Schreie dieser Person nur gespielt waren, wußten die Versuchsteilnehmer nicht, gelegentlicher Widerstand auf ihrer Seite konnte durch den Hinweis auf die —Wissenschaftlichkeitž des Versuches überwunden werden. In den 70er Jahren wurde das Experiment in Deutschland wiederholt, mit ähnlichem Ergebnis. Und vor einigen Jahren entstand ein Spielfilm - —Das Experimentž mit Moritz Bleibtreu - der in einer spannenden Handlung zeigte, wie weit Menschen gehn, wenn sie in einer Extremsituation einander ausgeliefert sind. Am Ende kam es zu mehreren Morden. Unauffällige Bürger rasteten aus.

Haben diese Experimente etwas mit der biblischen Geschichte zu tun - oder entlarven sie nur den sogenannten blinden Gehorsam von Menschen? Auf jeden Fall zeigen sie, was in uns steckt, wie schnell die Kruste der Zivilisation abbröckelt.

Zeigen sie damit auch auf Abraham? Ist der nicht ein falsches Vorbild für Gehorsam? So empört sich der Gutmensch in Richtung Gott - und handelt dabei doch selber oft wie ein kleiner Gott. Wie widerlich... Abraham ist überall - nein, eben nicht Abraham: Ich und du, wir sind fähig zu tun, was Abraham nicht zu tun brauchte.

Dabei geht es nicht immer gleich um Mord und Totschlag. Frühmorgens im Radio der Treuetest. Ein angeblicher Bekannter ruft die Freundin des Auftraggebers an: —Na, wie wärŽs mit uns beiden?ž So testen Menschen Treu und Glauben - aber Gott wollen wir das nicht zugestehen. Der darf das nicht.

Da sind wir wieder bei dem Für und Wider, das die Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak auslöst: ein scheinbar wankelmütiger Gott, ein blind gehorchender Mensch - klar, daß das Opfer macht. Dabei beweisen die modernen Gehorsamsexperimente, daß das auch ohne Gott nicht anders wird. Noch während wir uns gegen diesen Gott empören - und nicht nur Bibelleserinnen und -leser, selbst christliche Glaubenslehrer, Theologinnen und Theologen, haben das in den letzten Jahren reichlich getan - schlägt uns die Widerkehr des Menschenopfers entgegen. Bald täglich lesen wir davon in den Zeitungen, sehen wir die Opfer von Selbstmordattentätern. Da ist viel Politik, aber auch Religion im Spiel. Was Abraham erspart blieb, müssen nun viele Väter und Mütter erleben, ja, teilweise betreiben sie es aktiv: Die —schwarzen Witwenž werden von ihren Brüdern (oder sogar von ihren Männern) in den Tod geschickt, zu Opfern im politisch-religiösen Kampf gemacht. Mit Menschenopfern ist also noch lange nicht Schluß, auch wenn dort der Gott Abrahams keinen großen Anklang mehr findet, seine Botschaft vom Ende des Opferns auf taube Ohren stößt.

Bei soviel falscher Opferbereitschaft, geben wir der Geschichte, so wie sie erzählt wird, doch noch einmal eine Chance! Hören wir zu, was sie wirklich sagt! Worum geht es denn bei Abraham und Isaak? Gott alles zu geben, was ihm gehört - auch das Leben. Das sagt das schon 1. Gebot. Aber hier geschieht noch mehr: Mit dem Tod Isaaks wäre ja noch mehr gestorben, nämlich Abrahams ganze Zukunft. Isaak war ja der Sohn der Verheißung, an ihm hing - menschlich gesehen - die Erfüllung der Verheißung Gottes an Abraham: —Ich will dich zum Stammvater eines großen Volkes machen.ž Abraham vertraut Gott nun mehr als seinen konkreten Verheißungen, will sagen: mehr als seiner menschlichen Einschätzung von Gottes Handeln: —Wenn Gott mich zum Stammvater eines großen Volkes machen will, dann muß mein erster Sohn Isaak doch der Anfang davon sein.ž Abraham traut Gott mehr zu, als er sich zu denken vermag. Nur so kann er bereit sein, seinen Sohn zu töten. Gottes Verheißung findet immer wieder neue Wege. Das traut Abraham Gott zu. Darum ist Abraham für Juden, Christen und Muslime zum Vorbild des Glaubens geworden: Er traut Gott mehr zu als seinen menschlichen Erwartungen an ihn.

Können die Gutmenschen unserer Berliner Landespolitik im Ernst von uns erwarten, daß wir das gut finden, daß unsere Schulen unseren Kindern einen solchen Glauben austreiben, daß wir sie ihren Herkunftsreligionen entfremden, die diesen Glauben lehren? Hörten wir auf sie, würden wir ihnen damit Gott selbst nehmen, denn Gott ist immer mehr als unsere Erwartungen an ihn.

Das Problem blinden Gehorsams, das Problem des Menschenopfers lösen wir nicht durch weniger Glauben oder durch anderen Glauben, etwa durch den Glauben an Toleranz, sondern nur durch mehr Glauben: durch wirklichen Glauben an Gott. Die Geschichte von Abraham und Isaak erzählt uns in der Tat von Gott, wie der ein Menschenopfer erst anordnet und dann wieder abbestellt - aber damit lehrt sie uns, daß der Glaube an Gott nicht an eine bestimmte Vorstellung von ihm gebunden ist: Er wird seine Verheißung erfüllen, auch wenn wir nicht sehen, wie. - Und das mit dem Menschenopfer- jetzt erst wird es wirklich christlich - das weltlich immer wieder verlangt und gegeben, gelegentlich sogar religiös verbrämt wird: Das findet im Tod Jesu sein Ende.

Die christliche Zusammenschau des biblischen Zeugnisses hat in dem Widder, der an Isaaks Stelle geopfert wird, einen Hinweis auf Jesus gesehen. Ihn bekennen wir ja als das Lamm Gottes, das starb, damit wir leben. Die Alte Kirche nahm die Geschichte von Isaak in die Leseordnung für die Osternacht auf und verstand sie von Jesus her. Wenn in Jesus Gott selbst den Tod erlitt - welchen religiösen Sinn könnten Menschenopfer da noch haben? Am Kreuz Jesu hat sichŽs ausgeopfert. Allenfalls in Anführungszeichen kann jetzt noch vom —Opfernž die Rede sein.

Was bleibt, ist: Gott alles zu geben zu wollen, was ihm gehört - auch das Leben. Paul Gerhardts Lied hat das erzählt: —Ich will mich dir, mein höchster Ruhm, hiermit zu deinem Eigentum beständiglich verschreiben.ž Aber dazu muß man nichts und niemanden mehr töten - auch nicht sich selbst. Und unsere Rettung hängt nicht ab vom Gelingen unseres Opferns, sondern allein von Jesu Opfer: denn hier war Gottes Macht am Werk. Sie hat dem Sterben seines Sohnes nicht Einhalt geboten wie bei Isaak, aber sie hat uns von der Notwendigkeit befreit, selbst zu Opfern zu werden.

Das ist die christliche Sicht auf den Tod Jesu. Was weltlich aussah wie die Hinrichtung eines religiös-politischen Aufrührers, was religionsgeschichtlich aussieht wie ein Menschenopfer, versteht der Glaube an den Auferstandenen als Gottes Selbstopfer. Mehr an Opfer geht nicht.

Zugleich ist dies die gänzlich unerwartete Art Gottes, sein Versprechen an Abraham einzulösen: Durch den für alle Menschen offenen Glauben an Jesus wird Abraham für viele Menschen zum Stammvater des Glaubens an Gott. So nennen wir den Gott Jesu bis heute den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und sprechen die Sprache der Patriarchen und Jesu, wenn wir sagen
G. Amen.
 
 
 


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