Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Jubilate über Gen 1 (in Auswahl)

Liebe Gemeinde!
Heute hörten wir die ersten Seiten der Bibel, aus dem 1. Buch Mose, die Kapitel 1 - 2, 4a: den sogenannten ersten Schöpfungsbericht. In der Kurzfassung kam er schnell zur Sache: auf Mann und Frau. Ein bekannter und doch respekteinflößender Text. Jahrhundertelang haben Menschen über seine Bedeutung nachgedacht. Überhaupt sind uns ja die verschiedenen Geschichten jener ersten Seiten der Bibel, der sogenannten Urgeschichte, seit Kindertagen fast alle wohlbekannt - und doch geben sie uns Anlaß zu vielen Fragen. Und das sind heute häufig andere Fragen als die, die diese Texte einst beantworten wollten - besonders, seit in Europa die sogenannte Neuzeit begonnen hat und die Welt wissenschaftlich und ohne Glauben an Gott untersucht wird. Nun wollen die Menschen wissen, was am Anfang —wirklichž passiert ist - die Sache mit dem Urknall also. Und seitdem hören viele nicht mehr zu, was ein Text wie dieser wirklich sagen will. Das aber zu hören, das wollen wir jetzt versuchen. Wo anfangen? Mit dem Anfang, der Schöpfung:

—Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.ž Das hebräische Wort fur Entstehungsgeschichte heißt toledot. So heißen auch die im Anschluß erzählten Entstehungsgeschichten von Menschen und von Völkern, also die Geschlechterfolgen oder Genealogien. Diese wollen zeigen, wie die verschiedenen Stämme und Völker heute ursprünglich miteinander verbunden sind, und bilden so etwas wie das «GerüstŽ der Kapitel 1 bis 11. Sie verbinden die verschiedenen Stücke. Wenn die Erzählung vom Anfang so eine toledot ist, heißt das: Sie verbindet Gott mit dem Menschen. Sie zeigt einen Zusammenhang auf. Dieser lautet: Der Gott Israels, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott, der sein Volk aus Ägypten herausgeführt hat - der ist der Schöpfer und Herr der Welt. Das ist die erste Aussage dieses Textes - eine Art Überschrift.

Weil im Text anschließend bestimmte Redewendungen regelmäßig wiederkehren - —es wurde Abend, und es wurde Morgenž - und die acht Schöpfungswerke Gottes in den Rahmen von sechs plus einem Tag, also einer Woche, gestellt werden, kann man eine Ordnung des Textes erkennen, die an die Strophen eines Gedichtes erinnert - oder an ein Lied, das einen Dichter hat. Es ist ein Lobpreis: —Gott sah, daß es gut war.ž

Das ist die nächste grundsätzliche Aussage: Die Welt ist (zumindest grundsätzlich) nicht vom Teufel, wie andere, fremde Schöpfungsmythen damals erzählten - und sie gehört ihm auch nicht. Darum geht sie auch nicht zum Teufel. Der Schöpfer verdient Lob und Dank für sein Werk.

Das biblische Lob des Schöpfers wurde - soviel wir wissen - zuerst im heutigen Irak angestimmt. Um 520 vor Christus war die nach Babylon verschleppte jüdische Führungsschicht vor die Frage gestellt: Was bleibt uns noch? Der Tempel ist zerstört, ein fremder König herrscht über uns, unser Land haben wir verloren. Der Glaube an den Gott der Väter gerät ins Wanken. Was also bleibt? Die Priesterschaft antwortet darauf mit diesem Lied von der Schöpfung. Es ist ihr Glaubensbekenntnis. Es bringt zum Ausdruck: Unser Gott ist auch der Gott der anderen, er ist auch der Schöpfer - der Schöpfer des Menschen und der Welt überhaupt.

Im babylonischen Exil hatte das jüdische Volk ja den Glauben an andere Götter kennengelernt und andere Geschichten vom Anfang, eigentümliche, eigenartige Göttermythen. Das ist z.B. die Rede von einem Kampf der Götter, an dessen Ende die heutige Welt steht. (Die damalige - denn wir sprechen ja von der Zeit vor 2500 Jahren.) Da gibt es Mythen, in denen Götter die Menschen als ihr Dienstpersonal erschaffen. Gegen diese Schöpfungsmythen geht der Glaube Israels an mit dem Gedanken des Bundes: Gott hat mit seinem Volk einen Bund geschlossen. Mag das Volk diesen Bund auch gebrochen haben und als Strafe nun die Zeit der Verbannung ertragen müssen - Gott erneuert seinen Bund, der begonnen hat mit dem Anfang. Er ist und bleibt der Herr. Die Priester erzählen also ältere Schöpfungsgeschichten neu: Was bleibt uns in der Verbannung?
Das Wissen um die bleibende Beziehung unseres Gottes zu seiner guten Schöpfung. Unser Gott ist auch der Herr der Babylonier. Er hält die ganze Welt in seiner Hand - denn wie könnten wir einem Gott vertrauen, der nicht auch der Schöpfer der Welt ist? So gibt Israels Lied von der Schöpfung Antwort auf die Frage, —was die Welt im Innersten zusammenhältž. Es gibt Antwort auf Angst und Resignation angesichts katastrophischer Welt- und Lebenserfahrungen und führt uns unsere Welt vor Augen - nicht als Spielball im Kampf der Götter, sondern als von Gott erbautes Haus.

—Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?ž können die Philosophen fragen. Die Bibel sagt es mit einer Überschrift: Gott ist der Grund des Anfangs. Er hat —Himmel und Erdež geschaffen: kein Götterkampf, kein Zufall, kein Unglück. Was ist das Besondere an Gottes Schaffen? Dazu gibt der Text eine Reihe von Antworten:

- Die Welt ist nicht Gott; sie ist, was er machte, als er Grenzen setzte. Gott tritt auf diese Weise dem Chaos entgegen, der Finsternis, der Flut, der Wüste.

- Gott schafft Unterschiede. Er trennt Licht von Finsternis. Gott macht Ordnung, die Ordnung der Zeit, Tag und Nacht - oder (nach orientalischem Zeitempfinden): den Beginn des Tages mit dem Abend.

- Gott macht Lebensraum: Wie eine Käseglocke wölbt sich der Himmel über der Erde, die lebens- und ordnungsbedrohenden Wasserfluten werden ausgesperrt.

- Und das alles macht Gott, indem er es sagt. Er spricht - und es geschieht. Sein Wille ist Gesetz. Was ein altorientalischer Herrscher Untertanen gegenüber vermag, vermag Gott gegenüber den Dingen der Welt. Auffällig ist, daß nicht alles auf einmal da ist. Liegt das an der orientalischen Lust am Erzählen, ist das das erste Auftauchen des Gedankens der Evolution, damalige Naturkunde - oder ist das einfach nur gut beobachte, also eine Art Schilderung des Frühlings der Welt? Das Ganze hat ein Ziel. Das Haus der Welt wird sozusagen eingerichtet. Das Land erhält sein Pflanzenkleid. Die Wüste wird begrenzt. Für wen bloß? Die Erzählung erzeugt Spannung.

Sonne und Mond kommen als nächstes, aber die sind bloß Lampen, sie bestimmen nicht unser Schicksal. Astrologie? Sterndeuterei? Das war gestern. Keine höheren Mächte, die uns beherrschen könnten: Zeitmesser stehen bereit - zur Ordnung der Zeit. Aber wer braucht das?

Lebewesen bevölkern die Erde. Der Lebensraum ist besiedelt. Aber warum das Ganze? Warum gibt es diese unsere Welt? Alles ist bereit, scheint zu warten. Und dann der Höhepunkt: —Lasset uns Menschen machen.ž

Also keine Welt ohne Menschen. Ohne den Menschen wäre diese von Gott gemachte Welt nicht vollendet. Das ist eine Absage, die Absage an den alten und modernen Zynismus derer, die da sagen: Die Erde braucht den Menschen nicht. Israels Glaube ist menschenfreundlicher: Der Mensch gehört zur Erde. Gott hat sie ihm als Haus erbaut und für ihn ausgestattet. In diesem Haus lebt der Mensch, sein Abbild, ihm ähnlich.

Was soll aber das bedeuten, der Mensch sei Bild Gottes? Inwiefern ist der Mensch Gott ähnlich? Geistig? Hat Gott etwa eine Gestalt? In der Tat: Der Mensch ist Gottes Repräsentant - wie eine antike Statue des Herrschers den abwesenden Herrscher anwesend sein läßt. Wer Gott sehen will, bekommt den Menschen zu sehen. Und er sieht ihn so, wie der Mensch ist: Mann und Frau. Auch das ist eine Absage, eine Absage nicht nur an die, die den Frauen früher ihr volles Menschsein abgesprochen haben sollen, sondern auch an die modernen Skeptiker in den Zeitgeistmagazinen, die Männer und Frauen mit milder Ironie für eine unterschiedliche Spezies halten. Beide sind Mensch. Der Mensch ist Mann und Frau.

Als Repräsentanten Gottes herrschen Mann und Frau über die anderen Geschöpfe und die Erde. In seinem Namen herrschen sie in Zeit und Raum. Gottes Segen ruht auf ihnen. Von Zerstörung der Umwelt und Überbevölkerung kann keine Rede sein: Zu ordnen ist ihre Aufgabe.

Doch ist da schon eine Spur ausgelegt, die in Richung Rückkehr des Chaos weist - wie in einem Krimi: Mensch und Tier am Anfang, im Ursprung sind Vegetarier. Heute aber doch nicht mehr. Der Hörer ahnt: Da wird also noch etwas kommen, was diese gute Welt bedroht. Das Lied vom guten Anfang ist nur der Auftakt zu einem dramatischen Geschehen.

Das weist darauf, daß das Lied von der Schöpfung mit seinem Lob des Schöpfers nicht einfach Spiegelbild unserer wirklichen Welt ist, sondern eher ihr Urbild, ihre Norm, Welt, wie sie sein soll. Für jene Welt, die nicht schlechthin unsere ist, erhält der Schöpfer die Note: sehr gut.

Schlußendlich, wenn alles getan ist..., die Ruhe des siebten Tages. Ruhe nicht aus Erschöpfung oder zum Zwecke künftiger Leistungssteigerung, sondern - wie die Priester später sagen - für den Sabbat, den Feiertag. Erst mit dem Sabbat kommt die Schöpfung zum Ziel. Der ist der eigentliche Höhepunkt des Liedes von der Schöpgung. Er ist gesegneter Tag, heiliger Tag - Tag Gottes. Tag der Ordnung: Gott erklärt die Welt für fertig. So kommt die Welt zu ihrem Schöpfer.

Aber ist die Welt nicht in Jahrmilliarden entstanden, nach einem Urknall und in voller Evolution befindlich? - Das sind Fragen von heute, die der Text nicht beantwortet. Er löst ein anderes Problem: Er bekennt den Glauben an den Gott Israels angesichts zusammenbrechender Ordnungen, angesichts von Chaos.

—Im Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen.ž Das heißt: Gott ist konkurrenzlos. Nur er gibt Halt - der Welt und den Menschen. Und die Welt ist eine Welt für den Menschen - bei allem begründeten Zweifel daran.

—Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?ž - Die einander ablösenden naturwissenschaftlichen Hypothesen können nicht einmal fragen, was das Lied von der Schöpfung beantwortet: Warum Urknall und Evolution - und wozu? Die Bibel sagt: Im Anfang - Gott allein. Dann der Mensch - weil Gott ihn will - der Mensch in der geordneten Schöpfung. Doch das Chaos bleibt Bedrohung. Dagegen setzt Gott seine Ordnung: Gesetze, Gebote - und den Rhythmus der Woche.

Das Lied von der Schöpfung wird in der Bibel noch weitergesungen. Mit Jesus Christus beginnt Gottes neue Schöpfung. Darum versammeln wir uns nicht am Sabbat zum Gottesdienst, dem Tag der Ruhe, sondern am Sonntag, dem Tag Jesu Christi, dem Tag, als die ersten Zeugen erfuhren: Jesus lebt, Gott hat ihn von den Toten erweckt. So verdorben die von Gott gut gemeinte Schöpfung durch der Menschen Wirken auch mittlerweile sein mag - Gott hat erneut eingegriffen und in Jesus Christus einen neuen Anfang gemacht, damit der Segen des Anfangs nicht untergeht und am Ende der Zeiten alle Menschen voller Dankbarkeit und aus ehrlichem Herzen werden sagen können: —Und siehe, es war sehr gut.ž

Und was sagen wir dazu?
G. Amen.
Amen.
 
 


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