Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 5.11.2006 (Gedenktag der Reformation) über Gal 5, 1-6

Liebe Gemeinde!
Es geschah auf einer (fiktiven) karibischen Insel: Queimada. Die Einwohner leben in Sklaverei. Sie schuften auf den Zuckerrohrfeldern der Herren. Ein englischer Agent stiftet sie an zum Aufstand gegen die portugiesischen Großgrundbesitzer: —Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen.ž Der Aufstand gelingt. Jetzt sind sie frei. Jetzt sind die Insulaner ihre eigenen Herren. Sie feiern. Doch bei der nächsten Ernte entdecken sie, daß sie nun den Gesetzen des Weltmarktes unterliegen, daß das Gesetz von Angebot und Nachfrage sie im Griff hat. Um zu überleben, müssen sie arbeiten, schuften - härter denn je. Schöne Freiheit. Den britischen Offizier und Freiheitsprediger kostet es das Leben. Er wird ermordet. Queimada. Eine Parabel über Freiheit und Unfreiheit, ein Lehrstück über die Entwicklung von der Sklaverei zur Lohnarbeit, ein Blick in die Welt von heute, auf das, was seinerzeit in Vietnam und heute in Afghanistan, Irak (und auch in Deutschland!) geschieht - zugleich ein spannender Film mit Marlon Brando in der Hauptrolle.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Schon der Apostel Paulus weist auf dieses Problem mit der Freiheit hin, das Problem, das sie leicht wieder verlorengeht - ohne daß man das will. Was dann noch nach Freiheit aussehen mag, verdient in Wahrheit nicht mehr diesen Namen. Sein Beispiel stammt aus der Auseinandersetzung mit dem Judentum. Da war die Beschneidung, das Zeichen des Bundes von Gott und Mensch, eine religiöse Pflicht, mit ihr verbunden die Übernahme der 613 Bestimmungen des Gesetzes. Aber müssen Menschen aus dem Heidentum eigentlich das jüdische Gesetz übernehmen, um Christen sein zu können? Paulus sagte nicht nur grundsätzlich «NeinŽ dazu, sondern auch: Wer sich jetzt noch beschneiden läßt, der liefert sich damit der Herrschaft des Gesetzes wieder aus, der wendet sich wieder ab von Christus, der sucht sein Heil anderswo. Diese Position war umstritten (muß man denn so radikal denken?) - aber deutlich. Sie hat sich durchgesetzt. Hat sie sich durchgesetzt?

Für uns ist die Beschneidung natürlich keine religiöse Frage mehr und auch ansonsten nur ein Randthema. Heute gibt es die Diskussion um das Kopftuch oder den Ganzkörperschwimmanzug der Musliminnen. Ist solche Kleidung ein Zeichen der Befreiung oder eines der Unterwerfung? Unter Gott oder unter eine menschliche Kultur? Spannende Fragen - aber in erster Linie eine Auseinandersetzung unter Muslimen und zwischen Staat und Islam. Unsere religiöse Freiheit wird dadurch nicht bedroht. Was aber bedroht die Freiheit von uns Christinnen und Christen? Gibt es das eigentlich überhaupt, kann etwas derart unsere Freiheit bedrohen, daß wir wieder einen Rückfall erleiden könnten nach Art des Rückfalls unter das Gesetz, von dem Paulus sprach?

Paulus sah für den Menschen ja grundsätzlich nur zwei Wege zum Heil, den Weg des Gesetzes und Jesus Christus. In Christus aber ist der erste Weg versperrt. Man kann nicht allein auf Jesus Christus vertrauen und dann noch auf die Werke des Gesetzes. Gottes Gesetze - wie die 10 Gebote - sie sind damit natürlich nicht ungültig geworden, aber sie sind jetzt nur noch wie Lichtkegel durch die Dunkelheit des Lebens. Sie beleuchten die Wege unseres Lebens, aber sie können uns nicht mehr blenden mit dem falschen Versprechen, unser Heil hinge davon ab, daß wir sie befolgen. Ein frommer Mann hat mal gesagt: —Die 10 Gebote sind wie Laternenmasten. Sie werfen Licht auf unser Leben - aber nur Besoffene halten sich daran fest.ž

Aber droht wirklich nur Besoffenen der Rückfall unter das Gesetz, der Verlust der durch Christus erworbenen Freiheit? Schon Paulus muß sich für seine radikale Ansicht zum Thema Beschneidung um Argumente bemühen: Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß. Gerechtigkeit, das kommt also erst noch - trotz Christus. —Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen.ž Das ist Verheißung. Noch ist das nicht unser Leben. Mangel an Gerechtigkeit ist also kein Argument, wieder auf das Gesetz zu setzen. Das wird es auch nicht richten. Die fiktive Insel Queimada hat das erfahren - und auch wir erleben es täglich. Gerechtigkeit kommt erst von Gott.

Dennoch ist nicht alles bloße Zukunftsmusik: Das Thema Beschneidung beispielsweise hat sich erledigt - und damit seine religiöse Bedeutung. Nicht, weil uns das nicht mehr interessiert, sondern grundsätzlich: Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Der Christusglaube - auf den kommt es an.

Schön und gut, liebe Gemeinde, aber das wissen wir doch zur Genüge. Brauchen wir eigentlich die Erinnerung, brauchen wir diesen Reformationstag - mit seiner Warnung vor der Gefahr des Rückfalls? Die Frage ist doch: Kann es das eigentlich geben, daß sich der Glaube an Christus mit etwas anderem nicht verträgt, so daß man wählen, sich entscheiden muß zwischen Christus und ...? Was könnte das sein - wenn es heute nicht mehr die Beschneidung ist?

Die Antwort ist einfach. Sie lautet: Alles. Alles kann sich zwischen mich und den Glauben an Christus stellen - Besitz oder Mangel, Gesundheit oder Krankheit, Leben oder Tod. Alles kann mir mehr bedeuten als Jesus Christus. Das muß zwar nicht notwendig etwas ganz Konkretes sein, sagen wir: Fußball statt Gottesdienst, der Klassiker - aber irgendetwas ist es doch. Jeder und jede hat da sein und ihr Problem. Sie glauben das nicht? Denken wir uns einen Test aus: Würden Sie etwa für Jesus Christus, für den Glauben an ihn sterben? Oder sagen Sie sich: Um Gottes willen, warum das denn? Das sind doch nur Fanatiker, die so was tun. Und wenn sich da - dreißig Jahre nach Oscar Brüsewitz - wieder ein Pfarrer verbrennt, dann müssen wir sein Anliegen kleinreden, es mit unserem Mitleid und Bedauern zudecken, weil wir nicht verstehen können, daß ihm Jesus Christus mehr bedeutete als das Leben. Wir sagen: Das kann doch keine Alternative sein! Christsein, das muß doch auch ohne solche Radikalität gehen können!

Weil wir so denken, fällt es schwer, die Worte des Paulus als Warnung auch für heute zu verstehen. Darum können wir nicht entdecken, daß sich wirklich längst etwas zwischen uns und den Christusglauben gestellt hat. Damals war es die Beschneidung der Heiden - und heute ist es: das gute Gefühl, das gute Gefühl, das wir beständig brauchen, die wellness für die Seele. Glaube ist nur so lange gut, als er in uns ein gutes Gefühl am Leben hält, uns bestätigt. Unruhe? Nein, danke. Gewissenserforschung? Buße? Bloß nicht. Wir sind doch keine Therapiegruppe (und selbst die stehen unter dem Diktat des guten Gefühls). Je schlechter es in der Welt zugeht und je wüster es in unserem Inneren aussieht, desto mehr streben wir nach wellness. Der Zerfall der bürgerlichen Umgangsformen in unserer Stadt, die zunehmende Aggressivität in der Öffentlichkeit sind offenkundig. Eigentümlich nur, wie wir damit umgehen. Gerade nicht offensiv und streitbar, eher so: Man will das Klagen nicht hören, es hilft ja doch nichts, macht nur noch mehr Stress. Jeder Streit gilt als schlecht - auch wenn er nötig wäre. Kleines Beispiel aus dem Gemeindeleben: die alljährliche Gemeindeversammlung am kommenden Sonntag. Gegen den Wunsch, möglichen schlechten Nachrichten aus dem Weg zu gehen, wird wohl auch keine warme Suppe helfen. Bestenfalls erfahren wir, wie schön es anderswo ist: Wie schön es früher in der Kita war, wie viele Konfirmanden es noch gab... Wellness schiebt sich zwischen uns und die Wirklichkeit. Die Werbung hat unser Bedürfnis nach wellness ja längst erkannt: Selbst für die —Gelben Seitenž mit ihrem nervig-unüberschaubaren Angebot wird mit Slogan geworden: —Ich hab ein gutes Gefühl...ž.

Das macht uns taub für die engagierte Warnung des Paulus - und für den Glauben an Jesus Christus; denn die zwei Wege zu Gott, die Paulus vor Augen hatte, den Weg des Gesetzes und den Weg des Glaubens, die kann man auch so zusammenfassen: Er oder Ich, Jesus Christus oder mein Ego: Was ist wichtiger? Daß wir nicht zulassen wollen, daß man sich hier, daß man sich überhaupt entscheiden muß - das ist heutzutage unser Problem. Darum droht uns die Freiheit verloren zu gehen, zu der uns Jesus Christus befreit hat. Und zugleich damit die einzige Chance, wirklich wellness zu erlangen, altmodisch gesagt: unser Seelenheil.

Und wie gewinnen wir es wieder? Martin Luther betonte, daß unser Heil nicht in uns selbst liegt, sondern «außerhalbŽ, in Christus. Unsere Freiheit liegt in ihm. Wer in Christus ist, der ist frei. Deshalb begann er seine berühmte Schrift über die «Freiheit eines ChristenmenschenŽ mit den Worten:
—Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.ž
Und kam zu dem Schluß, —daß ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christo und seinem Nächsten, in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fähret er über sich in Gott, aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebež.

Noch kürzer gesagt: Er oder Ich - also Er.

Martin Luther schließt: —Siehe das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz freimacht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde. Welche Gott uns gebe recht zu verstehen und behalten.ž
G. Amen.
 
 


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