Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Erntedanksonntag 2005 zum 160jährigen Gemeindejubiläum

—Liebe Kunden, liebe Freunde,
der Herbst steht vor der Tür und wir freuen uns bereits jetzt auf das Ende des Jahres mit all seinen Festen und genußvollen Stunden. Zur Einstimmung...ž
- hier, liebe Gemeinde, breche ich die Einladung zum Konsum ab, die den heutigen Erntedanksonntag zusammen mit den Feierlichkeiten zum 15jährigen Bestehen der Deutschen Einheit kennzeichnet. Es ist ja nur eine Einladung unter vielen. Und viele haben ihnen Folge geleistet. Unsere Stadt ist heute voller Menschen aus dem ganzen Land, gekommen zum Feiern, Konsumieren und Flanieren. Flanieren? Welch altmodisches Wort. Es führt uns zurück in die Anfangszeit dieser Kirche vor 160 Jahren.

Als Theodor Fontane die noch recht neue Kirche einmal besuchte und Augenzeuge einer Hochzeit wurde, berichtete er: —Der Bräutigam ... reichte seiner Braut die Hand, einem sehr hübschen Mädchen, das übrigens, wie gewöhnlich bei Bräuten, weniger um seines hübschen Aussehens als um seines weißen Atlaskleides willen bewundert wurde. Dann stiegen beide die mit einem etwas abgetretenen Teppich belegte, nur wenig Stufen zählende Steintreppe hinauf, um zunächst in den Kreuzgang und gleich danach in das Kirchenportal einzutreten...ž

Heute haben Sie denselben Weg zurückgelegt, haben die paar Stufen genommen, die in den 160 Jahren des Bestehens dieser Kirche Gott-weiß-wie-viele Menschen gegangen sind, um hier zu beten und zu singen, ihren Glauben zu bekennen, zu heiraten, ihre Kinder taufen zu lassen, Trost und Hoffnung zu empfangen - und Gott zu danken. Und wieder haben wir in der Jacobi-Kirche einen roten Teppich ausgerollt...

Anders als am Erntedankfest des Jahres 1845, das damals auf den 5. Oktober fiel, sind es heute keine Prominenten - kein König und kein Minister, kein Bürgermeister - die uns heute besuchen kommen. Heute ist der rote Teppich in diesem Haus des Glaubens ausgerollt für Sie alle, für uns alle.

Nach den Wechselfällen der deutschen Geschichte, nach den Höhen und Tiefen unseres Landes, die wir mit erlebt und mit geprägt haben, nach Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau und ersten Renovierungsschritten haben wir eine Kirche betreten, die eine ganz zentrale Botschaft verkündet, die christliche Botschaft schlechthin. Sie lautet: —Christus ist der Herr.ž (Röm 10, 9) Es ist die Botschaft des großen Mosaiks in der Apsis dieser Kirche, das man als beherrschenden Raumeindruck wahrnimmt. Besucher wundern sich manchmal, daß kein Kreuz diesen Raum dominiert, und fühlen sich fast in eine byzantinische Kirche hineinversetzt. Zu Recht. Das Mosaik wirkt wie eine Ikone. Ikonen wollen den Himmel mit der Erde verbinden - und das ist auch die Botschaft dieses Mosaiks: Christus in der Kleidung eines römischen Kaisers, also als der Herrscher der Welt. Und so mancher, der sich in Stille oder Verzweiflung hier niedergelassen hat, gewann beim Betrachten des Mosaiks den Eindruck: —Er kommt auf mich zu. Ich bin nicht allein.ž Jesus als Immanuel, Gott-für-uns. Kirche gegen Einsamkeit.

Diese Kirche und ihre Architektur als altchristliche Basilika spiegelt die christlichen Ideale König Friedrich Wilhelms IV. In einem Brief an Christian Bunsen - nein, doch nicht der mit dem Bunsenbrenner - schrieb er: —Das einzige Mögliche und das wahrhaft nothwendige sey seit 1800 Jahren da, als Vermächtnis der Apostel. Es sey nur gerade so, wie damals gebaut worden, wieder zu bauen.ž Zurück zu den Aposteln, zurück zu den Quellen. Das wollte auch die Reformation Martin Luthers.

Der König hat diese Kirche nicht nur eingeweiht, sondern auch das Patronat übernommen. Er verlieh ihr den Namen des Apostels Jakobus. Sicher ging das zurück auf das alte Jakobshospital und den Jakobskirchhof auf dem Gelände des heutigen Waldeckparks, und nicht -  jedenfalls nicht unmittelbar - auf die mittelalterliche Tradition der Wallfahrt nach Santiago de Compostela zum dort verehrten Grab des Apostels, möglicherweise aber haben seine christlichen Ideale den König auch deshalb zu dieser Namengebung veranlaßt, weil der biblische Jakobusbrief davon spricht, Christen sollten nicht bloß Hörer, sondern auch Täter des Wortes Gottes sein (Jak 1, 22).

In der Geschichte der Gemeinde ist ihr erster Pfarrer, Dr. Johann Friedrich Bachmann, jedenfalls schnell auf die materielle Not im damals wachsenden Berlin eingegangen: durch die Gründung mildtätiger Vereine - eine Tradition, die die Gemeinde u.a. durch die Notunterkunft für obdachlose Frauen und die Aktion —Laib und Seelež fortsetzt. Die Gemeinde? Vor allem sind es einzelne, die sich hier engagieren - und von denen sind heute viele in unserer Mitte. Habt Dank.

Ohne Zusammenwirken mit dem Staat ginge auch heute vieles nicht - aber da wird es immer schwieriger. In diesem Jahr gab es Streit um den Religionsunterricht. Das hat mich veranlaßt, einem Berliner Parteivorsitzenden in einem Brief die Botschaft dieser Jacobikirche mitzuteilen. Ich schrieb: —Der Glaube an Gott hat für mich Vorrang zu haben vor jedem staatlichen —Wertž: vor jedem Gesetz, vor jeder Vorschrift. Darum haben Mitchristen immer wieder bewußt gegen staatliche Vorschriften verstoßen - als sie so etwas wie —Kirchenasylž gewährten, den Kriegsdienst mit der Waffe verweigerten, totalitären Systemen widerstanden. Ein biblisches Wort wie: —Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschenž (Apg 5,29) ist nicht verhandelbar. Ich kann es nicht gesellschaftlicher Konsensfindung unterwerfen. Wenn ihre Partei den Streit darüber haben will, wird sie ihn bekommen.ž

Gemütlichen Zeiten gehen wir also wohl nicht entgegen, gerade auch als Christinnen und Christen nicht. Aber das Erntedankfest und der freudige Dank an Gott den Schöpfer und Geber aller Gaben verbindet uns mit den vielen Menschen, die in diesem Jahr trotz oder wegen der großen Naturkatastrophen wieder neu eine Ahnung bekommen haben von der Macht des Schöpfers. Nicht Demut vor der Natur ist ja unsere Sache, sondern die Gewißheit, daß Gott in Jesus Christus auch Herr bleibt über alles Verderben, Herr auch über unsere Erfahrungen von Leid, ja unsere Schuld.

Diesem Glauben verdankt diese Kirche ihren Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg durch Pfarrer Radicke; diesen Glaube bezeugt das Christusmosaik, das in dieser Gestalt damals entstand; dieser Glaube vermag uns auch in Zukunft zu tragen. Dieser Glaube hat den Menschen Jesus beseelt, als er in der Bergpredigt, die uns die Kinder heute zusammen mit der Geburtstagstorte übereicht haben, ein die Welt bis heute unglaublich provozierendes Vertrauen zu Gott zum Ausdruck brachte: —Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? ... Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.ž

Unglaublich, diese Zumutung. Irre, dieses Gottvertrauen. Beweist unsere Gemeindegeschichte von Bachmann bis zur Gegenwart nicht das Gegenteil, die Notwendigkeit sorgfältiger Planung - um des Überlebens willen, als einzelne und als Gemeinde? Und doch: Daß es uns als Gemeinde noch gibt, daß es den Glauben an diesen Gott und seine kommende Herrschaft noch gibt, das verdanken wir nicht unserem Planen und Sorgen. Das Gegenteil ist der Fall: Manchmal denke ich, es ist schon ein Wunder, daß es uns trotz all unseres Planens und Sorgens noch gibt. Ist nicht auch die Kirche in die Hände der Planer und Macher gefallen? Daß es uns noch gibt, verdanken wir Gott, der unserem Planen immer wieder eine lange Nase zeigt. Manchmal tut das richtig weh, wenn unsere Träume und Wünsche nicht in Erfüllung gehn - aber wir leben noch. Noch leben wir - und bleiben am Leben, weil wir in der Taufe teilbekommen haben an Gottes Leben. Gott sei Dank.

Daß dieser Glaube nicht verlorengehe, dazu verleihe Gott uns allen seinen Geist. Darum einmal ganz salopp gesagt: Bleiben Sie auf dem Teppich, auf diesem Teppich, auf dem Boden des christlichen Glaubens!
G. Amen.
 
 


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