Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Erntedankfest 2002 über Hebr 13, 15-16

Liebe Gemeinde!
Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Das gilt auch für die Feier des Erntedankfestes: Alle reden von Erntedank. Aber welche Ernte meinen wir? Wem danken wir? Und wie feiern wir das?

Um welche Ernte geht es heute? Um Obst oder Gemüse, Getreide oder Kartoffeln? Das kaufen wir doch alles im  Laden. Nur wenige von uns haben selbst etwas geerntet. Erntedank in der Stadt hat darum immer etwas Folkloristisches an sich. Sollten wir die Kirche nicht im Dorf lassen?

Aber auch das Ernten der Bauern fand überwiegend doch schon vor einiger Zeit statt - bis auf die Kartoffeln, ein paar späte Äpfel und die Weinlese. Weil das Ernten sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, haben die Menschen in den alten Kulturen ja mehrere Erntefeste gefeiert. Unser Blick fällt heute also nicht nur auf das, was hier an Früchten des Feldes vor uns liegt, sondern richtet sich ganz allgemein auf die Ernten des vergangenen Jahres.

Und da gibt es viel Erschreckendes: Was ist in diesem Jahr nicht alles der Witterung zum Opfer gefallen! Müßten wir feiern wie die Pilgerväter, die nach dem ersten arbeitsreichen Sommer in der Neuen Welt die Ernte abwogen, ob sie sie wohl über den Winter bringen würde, es würde wohl knapp. Gottlob hilft uns die ansonsten viel gescholtene Globalisierung: Was wir selbst nicht ernten konnten, kaufen wir ein - buchstäblich in der ganzen Welt. Unser Dank gilt heute also aller Welt - für das, was sich ernten ließ, als Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, wie es schon in uralten Gebeten heißt.

Gebeten? Was hat Gott denn mit der Ernte zu tun? Ist das nicht altmodisch, so zu denken? Vormodern? Sind unsere Erntedanklieder nicht Produkte vergangener Zeit? Muß Erntedank nicht anders klingen - Erntedank, Bauerndank? Etwas so, Ergebnis einer kurzen Internet-Recherche:

Wir denken dran, o Bauersmann,
Was alles du für uns getan,
Wie du gepflügt, gesät, bestellt
Von früh bis spät dein Ackerfeld.

Wir denken dran, o Bauersmann,
Wie dir der Schweiß in Strömen rann,
Wie du in mancher Wetternacht
Voll Sorge an dein Korn gedacht.

Wir denken dran, o Bauersmann,
Hier in den Städten, Frau und Mann,
Da deine Not auch unsre Not,
Fahr ein fürs Volk das täglich Brot.

[Wir denken dran, o Bauersmann,
In den Fabriken, Frau und Mann,
Für unsre Kinder brich die Not,
Fahr ein fürs Volk das täglich Brot.

Wir denken dran, o Bauersmann,
In den Kontoren, Frau und Mann,
Wenn du nur erntest, hat's nicht Not,
Fahr ein fürs Volk das täglich Brot.]

Oder so:
Alle Tische stehen leer, schafft die Bauernfaust nichts her.

Oder so:
Wollt ihr fröhlich essen,
dürtt ihr nicht vergessen,
wieviel Sonne, Regen, Wind
vorerst not gewesen sind,
bis euch diese Gaben
nun erlaben.
Dankt drum Sonne, Wind und Regen
für den Segen!

Viele feiern so Erntedank - als Herbstfest. Bloß: Wenn zwei dasselbe tun, ist es eben noch lange nicht dasselbe.
Erntedank in der Kirche macht auch aufmerksam auf den Herrn der Ernte: Ihm vor allem danken wir hier und heute. Mutter Erde hat für uns noch einen tieferen Grund: Gott, ihren Schöpfer. Der englische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton, Verfasser der humorigen Geschichten um Pater Brown, schrieb einmal:
—Der ärgste Augenblick für einen Atheisten ist der, wenn er das Gefühl hat, danken zu müssen, aber nicht weiß, wem.ž

Diesem Bedürfnis können wir abhelfen: Gott dürfen wir danken, wenn wir heute Erntedank feiern. Und das machen wir uns und vor allen Augen auch sichtbar:

Was uns die Erde Gutes spendet,
was unsrer Hände Fleiß vollbracht,
was wir begonnen und vollendet,
sei, Gott und Herr, zu dir gebracht.

Wir legen unsre Gaben nieder
als Lob und Dank vor deinem Thron.
Herr, schenk sie uns verwandelt wieder
in Jesus Christus, deinem Sohn.

[Wie Wein und Wasser sich verbinden,
so gehn wir in Christus ein,
wir werden die Vollendung finden
und seiner Gottheit teilhaft sein.]

So heißt es im katholischen Gesangbuch. Diese Lieder aus alten und neuen Zeiten wissen mehr als der moderne Mensch: Unser Dank hat eine Richtung, ein Ziel. Wir bringen Gott die Gaben. Darum kommt das Dorf in die Kirchen der Stadt. Und dennoch feiern wir heute nicht wie früher, als es den Menschen selbstverständlich war, von den Früchten des Feldes und den Tieren ihrer Herden Gott zu opfern, um immer wieder neu Gott gnädig zu stimmen, wir feiern, wie es im Brief an die Hebräer heißt: So laßt uns nun durch Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Wie also opfern wir? Wir bekennen Gottes Namen - das ist das Opfer der christlichen Gemeinde. Lobopfer, Frucht der Lippen wird es bildreich genannt. Diese Gaben hier sind nicht für Gott bestimmt, sondern füreinander. Wir teilen sie, tun Gutes. Das ist Opfern im Sinne des Evangeliums von Jesus Christus. Dankopfer nennen wir die allsonntägliche Kollekte, die Kollekte für den Nächsten. Wir können alles für die Mitmenschen verwenden, Gott beansprucht nichts davon. Opfern im alten Sinn, Opfern, um immer wieder unsere Gemeinschaft mit Gott  zu erneuern - das ist vorbei, das ist nicht unser Ding, das ist geschehen, das hat Jesus Christus ein für allemal getan. Opfern heißt jetzt, Gott bekennen, Erntedank als Danktag an ihn zu begehen und vor lauter Freude an der Schöpfung und ihren Gaben, vor Bauerndank und Völkerdank, nicht den Geber zu vergessen: Unser Dank hat Seine Adresse. Das ist christlicher Erntedank. Wenn zwei dasselbe tun, ist es eben noch lange nicht dasselbe...
Amen.
 
 


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