Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Fest Epiphanias

Liebe Gemeinde!
Hören wir heute morgen auf das, was die Krippe erzählt. An der Krippe ist jetzt ja mehr los. Da sind jetzt nicht mehr nur Jesus, Maria/Josef und die Hirten - da stehen jetzt auch die —Heiligen Drei Königež. Und mit ihnen - nicht mehr und nicht weniger als die ganze Welt. Da ist jetzt also ganz schön was los.

In der Bibel sieht das allerdings erst noch anders aus: Da sind die Besucher keine Könige, und Heilige sind sie schon gar nicht, ihre Zahl bleibt auch unbestimmt. Martin Luther spricht von —Weisen aus dem Morgenlandž. Wörtlich übersetzt handelt es sich um Magier aus dem Osten. Magier - das sind Sternenkundige, Astrologen; Astrologen aber nicht im heutigen Sinn: Nicht die Wahrsager in den Ratgebermagazinen sind gemeint, sondern Wissenschaftler. Im Sinne des damaligen Weltbildes gehen sie davon aus, daß bedeutende Ereignisse auf Erden zuvor am Sternenhimmel abgebildet werden. Makrokosmos und Mikrokosmos entsprechen einander, Großes am Himmel und Kleines auf Erden - so denkt die gesamte Alte Welt. Darum machen sich die Sternenkundige, wohl aus Persien stammend, auf, als sie —seinen Stern sehenž, um dem —neugeborenen König der Judenž ihre Verehrung zu erweisen, die Proskynese, wie es wörtlich heißt. Luther übersetzt das christlich natürlich gleich mit Anbetung, aber es kann auch einfach die im Orient bis heute übliche Verehrung durch Fußfall (—Bauchflatscherž) bedeuten.

Diese Art von —Antrittsbesuchenž ist in der Diplomatie der Welt durchaus üblich - in anderer Form bis heute. Wir wissen aus der Weltgeschichte beispielsweise vom Besuch des orientalischen Edelmannes Tiridates. Er kam 66 n. Chr. mit großem Pomp nach Rom, wo er dem Kaiser Nero huldigte und von ihm die armenische Krone empfing. Möglich, daß Matthäus daran gedacht hat, als er seine Weihnachtsgeschichte erzählte, vor allem, als er sie anders erzählte, als Lukas das tat, der ja nichts von den Weisen weiß. Dennoch sind heutzutage wieder einige Wissenschaftler der Meinung, daß es auch den Besuch der —Weisen aus dem Morgenlandž beim Jesuskind wirklich gegeben haben könnte.
Sie suchten nämlich Spuren des —neuen Sternsž - und fanden tatsächlich ein ungewöhnliches Ereignis am Sternenhimmel, das in die Zeit der Geburt Jesu paßt: Jupiter und Mond im Sternbild der Fische. Dieser scheinbar "neue" Stern - in der Fachsprache der Astronomen von heute: eine Konjunktion von Jupiter und Mond (nach einer anderen, älteren Theorie vom berühmten Astronomen Johannes Kepler die von Jupiter und Saturn) - galt damals als Zeichen für die Geburt eines neuen jüdischen Königs. Der Stern paßt also schon ins Bild und wandert von daher auch zu unseren Darstellungen von der Krippe. Da ist jetzt also schon mehr los.

Die Sternenkundigen aus Persien versteht aber schon Matthäus nicht mehr nur als Besucher beim künftigen Thronfolger: Am Ende ihrer Suche finden sie ja Jesus. Ihn als den —neugeborenen König der Judenž zu verehren - das ist nicht mehr bloß Reisediplomatie, dynastische Außenpolitik, die Verehrung eines möglichen Thronfolgers - hier wird schon zum Ausdruck gebracht, was erst am Kreuz des hingerichteten Predigers Jesus von Nazareth zu lesen ist: —der Juden Königž. Anfang und Ende hängen zusammen: Der Weg Jesu führt ihn ans Kreuz. (Deshalb schmuggeln manche Krippenmaler auf ihre Bilder auch ein Kreuz - und sei es nur ein wie zufällig erscheinendes Fensterkreuz. Wie gesagt, an der Krippe ist jetzt mehr los.)

Matthäus, der wie kein anderer Evangelist bemüht ist, Jesus als die Erfüllung der Hoffnungen Israels auf einen neuen Herrscher darzustellen, zieht hier also schon eine Linie von der Krippe ans Kreuz, eine Linie, die nur die Christgläubigen sehen: Jesus von Nazareth, Gottes Sohn, er war auch der Herr seines Volkes, des Volkes der Juden. Aber er ist ein Herrscher anderer Art: kein Gewaltherrscher wie Herodes, sondern einer, der gefährdet ist, verfolgt - den Gott aber rettet. Ein Herrscher ohne Macht, dem Gott am Ende aber alle Macht verleiht. Der Auferstandene spricht: —Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und  machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.ž

Damit das deutlich wird, macht Jesus bei Matthäus die ganze Geschichte seines Volkes noch einmal durch: Sein Weg führt ihn nach Ägypten - und wieder heim. Mögen ihn auch viele aus seinem Volk nicht als ihren Herrscher angenommen haben - nach Ostern wird den ersten, aus dem Judentum stammenden Christen klar, wer Jesus wirklich war: der erwartete, ersehnte, von Gott erbetene Hirte Israels. Das erzählt Matthäus mit dem Besuch der Weisen aus dem Morgenland.

An der Krippe stehen darum auch Ochs und Esel. Die kommen ja weder bei Matthäus noch bei Lukas vor  - die kommen aus dem Alten Testament. Beim Propheten Jesaja heißt es: —Ein Ochs kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kenntŽs nicht, und mein Volk verstehtŽs nicht.ž Auf Jesus in der Krippe angewandt heißt das: Die Tiere kennen ihren Besitzer - bloß die Menschen wissen nicht, wer unter ihnen weilt. Allein die Weisen aus dem Osten, die Ungläubigen, die Magier aus dem Irak, die bekehren sich - nicht Gottes eigenes Volk. Und damit nehmen die Magier vorweg, was dereinst alle Menschen tun werden: diesen Jesus von Nazareth anbeten - auch das eine Erfüllung einer alten jüdischen Hoffnung: der von der Wallfahrt aller Völker nach Zion. Schon im dritten Jahrhundert nach Christus hat der Theologe Origenes diesen Zusammenhang gesehen, diese Erlösungsbedürftigkeit von Juden und Heiden, den universalen Horizont dieser Geschichte. Darum stehen OchsŽ und Esel an der Krippe - in den Darstellungen übrigens schon vor Maria und (später) Josef.
 
Für die Alte Kirche aber ist hier in Wahrheit noch mehr geschehen: Da ist in Jesus, dem Sohn Gottes, ja Gott selbst erschienen, wurde Menschen sichtbar, was Gott zu werden vermag: ein Mensch, ein kleines Kind, ein Baby. Die gewickelten Windeln erinnern sie an ein Samenkorn - also an Brot - und Jesu Worte: —Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;  wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.ž (Joh 12, 24) und: —Ich bin das Brot des Lebens.ž (Joh 6, 35.48) Die Krippe wird damit symbolisch fast schon überfrachtet: Sie gibt nicht nur den Hinweis auf Tod und Auferstehung Jesu Christi, sondern vor allem sagt sie, was Jesus Christus für die Menschen bedeutet: neues Leben von Gott her.
Darum werden die —Weisen aus dem Morgenlandž zu den —Heiligen Drei Königenž. Heilig sind sie, weil sie, die heidnischen Sternenkundigen, Jesus ihre Verehrung erwiesen. Zu Königen werden sie aufgrund ihrer königlichen Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe - (hoch)wertiger gehtŽs nicht. Drei sind sie aufgrund der Dreizahl ihrer Geschenke. Im Mittelalter werden sie zu Repräsentanten der drei damals bekannten Kontinente: Asien, Afrika und Europa - und zu Repräsentanten der drei Menschenalter: der Jugend, der Erwachsenen und des Alters. In ihnen war symbolisch also schon die ganze Menschheit an der Krippe vertreten. Die ganze Welt steht da - nicht nur die paar Figuren. An der Krippe ist damit schon ganz schön was los.

Und im Mittelalter bringen Maler aus der reichen Tradition des christlichen Glaubens noch mehr ins Spiel: Hier und da taucht die Schlange auf, der Versucher aus der Paradiesgeschichte - nun als die besiegte Schlange, als das Symbol des entmachteten Bösen. Maria hat ihr den Kopf zertreten. Das Böse ist buchstäblich als Bettvorleger geendet. - Und da ist die Lilie: das Symbol der Hingabe an Gott, das Symbol des christlichen Glaubens. An der Krippe ist also nicht weniger als der ganze christliche Glaube versammelt. Die Erzählung vom Besuch der —Weisen aus dem Morgenlandž ist eine Meditation der christlichen Botschaft und ihrer weltweiten Geltung für alle Menschen. Das ist Weihnachten - für alle.

Und wiederum später singt Paul Gerhardt, der vor 400 Jahren geborene große Liederdichter: —Ich stehŽ an deiner Krippen hier...ž. Und wendet damit das Weltgeschehen wieder ins Persönliche... Auch uns laßt jetzt einen Gang zur Krippe machen und dort sein Lied singen. Dann ist an der Krippe wirklich was los.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite