Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Fest Epiphanias über Mt 2, 1-12

Liebe Gemeinde!
In neuen Jahr muß vieles auf den Prüfstand, was uns bisher selbstverständlich gewesen ist. Und dabei geht es keineswegs nur ums Geld. Auch liebgewordene Überzeugungen müssen dringend auf den Prüfstand, selbst Glaubenseinstellungen. Machen wir damit gleich heute einen Anfang. Beginnen wir mit dem Satz: "Religion ist Privatsache." Was ist damit gemeint?

"Religion ist Privatsache", das meint zumeist: Jeder soll selbst entscheiden können, ob er an ein höheres Wesen glaubt oder nicht - und wenn ja, wie er sich das vorstellt. Das ist eine unmittelbare Konsequenz aus den Grundrechten und Menschenrechten, aus dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieser Satz ist die Grundüberzeugung unseres bürgerlich-multikulturellen Zusammenlebens unserer Stadt. Würde er nicht gelten - dann hätten wir noch ein paar Probleme mehr in unserer an Problemen wahrlich nicht armen Stadt. Nur: Stimmt dieser Satz eigentlich?

Das kommt darauf an, wen ich frage. Stelle ich den Satz auf den Prüfstand der Meinungsforscher, dann sind allenfalls ein paar Fanatiker dagegen. "Religion ist Privatsache", das sagt ja nicht nur der Kanzler, um seine Hilflosigkeit gegenüber religiösen Einstellungen zu verdecken (ist das wirklich seine Privatsache? im Konflikt mit George W., der mit dem Christentum Politik macht, seine Politik, versteht sich?), das sagen eigentlich alle, selbst Christenmenschen. Einige verdeutlichen allerdings, wie sie das verstehen: "Natürlich hat mein privater Glaube durchaus Konsequenzen für das, was ich tue." Privatsache meine also nicht, der persönliche Glaube habe keine Folgen für andere. So weit, so gut. Was aber, wenn ich den in der Bibel bezeugten christlichen Glauben danach frage, ob er denn "Privatsache" sei, ob es ihm etwa egal sei, was andere Menschen für Überzeugungen hätten? Das Evangelium nach Matthäus nimmt dazu Stellung in der Form einer ganz und gar nicht "privaten" Geschichte. Sie beginnt in den "ersten" Kreisen:

"Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In  Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land."

Matthäus erzählt hier die Epiphanie Gottes im Kind von Bethlehem. Epiphanie, zu deutsch: Erscheinung, war der politisch-religiöse Fachausdruck für den Auftritt eines altorientalischen Herrschers. Wenn der neue König in die Stadt kommt, nimmt er sie damit öffentlich in Besitz, erwartet er die Huldigung durch das Volk und seine Führer. Alle ziehen ihm entgegen und rufen: "Kyrie eleison, Herr erbarme dich!" Damit wird er in seiner Macht unter den Menschen präsent, wird sein Anspruch anerkannt. So tritt er seine Herrschaft an. Und genau das sagt Matthäus mit seiner Geschichte vom Besuch der "Weisen aus dem Morgenland" - wie Martin Luther übersetzt - nun über Jesus von Nazareth. Jesus rückt damit ein in den Kreis der Mächtigen.

Bei dieser Geschichte Pate gestanden hat möglicherweise eine andere, die Matthäus gekannt haben dürfte. Es ist historisch überliefert, daß auch der römische Kaiser Nero einmal derartigen Besuch bekam - von König Tiridates aus Armenien und Magiern aus Persien, die ihm aufgrund von Weissagungen ihre Huldigung als "König im Westen" darbrachten, Geschenke inklusive.

Mit diesem Staatsbesuch war die hochpolitische Frage nach der Macht verbunden: Wie stellt man sich als Herrscher zur Großmacht Rom? Der Mächtige geht zum Mächtigeren, um seine Oberherrschaft anzuerkennen und um dadurch an seiner Herrschaft teilzuhaben - und auch, um zu verhindern, daß dieser einseitig und gewaltsam seinen Machtbereich ausdehnt. Dann schon lieber Huldigung, notfalls auch Tributzahlung: Und von seinem Glanz fällt auch noch etwas für einen selbst ab - selbst für Bezirksfürsten.

Der Evangelist Matthäus macht mit seiner Geschichte also Anleihen bei den damaligen staatspolitischen Gepflogenheiten - die auch uns nicht ganz unvertraut sind: Kaum stand Bush als Wahlsieger fest, standen die ausländischen Staatsbesucher bei ihm Schlange. Und die Reihenfolge ist dabei auch noch ein Politikum: Erst kommen die Großen, Liechtenstein muß warten... .

Für Matthäus ist der Besuch der Weisen aus dem Morgenland beim Kind von Bethlehem allerdings von Anfang an mehr als ein Akt üblicher Staatsräson. Er nimmt seine politische Bedeutung auf - und übertrifft sie noch: Der Besuch kommt ja nicht erst zur Thronbesteigung, sondern schon zur Geburt des Herrschers. Und es waren Heiden, Magier, Sternenkundige - wohl aus Babylon, dem Land mit seiner hochentwickelten Astronomie - die dem Jesuskind als dem neuen Herrscher ihre Aufwartung machten. Sie fielen nieder und beteten es an. Es ist hier weniger das Wort Anbetung, was Zeitgenossen des Matthäus aufmerken ließ - altorientalische Herrscher genossen durchaus göttliche Verehrung als Repräsentanten ihres jeweiligen Gottes, und schließlich gibt ja auch Herodes, der mit dem Kind wieder mal einen Konkurrenten um seinen Thron fürchten muß, vor: wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß auch ich komme und es anbete (was redet man nicht alles, um seine Macht zu sichern) - vielmehr geht es Matthäus um den unglaublichen Kontrast: Jesus von Nazareth, der am Ende seines Lebens als Verbrecher im Namen des Gesetzes hingerichtet wird, wird durch die Huldigung der Weisen als der Herr seines Volkes, als der neugeborene König der Juden erkannt - und anerkannt. Und das von Heiden, von orientalischen Sterndeutern. Sie haben schon dem Kind die Huldigung erwiesen, die ihm das Volk - und seine Führer - zeitlebens verweigert haben.

Matthäus sagt: Hier geschah Epiphanie, Anerkennung eines Herrschers. Hier geht es um keine Privatsache mehr, nicht um persönliche Nachfolge - schließlich kehren die Weisen in ihre Heimat zurück - hier geschieht ein weltpolitischer Akt. Jesus wird im Kreis der Herrschenden anerkannt, ein König unter Königen - oder gar König der Könige? Was macht seine Bedeutung aus für die Heiden aus dem Osten?

Damit ist Streit vorprogrammiert: Wer ist der oberste, der wahre Machthaber? Herodes oder Augustus - das war einmal. Das war die alte Weltpolitik. Jetzt geht es um die Frage: Wie stellt sich die Welt zu Jesus Christus? Was macht seine Herrschaft aus?

Die Christen antworten: Nicht allein, daß es für den in der Bibel bezeugten Gott keine anderen Götter neben ihm gibt - dieser Gott, der in Jesus Christus sichtbar geworden ist, er ist der Gott aller Völker, aller Menschen auf Erden. Ihnen allen gilt seine Botschaft des Friedens.

Der christliche Glaube hat das später dadurch unterstrichen, daß er (als Schlußfolgerung aus den drei Arten von Geschenken: Gold, Weihrauch und Myrrhe) von den Drei Heiligen Königen sprach, die dem Herrn der Welt ihre Verehrung bezeugten. Drei - also für jeden damals bekannten Kontinent einer. Einer - für alle. D.h..: In den dreien hat die ganze Welt dem Einen gehuldigt. Ihre Heiligkeit war darin begründet, daß ihnen der Christus erschienen war, den schon die Alte Kirche begann, als den Herrn schlechthin darzustellen, den Pantokrator, den Herrn des Himmels und der Erde - wie hier auf unserem Mosaik in der Jacobi-Kirche.

Wenn wir das wirklich glauben, können wir dann glauben, es sei egal, was andere glauben? Kann es uns egal sein, daß sich andere ihre eigenen Herrn suchen? Ist es egal, worauf sich die Welt verläßt, wozu Menschen ihre Zuflucht nehmen, wem sie glauben und vertrauen? Wo doch die Heiden aus dem Osten, also: von Hause aus Ungläubige, zu Jesus kamen? Können wir Religion in diesem Sinne da noch Privatsache sein lassen? Um so mehr, da damit ja längst nicht mehr ein persönliches Schutzrecht gemeint ist, sondern die Forderung: "Behalte deine Meinung ja für dich!"

Wenn wir das wirklich täten, dann hätten wir selbst zu einem anderen Herrn unsere Zuflucht genommen - zur bürgerlich-liberalen Gesellschaft, die nur sich selbst als Herrn gelten läßt. Neulich fiel da ein höchst gefährlicher Satz aus dem Mund einer Politikerin, die in unserer Stadt hoch verehrt wird: "Sie müssen uns wissen lassen, ob sie die Interessen ihrer Religionsgemeinschaft unter die der Bürgergemeinschaft stellen können." Das könnte unserem Staat so passen, gerade jetzt, da ihm die Felle wegschwimmen! Gemünzt war er zwar auf die Muslime - aber uns trifft er auch: Es kommt hier sehr auf den Wortlaut an: Kirchliche Interessen, o.k., geschenkt, aber Gott muß man bekanntlich mehr gehorchen als den Menschen. Das sehen wir genauso wie die Muslime. Also die Finger weg von solch gefährlicher Staatstheologie! Für Christen gilt: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden..." (Barmen V).

Der Evangelist Matthäus will uns auf einen anderen Weg führen, an die Krippe von Bethlehem: Die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland zeigt auf, daß das Kind in der Krippe für alle Welt gekommen ist. Der gesuchte neugeborene König der Juden stellt sich als der eine Gott in Menschengestalt vor, mehr als nur ein "König der Herzen", der Herr schlechthin. Darum: Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.

Aus Bethlehem kommt diese Botschaft zu uns, aus der Bibel, also in Worten - aber in diesem Jahr auch zum Anfassen:
- Medaillon zeigen: Krippenszene im Stern -

Die Christen in den Dörfern um Bethlehem fertigen seit langem für Pilger und Touristen solche Mitbringsel. Es wird für uns immer schwieriger und gefährlicher, zu ihnen zu reisen. Aber sie schicken sie uns - mehr als nur Schnickschnack für Touristen. Für sie selbst ist der Verkauf ein kleines Einkommen in Zeiten großer wirtschaftlicher Not - vor allem aber der Aufruf, daß die Welt doch auch heute dem Stern des Friedenskönigs folgen möge.

Liebe Gemeinde: Geht unter seinem Stern!
Amen.
 
 


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