Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Okuli über Eph 5, 1-8a

Liebe Gemeinde!
Heute hat uns der Apostel Paulus eine Moralpredigt gehalten: In der Epistellesung warnte er vor Unzucht, Unreinheit und Habsucht.

Kann man heutzutage eigentlich noch Moralpredigten halten? Es gibt doch keine Moral mehr. So vorgestern jedenfalls der Filmkritiker des Tagesspiegels mit Blick auf die Kultur- und Filmlandschaft von heute. Kein Provinztheater kommt ohne Sexszene aus, in der abendlichen Soap diskutieren Schulmädchen die Standfestigkeit ihrer Lover, und Pornographie ist Kunst geworden. Skandale gibt es nicht mehr. Der Alltag ist total durchsexualisiert - und das ist nicht einmal alles. Buchstäblich alles gilt ja als erlaubt: —Ich stehe dazu. Das ist mein Leben.ž - wie immer die Sprüche auch lauten. Die moralische Empörungsmaschine der 50er und 60er Jahre ist ins Stottern geraten und springt eigentlich nur noch bei Kindesmißbrauch an: das letzte Verbrechen. Ach, ja: und Antisemitismus. —Gesündigtž wird ansonsten nur noch durch übermäßige Kalorienzufuhr: —... aber bitte mit Sahne!ž Einmal ist keinmal.

Paulus würde sich unter uns fühlen wie im Alten Rom. Seinen Brief an die Epheser - —Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.ž - können wir uns darum wirklich an den Spiegel stecken, bloß: Was bringt das? Kann man heutzutage eigentlich noch solche Moralpredigten halten? Gelten die Zehn Gebote überhaupt noch?

Auch diese jungen Leute werden Schwarzfahren nicht für einen Verstoß gegen die Zehn Gebote halten und später als Verdiener bei der Steuer tricksen, Geld zu sparen versuchen durch den sogenannten Kirchenaustritt und lieber nicht heiraten, weil man - wenn es mit den Steuern so weitergeht - dadurch bald schon finanzielle Nachteile haben wird. Und wenn nicht geheiratet wird, kann man schließlich auch keinen Ehebruch begehen - so die simple Logik derer, die es sich einfach machen im Leben. Der zynische Spruch dazu liegt seit langem bereit:
—Alles ist schlechter geworden, nur eins ist besser geworden: Die Moral ist schlechter geworden.ž

Paulus - deine Worte treffen uns, aber wir wollen sie nicht befolgen. Wir wollen frei sein. Mit dieser —Regelž leben wir jetzt seit einer Generation - und entdecken auf einmal: So geht es nicht mehr:
1. Es wird zu teuer, so zu leben, so frei, daß jeder das Recht auf alles beansprucht. Wer soll das bezahlen? Nicht täglich und zu jedem kann der Arzt im Rettungshubschrauber kommen. Und wer zahlt die Folgen der abgeschafften Moral, finanziert künftig noch all die nötigen Hilfsangebote? Unbehagen stellt sich ein.
Und 2. Glücklicher sind wir dadurch auch nicht geworden. Einem UNESCO ranking zufolge fühlen sich die Deutsachen als eines der unglücklichsten Völker der Erde. (Auf Platz 1 als glücklichstes Volk stand übrigens das arme Bangladesh.)
Müssen wir umdenken, was die sogenannte Freiheit, was Unzucht, Unreinheit und Habsucht angeht?

Da ist auch schon ein erster Lichtblick: Das Magazin Der Spiegel beobachtet eine erste Unlust an all der sexuellen Überflutung. Die Pornobranche klagt angesichts des Überangebotes über erste Einbußen. Und in den USA ist Moral schon seit längerem wieder ŪinŪ: Zehntausende von Schülerinnen und Schüler tragen Armbänder am Handgelenk mit der Aufschrift WWJD (= What Would Jesus Do?, dt.: Was würde Jesus tun?). Hunderte legen Keuschheitsgelübde ab: Sex erst nach der Hochzeit. Rettet die Romantik!

Auch bei uns sind die Menschen besser als ihre Moral. Lautet ihr ultimativer moralischer Ausspruch auch noch: —Das muß jeder selbst wissenž, so erwarten sie in Wirklich doch, daß die Menschen nach Regeln leben: Sie erwarten Treue und Berechenbarkeit, Vertrauen und Respekt. Gerade junge Leute haben häufig einen hohen moralischen Anspruch an die anderen: Ihre Ehre wollen sie sich nicht nehmen lassen, schon gar nicht lassen sie sich beleidigen, und nichts ist schlimmer, als wenn über einen selbst schlecht geredet wird. Und noch eins  kann nicht so weitergehen:

Daß sich jeder Unzufriedene seine eigenen Regeln macht, Gewalt rechtfertigt und dann dort zuschlägt, daß es jeden von uns erwischen kann.

Dabei braucht auch der —Krieg gegen den Terrorž neue Regeln. Wenn nämlich die Regeln für die Polizei nicht reichen und die fürs Militär mehr schaden als nützen, um dem Terror den Garaus zu machen - dann brauchen wir neue. Und die haben wir noch nicht. Guantanamo ist nicht die Lösung. Und Israels Politik, mutmaßliche Täter und ihre Hintermänner durch die ganze Welt zu jagen und gezielt zu ermorden, hat nicht verhindert, daß Terroristen nachwuchsen - auch den USA und Spanien wird das so nicht gelingen. Was dann könnte helfen - zumindest bei Menschen, die an Gott glauben? Ich denke, genau das: die Erinnerung an Gott und Gottes Gericht.

Gottes Gericht - ist das nicht von gestern? Nein, liebe Gemeinde - das kommt noch, und zwar für alle, für Christen und Nichtchristen.

Was kann das Wissen um Gottes Gericht denn praktisch bewirken? Es kann verunsichern. Und das kann heilsam sein. Hat der Prediger in der Moschee wirklich Recht, wenn er mir das Paradies verspricht, wenn ich die Ungläubigen in die Luft sprenge? Das steht doch gar nicht so im Koran, ganz zu schweigen von dem Problem, wenn ich dabei eigene Glaubensgenossen mit in den Tod schicke. Was wird eigentlich, wenn mein unterdrücktes Volk endlich seinen eigenen Staat bekommt, der aber von Feinden umgeben und viel zu arm ist, um funktionieren zu können? Und wenn ich alle sexuellen Möglichkeiten ausphantasiert und ausgelebt habe - aber die große Liebe nicht fand, weil ich sie nicht anbot - was habe ich dann von der großen Freiheit? Wenn ich alles darf, bin ich dann glücklich?

Nicht nur Terroristen und Pornodarsteller - ohne den Gedanken an Gottes Gericht rechtfertigen wir uns ja alle selbst und sprechen uns gegenseitig gleich die Lossprechung zu: —Ich bin o.k. - du bist o.k..ž Paulus hat dagegen die Rechtfertigung durch Jesus Christus gesetzt: Der macht uns gerecht. Was heißt das?

Jesus sagt: Du bist nicht o.k. - aber ich halte trotzdem zu dir und hole dich heraus dem Dschungel, aus der selbstgemachten Hölle deiner Taten. Alle - ob sie nun mit ihrer persönlichen Moral oder ihrer fehlenden Moral oder der Unmoral der Gesellschaft nicht klarkommen - finden im Glauben an Jesus Christus die Lösung, die Er-Lösung, die Befreiung aus all ihren Verstrickungen. Jesus beurteilt sie nicht nach ihren dunklen Taten, sondern bringt Licht in die Sache: für die Unmoralischen, für die, die an keine Moral mehr glauben - und auch für die Moralprediger. Wir werden im göttlichen Licht betrachtet. Darum nennt Paulus die Christen Kinder des Lichts: —Ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.ž

Und wer Licht ist, wer also helle ist, der sollte es eigentlich fertigbringen, den dunklen Verlockungen zu widerstehen, auszusteigen und zu sagen: Ich mache hier nicht mit - wenn die Freundinnen zum Trinken verleiten, der Freund einen mit Sex unter Druck setzt oder der Kumpel zum Einstieg in eine kriminelle Clique verführt.

Das erwartet Paulus jedenfalls von den Christen in Ephesus, wenn er sagt: —Darum seid nicht ihre Mitgenossenž - und das kann er auch von uns erwarten: —So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe,  wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben.ž

Der Gedanke an Gottes Gericht, liebe Gemeinde, ist also eine gute Sache, und zwar für alle: Es macht gerecht, uns - und die, die uns mit ihrer Unmoral in den Ohren liegen, uns die Augen verkleben und uns vergessen lassen wollen, daß es uns gut tut, in ihren Kreisen einfach nicht mitzumachen. Für die ist Gottes Gericht noch Zukunftsmusik, eine Warnung - für uns die sichere Rettung.

Als Kinder des Lichtes sehen wir das Dunkle zwar auch noch in uns - in Christus aber liegt der Ausweg. Das ist die pauluseigene Art von Moralpredigt, seine Moral von der GeschichtŽ. Er zeigt den Weg aus der Krise der Moral: Bleibt so frei, wie Christus euch frei gemacht hat! Wir können Nein sagen - denn wir sind so frei.
Amen.
 
 


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