Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis über Eph 4, 22-32

Liebe Gemeinde!
Wer als kleines Kind einmal mit schmutzigen, zerrissenen Sachen vom Spielen nach Hause kam, mußte sich dort vielleicht erst einmal eine Strafpredigt anhören und wurde dann in die Badewanne gesteckt. Dann wurde geschrubbt und geputzt, es gab frische Sachen zum Anziehen und dazu vielleicht noch die Bemerkung: "Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht einen neuen Menschen aus dir machen können."

Ein neuer Mensch werden. Lief nicht die ganze Erziehung darauf hinaus? Ermahnungen, Korrekturen, Hinweise - bis man so war, wie die Erwachsenen einen haben wollten.

Später hat sich das wiederholt, zur Konfirmation, zur Hochzeit vielleicht: Diese neue Sachen Kleidung - da fühlt man sich doch gleich wie ein neuer Mensch. Man wird auf einmal ganz anders behandelt, die Leute sagen "Sie" zu einem und nehmen einen ernst. Nicht allein der neuen Sachen wegen natürlich, sondern weil man wie in einem anderen Stand war, ein neuer Mensch.

Was früher nur Einzelereignisse im Leben waren, scheint seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ein Trend zu sein, ein Megatrend: Wir suchen den neuen Menschen. Die Mode verlangte: "Machen Sie mehr aus ihrem Typ!" Müsli war für ein Mehr an Gesundheit zuständig. Piercings und Tattoos stylten den Körper. Und zum Geburtstag gibt's die Schönheits-OP. Wellness wurde die trendigste Urlaubsart, und im traditionsbewußten Sportgeschäft ist seit langem klar: Soll es weiter nach der olympischen Devise "schneller, höher, weiter" gehen, dann geht das nicht ohne den neuen Menschen. Die Leistungsfähigkeit des alten ist an seine Grenzen gestoßen, viel mehr schaffen Muskeln und Gelenke grundsätzlich einfach nicht, es entscheidet die Tagesform.

Auch die Wirtschaft, das Arbeitsleben braucht frisches Denken, neue Mitarbeiter: Die müssen flexibler als bisher sein, mehrere Berufe im Leben lernen. Die amerikanische Devise hire and fire (heuern und feuern) hält Einzug.

Und obwohl sich das anhört wie science fiction und obwohl ethische Bedenken noch im Wege stehen, fragen sich einige Wissenschaftler: Wäre es nicht leichter (und vor allem billiger), die menschliche Spezies an die Bedingungen eines veränderten Klimas und an die Bedingungen veränderter Arbeitsfelder anzupassen als umgekehrt? Muß der Mensch seine weitere Evolution nicht in die eigenen Hände nehmen?

Das würde doch nur fortsetzen, was längst begonnen hat. Wie viele Ersatzteile schleppt man im Alter mit sich herum, um menschenwürdig leben zu können? Mehr davon - und schon ist dieser schwache Körper den Belastungen der Raumfahrt gewachsen - oder auch nur dem nächsten Autounfall.

Das 20. Jahrhundert hat mit dem neuen Menschen ja schon ganz real experimentiert: Nationalsozialismus und Kommunismus haben je auf ihre Art versucht, den zu ihren Ideologien passenden Menschen zu formen: durch Züchtung, durch Erziehung. Gemeinschaftskonforme Menschen, manipulierbare Menschen. Neuerdings: Gentechnik vertreibt Erbkrankheiten. Die Guten sind entweder schön oder weise, am besten beides. Am Ende - so Hollywood - bringt dieser neue Mensch der Galaxis Frieden. "Star Trek" und "Andromeda" predigen dem Universum Völkerverständigung auf hohem Niveau: "Früher oder später: Wir werden über alles hinauswachsen, wozu wir geschaffen wurden", läßt Gene Roddenberry seine Hauptfigur sagen.

Das Projekt "neuer Mensch", es hat längst schon begonnen - und nicht allen gruselt es bei dem Gedanken, so sähe die Zukunft vielleicht wirklich aus. Bei einem Taufgespräch meinte ein Vater, das gäbe einem doch Hoffnung auf die Zukunft. Wenn wir uns als Menschen nicht verbesserten, zu neuen Menschen würden - dann hätten wir doch überhaupt keine Zukunft mehr. (Immerhin sah er, wie viel Religion hier im Spiel ist.)

Dabei ist dieser Gedanke in Wirklichkeit schon alt. Schon in der Antike, in der Welt des Hellenismus und der römischen Kaiserzeit, suchte man den Menschen, der der neuen Zeit gewachsen war: den Weltbürger, der global denkt und lokal handelt. Dazu brauchte man ein gutes Verkehrswesen, eine starke Zentralgewalt, Militär und einen verpflichtenden Staatskult. Andere Religionen durften sein, solange sie nicht die staatlichen Kreise störten. Das junge Christentum mußte sich mit dieser Erwartung auseinandersetzen. Und wie steht es zu dem Projekt "neuer Mensch"?

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus nimmt die junge Kirche das Thema "alter Mensch - neuer Mensch" auf:
"Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich  durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht;  laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr  versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus."

Auch hier ist von einem alten und einem neuen Menschen die Rede. Aber an die Stelle des angepaßten Übermenschen mit globalem Bewußtsein treten traditionelle Werte: Sagt die Wahrheit, stehlt nicht, arbeitet und gebt den Bedürftigen vom Ertrag eurer Arbeit ab! Redet konstruktiv, laßt alles Ärgern beiseite! Seid freundlich und vergebt einander!

Liebe Gemeinde, das hat man doch alles schon mal gehört. Das soll der neue Mensch sein? Sieht der nicht alt aus, irgendwie altmodisch? Wir hören hier doch nicht anderes als ein Echo der 10 Gebote. Sind diese Gedanken überhaupt zukunftsfähig?

Die Alte Kirche war davon überzeugt. Allen hochfliegenden Plänen der Philosophen vom neuen Weltbürger setzte sie als neu das ganz Alte entgegen - das Schlichte, das Einsichtige, Einfache. Für das Neue Testament sind es ja nicht die Gebote Gottes, die veraltet wären, alt, veraltet ist die Sünde. Dabei betont der Apostel, wie sehr doch alles anders geworden ist: In Christus gehören wir so eng zusammen wie die einzelnen Teile eines Körpers. Weil uns vergeben wurde, können doch auch wir vergeben. Das ist das Neue - und wenn das sichtbar wird, dann sehen wir in der Tat etwas sehr Altes: Menschen, die endlich nach Gottes Geboten leben. Vor der Erlösung durch Christus hatte das gottgewollte Alte noch keine Chance sich durchzusetzen. Jetzt aber sollten wir den Menschen sehen können, wie Gott ihn im Anfang von Grund auf gewollt hat - und nicht das, was wir daraus gemacht haben.

Denn wir sind getauft und konfirmiert - und leben daher wie immer, als wäre nichts geschehen. Sobald man sich einen Vorteil davon verspricht, wird aus der verbotenen Lüge die vermeintlich erlaubte Notlüge. Ist das vielleicht das Ergebnis der Jagd nach dem Neuen? Nach neuen Geboten für eine neue Zeit? Zwar weiß ich nicht, in welcher Bibel die sogenannte Notlüge erlaubt wird - doch zeigt sich daran, wie unerlöst wir noch leben. Der Epheserbrief weiß: Unter dem Kleid des neuen Menschen steckt immer noch der alte. Die Bibel nennt ihn den Sünder, weiß aber auch, wie er immer wieder von sich frei wird: durch den Glauben an Jesus Christus. Wer glaubt, ist frei von dem Stress, für die Welt ein neuer Mensch werden zu müssen - weil er es in den Augen Gottes schon geworden ist. Alles ackern hat da ein Ende.

Müßte man das nicht wenigstens bei 'Kirchens' sehen, daß das Rennen um den neuen Menschen schon gelaufen ist? Aber auch bei den Kirchen werden permanent neue Wege gesucht. Da wird mehr denn je geackert, jagt eine Veranstaltung die nächste, ein Event den anderen, wird altes für neu ausgegegeben. Da hätten wir am liebsten lauter "Mädchen für alles", lauter "eierlegende Wollmilchsäue", die ehrenamtlich und professionell zugleich arbeiten - und zu den von oben festgelegten Terminen einfach funktionieren. Auf unsere jungen Leute kommt da einiges zu. Können wir es ihnen nicht einfacher machen? Z.B. mit den alten christlichen Werten, mit denen, von denen der Epheserbrief spricht?

Die guten alten christlichen Werte, sie waren zwar immer für einen schlechten Witz gut - "Worüber hat der Pfarrer heute gepredigt?" "Über die Sünde." "Und was hat er gesagt?" "Er ist dagegen." - Dennoch: Würden sie beachtet, wäre das Leben wirklich um einiges einfacher. Denn wer nicht sich und seine Interessen, seine Selbstverwirklichung und -verbesserung an die erste Stelle stellt, wer Freude hat am Normalen, der kann den Wettlauf um den neuen Menschen mit großer Gelassenheit verfolgen. Er braucht nicht immer wieder das jeweils Neueste zu suchen, sondern hat zum ersten Mal die Chance, das einfache Leben zu verwirklichen. Der neue Mensch ist so neu, daß er alte Sachen macht, die er als alter Mensch aber eben nicht gemacht hat.

Was sind die Worte des Epheserbriefes anderes als eine Einweisung ins einfache Leben? Das leben kann aber nur der Erlöste - und nicht einmal der ist vor Rückfällen sicher. Grundsätzlich aber gilt: Wer sich erlöst weiß, der geht einfach lockerer um mit den ihn sonst vielfach überfordernden Ansprüchen. Egal, welches Geschirrspülmittel er verwendet - auch so klappt's mit dem Nachbarn. Mein neuer Korkenzieher jedenfalls - der mit dem neuen Prinzip Hebelwirkung (zeigen) - war sofort kaputt. Warum ich überhaupt einen neuen brauchte? Weil mein alter - der letzte Schrei, Hightec, mit Teflon beschichtet - schon nach kurzer Zeit verschlissen war. Jetzt habe ich übrigens wieder einen neuen, diesen hier (zeigen): Er funktioniert nach dem allerältesten Prinzip: reinschrauben, rausziehen, fertig.

Und in der Kirche: Wann immer die Suche nach neuen Wegen an den alten Widerständen scheitert - kein Geld, keine Leute, keine Lust, alles nörgelt und will ein Machtwort von oben, das in Wahrheit doch nur die eigenen Interessen durchsetzen soll - dann geht ein evangelischer Bischof durch sein altes Verwaltungsgebäude und murmelt verwundert: "Aber wir sind doch schon erlöst...".

Das passiert zwar in Magdeburg - ist aber doch auch für Berlin nichts Neues. Oder etwa doch?
Amen.
 
 


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