Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis über Eph 4, 1-6

Liebe Gemeinde!
"So ermahne ich euch nun...", beginnt der Apostel Paulus einen der Sätze mit erhobenem Zeigefinger, die ein fester Bestandteil seiner Briefe an die Gemeinden sind. Erst vor drei Wochen haben wir eine andere dieser Ermahnungen gehört und sie mit dem verglichen, was auch wir kennen, väterlichen oder mütterlichen Worten wie diesen: "Paß auf, wenn du über die Straße gehst! Sei pünktlich zurück! Und ruf an!" Gerade habe ich das wieder einmal erlebt und meinem Vater von diesem Vergleich neulich erzählt und wie sehr mich das an den Apostel Paulus erinnert. Sagt er: "Na sicher, ist doch richtig, was ich sage - und dann muß man das doch auch sagen dürfen. Schließlich macht man sich doch seine Sorgen."

Man macht sich doch Sorgen... Paulus auch. Er machte sich Sorgen um die jungen Gemeinden, darüber, was wohl aus ihnen wird, nachdem er weitergereist ist. Deshalb die brieflichen Ermahnungen also - obwohl man doch gar nicht sicher sein kann, ob sie auf fruchtbaren Boden fallen, und sie eigentlich auch gar nichts anderes sagen, als das, was man auch ohne sie für richtig und vernünftig hielte - weshalb Ermahnungen, Paränesen, die wohl am wenigsten beliebten Stellen in der Bibel sind. Den einen sind sie zu weit gefaßt, sie wollen noch mehr Einzelheiten vorgeschrieben haben, um ja nichts falsch zu machen, den anderen sind sie zu eng, schließlich müsse es doch jedem Einzelnen selbst überlassen bleiben, wie er oder sie als Christ lebe.

Trotz aller Problematik gab es und gibt es die Tradition christlicher Paränese. Soeben hat der Papst den Irak und die USA zum Frieden ermahnt. Und manche kennen vielleicht noch die kirchlichen Ermahnungen am Wahlsonntag, ja die 'richtige' Partei zu wählen. Bei den Wahlhirtenbriefen der katholischen Bischöfe lief das letztlich doch immer auf die CDU hinaus, bei den evangelischen Stellungnahmen - meist sehr gewunden und ausgewogen - auf die SPD. Heute heißt es: "Geht überhaupt zur Wahl! Das ist Christenpflicht! Und: Wählt keine Extremisten!" Es gibt sie also noch, die Tradition der kirchlichen Ermahnung, der Paränese, auch in bürgerlichen Angelegenheiten. Hat Paulus für uns heute eine Wahlempfehlung? Jedenfalls spricht er ein umstrittenes, ein gefährliches Thema an, das der Einheit:
"So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, daß ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein  Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen."

Das ist zunächst Gemeindeordnung, Gemeinde im Sinne der christlichen Gemeinde, nicht Ordnung der bürgerlichen Gemeinde, der Stadt und der Staates. In der christlichen Gemeinde geht es um Einigkeit, weil da ein Herr ist, ein Glaube, eine Taufe. Und im Staat? Geht es da nicht auch um "Einigkeit und Recht und Freiheit?"

Staaten neigen dazu, den schönen christlichen Gedanken der Einheit zu mißbrauchen: "ein Volk, ein Reich, ein Führer". (Man kann das einfach nicht vergessen - auch wenn man es nicht mehr hören kann.) Am Ende lag alles in Stücke - und schon vorher wurden die ausgegrenzt, die bei dieser Einheit vermeintlich störten. Und heute? Auch heute erleben wir mehr die Schattenseiten des Vereinheitlichens: Das eine Europa normiert die Bananen, kann sich aber nicht auf einheitliche Steuern einigen. Die eine Weltgemeinschaft ist hilflos gegen Schurkenstaaten. Politische Einheitstendenzen - wie eine echte Weltregierung oder schon ein gemeinsames Bundesland Berlin-Brandenburg - werden da von den Menschen für sich selbst mehr und mehr als Bedrohung empfunden: unkontrollierbare Steuern und Abgaben - und trotzdem ausbleibende Hilfen in Notfällen (es sei denn, man arbeitet bei einem Großbetrieb). Als Bürgerinnen und Bürger verlieren wir zusehends die Kontrolle über "die da oben", die alles vereinheitlichen wollen. Große demokratische Errungenschaften wie die Teilung der Gewalten und die Vielfalt unterschiedlicher Zuständigkeiten in Gemeinden und Ländern werden ausgehöhlt. Verantwortung wird nach oben abgegeben. Die Folge: Es siegt die große Vereinheitlichung. Es kann nur Einen (Kanzler) geben. Der soll alles richten - und der wird nach Sympathie gewählt: Schröder oder Stoiber.

In seiner Zeit hat der Apostel Paulus etwas Ähnliches erlebt, die Herrschaft des Einen. Es gab nur einen Herrn der Welt, den Kaiser in Rom. Lokale Herrschaft wurde nur in engen Grenzen zugelassen, ansonsten bekämpft. Es kann eben nur einen Herrn geben. Wenn Paulus nun von der Einigkeit in der Gemeinde spricht und sie mit dem einen Herrn begründet, dann ist das nicht der Versuch, das römische Staatswesen für die christliche Gemeinde zu kopieren - ein Versuch, den die römisch-katholische Kirche später dann leider doch unternommen hat - sondern damit kritisiert Paulus den Absolutheitsanspruch des römischen Staates: Nicht der Kaiser in Rom, Gott in Jesus Christus ist der Herr. Entweder-Oder. Damals hieß das so: aut Caesar aut Christus, entweder der Kaiser - oder Christus. Es war darum nur eine Frage der Zeit, bis es zu staatlichen Christenverfolgungen kommen mußte.

Später haben sich die Christen dann arrangiert mit dem Gedanken an den einen Herrscher, der war ja mittlerweile selber Christ und Gottes weltlicher Arm. Auch Luthers Einspruch dagegen hat wenig geändert. Der eine Staat wurde immer stärker, immer mehr. Von der Macht heutiger Staaten über ihre Bürgerinnen und Bürger konnte ein römischer oder mittelalterlicher Kaiser nicht einmal träumen. Und von den vielen Prognosen, was nach dem 11. September werde, ist eine jedenfalls Wirklichkeit geworden: mehr Staat.

Aber ist das auch gut so - diese Macht des Einen? Die Gemeindeordnung des Paulus spricht von Demut, Sanftmut, Frieden, gegenseitigem Ertragen. Das klingt alles sehr soft - wie väterliche oder mütterliche Ermahnungen eben - aber das hat auch seinen Grund: Der Herrschaft des einen Herrn Jesus Christus in der Gemeinde ist eine eindeutige Wahlentscheidung vorausgegangen, eine Wahlentscheidung Gottes. Als Gott sich in Jesus wieder für die Menschen entschied, setzte er anderen Herren, wie dem Staat, Grenzen. Gegen die weltlichen Herren, die sein wollen wie Gott, setzte er wieder das 1. Gebot: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht anderen Götter haben neben mir." Unser Mosaik hier in der Kirche führt uns dieses Gebot deutlich vor Augen: Es zeigt Jesus im kaiserlichen Gewand. Er ist der Herr - weder der Kaiser in Rom noch seine demokratisch gewählten Nachfahren in Washington, New York oder Berlin. So gesehen: Christen haben etwas von Anarchisten an sich. Da haben wir keine Wahl. Gegen die Deutschen Christen, die ihre Lehre "ein Volk, ein Reich, ein Führer" auch in der Kirche durchsetzen wollten, bekannte die Barmer Theologische Erklärung: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären". Weil wir diesen einen Herrn haben, haben wir keine anderen Herren.

Haben wir damit auch eine Wahlempfehlung für den heutigen Sonntag bekommen? Ihre erste Wahl haben Sie schon getroffen, liebe Gemeinde, indem Sie hierhin gekommen sind, um sich zu Christus, dem Herrn zu bekennen - und die zweite, die bürgerliche Wahl? Ich riskiere es, eine Konsequenz aus der Gemeindeordnung des Paulus zu ziehen. Wie Paulus dem Machtanspruch seines Staates Grenzen zieht, so muß auch der Machtanspruch unseres Staates immer wieder in Grenzen gewiesen werden. Wenn unser Staat versucht, uns vom einen Herrn Jesus Christus abzubringen - weil es doch so viele Religionen und Weltanschauungen gebe, die man doch alle berücksichtigen müsse (so subtil geschieht das heute, nicht mehr mit dem Holzhammer oder der Guillotine) -  dann hat er diese Grenze überschritten. Die Grenzüberschreitung droht, wenn es um den einen Herrn geht. Einheit ist für unseren Staat ja ein weltliches Ideal geworden - biblisch aber ist allein Gott der Eine. Welt hingegen ist Vielfalt. Weltlich sollte es viele Herrscher geben, viele Kräfte, die miteinander um die besten Lösungen ringen - nicht den einen, auf den alles ankommt: weder in Washington noch in Berlin. Was dagegen hilft? Weniger Staat. Und darin steckt durchaus auch eine Wahlempfehlung für den heutigen Sonntag. - Sie meinen, nun müsse ich auch eine bestimmte Partei nennen? Schwer möglich, denn welche Partei kann man nach der Wahl bei dem Wort nehmen, das sie vor der Wahl abgegeben hat? Und kann man in unserer Kirche noch sagen, was politisch nicht erwünscht ist, so vor der Macht des Einen als schleichender Staatsideologie warnen?

Dabei ist es doch so wie mit den väterlichen und mütterlichen Ermahnungen früher: "Ist doch richtig, was ich sage - und dann muß man das doch auch sagen dürfen. Schließlich macht man sich doch seine Sorgen."
Amen.
 
 


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