Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Exaudi über Eph 3, 14-21

Liebe Gemeinde!
Geometrie in der Schule: Da gab es Länge mal Breite, die Fläche - und Länge mal Breite mal Höhe, den Körper. Zwei und drei Dimensionen. Zweidimensionale Flächen zu berechnen war noch recht einfach, bei dreidimensionalen wurde es schon schwieriger - weil man die Körper doch immer nur auf einer Fläche zeichnen konnte. Je komplizierter die Körper, desto schneller versagte das Vorstellungsvermögen - dabei muß doch jeder Baumeister, jeder technischer Zeichner, jeder Architekt so was aus dem Effeff beherrschen. Geometrie - für die einen der Anfang vom Ende einer hoffnungsvollen Schullaufbahn, für die andern wirklich erst ein Anfang: Mit drei Dimensionen gibt sich die Wissenschaft heute ja nicht mehr zufrieden, seit langem gilt neben den drei räumlichen Dimensionen Länge, Breite und Höhe die Zeit als die vierte - und heute rechnet die Physik mit n-dimensionalen Räumen. Aus theoretischen Gründen nimmt man gegenwärtig mindestens 12 Dimensionen an: n = 12. Science fiction? Keineswegs, nüchterne Mathematik. Bloß: Anschaulich ist das nicht mehr - aber nötig, um unsere Welt mit mathematischen Modellen zu begreifen. Dazu mußte man mit der Geometrie der drei Dimensionen brechen.

Mit der Geometrie der drei Dimensionen bricht auch schon der Verfasser des Epheserbriefes. Anfänglich schreibt er nach Ephesus noch in den vertrauten räumlichen Bildern, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. Dann sprengt er die bekannten Bilder vom Raum: So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

Breite und Länge und Höhe und Tiefe - das ist seine Weise, die drei bekannten Dimensionen zu erweitern. Damit will er sein Ziel erreichen, uns die Liebe Christi begreiflich zu machen. Tiefe meint hier nicht die bekannte räumliche Dimension, die man genauso gut auch Höhe nennen könnte, sondern das, was auch wir noch meinen, wenn wir von einer "tieferen" Erkenntnis sprechen, einen Zuwachs an Erkenntnis, den wir räumlich charakterisieren, von dem wir aber wissen, daß es umfassender gemeint ist. Umfassend - das ist ja selbst so ein Begriff aus der Anschauung. Wir werden sie also nicht los, die uns vertrauten Dimensionen, wir brauchen sie, um mit ihrer Hilfe das Unanschauliche vorstellbar zu machen, hier die Liebe Christi (zu) erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft.

Das Denken mit Hilfe räumlicher Vorstellungen ist alt und ganz alltäglich, so alltäglich, das wir es meist gar nicht mehr bemerken. Wenn wir von denen "da oben" sprechen und von uns "hier unten", dann geht es ja um Macht und Ohnmacht - nicht um das Stockwerk, in dem der Kanzler wohnt. Andererseits unterstreichen die Mächtiger gern ihre Macht, indem sie auch räumlich gesehen oben wohnen, in der obersten Etage.

Architekten bauen dreidimensional - und haben doch den Ehrgeiz, mit Hilfe der drei Dimensionen "mehr" auszudrücken. Der Kirchbau ist ein besonderes Beispiel dafür. Auch für Kirchen gilt die räumliche Beschränkung auf die drei Dimensionen Länge, Breite und Höhe - aber was gaben die christlichen Baumeister nicht alles für Mittel und Wege gefunden, trotz dieser Einschränkung wahre Häuser des Glaubens zu kreieren!

Der Kreis als Symbol der Vollkommenheit führt schon in der Antike zum Bau der Kuppel. Im Mittelalter wird der kompakte Stein immer dünner, zwischen die Säulen tritt das durch bunte Glasfenster einfallende Sonnenlicht. Es scheint den Stein geradezu aufzulösen, alles wird transparent, schlanke Pfeiler und Spitzbögen lenken das Auge empor. Im Barock trifft es dort den gemalten Himmel, flächig, doch so lebendig, als käme der Himmel auf die Erde.

Kirchen aus Stein wollen gebauter Glaube sein. Stein verleiht Stabilität. Und Menschen bemerken das: Hier wurde ich getauft, hier haben schon meine Eltern geheiratet, hier sollen auch meine Kinder konfirmiert werden. Wie häufig kann man das von Besuchern unserer Kirche hören.

Vieles beim christlichen Kirchbau ist anfänglich durch Versuch und Irrtum geschehen. So manche Kuppel ist eingestürzt, manches Bild erregte Anstoß, aber alles waren Versuche, mit den Mitteln unserer Welt den christlichen Glauben darzustellen - und dazu sind drei Dimensionen eben nicht genug. Wo es um den christlichen Glauben geht, müssen wir neu sehen lernen.

Auch wir haben in den letzten Wochen neu sehen gelernt. Es waren nicht Christo und Jeanne Claude, sondern die Bühnenbildner rund um Herrn Lüsch, die das veranstaltet haben. Unsere Kirche war für die Dauer der Operette "Frau Luna" wieder eine vorchristliche Basilika, eine Halle. Was davon geblieben ist, ist diese Treppe. Nun ist sie kein Stück vom Mond mehr, auch keine Showtreppe, sondern - schauen Sie einmal genau hin, lassen Sie sich ihre Augen vom Verlauf der Treppe nach oben führen - eine Leiter, die zu Christus führt, eine Himmelsleiter.

In den mittelalterlichen Kirchen, noch in Luthers Predigtkirche in Wittenberg, gab es am Himmelfahrtstag den Brauch, durch ein Loch in der Decke ein Kreuz nach oben zu ziehen. So wurde allen deutlich: So wie bei seinen Jüngern ist der Gekreuzigte und Auferstandenen nicht mehr bei uns. Man mag heute darüber lächeln: Ist das nicht ein bißchen zu viel der Anschauung? Zu drastisch? Aber für unsere Augen haben wir eben nur die drei Dimensionen von Länge, Breite und Höhe. Die müssen wir nutzen, um das Unanschauliche erkennen zu können. Heute also diese Stufen - um mit Hilfe des bekannten Raumes zu Gott zu finden, der sich in seinem Sohn Jesus Christus in unseren Lebensraum begeben hat. Weil er den Weg hinunter nahm können wir zu ihm gelangen: So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

So betet der Brief an die Epheser für die Gemeinde. Er redet Gott an und sagt ihm, was er von ihm für sie erbittet: Kraft und Stärke. Kraft und Stärke sollen Christus im Menschen wohnen lassen und die Christen in seiner Liebe verankern. Der Raum Gottes und der Raum der Menschen sollen zusammenkommen - stabil und bleibend. Das Gebet schließt mit einem überschwenglichen Lobpreis Gottes, der das Bitten und Erkennen noch übertreffen wird. So raumgreifend betet der Brief an die Epheser für die Gemeinde - und so wollen auch wir in der Fürbitte heute beten.

Das bewußte Denken in räumlichen Vorstellungsbildern hat Tradition - und wird wieder modern: Peter Sloterdijk, der wohl populärste deutsche Philosoph, hat in den letzen Jahren mehrere Tausend Seiten diesem Thema gewidmet. - Zitat -

Schon die drei Dimensionen von Länge, Breite und Höhe aus der alten Schulgeometrie leisten dabei eine ganze Menge - selbst dann, wenn wir uns verrechnen: "Junger Mann", sagt der Kapitän zu dem Matrosen, der zum ersten Mal die Position des Schiffes bestimmt, "nehmen Sie die Mütze ab. Nach Ihrer Berechnung sind wir nicht auf dem Atlantik, sondern mitten in der Jacobi-Kirche Berlin-Kreuzberg."
Amen.
 
 


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