Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Sonntag Trinitatis (Goldene Konfirmation) über Eph 1, 3-14

Liebe Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!
Goldene Konfirmation in einer Berliner Gemeinde. Einer der —Goldenenž soll eine Rede halten. Bloß wer? —Du bist Pfarrrer geworden. Du bist das gewohnt. Also, mach das mal!ž Der Goldene Konfirmand steht auf, stellt sich in Positur und sagt: —Ich kenne alle Gründe, aus der Kirche auszutreten.ž Betretenes Schweigen. Einige fühlen sich ertappt. Dann fügt er hinzu: —Und als Pfarrer kenne ich noch mehr als die meisten.ž Die anwesende Festgemeinde wird neugierig. Und dann sagt er: —Aber ich weiß auch, warum ich es nicht getan habe...ž

Wie das? Gründe, nicht auszutreten, beim Christsein zu bleiben, die gibt es auch? Welche das sind, darüber belehrt uns heute ein Abschnitt aus dem Epheserbrief. Da ist nämlich alles versammelt, was wir fürs Christsein brauchen. Wir bekommen also eine Art Einführung ins Christentum. - Eine Einführung ins Christentum - braucht man die eigentlich noch, nach 50 Jahren und mehr im christlichen Glauben? Die braucht man nicht nur, um Gründe zu haben, nicht aus der Kirche auszutreten, die braucht man sogar jeden Tag: Christsein ist nach Martin Luther ja ein tägliches —Kriechen in die Taufež. Und Konfirmation gilt ja damals wie heute als der nachgeholte Taufunterricht. Gehen wir heute also mit all unseren Erinnerungen noch einmal in den Konfirmandenunterricht - nicht bei Pfarrer Radicke, sondern bei den Aposteln und ihren Schülern.

"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus."

Der Segen kommt von oben... Dieser Gedichtvers, diese Redensart drückt aus, was nach dem Krieg viele empfunden haben, als der Himmel keine Bomben mehr regnete. Wir haben überlebt, Gott sei Dank. Welch ein Segen! Segen? Gesegnet hat Gott uns schon dadurch, daß er in Jesus Christus bei uns war. Alles, was wir auf Erden vom Himmel nötig haben, ist in ihm zu finden. Da kam der Himmel zur Erde. Welch ein Segen! Und ein guter Grund fürs Christsein. Die Kirchengebäude legen Zeugnis davon ab, die alten, die damals wieder aufgebaut wurden - und die vielen Neubauten. Und ihre Türme weisen wieder zum Himmel, ziehen unsere Blicke nach oben, selbst die Blicke derer, die nur vorübergehen.

"Denn in Christus hat Gott uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir, heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten."

Wie kommt es eigentlich dazu, daß ich jetzt hier sitze? Daß mag sich heute mancher fragen, egal, ob er oder sie nun vor fünfzig Jahren das —Ja, mit Gottes Hilfe!ž gesprochen hat - oder jeden Sonntag hier ist. Über all die äußeren Umstände und Begegnungen im Leben hinaus, jenseits all der Erfahrungen von Bewahrung - in Krisen, Nöten, Krankheit sowie auch im Alltag - nennt der Brief an die Epheser den tiefsten Grund dafür: Gott hat Sie alle erwählt. Er hat uns alle begnadigt, uns zu seinen Kindern gemacht. Darum sind wir hier - und darum können wir ihm danken.

"In Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit."

Wer vor fünfzig Jahren konfirmiert wurde, hat als kleines Kind noch den Krieg erlebt - und die Not der Nachkriegszeit. 1956 lag auch dieser Teil Berlins noch in Trümmern, teils meterhoch. Da versammelten sich hier zum Gottesdienst noch zwei Gemeinden: St. Jacobi und Luisenstadt. Hier? Nein, nicht hier in der Kirche, die war noch im Bau, sondern nebenan im Garten, in der alten Fremdarbeiterbaracke, die vorher als Unterkunft für auf den Friedhöfen beschäftigte kirchliche Zwangsarbeiter gedient hatte. - Dort fand auch die Feier Ihrer Konfirmation statt. An zwei Sonntagen, am 18. März und am 25. März 1956, wurden genau 100 Konfirmandinnen und Konfirmanden konfirmiert: 43 aus Luisenstadt und 57 aus St. Jacobi. - Wie war damals das Lebensgefühl, so kurz nach dem —Wunder von Bernž? War man schon wieder wer? Jedenfalls war da das Wirtschaftswunder, es ging wieder aufwärts, man konnte sich allmählich wieder etwas leisten. Die Kirchen waren voller. Moral galt wieder etwas - mehr denn je.

Erlösung, Vergebung, Reichtum - diese Stichworte aus dem Epheserbrief - konnte man in den 50ern ganz weltlich erfahren, als man wieder anfing, in die Welt zu reisen (und wenn es nur in die Sommerfrische oder ins Kinderdorf war), als man in den 60ern die ehemaligen Feinde traf - und mehr Menschen als heute brachten diese Worte noch mit Gott als ihrem Ursprung in Verbindung.

"Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluß, den er zuvor in Christus gefaßt hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, daß alles zusammengefaßt würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist."

Die Botschaft dieser Worte faßt dieses Mosaik zusammen, das Bekenntnis: —Jesus ist der Herr.ž Keiner sonst im Himmel und auf Erden. So, wie es heute aussieht, können Sie es von damals gar nicht kennen. Vor der Zerstörung der Kirche war es ja größer, war die Christusfigur nur ein Teil des Mosaiks: Jesus im Kreis von Jüngern. - Von einer Goldenen Konfirmandin habe ich erfahren, daß - wenn Pfarrer Radicke den Unterricht früher verlassen mußte, weil etwas dazwischengekommen war - die Konfis schon einmal die Aufgabe hatten, die Reste des zum großen Teil zerstörten Mosaiks hier in der Kirche aufzusammeln.

Vor Jahren hat einmal ein Kirchenbesucher unserem Kantor erzählt, daß die Füße Christi auf dem Mosaik heute «seineŽ Füße sind. Er hatte dafür nämlich Modell gestanden - als sein Meister den Auftrag bekommen hatte, die Christusfigur zu retten. Die Füße - schauen Sie einmal selbst - erwecken nun den Eindruck, als schwebe Christus hernieder. Am Ende steht also ein neues Motiv, der wiederkehrende Christus, der Weltenherrscher und Richter - wie ein Programm: —Jesus ist der Herr.ž - Konfirmandenunterricht in einem Satz, sage ich immer. Wer das versteht und glaubt, kann konfirmiert werden.

"In Christus sind wir auch zu  Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens; damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben."

Erben, Erben einer Geschichte. Klar, das sind wir alle und suchen unsere Geschichte. Nur 17 Anschriften von den 100 Konfirmandinnen und Konfirmanden von damals ließen sich ermitteln. Wir sehen daran, wie sehr sich unser Umfeld verändert hat: Die Altbauten von damals sind abgerissen, ab 1957/58 erst entstand die Otto-Suhr-Siedlung. Und in den 50er Jahren - also vor Mauerbau - gab es noch viele Grenzgänger. - Immerhin 5 von damals sind heute zu uns gekommen, um sich erneut unter den Segen Gottes zu stellen, der sie nicht verlassen hat; der nicht verwirft, was er einmal erwählt hat. Von weiteren zweien wissen wir, daß sie schon verstorben sind. Ihrer wollen wir gleich im fürbittenden Gebet gedenken. Und zwei sind dazugekommen, die in anderen Gemeinden konfirmiert wurden - ebenfalls vor 50 Jahren. Alle Erben einer Glaubensgeschichte.

"In Christus seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit - in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet,  versiegelt worden mit dem heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit."

Mit diesen Worten schließt unser Predigttext - und erklärt damit, was in unserer Taufe begonnen hat, was in der Konfirmation bestärkt wird und täglich neu zu verstehen ist: Wir gehören nicht uns selbst, sondern sind Gottes Eigentum. - Das sind wir aber nicht nach Art von Sklaven, sondern er hat uns zu Erben eingesetzt, zu Erben Christi. Und was gibtŽs da zu erben? Die Seligkeit.

Heutzutage erscheint das Wort Seligkeit altmodisch und wird fast nur noch verwendet, wenn man in Erinnerungen schwelgt: —Damals, ja damals, war ich selig....ž Beim Tanzen, unter Freunden oder frisch verliebt. Dankbar kann sein, wer solche Momente erlebt hat. Gläubig ist, wer in solchen Momenten weiß, wem er sie verdankt. Die ganze Wahrheit aber lautet. Unsere künftige Seligkeit ist damit garantiert, garantiert vom Heiligen Geist. Sollte das nicht ein hinreichender Grund sein, nicht aus der Kirche auszutreten? Sich hier immer wieder dieser Guten Nachricht zu vergewissern?

Vor 50 Jahren dauerte der Unterricht noch volle zwei Jahre. Im ersten Jahr bekam man es mit einer alten Katechetin zu tun, im zweiten mit Pfarrer Radicke dann der eigentliche Konfirmandenunterricht. Oder sagte man damals schon Konfer (oder Konfa)? Das ist wohl die moderne Kürze. Sie erlaubte uns, den Konfa heute noch einmal ganz auf die Schnelle zu wiederholen - mit Hilfe der Worte aus dem Epheserbrief.

Und jetzt geschieht das noch einmal kürzer, kurz und prägnant: Wenn wir ihnen zusprechen, wer Gott ist (was nur die Christinnen und Christen verstehen), wenn wir ausprechen, von wem allein wir unsere Seligkeit erwarten - indem Sie zum Altar treten und sich segnen lassen im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes:
G. Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite