Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 4. Sonntag nach Epiphanias über Eph 1, 15-20a

Liebe Gemeinde!
Vor Beginn der Predigt machen wir heute noch eine zweite Abstimmung: Soll ich über Glaube, Liebe und Hoffnung predigen - oder über Nationalsozialismus, Steuererhöhungen und die demographische Entwicklung?
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Ein interessantes Ergebnis. Das dachte ich mir. Lieber nicht zu konkret werden - jedenfalls nicht, wenn's weh tun könnte. Lieber über Glauben allgemein sprechen statt über einen immer wieder gefährlichen Irrglauben, lieber über die Schönheit der Liebe als über die Kosten der Nächstenliebe, lieber über Wünsche als über unausweichliche Entwicklungen. Ich weiß jetzt, warum der Papst so schreibt, wie er schreibt: vor allem Allgemeines und Zustimmungsfähiges. Beispielsweise dies: Gerecht soll es im Staat zugehen - wer ist da schon gegen? Wenn wir darüber abstimmten... - da gäbe es keine Gegenstimme.

Ganz allgemein von Glaube, Liebe und Hoffnung zu hören - das weckt in uns ja gleich gute Gefühle. Das kommt harmonisch rüber. Glaube, Hoffnung und Liebe - das klingt nach Mozart, nicht nach Rockmusik. Mehr noch: Da ist man als Zuhörer dann auch geneigt, dem Verfasser noch weiter zuzuhören - bis er dann zu den Einzelheiten kommt und konkret wird. Auch beim Papst ist es so: Schreibt er allgemein und schön, stimmen alle zu - aber wehe, er wird konkret. Dann bleibt es bei den althergebrachten Verboten: keine Schwulenehe, kein Priesteramt für die Frauen und kein gemeinsames Abendmahl. Und für ihn ist das nur konsequent. Er zieht ja nur Schlußfolgerungen: vom Allgemeinen zum Konkreten eben.

Der Brief an die Epheser (von dem wollten wir ja hören) ist zwar kein päpstliches Rundschreiben, sondern ein apostolisches. (Die Überschrift schreibt es dem Apostel Paulus zu.) Aber egal, ob päpstlich, paulinisch oder apostolisch - solange es um Glaube, Hoffnung und Liebe geht, klingt da auch dieses Rundschreiben nicht erst einmal sehr allgemein? Und das Konkrete, wie steht es damit? Lassen wir uns das dann gefallen? Hören wir noch einmal rein:

"Nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, daß der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt."

Glaube, Liebe und Hoffnung - und noch mehr. Schwierige Gedankengänge. Allgemeine Wendungen. Skeptische Zeitgenossen denken bei solch großen Worten gern an den bösen Witz über die alten Philosophen: Wenn die anfingen loszudenken, sei es so, als suche einer in einem dunklen Raum eine schwarze Katze. Noch skeptischere Leute fügten hinzu: Diese Philosophen suchen eine schwarze Katze, die gar nicht da sei. Und die Theologen seien noch verrückter: Die riefen gleich: "Wir haben sie gefunden" - die schwarze Katze aus dem dunklen Raum, die gar nicht da sei. Gemeint ist: Alles nur Gedanken, Hirngespinste... Wo bleibt das Konkrete?! Sonntagsreden sind billig zu haben.

Hat der Epheserbrief mit seinen großen Eröffnungsworten diesen Spott verdient? Nicht, wenn wir sehen, wie konkret das in Wirklichkeit ist, wovon er handelt, schon hier in der - zugegeben - sehr allgemein klingenden Einleitung: Es geht um Christus und die Christen, die Kirche. Das ist sein Thema. Es geht ums Beten. Und damit geht es darum, wie man Gott erkennen kann - mit den Augen des Herzens. Was meint das?

In unseren Tagen war es der französische Flieger und Dichter Antoine de Saint-Éxupéry, der in seinem Büchlein —Der Kleine Prinzž dieses Bild wieder aufgenommen hat: —Man sieht nur mit dem Herzen gut.ž Ein schönes, vielzitiertes Bild - ähnlich dem vom Bauchgefühl. "Das sage ich mal so aus dem Bauch heraus." (Richtig ist, das es im Bauch wohl die zweitmeisten Nervenzellen gibt.) Das Herz also; es sieht, es hat Augen. Ihm werden Dinge durchsichtig, wird die Welt transparent auf ihren Schöpfer hin. Da wird dann sichtbar, was man von Gott hat.
Der französische Paläontologe Teilhard de Chardin nannte dies die 'Sprache der Dinge'. Buchstäblich jeder Stein, den er bei seinen Forschungsreisen ausgrub, kündete ihm nicht nur von alten Zeiten und der Kraft der Evolution, sondern vom Alpha und Omega, von Anfang und Ende, von Christus als dem schöpferischen Prinzip des Kosmos. Augen des Herzens: Selbst die wenig zum Schwärmen neigenden Berliner wissen: die Berge, das Meer, die Wüste, der Sturm ­ all das, das —hat wasž. Was denn? Kraft, sagt der Epheserbrief, Kraft, die wir erben.

Gott erkennen ist also noch viel konkreter gemeint. Der Brief sagt: Wir haben eine Erbschaft gemacht, den Geist Gottes. Der läßt uns nicht nur Gott erkennen, sondern sorgt auch dafür, daß Gott an uns so handelt wie an Jesus Christus: Gott erweckt von den Toten. Was an Christus geschah, wird auch an uns geschehen. Auf diesen Höhepunkt steuert der Brief hin: Die Macht des Todes ist durchkreuzt. So konkret wird die erst so allgemein klingende Botschaft vom Beginn des Briefes an die Epheser: Leben - nicht Tod erwartet die Christen. Das ist das Konkrete, das diejenigen suchten, die die großen Worte für Schall und Rauch, für beliebig, für Hirngespinste hielten. Eine Botschaft vom Kreuz denkt man sich nicht aus.

Auch an dieser Botschaft aber scheiden sich dann die Geister - wie so häufig, wenn's konkret wird. Das ist bei Paulus auch nicht anders als bei Papst Benedikt. Für Glaube und Hoffnung und Liebe allgemein kann man ja multikulturell leicht schwärmen; wenn es sie aber nur konkret gibt - als Gabe Gottes, nur durch Jesus Christus - dann muß man sich entscheiden. Aber dann weiß man wenigstens, wo man dran ist. Da kauft man nicht die Katze im Sack, will sagen: Im Christentum wird man nicht mit frommen Sprüchen abgespeist, da wird es konkret: "Wo ist Gott?" Er ist in Jesus Christus. "Gott ist doch überall". Er ist in Brot und Wein im Abendmahl. Vor allgemeinen und schöngeistigen Sonntagsreden über Glaube, Hoffnung und Liebe schützt uns Christen also eine Leiche, seine Leiche - der anstößige Glaube an den Gekreuzigten. Der Epheserbrief läßt die Katze also gleich zu Anfang aus dem Sack - und nur deshalb können wir sie suchen - und auch finden.
Amen.
 
 


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