Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt in der Christvesper 2006

Liebe Gemeinde!
So wenig Weihnachten wie in diesem Jahr - das ist selten. Selbst die Stimmungskrücken fehlen: kein Schnee, nicht einmal Winter. Dafür —himmlische Öffnungszeitenž in den Geschäften. Kommunikation boomt: —Hallelujaž klingt nach —Hallo, Julia.ž —Mehr Weihnachten gibtŽs nicht.ž In den Betrieben höllische Weihnachtsfeiern. Der Trend 2006: Schauspieler machen Stehgreifspiele. Sagt einer im Interview: —Ab einem gewissen Alkoholpegel sind alle gleich - ob Müllabfuhr, ob Anzugträger.ž Weihnachten 2006.

—Stell Dir vor, es ist Weihnachten - und keiner geht hin,ž hat mir die Tage ein anderer gesagt, der über Weihnachten - in den drei Tagen von heute bis Dienstag - knapp 2000 km im Auto sitzt - aus familiären Gründen, versteht sich. Das muß so sein. Weihnachten 2006 - das Fest der Familie. Die Familie feiert sich.

Andacht im Seniorenheim: Der Pastor ringt nach Worten, keiner hört zu - —Selbstdarstellerž, zischt es aus einer Ecke. Die Stimmung in der Stadt - selten so aggressiv. In den Köpfen fast schon Bürgerkrieg. WennŽs in der Küsterei klingelt: —Geld her!ž Genervt und ausgepowert haben viele die Feiertage erreicht. Weihnachten 2006 - das Fest der Liebe. So wenig Weihnachten wie in diesem Jahr - das ist selten.

Aber einmal gabŽs das schon. Im Jahr der Geburt Jesu von Nazareth. In Palästina. In Bethlehem. Auch damals waren die Menschen mit sich selbst beschäftigt - und das völlig zu Recht, denn der Finanzbedarf der Mächtigen wurde immer größer, bedrohlich groß. (Darum schließlich die Volkszählung.) Unruhe im Volk. Was tun? Widerstand leisten? Auf einen kommenden Retter hoffen? —Uns hilft kein Gott, unsere Welt zu verändern.ž So hat man damals noch nicht gesungen, aber das dürfte die Erwartung der meisten gewesen sein. Eben keine Erwartung. Die Vielen haben eben nichts mehr erwartet - nicht mehr vom Leben, nicht mehr von Gott. Ob Geld, ob Familie: Alles kommt ins Rutschen. Überall wackeltŽs.
Ruhelos taumeln die Menschen durch die Welt. Die Geburt eines neuen Königs - die erwarten nur ein paar Sterndeuter aus dem Osten. Nur die da haben noch Zeit und Geld, in die Luft zu schauen und ihr Wolkenkuckucksheim zu träumen. Volk und Führung brauchen nur eines - Geld. So wenig Weihnachten war damals.

Nur der Himmel hat damals gefeiert. Die Engel haben gesungen: —Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!ž So hat der Evangelist Lukas später gedeutet, was damals geschah - beim ersten Weihnachtsfest. Weihnachten? Weihevolle Nacht? Feierliche Stimmung ist hier nicht das Thema.

Jahrhundertelang hat die Kirche darüber nachgedacht und sich gefragt, was das eigentlich bedeutet, diese Geburt des Kindes Jesus. Ihre Antwort: Menschwerdung Gottes. Christfest wird der Name dieses Tages, Inkarnation, Fleischwerdung, eben: Fest der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Was heißt das?

Seit Bethlehem ist Gott kein bloßes Wort mehr, auch mehr als nur ein Name: Gott hat Hand und Fuß. Gott ist angekommen in der Welt seiner Geschöpfe, seiner Menschen. Seitdem hat Gott ein Gesicht bekommen - das Gesicht des Menschen Jesus von Nazareth. So gibt Gott sich die Ehre. Und das hat Folgen - für uns Menschen, für alle Welt, besonders aber für die Welt des Göttlichen, den Himmel. Der Himmel ist nicht mehr verschlossen, sondern ein für alle Mal offen, offen für die Menschen. Das sind wahrhaft —himmlische Öffnungszeitenž. Und wir Menschen? Wir kennen jetzt die wahre Gestalt des Göttlichen. Das Göttliche bleibt nicht mehr vage und unbestimmt, nicht dunkel und gefährlich, sondern: Wenn Gott zur Welt kommt, sieht er aus wie einer von uns.

Aber droht Gott damit nicht unterzugehen, unterzugehen in der Masse der Menschen? —Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.ž Einer der wohl bekanntesten Sprüche aus dem Neuen Testament. Lieblingswort der Gutmenschen. Und jedes Jahr zu Weihnachten Ursache für meinen persönlichen Weihnachtsalbtraum:

Es ist Heiliger Abend. Es klingelt an meiner Tür. Draußen steht ein Paar mit Migrationshintergrund, sie schwanger und bittet um Herberge: —Helfen Sie, um Gottes willen.ž Und irgendwo im Dunkeln lauert die Versteckte Kamera, um meine Menschlichkeit zu testen, nein: um meine Unmenschlichkeit vorzuführen: Was wird er tun? Was würden Sie tun? Es ist doch schließlich Weihnachten, das Fest der Liebe und der Familie. Kann man sich da mit —keine Zeit, Weihnachtsvorbereitungenž herausreden? Muß da Gottesdienst nicht hinter Menschendienst zurücktreten?

In diesem Jahr blieb mir die Entscheidung gottlob noch einmal erspart. Kein Hilferuf in letzter Minute, keine versteckte Kamera. Die Tradition der Christvesper kann also zu ihrem Recht kommen - jene schlichte Feier am Heiligen Abend, die uns einstimmen will auf das Fest der Menschwerdung Gottes. Und das ist auch gut so: Damit nämlich Gott in Jesus von Nazareth nicht aufgesogen wird von unserem Schicksal - nicht von der vielfachen Wiederholung der erfolglosen Herbergsuche noch von den millionenfachen Kindesmorden seit dem legendären von Bethlehem - darum müssen wir Weihnachten feiern. Auch ohne passende Stimmung. Auch wenn kaum keiner hingeht. Darum sagen wir ausdrücklich, was damals geschehen ist und was das für alle bedeutet. Darum stimmen wir ein in das Lied der Engel: —Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!ž

Denn nur in Jesus ging Gott ein für alle Mal in die Welt der Geschöpfe ein, warf er auf Erden Anker. Gott ist da. So gab er sich die Ehre und grüßt er uns: —Grüß Gott!ž Und: —Habe die Ehre!ž Der Anker wird zum Symbol der durch Jesus begründeten Hoffnung. Im Brief an die Hebräer heißt es geheimnisvoll über diese Hoffnung: Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele, der auch hineinreicht bis in das Innere hinter dem Vorhang. Der Vorhang im Tempel in Jerusalem verhüllte, daß der Tempel, daß das Allerheiligste leer war. Gott wohnt nicht im Tempel. Gott ist bei sich selbst. Wir kennen nur sein Wort, seinen Willen. So denkt der jüdische Glaube. Ähnlich lehrt der Islam: Gott ist Gott. Für die Menschen zählt nur eines: sich seinem Willen zu unterwerfen. Anders der christliche Glaube. Der schaut hinter den Vorhang und erblickt Gott in Jesus. Er weiß: Gott war in Jesus. Das gibt uns Halt, der gibt uns Halt, Halt auf Erden. Wir brauchen nämlich nicht den Himmel zu stürmen, nicht selbst Götter zu werden, auch zu Weihnachten nichts Übermenschliches zu vollbringen. Hinter dem Vorhang der Religionsausübung haben wir Jesus selbst. In ihm haben den sicheren Grund gefunden, den Anker, der den Himmel an der Erde festhält.

—Was glaubst du denn?ž wird man immer häufiger gefragt. —An etwas muß man ja glaubenž, sagen viele. Und schließlich muß man doch wissen, wo man hingehört. Weihnachten lädt uns ein, nicht an irgendetwas, sondern an etwas Sicheres und Festes zu glauben, als Anker unserer Seele: an den Gott in Jesus Christus. In ihm ist der Himmel schon da.

Dennoch: So mancher wollte und wird die Botschaft von Weihnachten auch in diesem Jahr (oder gerade in diesem Jahr) nicht glauben. Sobald Gott und die Kirche nicht mehr funktionieren, wie man das wünscht, werden sie ja mit Unglauben bestraft - aber der Anker, liebe Gemeinde am Heiligen Abend, der Anker bleibt auf Erden. Gott macht sich nicht wieder davon - selbst wenn man ihn loswerden will, ihm symbolisch den Kopf abschlägt. Wer diesem Gott, dem Gott im Menschen Jesus den Kopf abschlägt - was für ein schräger (Regie-)Einfall! - der enthauptet sich selbst. Der macht sich nicht etwa frei von der Herrschaft Gottes, der fällt der Selbstvergötterung zum Opfer, der macht sich klein und unterwirft sich —denen da obenž. (Ob das unsere weitverbreitete Kopflosigkeit erklärt?).

—Gott hat nicht (nur) einen Menschen, sondern die menschliche Natur angenommenž, meinte die Alte Kirche zum Thema Weihnachten, zum Fest der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. So eng hängen Gott und Mensch nun zusammen. Sie sah den Menschen dadurch gehoben, gewürdigt - den alten Menschen, das alte Fleisch, das Gammelfleisch. Unsere Menschlichkeit mag immer noch zu wünschen übriglassen - es gibt mehr Wünsche, als wir uns gegenseitig zu erfüllen vermögen (nicht nur zu Weihnachten) - aber wir brauchen uns nun nicht mehr selbst zu Göttern aufschwingen, sondern wir können unsere Hoffnung auf diesen Einen setzen: Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele, der auch hineinreicht bis in das Innere hinter dem Vorhang.

Die manchmal etwas schrägen Weihnachtsslogans aus dem Geschäftsleben sind gar nicht so verkehrt. Sie wissen bloß nicht, wie sehr sie Recht haben. Gott gibt sich die Ehre und gibt uns die Ehre: —Halleluja - Hallo, Jesus.ž —Genieße Weihnachten - es ist Sein Geburtstag!ž Und: —Mehr Weihnachten gibtŽs nicht.ž
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite