Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper 2005

Liebe Gemeinde!
Was für ein Abend, dieser Heilige Abend! Endlich reden wir einmal nicht über die Not der Welt und über das fehlende Geld. (Dazu hatten wir im vergangenen Jahr der Katastrophen ja reichlich Gelegenheit.) Nicht einmal das unweihnachtliche Wetter ist jetzt noch ein Thema. Jetzt reden wir über Gott, über Gott in Jesus Christus - wie einst Martin Luther: —Wir fassen keinen andern Gott als den, der in jenem Menschen ist, der vom Himmel kam. Ich fange bei der Krippe an.ž

Anderenorts mag man zu Weihnachten ja über anderes reden, vielleicht beschwören, was uns alles fehlt: die heile Familie - die so heil nie war - die gute alte Zeit, als es jedes Jahr scheinbar mehr zu verteilen gab (Und heute wissen wir, das das —alles nur geklautž war, unsere Kinder ihrer Zukunftschancen beraubt hat.). Fehlt noch der Friede auf Erden. Ja, der fehlt wirklich. Aber ihn zu beschwören, zaubert ihn auch nicht herbei. Und Lamentieren, das war gestern. Heute, das ist der Heilige Abend. Damit beginnt die Feier des Christfestes. Reden wir also über das, was wir haben. Fangen wir mit Martin Luther bei der Krippe an:

Gott kommt zur Welt. Das unaussprechliche Geheimnis der Welt - wir verstehen nur, daß wir es nicht verstehen - bekommt Hand und Fuß, wird einer von uns. Inkarnation, Fleischwerdung Gottes, nannte das die Alte Kirche und brachte damit auf den Punkt, was die Apostel mit Jesus von Nazareth erlebt hatten, mit seinem Leben und Sterben. Inkarnation, Gott nimmt Fleisch an, unser altes, hinfälliges Fleisch, das Gammelfleisch. Drastischer kann man es nicht sagen. Und alle Religionen der Welt - die Atheisten sowieso - widersprechen seitdem: Das kann doch nicht wahr sein. Wie würdelos: Gott wird ein Mensch? Ist so einer noch Gott? Wie soll das gehen? Und warum? Warum ist Gott Mensch geworden? Um Gottes willen, Weihnachten, das kann einfach nicht wahr sein!

Was bekommen wir denn da zu sehen? Zunächst doch bloß ein Kind. Dann einen Prediger. Er ruft Gottes Herrschaft aus. Daran scheiden sich die Geister. Schließlich wird er hingerichtet - im Namen des Gesetzes: von der Krippe ans Kreuz. Doch Gott hält zu ihm, stellt sich auf die Seite Jesu. Gottes Macht erweckt ihn von den Toten. Der Gekreuzigte lebt. Er lebt aber nicht für sich, sondern durch Glaube und Taufe in uns und wir in ihm. So zeigt sich Gott - in Jesus und im Gäubigen. Für die Christen ist seitdem alles anders. Gott ist anders. Das unaussprechliche Geheimnis der Welt wird gelüftet: Jesus ist das Geheimnis Gottes; er zeigt, was Gott alles sein kann - sogar ein Mensch, dieser Mensch.

Das hebt, liebe Gemeinde. Das hebt uns Menschen insgesamt, die wir uns neuerdings so gern schlecht machen: als Zerstörer unserer Umwelt und anderer Geschöpfe, als Möchte-gern-Herrscher über unseren Planeten. Zugegeben, diese Rolle spielen wir auch schlecht. Die —Krone der Schöpfungž hat so manchen Zacken und jeden Glanz verloren. Herrschaft über die Natur? Die Natur schlägt zurück. Und immer mehr von uns merken: Diese Welt ist ein gefährlicher Ort. Unsere Vorstellung von einem möglichen Gleichgewicht der Natur ist romantisch, es selbst herstellen zu wollen idiotisch. Alles ist gegen uns. Weihnachten aber heißt: Wenigstens Gott ist nicht gegen uns, sondern für uns - wenigstens er, wenn wir schon gegen uns sind, insgesamt und untereinander, im täglichen Gegeneinander. Das, hebt, liebe Gemeinde, er hebt uns. Einer ist für uns da.

Vom Immanuel, vom Gott-für-uns, sprach ja schon die Hoffnung Israels. Und Jesus von Nazareth hat diese Hoffnung bestätigt. Der christliche Glaube knüpft an den Glauben Israels an und denkt die alten Geschichten weiter: die vom Garten in Eden und vom sogenannten Sündenfall. Wenn die Schriften Israels lehren, daß wir nicht mehr im Paradies leben; wenn unsere Lebenserfahrung bestätigt, daß diese Welt ein Jammertal ist - dann setzt Weihnachten hier fort und setzt einen Kontrapunkt und widerspricht dem negativen Weltgefühl und sagt: Der Himmel ist wieder offen. —Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn, und schenkt uns seinen Sohn.ž

Der Himmel ist wieder offen. Das kann doch nicht wahr sein - aber das ist Weihnachten. In seinem Weihnachtslied besingt Nikolaus Hermann Jesu Geburt und ihre Folgen mit den Worten: —Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns seins Vaters Reich...ž. Reich, wir bekommen Gottes Reich? Wie ist das zu verstehen? Meint das den Himmel auf Erden? Ist dieser Traum nicht ausgeträumt - nach all den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts?

Das ist er wohl - und das ist auch gut so. Das bewahrt vor menschlichem Übermut und Hochmut. Darunter haben wir genug gelitten - unter dem guten Willen der Menschen, die alle immer nur unser Bestes wollen. (Unser Geld? Das haben Sie jetzt gedacht.) —Herr Pfarrer, im Unterschied zu mir müssen Sie doch immer an das Gute im Menschen glaubenž, meinte mal unser KOB zu mir - und ich war versucht zu sagen: —Ich glaube an Gott, nicht an die Menschen.ž Aber das hätte so geklungen, als wollte ich die Menschen schlecht machen. Trotzdem, das mit dem Himmel, dem Himmel auf Erden, das sollten wir - frei nach Nietzsche - wirklich den Spatzen überlassen.

Aber die Hoffnung auf den Himmel Gottes, das Reich Gottes, seine Herrschaft - sie ist nicht nur nicht tot, sondern bekommt durch Gottes Menschwerdung neue Kraft. Weihnachten feiert den bodenständigen, den geerdeten Gott, der kam, uns zu retten. Er macht das Tor auf: —Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis, Gott sei Lob, Ehr und Preis!ž Gott kam zur Welt, damit die Welt wieder zu ihm kommen kann.

Gott ist also einfach nicht auf eine bestimmte Rolle festzulegen - weder auf die einer kosmischen Energie oder Intelligenz noch auf die noble Rolle des Schöpfers oder die von Mutter Natur. —Das kann doch nicht wahr seinž, ist man da wirklich versucht zu sagen, —wie kann denn die geheimnisvolle, die große eine Kraft, die hinter allem steht, so ein Interesse an uns Menschen haben, ja, an jedem von uns Menschen?ž Ja, wie kann sie das? Und dann auch noch in der Gestalt eines Kindes?

Mehr noch: Was ist das bloß für ein Gott, von dem die Bibel spricht? Erst erschafft er den Menschen so, daß der von ihm nichts mehr wissen will - und dann kommt er wieder zu ihm, will bei ihm ankommen. Kann er nicht von ihm lassen? Oder will er selber bloß geliebt werden? Welchen Narren hat er bloß an uns gefressen? Jedenfalls ist er für positive Überraschungen gut. Liebt er uns am Ende doch?

—Gott liebt alle Menschenž - das ist leichter gesagt als wirklich geglaubt. Das zu glauben fällt dem Menschen sogar schwerer, als man denkt. Im Wettbewerb der Religionen ist es ein echter Konkurrenznachteil des Christentums, von einem liebenden Gott zu sprechen. Warum? Nicht allein deshalb, weil uns diese Liebe weder Leid noch Schmerz erspart - sondern weil sie uns so fremd ist. Ich meine: Der Mensch liebt sich selbst so sehr, daß er nicht von dritter Seite geliebt werden will - jedenfalls nicht von einem über sich, von etwas «HöheremŽ. Da haben wir einfach  schlechte Erfahrungen mit gemacht. —Ich liebe doch alle Menschenž - wenn das einer von «denen da obenŽ sagt, dann bekommt man es doch mit der Angst zu tun. Obendrein weckt das Konkurrenzgefühle, da will man es den Mächtigen zeigen. In seiner Selbstverliebtheit kann der Mensch einfach keine Konkurrenz dulden. Darum kann er auch die Liebe Gottes nicht wahr sein lassen. Und Weihnachten, das kann eben nicht wahr sein...

Erst seit Gott einer von uns wurde, seit er sich so tief herabließ, können wir es zulassen, daß er uns liebt. Es bedarf also wohl wirklich eines Kindes, dieses Kindes - um sich lieben zu lassen, um sich die Liebe Gottes gefallen zu lassen. Darum ist Gott Mensch geworden - damit wir in uns selbst Verliebte uns von ihm lieben lassen können.

—Wir fassen keinen andern Gott als den, der in jenem Menschen ist, der vom Himmel kam. Ich fange bei der Krippe an.ž
Amen.
 
 


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