Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper am Heiligen Abend 2003

Liebe Gemeinde!
—Ho, ho, hož, ruft der Weihnachtsmann, —ho, ho, hož. In diesem Jahr klingt das besonders laut und schräg und falsch, hohler als sonst, irgendwie daneben. Keiner erzählte mir in den letzten Tagen von Weihnachtsstimmung. - Dabei ist doch eigentlich alles wie immer: Nach Wochen des Stresses fällt man erschöpft in den Heiligen Abend, um die Geburt des Heilands zu feiern. Die Stromversorger wissen dann: Jetzt ist die —Heiligabend zur Kirchgeh-Senkež. Schließlich ist das nicht unser erstes Weihnachtsfest. Wir wissen doch, wie das abläuft: mit gutem Essen - das ist dann die Stromverbrauchsspitze, die sogenannte Gänsebratenspitze - anheimelndem Kerzenlicht - und den alten Liedern. Die weihnachtliche Kulisse steht seit langen Wochen. Und wieder singen die himmlischen Heerscharen: —Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallensž.

Warum nur fühlt sich Weihnachten in diesem Jahr so fremd an? Liegt es am fehlenden Schnee, der knapp danebenging? Die Werbung spielt Weihnachtslieder bevorzugt mit schrägen Tönen. Kann sich das Fest nur noch veralbern? Die —Mutter aller Schnäppchenž stellt den heimatlosen Weihnachtsmann als Mitarbeiter an: —Er hat einen tollen Schlitten, ist immer pünktlich - und das beste: Er arbeitet umsonst.ž Der Weihnachtsmann - eigentlich Geschenkebringer - wird in die Wirtschaft integriert und zum perfekten Arbeitnehmer, zum Mann des Jahres im Jahr des Ehrenamtes. Er arbeitet schon ganz umsonst. Sein —Ho, ho, hož - wie ein Hohngelächter auf die, die sehen müssen, wo sie bleiben, die sich irgendwie durchschlagen müssen - und von denen gibt es immer mehr.

Andere laufen sich tot: Schnell noch eine neue Brille und noch einmal zum Zahnarzt. Ihr Fazit: Arbeit bis zuletzt, dennoch vieles nicht geschafft. - Das ist es, liebe Gemeinde: Weihnachten kommt in diesem Jahr einfach zu früh. Wir sind noch nicht bereit für das Fest. Wollen wir uns nicht nächste Woche wiedertreffen oder nächsten Monat? Die Wirtschaft wäre uns dankbar - für eine Woche, einen Monat mehr an Konsum.

Heute, da warten wir doch weder auf den Nikolaus noch auf den Weihnachtsmann noch auf das Christkind. Deren Schnäppchen nehmen wir zwar gern mit - aber wir fürchten, was danach kommt, was uns nach dem Fest erwartet: die Rute der steigenden Kosten. Knecht Ruprecht ist der Mann der Stunde. Knüppel aus dem Sack. Das letzte Sparopfer ist noch nicht gebracht.

Weihnachten - in diesem Jahr ist das ein Fest zwischen schon und noch nicht. Wir wissen schon: Da kommt noch was auf uns zu - so daß wir am liebsten wegducken würden. Wir wären am liebsten nicht da - und verharren doch wie gelähmt. —Ho, ho, hož? Das Lachen bleibt dem Weihnachtsmann im Halse stecken. Und selbst Harald Schmidt hat ausgelacht.

Liebe Gemeinde, wir wissen natürlich: Es gibt ein Leben danach, ein Leben nach dem Christfest - auch wenn das sicher für die meisten bedeutet, mit weniger auskommen zu müssen. Für viele wird es eng werden, sehr eng - dennoch bin ich sicher: Die Menschen können das besser als die Wirtschaft. Die Menschen können mit weniger auskommen - es ist unser Wirtschaftssystem, das auf zwanghaftes Wachstum angelegt ist, so daß wir ihm durch übergroße Staatsverschuldung die Zukunft unserer Kinder opfern - wie man einst dem kanaanäischen Götzen, dem Gott namens Moloch, die Kinder opferte - fürs eigene Wohlergehen.

Moloch - ein Gott, der die Kinder frißt? Gottes Weg ist anders. Wenn Gott kommt, macht er sich uns kostenlos und gratis zum Geschenk. Gott verlangt keine Opfer. Opfern hat ausgedient. Wenn Gott kommt, hat das Warten ein Ende, weicht die Lähmung: —Christ, der Retter ist da!ž

Während wir noch eifrig die weihnachtlichen Kulissen schieben in Staat und Kirche, hat Er sein Fest mit uns schon begonnen - damals in Bethlehem und ohne daß die Welt darauf vorbereitet gewesen wäre. Sie hatte auch damals mit Zahlen und Steuern zu tun. Aber Gott konnte das Weihnachtsfest mit seinen Geschöpfen gar nicht früh genug kommen. Er hat nicht gewartet, bis alle vorbereitet waren. - Seitdem ist Weihnachten.

Wann ist denn Weihnachten? Weihnachten gibt es dreimal: Gott wurde Mensch im Kind von Bethlehem, er kommt zu uns in seinem verkündigten Wort, also hier im Evangelium und - im Glaubenden, da kommt er an. Dreimal anders nimmt Gott Wohnung: in Jesus, im Wort - und in Dir. So hat Gott sein Fest mit den Menschen begonnen, ohne daß die Welt es gemerkt hat.

Die Welt, sie verlangt immer noch (Ab-)Gaben. Sie hat immer noch mit Zahlen und Steuern zu tun. Ihre Weihnachtsfrage lautet: —Wohnst du noch - oder lebst du schon?ž Das ist ja eine Botschaft, die mehr als nur Kaufanreize für neue Möbel vermitteln und —schöner wohnenž propagieren will. Nur beim ersten Hören klingt sie sympathisch. Es ist auch die beunruhigende Botschaft, die wir in diesem Jahr alle hören sollten: —Setzt euch in Bewegung, verlaßt eingefahrene Gleise, werdet zukunftsfest!ž Es ist die Botschaft, die uns fordert - und überfordert. Leben gegen Wohnen - ist das eine menschlich zuträgliche Alternative?

Gottes Botschaft ist anders. Gott bittet: Nimm mich doch einfach an - als dein Geschenk! Laß es Weihnachten werden - in dir! Und mein Weihnachten für dich wird es auch ohne Vorbereitung - auch für die Erschöpften und die Besorgten. Die —gefühltež Weihnacht ist das eine, Gottes Wohnen bei den Menschen aber das, was alles wendet: Die Geburt Gottes im Menschen Jesus hat den Himmel wieder zur Erde gebracht, die ersehnte Heimat, das Ziel des Menschen - gesucht, erstrebt, nicht gefunden, umstritten - ist zu uns gekommen: —Christ ist erschienen, uns zu versühnen.ž

—Wohnst du noch - oder lebst du schon?ž - Die wahre Weihnachtsfrage lautet: —Lebst du noch - oder wohnst du schon?ž Lebst du noch im Schaffen und Raffen, willst du noch dies und das - oder wohnst du schon beim Herrn?

Vorweihnachtlicher Stoßseufzer eines Überforderten: —Das müßte man einmal sagen können: Jetzt bin ich angekommen, wirklich zu Hause.ž - Das kann man sagen, liebe Gemeinde:

Wo Gott bei den Menschen wohnt, in ihrem Leben, wo er bei uns ankommt, im Bürglein in der Seele, wie es der sogenannte Mystiker Meister Eckhart ausdrückte - da sind auch wir angekommen, zu Hause, da haben wir eine Wohnstatt. —Ein feste Burg ist unser Gott.ž - Das ist dann wirklich —schöner wohnen.ž

—Ho, ho, hož? Nein: —Hosianna! Gelobt sei Gott!ž Das ist der Weihnachtsruf. Und: Amen. So sei es.
 
 


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