Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper am Heiligen Abend 2002:
          "Wann ist Weihnachten?"

Liebe Gemeinde!
—Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot ausging...ž -  von einem Bürgermeister, daß Weihnachten abgesagt wird. Die Stadt ist pleite und zu viele Katastrophen haben sich ereignet - in jener Stadt, die für ihre Weihnachtfeiern sonst immer Schlagzeilen machte. Und nun das: Die Stimmung liegt am Boden, Mitbürger kamen gewaltsam ums Leben - und Geld ist auch keines mehr da. Weihnachten fällt aus. Aber ein Bürger klagt dagegen - und das Gericht urteilt: —Dies ist kein Jahr, in dem Weihnachten ausfallen darf. Wenn man Weihnachten überhaupt nötig hat - dann dieses Jahr! Wir wollen nach vorn sehen - und dazu hilft es zu feiern.ž

Das ist eine Filmhandlung, erfunden, doch eine deutliche Anspielung auf die Stimmung im vergangenen Jahr des sogenannten Kampfes gegen den Terror. Feiern, um nach vorn zu sehen.

Doch wer nach vorn sieht, sieht schwarz. Oder können Sie heute Weihnachten feiern - so wie immer? Möchten nicht auch Sie am liebsten Klage einreichen, klagen, um feiern zu können? Oder ist das Klagen das Problem? Man möchte sich beschweren: Wenn wir den kriegen, der uns auch noch das Weihnachtsfest vermiesen will...

In den letzten Wochen sah es so aus, als gönnten wir uns das Weihnachtsfest tatsächlich nicht mehr, als wollten wir es ausfallen lassen - aus Trotz, wegen der Lage im Allgemeinen und im Besonderen. Dabei hat es doch die Welt erobert - auch unsere muslimischen Nachbarn beschenken sich. (Und sei es nur wegen der Gemütlichkeit.) Natürlich gab es wie —alle Jahre wiederž die vorweihnachtliche Routine, die sogenannten Weihnachtsfeiern, die die adventliche Besinnungs- und Bußzeit ja schon seit langem verdrängt haben. (Dafür müssen wir dann nach Weihnachten büßen - nicht nur für zuviel Süßigkeiten...)

Aber da war noch etwas anderes: Weihnachten schien uns in diesem Jahr irgendwie abhanden gekommen zu sein - ohne daß es dazu einer Entscheidung von oben bedurft hätte. Unausgesprochen stand die Frage im Raum: Tragen die alten Geschichten, tragen die Traditionen noch? Reicht das aus, um Weihnachten zu feiern?

Das Jammerjahr. Der Winter des Mißvergnügens. Der Kaufrausch ist verflogen. Wenn in der biblischen Geschichte von Volkszählung und Steuerschätzung die Rede ist - grimmiges Nicken. Geschenke fallen sparsamer aus. Eine Flucht vor Weihnachten hat begonnen: In den Geschäften Schlußverkauf. In den Straßen Sylvesterböller. Das Geschäft wenigstens blüht. Der Weihnachtsmann kann nur noch stottern: —Ho, ho, holŽs dir.ž Wir fliehen ins Sparen, ins Ausland, in Kriegsvorbereitungen. Oder in Last-Minute-Einkäufe: —Ich kaufe, also bin ichž - damit Weihnachten nicht untergeht, und wir mit. Wir wollen uns keine allzu tiefen und zum Trübsinn führenden Gedanken darüber machen, daß es uns nur dann gut geht, wenn wir über unsere Verhältnisse leben.

Weihnachten fällt aus? Am Ende doch bloß ein Schreckensgedanke. Die Flucht vor Weihnachten führt wieder zum Weihnachtsfest zurück. Es findet ja statt. Bloß: Bin ich dabei?

Bringen uns die Kinder vielleicht auf den Pfad der ungebrochenen Weihnachtsfreude zurück? Sie können es ja gar nicht erwarten. —Papi, wann ist Weihnachten?ž quengelt das Kind voller Ungeduld, —Papi, wann?ž - bis der Vater der Tochter beim Boulettenbrater den Mund stopft, um weiteres Fragen zu unterbinden: —Jetzt, jetzt ist Weihnachten.ž Mit vollem Mund dennoch die Frage: —Wann...?ž

Gute Frage: Wann ist Weihnachten? Und was müssen wir tun, damit es Weihnachten werden kann?

Wann ist denn Weihnachten? Die Alte Kirche hat eine sehr tiefgründige Antwort gefunden. Sie feierte Weihnachten als das Fest der Erscheinung Gottes im Fleisch, der Erscheinung des Schöpfers im Geschöpf und sprach im Mittelalter von der dreifachen Inkarnation, von der dreifachen Menschwerdung Gottes. Das bedeutet: Weihnachten gibt es dreimal: Gott wird Mensch im Kind von Bethlehem, in seinem verkündigten Wort, also im Evangelium und - im Glaubenden.

—Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein...ž. Weihnachten begann inmitten dieser Welt - der Evangelist Lukas wird nicht müde, das immer wieder zu betonen - mit dem Versuch eines Regierenden, des Kaisers Augustus, mehr Steuern einzutreiben. Sein Machtwort setzte die Menschen in Bewegung, um sich registrieren zu lassen. Weltlicher kann wohl nicht angebunden werden, was dann geschah - daß in einem von uns Gott zur Welt kam, geboren als ein Kind, ein Mensch namens Jesus von Nazareth. Während es der Welt ums Geld geht, wird es von Gott her Weihnachten.

Wer Gott sucht, weiß ihn nun zu finden - in Jesus. Jesus predigte nicht nur: —Gottes Herrschaft ist nahe!ž Er hat sie auch verkörpert, personifiziert.

Und darum: Wenn von ihm, von Jesus Christus, die Rede ist, wird Gott auch für uns zugänglich, die wir 2000 Jahre nach Jesu Geburt in Bethlehem leben. Wieder wird es Weihnachten. Wo Gottes Botschaft erklingt und gehört wird, da kommt Er zur Welt.

Und dann kommt er zu dir, wird es Weihnachten im Herzen der Gläubigen: Die Mystiker nannten das die Geburt Gottes in der Seele, Luther den Glauben. Mit den Worten Paul Gerhardts gesprochen:

—Sehet, was Gott hat gegeben: seinen Sohn zum ewgen Leben. Dieser kann und will uns heben aus dem Leid ins Himmels Freud.
O du hochgesegnete Stunde, da wir das von Herzensgrunde glauben und mit unserm Munde danken dir, o Jesulein.ž

Dann, liebe Gemeinde, dann ist Weihnachten.

Und was müssen wir dazutun? Bei Gott Klage einreichen, um das feiern zu können?

Liebe Gemeinde, die Klage ist schon entschieden. Der Prozeß gewonnen. Seit 2000 Jahren wird das Urteil verkündet: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Gott kam zur Welt.

Damit es  nun Weihnachten wird auch für uns, damit wir das feiern können, brauchen wir gar keine passende Stimmung und auch keine Besinnung auf unsere Seelenlage oder die Lage der Nation, auch keine klugen Worte, erst recht keine leeren Hoffnungen auf bessere Zeiten. Würstchen und Kartoffelsalat - oder Gänsebraten, noch einmal der Alt-Berliner Weisheit folgen: —Ne jut jebratene Jans is ne jute Jabe Jottesž? Egal. Es ist Weihnachten. Es ist Weihnachten, weil Gott es so gesagt hat. Er hat sein Macht-Wort gesprochen - dreimal: in Jesus, im Evangelium, in dir.

Weihnachten kommt ohne Voraussetzungen. Das ist das Wunder von Weihnachten. Es schafft seine eigene Gemütlichkeit - weil Gott da ist.

Endlich wieder Weihnachten.

Denn jetzt, liebe Gemeinde, hier und jetzt ist Weihnachten, jetzt, da wir es feiern. Sie sind dabei.
Amen.
 
 


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