Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper am Heiligen Abend 2001

Liebe Gemeinde!
—So, das ist also Weihnachten.ž Mit dieser Feststellung beginnt ein Weihnachtslied. John Lennon hat es geschrieben: žSo this is Christmas.ž Im Hintergrund singt der Chor: žWar is overž. —Der Krieg ist vorbei.ž Geschrieben hat John Lennon das vor langer Zeit. Wenn das heute wahr wäre - dann wäre das sicher in diesem Jahr ein Weihnachtsfest nach Wunsch, ein Weihnachtsfest nach unserem Wunsch.

Weihnachten nach Wunsch... Was gehört noch dazu? Schnee und Tannenbäume, die Lieder von damals und heute - und natürlich: unsere Wünsche. Auf dem Weg zum Weihnachtfest haben in diesem Jahr - so jedenfalls mein Eindruck - unsere Wünsche eine herausragende Rolle gespielt. —Ich wünsch mir was...ž —Ich wünsche mir .... jeden Tag das Besondere zu erleben.ž —IŽm wishing you a star.ž —Ich wünsche mir ... nicht viel, nur, daß alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen.ž Slogans aus der Fernsehwerbung. Eine Renaissance der Wünsche, ein langer Wunschzettel ans Christkind. So viel Wunsch war selten.

—Das ist doch nur Werbung, das müssen die so sagen, damit der Absatz nicht stockt. Wir haben doch schon alles,ž höre ich von vielen Seiten, —was sollen wir uns eigentlich noch wünschen?ž Wunschlos glücklich?

Oder haben wir eher ein Problem mit der Erfüllung unserer Wünsche? Ich denke an die wortlose Weihnachtswerbung eines Möbelhauses: Unter dem Tannenbaum packt ein Knabe unter den leuchtenden Augen der Eltern sein Geschenk aus, einen ollen Schlüpfer. SiehtŽs - und nimmt die gute Vase vom Tisch: klirr! Falsche Wunscherfüllung, kein Weihnachtsfest nach Wunsch.

Nächster Versuch: ein Gutschein. Ungewöhnlich viele Gutscheine werden in diesem Jahr verschenkt, fürs Essen und Trinken, fürs Theater, für Solarien. Selbst eine Apotheke bot Gutscheine zum Verschenken an. Kinder wünschen sich in diesem Jahr vor allen Dingen eines: Geld. Verständlich. Wer von den Eltern hat schon die nötige Kompetenz für den Erwerb des passenden elektronischen Spielzeugs? Da läuft man als Kind Gefahr, wieder nur eine alte Eisenbahn zu kriegen. —Was hat denn dein Bruder gekriegt?ž —Ein Handy.ž Und schon ist die kleine Freundin weg - warnt die Werbung.

Da hilft nichts, der Beschenkte muß selbst Abhilfe schaffen. —Was wünschst du dir denn? Du mußt doch selbst am besten wissen, was du dir wünschst? Ach, kauf es dir doch gleich selbst!ž Manche Wünsche sollte man vielleicht wirklich nur hegen, wenn man sie sich selbst erfüllen kann, besonders wenn es um das geht, was man nicht kaufen kann: um «höhere WerteŽ: Glück, Zufriedenheit, Harmonie. Dafür sorgt man am besten selber. Man kennt sich selbst doch am besten und ist selbst sein bester Anwalt. Da bestätigt einem jeder Arzt: —Sie müssen jetzt einmal an sich denken. Schließlich ist das Ihre Gesundheit!ž Beraterberufe sagen dasselbe - frei nach Fliege: —Passen Sie gut auf sich auf!ž Weihnachten, das Fest der selbst erfüllten Wünsche?

Ja, aber kann ich das eigentlich, was ich da selbst tun soll? Krieg ich das hin? Liegt meine Gesundheit wirklich in meiner Macht? Und wie ist das mit Glück, Zufriedenheit, Harmonie? Kann man das machen? Gleich fliegt ein Wunsch hinterher: —Ich wünsche Ihnen viel Kraft dazu!ž Klingt das nicht geradezu beschwörend? Was, wenn ich mir weder was zu wünschen weiß - noch die mir zugedachten Wünsche selbst erfüllen kann? Wenn die Kraft dazu fehlt, über menschliches Maß hinausgeht? Da ist unter uns mehr als nur eine Ahnung, daß das Wünschen nichts mehr hilft. Zerbersten nicht unsere großen Wünsche, die Wünsche nach Gesundheit und Frieden, zerbersten sie nicht am unbezahlbar gewordenen medizinischen Fortschritt und am —Krieg gegen den Terrorž?

Vielleicht geht uns deshalb tief innen drin das Wünschen aus, laufen so viele Geschenke ins Leere. Sie können gar keine Wünsche mehr erfüllen - weil keine mehr da sind. Weihnachten ohne Wunsch. Wenn schon nicht wunschlos glücklich - dann lieber glücklich wunschlos - im Jahre 2001? So wenig Wunsch war nie. —So, das ist also Weihnachten.ž

Das soll schon Weihnachten sein? Weihnachten ist doch nichts ohne Wunsch. Ich denke: Die Slogans aus Werbung und Fernsehen rund ums Wünschen, die vielen guten Wünsche anderer an mein Leben, die Sorge, daß die Wünsche, die uns wirklich wichtig sind, nicht in Erfüllung gehen - all das verrät unseren geheimsten Wunsch, den letzten Wunsch: den Wunsch, uns wirklich wieder was wünschen zu können. Diesen Wunsch möchte man heute Abend frei haben - wie im Märchen. Das wäre eine gute Nachricht. Das wäre es dann wirklich: Weihnachten nach Wunsch.

Auf der Suche nach der Wunschweihnacht fällt mein Blick auf ein Plakat, hier bei Kaisers um die Ecke: —Jeder bekommt die Nachrichten, die er verdient. - Nehmen Sie die besten.ž Da ist er wieder, der Weihnachtswunsch, der Wunsch nach guter Nachricht.

Und hier ist sie, die beste Nachricht, die Nachricht der Engel: —Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!ž Das ist und bleibt die gute Nachricht des Heiligen Abends. - Als Gott im Menschen Jesus auf die Erde kommt, da gibt er sich die Ehre. Der Gott in der Höhe gibt sich die Ehre, indem er sich erdet, die Verbindung zu den Menschen der Erde wieder aufnimmt. Das ist den Menschen der Friede auf Erden. Und was wird aus ihren Wünschen?

Gott erfüllte nicht den Wunsch Israels nach Befreiung aus Unterdrückung durch römisches Militär und hohe Steuerlast, er kam zur Welt. Er erfüllte sich seinen Wunsch nach Frieden mit seinem vornehmsten Geschöpf, dem Menschen. So machte er unser Wünschen wieder sinnvoll, die Bitte des Menschen um umfassende Heilung und endgültigen Frieden, um Frieden mit sich, mit anderen und mit Gott. Denn dieser Bitte ist Erfüllung verheißen. —Alles wird gut!ž Schalom!

—Am Ende aller weltlichen Hoffnungen wird von Gott her die Hoffnung neu geboren.ž Das habe ich die Tage unseren Freunden in Beit Jala, gleich gegenüber von Bethlehem, zum heutigen Abend geschrieben. Sie feiern umgeben von israelischen Panzern und muslimischen Gotteskriegern. Menschlich gesehen, haben sie keinen Grund zum Feiern. Ihnen hilft auch kein gutgemeinter Wunsch.
Ihnen bleibt nur, Weihnachten zu feiern, Weihnachten nach Wunsch, nach Gottes Wunsch - der sich den Wunsch erfüllte, bei seinen Geschöpfen zu sein.

Als Jesus die nahe Herrschaft Gottes verkündete, lehrte er die Menschen beten: —Dein Reich komme!ž Im Vertrauen darauf können auch wir den Wunsch haben, uns wieder etwas zu wünschen. Da bleibt ja viel zu wünschen übrig. Aber Weihnachten nimmt von uns die Last, unsere Wünsche selbst erfüllen zu müssen - und legt uns auch nicht die Last auf, Gottes Herrschaft selbst durchsetzen zu müssen. Es gibt hier keine Gotteskrieger. Wo Gottes Macht auf der Erde ankommt, ist sie schutzlos dem Unfrieden der Menschen auf Erden ausgesetzt, ihren unerfüllten Wünschen und ihrer wunschlosen Verzweiflung. Im Austausch dafür aber pflanzt uns Gottes Macht den ultimativen christlichen Weihnachtswunsch ein: —Dein Reich komme.ž Und jetzt haben wir diesen einen Wunsch frei. Weihnachten nach Wunsch. —So, das ist also Weihnachtenž. žSo this is Christmas. War is over.ž Der Krieg Gottes mit den Menschen ist vorbei. —Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!ž
Amen.
 
 


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