Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Bildbetrachtung in der Christmette 2006 zum Gemälde "Geburt Christi mit Anbetung der Hirten" von Franceso Zuccarelli

Liebe Gemeinde!
Wie nahe wollen wir es uns kommen lassen, dieses Fest, das Christfest, das Fest der Geburt Gottes im Menschen Jesus? Bleiben wir in sicherer Entfernung, in höflicher Distanz - oder gehen wir mit ihm auf Tuchfühlung?

Beginnen wir behutsam, gleichsam auf Augenhöhe, betrachten wir dieses Bild des italienischen Rokoko-Malers Francesco Zuccarelli hier auf dem Umschlag unseres Gemeindeblattes. Die Szenerie ist vertraut: Maria, Joseph und das Kind. Darüber Engel mit der Siegesfahne: —Gloria in excelsis deož, —Ehre sei Gott in der Höhež. Im Vordergrund Hirten. Doch schon hier geht das Bild über den biblischen Text hinaus: Die Hirten finden das Kind nicht bloß, sie huldigen ihm, ja sie übernehmen die Rolle, die bei Matthäus die Magier aus dem Osten einnehmen: Sie bringen ihm Gaben - ein Paar Tauben, ein Lamm, den Wanderstab mit Proviant. Auf den ersten Blick sind das Dinge, wie sie zu Hirten passen - aber auf den zweiten vermag man zu erkennen: Der Maler holt sie aus anderen biblischen Geschichten: die Tauben von der Darstellung Jesu im Tempel, das Lamm weist voraus auf den Tod Jesu als das Lamm Gottes, der Wanderstab auf die Flucht nach Ägypten, die ganz rechts unten im Dunkel des Bildes schon beginnt. —Geburt Christi mit Anbetung der Hirtenž ist der Titel dieses Bildes - eigentlich ein Gesamtbild vom christlich verstandenen Geheimnis der Heiligen Nacht.

Wie nahe der Maler die biblischen Geschichten sich und seiner Zeit kommen läßt, erkennt man daran, daß unter den Hirten auch zwei Frauen sind - wie in der christlichen Kirche aus Männern und Frauen. —Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraunž, heißt es in einem Weihnachtslied aus späterer Zeit. Überhaupt ähnelt der Weg der Hirten, ihr Aufstieg über Treppenstufen hoch zur Krippe, dem Aufstieg über die Stufen hoch zum Altar einer Kirche. Auf der obersten Stufe fällt ein Hirte nieder auf beide Knie.

Wie ungewöhnlich - in der katholischen Welt des Malers durfte auch der Fromme dem Allerheiligsten nicht so nahe kommen. Weihnachten aber kommt so nahe - da dürfen auch sie, die schlichten Gläubigen, dem göttlichen Geheimnis näherkommen.

Auch das Gebäude, in dem sich die Szene abspielt, erinnert an eine Kirche. Die Wolken könnten auch Weihrauchschwaden sein. Die Pfeiler hinter der Krippe bilden nicht zufällig die Form eines Kreuzes - wie auf einem Altar. Die Kirche - ein unvollendeter Neubau oder eine Ruine? Zeigt das nur das Interesse des Rokoko an Architektur - oder ist das versteckte Kirchenkritik und Impuls zur Kirchenreform- wie Franz von Assisi, der heilige Franziskus, sein Erlebnis in Portiunkula verstand: —Bau meine Kirche wieder auf.ž Das würde in die Zeit des Malers passen.

Da, wo der Blick des Betrachters nach draußen fällt, fällt er zunächst auf zwei dürre Bäume, Bäume wie Balken, wieder in Kreuzesform. Dahinter eine Landschaft im knappen Licht. Tagesanbruch? Dafür ist es aber entschieden zu hell in dieser Kirche, in der die Krippe steht. Der Lichtschein geht aus von dem Kind - aber nicht allein von ihm. Vor allem kommt er von oben: Das helle Licht, weitaus heller als das natürliche der irgendwie fast frühlingshaften Landschaft, platzt geradezu herein, wie ein Schwall, eine Flut - und findet hellen Widerschein auf der Erde. Das Licht bildet ein Dreieck: Himmel, Jesus in der Krippe, anbetende Hirten. Die stehen sonst nicht gerade im Rampenlicht: —Die im Dunklen sieht man nichtž. Hier ist das anders.

Und hier ist selbst das Dunkel abhängig von dem Licht: —Wo Licht ist, ist auch Schatten.ž Erst Licht läßt das Dunkel richtig dunkel erscheinen. Darauf verweist das dunkle Kreuz im Hintergrund, auch die im Dunkel kaum erkennbare Szene von der Flucht nach Ägypten. So nahe läßt sich der Maler die Geburt Christi kommen, bis in die dunklen Momente des Lebens hinein - und damit uns, den Betrachtern: Gott kommt in Jesus zur Welt und bleibt in der Welt - durch seine Kirche. Schon das Mittelalter sprach von der dreifachen Geburt Jesu: in Bethlehem, in seinem Wort und in der Seele des Gläubigen. So nahe kann einem Weihnachten kommen.

Und wie nahe wollen wir es uns kommen lassen, dieses Fest, das Christfest, das Fest der Geburt Gottes im Menschen Jesus?

Franz von Assisi war wohl der erste, der dazu eine Krippe aufbaute - nicht in der Kirche, sondern draußen, im Wald. Und dort im Freien fand auch das erste Krippenspiel statt: Erwachsene spielten, was der Evangelist Lukas aus Bethlehem berichtete, denn: Wir sind Bethlehem. So nahe soll uns das Geschehen von damals kommen. —Christ, der Retter ist da!ž Daran sollen auch wir uns halten. Die Klarheit des Herrn, die die Hirten umleuchtete, soll uns erleuchten.

Mittlerweile hat wohl jedes italienische Dorf seine öffentliche —presepiož, seine Krippe, meist mitten auf dem Dorfplatz. So wird das Geschehen von einst hineingeholt in die eigene Lebenswelt, —alle Jahre wiederž.

Auch wir haben dort hinten in der Kirche eine Krippe - eine Krippe mit einer besonderen Geschichte. Sie stammt aus Jerusalem, genauer: aus dem so genannten christlichen Dreieck südlich von Jerusalem: Bethlehem, Beit Jallah und Beit Sahour. Dort lagen die Felder für die Hirten Bethlehems.

Dem Evangelium des Lukas zufolge erhielten diese Hirten zuerst die Nachricht von der Geburt Christi. Und seit fast 2000 Jahren leben dort Christinnen und Christen. Sie bräuchten eigentlich keine Krippen - ihre Umwelt liefert ihnen Anschauung genug von den biblischen Orten. Aber die von ihnen geschnitzen Krippen wollen die Gute Nachricht von der Geburt Christi auch bei uns ankommen lassen: in unseren Kirchen, vor allem aber in unseren Herzen: —Gloria in excelsis deož, —Ehre sei Gott in der Höhež. Und: —Christ, der Retter ist da.ž

Wie nahe also wollen wir es uns kommen lassen, dieses Fest, das Christfest, das Fest der Geburt Gottes im Menschen Jesus? In Betlehem hat es begonnen, in Wort der Frohen Botschaft lebt es fort. Auch in Dir?

Francesco Zuccarelli, der architekturinteressierte Rokoko-Maler, malte das Ankommen des —Lichtes von obenž auf Erden - und die Hirten von einst als seine Zeitgenossen, die —Geburt Christi mit Anbetung der Hirtenž. So nahe ließ er sich Weihnachten kommen.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite