Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Bildbetrachtung in der Christmette 2005 zum Triptychon "Epiphanie" von Hieronymus Bosch

Bild 45

Liebe Gemeinde!
Vor unseren Augen ein Altarbild des Niederländers Hieronymus Bosch, bekannt als Maler apokalyptischer Szenen. Er lebte kurz vor der Reformation Martin Luthers, stand vielleicht schon der vorreformatorischen Bewegung der —Brüder vom gemeinsamen Lebenž nahe. Und richtig, nur auf den ersten Blick ist das noch eine traditionelle Darstellung mit den gewohnten Zutaten: Jesus und Maria, Stall, Hirten, Könige. Bei näherem Hinsehen entdecken wir gemalten Glauben aus einer Zeit, in der alles zusammenbrach - wie dieser Stall, der eigentlich nur noch eine Ruine ist, mehr zerfallen als zerfallend. Er wird nicht mehr lange halten, selbst die eingezogene Aststütze droht zu brechen - Anspielung auf ein Land, in dem es bergab geht.

Die Hirten wirken wie neugierig-zudringliche Zuschauer, wie Gaffer; nichts istŽs mit frommer Anbetung. Das Paar auf dem Dach droht abzustürzen - genau auf Jesus und Maria. Beide halten sich auffälliger Weise vor dem Stall auf, in thronender Haltung - ein klassisches Glaubens- und Bildmotiv. Doch schon bei den Königen - zunächst traditionell dargestellt mit den drei Lebensaltern (Jüngling, Mann und Greis) und den bekannten drei Herkunftskontinenten (Afrika, Asien und Europa) - bringt Bosch neue Ideen ein. Sie bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe - aber das Goldgeschenk ist eine Darstellung der Opferung Isaaks, auf dem Myrrhegefäß kann man eine Szene aus dem Leben des Königs David entdecken, und auf dem Mantel des Weihrauchbringers sieht man andere Könige mit ihren Gaben: eine Anspielung auf die biblische Verheißung, daß die Welt einst einem messianischen König huldigen wird. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschlüsselt der Maler in eine Vielzahl von Symbolen: der Bosch-Code.

Im Hintergrund werden weitere biblische Motive aus der Weihnachtsgeschichte angedeutet - aber nicht die idyllischen. Da sieht man Szenen von Gewalt: Reiterscharen - und denkt an den Kindermord von Bethlehem - Josef und Maria auf der Flucht. Die Betrachter zu Beginn des 16. Jahrhunderts entdecken ihre Gegenwart - und wir die unsrige. Kein Ratebild malt Hieronymus Bosch, sondern verschlüsselten Glauben, der den Betrachtern ein Schlüsselerlebnis vermitteln will, so daß sie sich und ihre Welt verstehen.

Bild 47
Da ist Josef. Er sitzt wackelig auf einem umgedrehten Korb, ganz am Rand des Geschehens, vor dem Haus zum Stall - einer offensichtlich seit langem unfertigen Kirche, die schon wieder zerfällt. Er sitzt am Feuer, blickt auf die Szene links über die Schulter wie ein Autofahrer beim Abbiegen, versucht, die Windeln Jesu zu trocknen. Er macht die Scheißarbeit, selbst zu Weihnachten nur seinen Job. Manchen bleibt eben immer nur die Arbeit.

Bild 48
Befremdlich diese Figur - ein vierter König? Schon seine Kleidung, ein scharlachroter Mantel: Auf dem Gesamtbild halbnackt, zeigt er viel Bein. Eine Krone in der Hand, trägt er auf dem Kopf eine Art nachgeahmter Dornenkrone. Die andere Hand umfaßt einen Balken, die so ziemlich noch stabilste Stelle des Stalls. Ist das ein Weltherrscher, der sich die Christuskrone aufsetzt, die Welt, die sich an Christi Stelle setzt? Kunsthistoriker haben diese Figur als den Antichristen, den Inbegriff des Bösen, identifiziert. Das paßt zu Bosch, dem Maler apokalyptischer Visionen. Und zu Luthers späterem Wort: —Wo das Evangelium gepredigt, wird, ist der Teufel nicht weit.ž Finstere Gestalten sind seine Begleiter. Sie sind häßlich, aber reich; haben ein gieriges, fanatisches Stieren in den Augen: Was guckst du? Aber wer droht hier wem?

- Sologeige -

Bild 44
Die Gesamtschau - fast ein Weltgemälde: im Hintergrund eine große Stadt, Gebäudetypen aus vielen Kulturen. Eine Zukunftsvision? Hier und jetzt aber herrscht Gewalt, bricht die alte Ordnung auseinander, zerfällt das Haus Deutschland. Der Bosch-Code entschlüsselt zeigt einen Apokalyptiker. Selbst sein Weihnachtsbild zeigt keine heile Welt mehr.

Biblische Apokalyptiker wie unser Maler aber sind keine Menschen mit bloßer Lust am Untergang, die sich am Schrecklichen weiden wie voyeuristische Medien: —Een voer alž, —einer für allež, lautet die Inschrift auf dem linken Flügel des Triptychons. Hat man schon damals in Gedanken ergänzt: —Und alle für einenž? Das wäre jedenfalls passend zur Weihnachtsbotschaft dieses Bildes: Einer für alle - alle für einen.

Und das ist was anderes als unser unsägliches —Wir sind Deutschlandž-Gerede mit seiner Auftragsideologie des: —Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt...ž, das ist ein Adventsbild, ein Epiphaniebild, ein Bild vom Kommen Gottes. Denn er ist es, der in Jesus den Untergang des Alten einläutet, der in Bewegung setzt, was hier geschieht. Er nimmt es mit allen auf. Jetzt fällt zusammen, was zusammenfallen muß - bis hin zur Herrschaft des Antichrists. Er bringt Bewegung ins Geschehen, ins verfallende Land. Selbst ruhender Pol im Untergang, den nichts zu erschüttern scheint, ist er zugleich wie ein Magnet, der alle anzieht: selbst die Gaffer und die Gegner, die Neugierigen und die Herren der Welt. Sie alle begegnen hier ihrem Meister. Cool. Aus dem traditionellen Weihnachtsbild wird die biblische Vision von der Wallfahrt der Völker zum einen Herrn und Gott am Ende der Zeiten.

500 Jahre alt ist diese Botschaft, ein Bild aus tiefer Vergangenheit - aber absolut kein Bild von gestern, ein Bild mit einer Botschaft für uns heute: wie es ist, wenn Gott zur Welt kommt.
Amen.
 
 


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