Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christmette 2003 über das Bild "Anbetung der Hirten" von El Greco

Liebe Gemeinde!
Kein Weihnachtsbild wie die anderen, das der auf der Insel Kreta geborene Maler Domenikos Theotokopoulos zwischen 1612 und 1614 in seiner Wahlheimat Toledo in Spanien gemalt hat. Die Welt kennt ihn unter dem Namen El Greco, der Grieche. Sein Bild —Anbetung der Hirtenž soll uns in dieser Nacht die Botschaft der Heiligen Nacht verkünden.

Die Personen sind dieselben wie auf anderen Weihnachtsbildern auch: Josef, Maria und das Kind; Hirten und Engel. Aber wie sehen sie bloß aus?! Eigentümlich verdreht, in die Länge gezogen - lange Beine, überlange Figuren - flackernd, wie Flammen. Dieser Eindruck wird noch stärker, wenn wir die Augen ein wenig zukneifen und das Papier im Dämmerlicht hin und her bewegen. Ein Effekt, den der Maler beabsichtigte. Ein Bild - wie auf dem Computer bearbeitet.

Überhaupt - die Lichteffekte: neonfarben, scharfe Kontraste, dunkle Flächen, Licht wie Nebel, Bewegung. Ganz und gar nicht barock wirkt das Bild, eher nüchtern, aber modern, nicht nach 17. Jahrhundert. Vor 100 Jahren war es ein Kultbild unter den ersten deutschen Expressionisten - ihr Vorbild - und El Greco galt ihnen als der Mystiker der Malerei. Er malt Gefühle - nicht auf den Gesichtern, sondern mit Farben und Formen. Die Gestalten schweben.

El Greco malt mit Licht. Er malt den griechisch-chrístlichen Glauben an das göttliche Licht. Der hellste Punkt ist natürlich das Kind. Von ihm geht das Licht aus - aber nicht alles Licht, das das Bild erhellt, da ist noch mehr Licht: Ein weiteres Licht scheint von links oben in das Bild hineinzufallen. - Licht von oben, das ist das Thema des orthodoxen Glaubens an das göttliche Licht: Gott kommt zum Menschen, in das Dunkel der Welt, mit seinem Licht - und Er ist das Licht. Sein Glanz ist im Kind Jesus und fällt auf die Menschen. Ihnen fällt er buchstäblich vor die Füße - da liegt der dritte Glanzpunkt des Bildes.

Die Botschaft des Malers: Rettung kommt durch das Kind, nicht durch die Kirche. Subversiv ist dieser Glaube in der Zeit des Malers, während der katholischen Gegenreformation, als man sich besser mehr als nur —politisch korrektž verhielt, um nicht der spanischen Inquisition in die Hände zu fallen. Ein Bild gegen den kirchlich-politischen Trend der Zeit. Subversiv ist dieser Glaube noch heute. Er stellt den Einzelnen vor Gott. Wenig später dichtet Angelus Silesius:
—Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, so bleibst du noch verloren.ž

Ganz vorn, der kniende Hirte, das ist wohl der Maler selbst. Er weiß, was auch die zahllosen Touristen, die sich dort das Christkind in der Krippe genau ansehen wollen, von den Fremdenführern im Erfurter Dom zu hören bekommen: —Können Sie es sehen? Kommen Sie doch ein wenig näher, gehen Sie ein wenig herunter und bücken Sie sich! Ja, so ist es gut. Um dieses Kind zu sehen, müssen Sie schon in die Knie gehen.ž

Hier allerdings steht keine Krippe. Wie bei den orthodoxen Ikonen geschieht die Geburt in einer Höhle. So ist im Anfang schon das Ende dabei, die Grabeshöhle. Um das Kind liegt ein Tuch - wie das Velum um den Kelch in der Heiligen Messe. Auch dort kommt Gott zur Welt.

Man fragt sich: Wie kommen die Hirten da eigentlich rein? Wo ist der Eingang zur Höhle? Sieht sie nicht wirklich aus wie ein Grab, eine Gruft, im Hintergrund Rundbögen ohne Ziel, Gänge? Gibt es da überhaupt noch einen Ausgang? Sehen wir hier die Höhle menschlicher Existenz, von der schon der Philosoph Platon sprach? Alles nur Schattenspiel, Abbild wirklichen Lebens, zu dem wir erst befreit werden müssen. Wo bleibt hier das Wunder der Befreiung aus der Höhle, ein Wunder wie das Wunder von Lengede?

Die Antwort gibt der Blickwinkel, aus dem wir Betrachter das Bild ansehen, die sogenannte Zentralperspektive. Alles läuft auf einen Punkt zusammen. Dieser Punkt ist nicht das Kind. Das Auge des Betrachters wird weitergelenkt ins Dunkel bis zum Fuß des Engels rechts oben und von dort weiter über das Band in der Hand des Engels links oben hinaus aus dem Bild. So kommt Bewegung in die Szene. Die Lichtpunkte lenken unseren Blick wie eine Himmelsleiter oder ein Lichtschlauch hinaus aus der Höhle. (Was ist dagegen die wohl meistverkaufte Weihnachtsfigur des Jahres 2003: der sich an einem Lichtschlauch mühsam hochhangelnde Weihnachtsmann?) Das Licht zieht uns nach oben, hinaus. Der Glaube an das göttliche Licht im Dunkeln erweist sich als als rettender Glaube. Er zieht auch uns ins Freie, in die Freiheit, ins Leben. Vater, Sohn und Geist, die göttliche Trinität, sie erfüllt den Raum des Todes mit Leben.

El Greco malte dieses Bild kurz vor seinem Tod - für sein eigenes Grabmal. Der alte Ikonenmaler aus Kreta, gescheitert mit seinem Versuch, zum Hofmaler des spanischen Königs Philipp II. aufzusteigen, hat Zuflucht gefunden im intellektuellen Milieu von Toledo. Dort malt er dieses Bild von der Rettung des in der Höhle eingeschlossenen Menschen durch das göttliche Licht und schenkt damit der Welt gemalte Frohe Botschaft. Die Kunstgeschichte rühmt die —Ekstase von Form und Farbež, der Gläubige erkennt hier seine Befreiung - und seinen Befreier, das göttliche Licht. Das Licht der Christnacht —beamtž einen geradezu nach oben. Man möchte so mitschweben... - mehr noch: Man wird geradezu mitgezogen, heraus aus dem schwarzen Loch. Das ist Weihnachten: Das Licht scheint in der Finsternis... Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Amen.
 
 


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