Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christmette am Heiligen Abend 2002: Bildbetrachtung

Liebe Gemeinde!
—Abends, wenn ich schlafen geh, laß vierzehn Englein bei mir stehn:
Zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken,
zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen,
zwei, die mich decken, zwei die mich wecken -
zwei, die mich führen ins himmlische Paradies.ž

Das alte Kindergebet - gegen die Schrecken der Nacht. Nicht allein Kinder fürchten die Schrecken der Nacht. Auch wir haben Grund zur Furcht. Schöpfung und Geschöpfe werden gefährlich. Darum ziehen sich die Menschen zurück, igeln sich ein: in ihr Haus, in ihre Wohnung, in ihr Bett - in sich selbst. Wie spielende Kinder, die die Augen schließen, weil sie wähnen: —Dann sieht mich keiner.ž Mein Haus - meine Festung. Der Rückzug vor dem Sturm: Ab in meine Höhle.

Und dann ist auf einmal wieder Weihnachten. Und dann ist da dieses Bild von Weihnachten:

Unter den Felsen und unter der Erde, in einer tiefen Höhle, die durch das Gerüst eines Hauses abgestützt ist, sind Maria, das Kind und Ochs und Esel versammelt - wie in den traditionellen Ikonen, den Glaubensbildern der östlichen Christenheit. Strahlender Lichtpunkt - das Kind. Maria - gemalt wie ein Samenkorn. Um ihre Häupter der Glanz göttlichen Lichtes: goldfarben.

Mehr davon ganz oben. Von dort kommen die Engel, aus der Welt Gottes in unsere Welt, aus der Höhe in die Höhle. Die Höhle geht auf, in ihr wird es licht.

Josef links von der Mitte - im Abseits. Am rechten Rand, auf dem Weg zur Mitte - die ersten Hirten. Sie hören die Botschaft der Engel noch, sie bekommen es schriftlich: Magnum gaudium steht auf dem Zettel - große Freude.

Der Hirtenhund verharrt noch, bei Fuß - doch ihre ach so dummen Schafe, ausgerechnet die, sie sind dem Kind schon ganz nah.

Gemalter Glaube: Gottes Welt trifft auf unsere Welt - und diese Welt wird anders. Im Schoß der Erde, im Zufluchtsort derer, die sich verfolgt und verloren glauben und flüchten, keimt Gottes Welt. Gott hat uns, die wir vor den Heimsuchungen der Welt flüchteten, heim-gesucht. Als erste reagieren die Geschöpfe darauf - je näher sie dem Menschen stehen, desto langsamer. Der Mensch vor allem braucht seine Zeit. Und er bekommt sie auch - und er bekommt es schriftlich: Gaudium magnum, große Freude. Ein Bild, das zum Glauben einlädt: an Gott und Jesus Christus.

Östliche und westliche Glaubenstraditionen begegen sich in diesem Bild: Aus dem Westen der Stall und das Motiv der Hirten, Inbegriff der Armen - und doch die Ersten beim göttlichen Kinde. —Die Letzten werden die Ersten sein.ž Aus dem Osten die Höhle, der Gedanke von der göttlichen Saat, die seit Christi Geburt in die Welt gelegt wurde. —Gott wurde Mensch, auf daß der Mensch vergöttlicht werde.ž

East meets west: Höhle und Stall fallen ineins. Auffällig die Dunkelheit darinnen, kein Gold, nirgends, nur ein weißer Fleck in der Krippe: Helligkeit nur im Göttlichen Kind - aber genug, daß das Dunkel der Nacht darinnen nicht mehr erschreckt. —Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht endlos sein...ž

Schließlich die Engel - Bilder von Gottes Wirken gegen das Dunkel der Nacht. In der Tradition des christlichen Glaubens gelten sie zwar als himmlische Wesen, doch sind sie auch als Boten Gottes Geschöpfe, Gottes erste Geschöpfe. In Ihnen wird Gottes Geist wirksam in einem Stück geschaffener Welt - uns zu Gute, auf das die gefallene Welt uns nicht schade. 14 Engel zeigt das Bild, zweimal die Heilige Zahl 7. Die Engel zeigen an, was Gott möglich gemacht hat: nicht den Himmel auf Erden, aber daß der Himmel zur Erde kommt.

Wie endete das alte Kindergebet von den vierzehn Englein?

— ... zwei, die mich führen ins himmlische Paradies.ž

Und wo ist das? Oben? Mit Weihnachten kommt das Paradies auch wieder auf die Erde - dorthin, wo es am Dunkelsten ist.
Amen.
 
 


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