Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christmette am Heiligen Abend 2001

Liebe Gemeinde!
Gemalter Glaube in einem Bild vom Niederrhein, um 1400: —Gott ist Mensch gewordenž - hier wird es anschaulich. Ein erster Blick: In der Mitte Maria, die Mutter, ruhend. Dahinter das nackte Kind, von einer Amme in die Krippe gelegt, vor die erstaunten Augen von Ochs und Esel. Vorne links Josef.

Ein zweiter Blick: Maria ruht auf einer Art Decke, nieren- oder bohnenförmig, mit Blumenmotiv, Lilien - umgeben von Ähren, einer Wiese, einem Feld. —Ein Bett im Kornfeldž, ein Liebes-Akt. Der Maler gestaltet die Szene wie eine ostkirchliche Ikone, voller verschlüsselter Symbole. Sie enthüllen, was zu Weihnachten geschah: Gott ist Mensch geworden - und der ganze Kosmos ist beteiligt. Kein Stall kann ihn fassen, die ganze Erde ist betroffen. Sie hat sich buchstäblich aufgetan - um den aufzunehmen, der von oben kam. Rechts und links steile Felsen - von oben her aufgebrochen. Ochs und Esel als Vertreter der belebten Kreatur, ganz nah dem göttlichen Kind, der Esel, angebunden an die Krippe. Und ein seltsames Motiv: Josef nestelt an einer Art Stiefel.

Nehmen wir uns Zeit, das Bild zu betrachten und zu meditieren: - Oboe und Orgel -

Die mittelalterliche Schaulust, der auch dieses Bild sich verdankt, hat das Motiv mit Josef ganz konkret vor Augen gehabt: In Aachen, bei der beliebten Wallfahrt zu den Heiligtümern, zeigte man den Gläubigen u.a. —die Hosen des hl. Josefž - in vielen Weihnachtsliedern jener Zeit besungen:

Maria spricht zu ihrem Kind, daß sie kein Tuch hat, um es darin zu wickeln und zu wärmen.
—Wie baldt, daß Joseph die Redt vernam,
Sein Hosen von seinen Beinen nam.
Er warff sie Maria in ihr schoß.
Darin schlug sie gott den hern groß.ž
Der große Gott - in einer alten Hose.

Nicht ohne Komik und drastisch zeigt das: Gott ist Mensch geworden. So menschlich-konkret geht es zu, wenn Gott auf Erden ankommt. Mensch werden heißt: wirklich Geschöpf werden. Da staunen nicht nur Ochs und Esel - selbst Engel und Menschen.

Nicht skurrile Phantasie hat sich das ausgedacht, sondern die Volksfrömmigkeit, die —den Fußspuren des Herrn nachfolgenž will. Darum auch vorne rechts der Tisch mit allerlei Gefäßen. Zusammen mit den Ähren verweisen sie auf Brot und Wein im Abendmahl als dem Ort, an dem Gott immer wieder auf Erden ankommt und die alte Ordnung von oben und unten sprengt.

Jetzt brauchen wir einen dritten Blick: auf das große Bild hier vorn, das noch mehr von der Szenerie zeigt. Über allem thronen Gott hier und seine Engel. Von oben nach unten betrachtet heißt das: Er hat seinen Samen in die Welt gelegt. Der göttliche Goldgrund reicht weit in die Erdenlandschaft hinein. Von unten nach oben geschaut heißt das: Hier sind die Welt der Menschen und die Welt Gottes offen füreinander.

—Die da oben und wir da untenž - in der Welt des Geldes und der Politik mag das immer noch und immer wieder gelten, religiös gilt das nicht mehr. Die alten Grenzen sind aufgelöst. Gott ist unten und bringt uns hoch. Wir müssen uns nicht erst mühsam hocharbeiten.

Wer die wahre Gestalt des Göttlichen sucht, wer wissen will, wer Gott ist - der bekommt das Kind in der Krippe zu sehen. Der große Gott hat sich kleingemacht - ein Liebes-Akt.

Und wer diesem Kind so folgt wie der Maler dieses Bildes, der den konkreten Fußspuren des Herrn folgt - der gelangt zu Gott.
Amen.
 
 


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