Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im ökumenischen Gottesdienst am Buß- und Bettag 2001

Liebe Gemeinde von Christinnen und Christen aus St. Agnes und St. Jacobi-Luisenstadt!
—Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel.ž Und wieso? —Weil wir so brav sind, weil wir so brav sind.ž Der Himmel für alle Braven - und wir sind dabei. Wir sind ja in der Kirche. —Auf katholischž heißt das: Wir leben im Stande der heiligmachenden Gnade, bzw. können uns durch das Sakrament der Beichte jederzeit wieder in diesen Stand versetzen lassen. —Auf evangelischž heißt das: Wir sind gerechtfertigt. Die Zauberformel - auch die evangelische ist lateinisch! - lautet: simul iustus et peccator, Christen sind zugleich gerecht und Sünder.

Was soll dann der Bußtag? Gut, für katholische Christen ist das noch halbwegs einsichtig. Sündenstrafen müssen so gut wie möglich abgearbeitet werden. Deshalb geht es nicht ohne Buße. Keine Beichte ohne Bußwerk. Was soll Buße aber für evangelische Christen bedeuten, die sich doch als —allein aus Glauben gerechtfertigtž und trotzdem bleibend als Sünderinnen und Sünder verstehen? Macht Gottes Gnade Buße nicht überflüssig und macht die bleibende Macht der Sünde Buße nicht von vorneherein erfolglos?

Die moderne Zeit hat mit dem Ja dazu gespielt. Zu einem mir befreundeten Pfarrer im Rheinland kam in seiner ganzen Dienstzeit nur einmal einer zur Beichte ? und der war besoffen. Folgerichtig war der Bußtag praktisch längst abgeschafft - schon bevor er kein staatlicher Feiertag mehr war.

Die allgemeine Heilsgewißheit (—wir kommen alle, alle in den Himmelž) hat den Berg an empfundener Schuld aber nicht weggeräumt. Schuld ist weltlich längst wieder ein In-Thema: Ein Riesenberg von Schuld lastet auf uns, die wir (um nur ein Beispiel zu nennen) der nächsten Generation die natürlichen und wirtschaftlichen Lebensgrundlagen entziehen. Bloß: Wir wissen weltlich nicht, wohin damit. Wohin mit unserer Schuld? Den Politikern die Schuld an allem zu geben ist ein leicht durchschaubarer Sündenbockmechanismus. Was tun die Kirchen?

Katholiken gehen weiterhin beichten, arbeiten Schuld ab (Bruder Torwesten wäre sicher froh, wenn das noch mehr und intensiver geschähe ) - aber die Protestanten? Der evangelische Beitrag zum Thema Schuld besteht allem Anschein nach in ihrer Vermehrung: Mülltrennung, Stromverbrauch, fleischliche Ernährung - überall lauert die Schuld(en)falle. Die evangelische Kirche in Deutschland stellt sich mir geradezu dar als Spezialistin für menschliche Schuld. Nach Art einer Werbekampagne verteilt sie uns T-Shirts mit der Aufschrift —Ich bin an allem schuldž. Nicht nur bei Unfällen, auch bei Naturkatastrophen - immer wird der menschlich Schuldige gesucht. Und wenn man keinen findet, sind wir es alle. Der Filmemacher Ingmar Bergmann meinte einmal: —Die evangelische Kirche kennt keine Vergebung, sondern nur das lebenslange Ansammeln von Schuld.ž Ist solcher Umgang mit Schuld nicht lebens-gefährlich? Bergmanns Filme meinen: Ja.

Ist Evangelischsein also Sündersein, ein der Größe und Allgegenwart der Sünde sich bewußter Sünder sein? —Wir sind alle große Sündererž. So schaut's aus. - Das dem aber wirklich so sei, das ist so unevangelisch wie falsch. Das kann herauskommen, wenn die Formel «Gerechter und Sünder zugleichŽ nicht selbst noch einmal evangelisch verstanden wird - dann hebt das Sündersein das Gerechtfertigtsein geradezu auf, dann rettet nicht Gott, dann müssen Christinnen und Christen die Welt retten. Psychologisch nennt man das Helfersyndrom, theologisch ist das Unglaube.

Was uns allen nottut, ist darum eine klare Unterscheidung zwischen der in Jesus Christus schon geleisteten Versöhnung von seiten Gottes und der von uns noch zu leistenden Versöhnung unter den Menschen, also von Rechtfertigung und Heiligung, um es in der Fachsprache zu sagen. Wir Christen haben es nicht mit mehr der Sünde zu tun, sondern mit deren Folgen. Und dagegen können wir etwas ausrichten, wenn auch nur begrenzt. Und insoweit wir das können, müssen wir auch etwas tun. Bis zur Durchsetzung der Herrschaft Gottes haben wir noch mit den Folgen der Sünde zu tun. Was der Mensch also abzuarbeiten sich bemühen sollte, wo er echt Arbeit mit hat - das ist nicht die Sünde, die Jesus Christus ihm vergeben hat, sondern deren Folgen. Und das ist ein sehr «weltlich DingŽ.

Vorab nur ein klitzekleines Beispiel für das, was ich meine: Wer wie ich der Sekretärin die Voreinstellungen im Computer durcheinanderbringt, kann es selbst in der elektronischen Welt, in der es kaum wirkliche Schäden gibt, Schäden, die man nicht rückgängig machen könnte, nicht mit «TschuldigungŽ sein Bewenden sein lassen. Die Folgen müssen erst noch behoben werden. Hier ist Bußleistung nötig: Satisfaktion, Wiedergutmachung ? des Schadens, nicht der Schuld. Taten haben eben Folgen. Und die lassen sich nur durch neue, andere Taten beseitigen - häufig aber auch gar nicht. Gott sei Dank für die Fälle, in denen uns das möglich ist. Die Welt aber ist kein Computer. Nur wenig läßt sich wirklich rückgängig machen. Verstimmungen, Streit und Mühen bleiben. Die wirkliche und wirksame Wiederherstellung der Welt in ihrer Ordnung wird erst durch das Gericht des wiederkehrenden Christus erfolgen.

Darum sprach das Evangelium von der engen Pforte und der verschlossenen Tür. Wir stehen noch vor dieser Tür und kommen nicht hindurch, ohne dem Richter zu begegnen. Wir kommen alle, alle in den Himmel? Wer weiß? Nicht jedenfalls mit der Begründung: —weil wir so brav sindž. Darauf verlassen sich bloß die Selbstgerechten.

Aber liebt Gott denn nicht alle Menschen? Wie geht das zusammen, die enge Pforte, der drohende Ausschluß: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! - und Gottes allgemeiner Heilswille? Was meint Lukas mit dem Thema Gericht, mit dem bedrohlich klingenden Gleichnis vom Hausherrn; was meint Paulus, der Lehrer der —Rechtfertigung allein aus Glaubenž, wenn er vom Endgericht nach den Werken spricht?

Das Gericht nach den Werken muß kommen, weil es Werke gibt, weil wir Übeltäter sind und bleiben. Im Endgericht werden die Werke eines jeden Menschen offenbar werden, die guten werden gelobt, die bösen getadelt werden. Das muß sein, damit —nicht die Täter über die Opfer triumphierenž, damit den Opfern Gerechtigkeit widerfährt.

Gottes Gericht meint also nicht die menschlich gedachte große Abrechnung, sondern: Den Opfern der Geschichte wird Gerechtigkeit widerfahren, die Täter werden zu«ge-richtetŽ: zurechtgebracht. Gott wird das letzte Wort haben. Buße bereitet uns darauf vor.

Der Gottesdienst am Buß- und Bettag macht diese Buß-Arbeit der Gerechtfertigten anschaulich - und zwar sehr konkret, wenn wir an den staatlichen Ursprung dieses Tages denken:

Mehr und mehr wird sich in den nächsten Wochen der Staat angeklagt sehen (kein Wunder - angesichts von Sparzwang und Sozialabbau als künftigen Hauptinhalten Berliner Politik). Damit bekommt er es mit den Folgen der geschichtlichen Entwicklung zu tun: Die vormalige staatliche Aufforderung an die Christen, angesichts öffentlicher Notstände Buße zu tun, geht —zurück an den Absenderž. Wir können uns dabei die bittere Erkenntnis einiger Zusammenhänge nicht ersparen - und wir werden uns streiten müssen.

Immer drängender sind beispielsweise die Fragen an die soziale Ordnung in unserem Land: Machen dem einen die hohen Lohnkosten zu schaffen, so dem anderen die niedrigen Löhne. Wie hoch muß Lohneinbuße ausfallen, um meinen Arbeitsplatz zu erhalten? Man müßte am Ende doch noch davon leben können - auch in einer Zeit der zusammengestückelten Arbeitsplätze mit halben Stellen, Teilzeit, ABM. Können Parteien jeweils die halbe Wahrheit darstellen (—mehr Kaufkraft!ž gegen —geringere Produktionskostenž), können Christen, die die weltlichen Folgen der Sünde bedenken, sich die Zusammenhänge nicht ersparen.

Ganz praktisch: Wie verhindere ich steigende Versicherungsbeiträge? Wirklich beeinflussen kann ich mich nur selbst: also Maßhalten, wenn ich eine Versicherung in Anspruch nehme. Aber ? und jetzt wird es spannend und kontrovers ? auch mich Einmischen, wenn ein Bekannter den großen Schluck aus der Pulle nimmt: Betrug ist Betrug, auch wenn es scheinbar nur «die da obenŽ in den Banken und Konzernen trifft. «Die da obenŽ gebenŽs mir ja weiter, was mein Nachbar da treibt. Wollen Sie sein Treiben auf Ihre Kosten mitbezahlen? (Allen Ernstes wollten mir Konfirmandinnen und Konfirmanden schon mal klarmachen, daß Ladendiebstahl niemandem schade...)

Allgemeiner gesprochen: Das Projekt individualistischer Selbstverwirklichung muß in die Schranken gewiesen werden - wenn es sich auf Kosten anderer auslebt.
Die umgekehrte Vorstellung, solidarisch sei alles Mögliche zu finanzieren, scheitert aber auch, und zwar an der Masse der Bedürftigen: Wer soll die Krankenkassen- und Rentenversicherungsbeiträge denn noch bezahlen, wenn alle die gleichen hohen Leistungen haben wollen? Was ist mit denen, die bewußt ein hohes Gesundheitsrisiko eingehen? Sollten Extremsportler, Raucher, worcaholics nicht mehr bezahlen? Die Konfliktscheu gegenüber Mitmenschen solchen Lebensstils muß ein Ende haben. —Wollen Sie mir etwa vorschreiben, was ich zu tun habe?ž —Ja - denn ich finanziere Sie mitž.

Genug der Beispiele, bevor es weh tut In diesen gesellschaftlichen Zusammenhängen sind wir ja Täter und Opfer zugleich. Damit müssen wir leben - damit können wir aber auch leben. Wir retten vielleicht nicht mehr unsere Gesellschaftsordnung, die auf Solidarität beruht(e) - aber unser mögliches weltliches Scheitern beseitigt nicht die uns von Gott zugesprochene Vergebung. Die steht am Anfang. Und die bleibt bestehen. Nur unsere Taten erwarten das Gericht des wiederkehrenden Christus.
Amen.
 
 


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