Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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"Zurück an den Absender". Was nach der Versöhnung kommt ? Ein Bußtagsgottesdienst mit Folgen

Die hier vorgestellten Gedanken habe ich in die Predigt im ökumenischen Gottesdienst am Bußtag 2001 aufgenommen.

O. Eine erste Vorbemerkung: Den Leserinnen und Lesern mute ich einige Überlegungen zu, die nicht alle mitmachen werden. Ich gehe von Voraussetzungen aus, von denen ich genau weiß, daß sie nicht alle teilen. Damit will ich Sie weder abschrecken noch in falscher Weise neugierig machen. Aber ich will sie benennen. In einem Satz: Meine Überlegungen zur Vorbereitung und Gestaltung eines Bußtagsgottesdienstes verstoßen gegen das kirchliche Harmoniegebot. Vielleicht bestreiten Sie, daß es das gibt ? bei allem Streit über Finanzen usw.. Wenn ich aber ins Auge fasse, was in diese Auseinandersetzungen eingebracht werden darf und was nicht, kann ich mir nicht anders helfen als zu behaupten, es gibt ein Harmoniegebot. (Einige meiner Studenten sprechen in Anlehnung an den politischen Gebrauch auch von einer theological correctness.) Es ist mir nicht gelungen, über Buße nachzudenken und Vorschläge für Schule und Gemeinde vorzulegen, ohne dieses Gebot zu verletzen.

I. Es geht im folgenden um einen Gottesdienst am Buß- und Bettag, der der Vorbereitung bedarf durch die, die ihn feiern. Darum bietet es sich geradezu an, ihn als Gottesdienst mit Schülerinnen und Schülern zu gestalten, die diese Vorbereitung in der Schule leisten. Aber auch in Gemeindegruppen kann er geplant werden, auch mit Erwachsenen. Aber dann kommen ganz andere Inhalte vor. Je nach seinem Ort wird und soll er sehr unterschiedlich aussehen: je konkreter die Aussagen werden, desto verschiedener. Weil das Absicht ist, kann ich nicht mehr als einen Rahmen vorschlagen. Die Vorbereitung wird Arbeit machen. In der Schule wäre eine vorausgehende Unterrichtseinheit über Schuld und Vergebung, über Beichte und Buße, besonders aber über die evangelisch verstandene Rechtfertigungslehre ratsam. Je mehr die Vorbereitung zum Thema Schuld, Vergebung, Buße leistet, desto mehr ist der Gottesdienst von thematischer Arbeit entlastet. Er hat als Gottesdienst nichts mit Arbeit im Sinn, hat aber seinerseits Folgen, die Arbeit machen. Daher der Titel: Was nach der Versöhnung kommt ? Ein Bußtagsgottesdienst mit Folgen.
Zuvor ist eine Einleitung am Platz, eine doppelte, historisch und sachlich.

1. Zunächst einige Informationen zur Geschichte des Betens und Büßens: Der Buß- und Bettag hat ? evangelisch gesehen ? einen doppelten Ursprung: Es gab die kirchlichen Bußtage mit dem Akzent auf persönlicher Umkehr und die von Fall zu Fall von der Obrigkeit angeordneten, die Gottes Hilfe bei öffentlichen Notständen erbaten. Den ersten dieser Art ordnete der Kaiser 1532 gegen die Türkengefahr an (nach der Belagerung Wiens im Jahre 1529). Mit der Zeit nahm die Zahl der «kasuellenŽ Bußtage zu, schließlich überhand: —Noch 1878 gab es in 28 deutschen Ländern 47 verschiedene Bußtage an 24 verschiedenen Tagen.ž (RGG3, Bd. 1, Sp. 1540) Nach verschiedenen Anläufen zur Reduzierung und Vereinheitlichung kam es im 19. Jahrhundert zum heutigen Termin: dem Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Ewigkeitssonntag. Damit befindet er sich in jenem Teil des Kirchenjahres, dessen gottesdienstliche Texte uns das Thema der Wiederkunft Christi als des Richters und Retters vor Augen stellen, nach dem alten Beginn der Adventszeit mit dem Martinstag am 11.11.. So steht er nicht isoliert da, sondern in einem Zusammenhang mehrerer Sonn- und Feiertage gleicher adventlicher Thematik: Leben angesichts des kommenden Christus.

Es gab und gibt neue Akzente: Neben der DDR-Tradition der Friedensdekade nenne ich die in meiner Gemeinde vorhandene des gemeinsam gestalteten und gefeierten Gottesdienstes mit der katholischen Gemeinde St. Agnes. Wieso gerade am Bußtag? Der Tag war arbeitsfrei und ist für die Katholiken kein kirchlich gebotener Feiertag, so daß die durch das römisch-katholische Kirchenrecht gebotene Erfüllung der Sonntagspflicht einem ökumenischen (natürlich: Wort-) Gottesdienst nicht im Wege steht. Dazu kommt noch die Tradition von zentralen Gottesdiensten für kirchliche Mitarbeiter und Angehörigen des Öffentlichen Dienstes, die zum Gottesdienstbesuch freigestellt sind. Interessanter und Grundlage meines Vorschlages ist die Tradition des Dahlemer Besinnungstages: Am Bußtag werden im Gottesdienst und in anschließenden Vorträgen, Diskussionen und Arbeitsgruppen öffentlich relevante Themen behandelt, die Staat und Gesellschaft zur Umkehr aufrufen. Was dort ein wenig akademisch geschah und in gewisser Abwendung von der Tradition individueller Umkehr, möchte ich hier von der Rechtfertigung her entwickeln; denn eine bloße Verstärkung des gesellschaftlichen Problembewußtseins treibt nicht nur mich aus dem Gottesdienst.

2. Das Projekt eines evangelisch verstandenen Buß- und Bettages bedarf auch einer inhaltlichen Einleitung: Was soll Buße für evangelische Christen bedeuten, die sich doch als —allein aus Glauben gerechtfertigtž verstehen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht klar. Was eine römisch-katholische Beichte soll und was sie bringt, kann präzis angegeben werden. Was aber soll der Bußtag? Macht Gottes Gnade Buße nicht überflüssig? Die Moderne hat mit dem Ja dazu gespielt. Daß eine evangelisch verstandene Buße wohl nicht viel mehr als ein unverbindliches Spiel bedeute, ein wenig Zerknirschung hier, ein mehr an Erbauung da, ist ein schon seit der Reformation sie begleitender Verdacht. Zu einem mir befreundeten Pfarrer im Rheinland kam nur einmal einer zur Beichte ? und der war besoffen. Das Verschwinden von Beichte und Bußakt auch aus dem Gottesdienst hatte Folgen ? auch ganz ungewollte: Die Universalisierung der Heilsgewißheit (—wir kommen alle, alle in den Himmelž) hat den Berg an empfundener Schuld nämlich nicht weggeräumt. Schuld ist weltlich längst wieder ein In-Thema: Ein Riesenberg von Schuld lastet auf uns, die wir (um nur ein Beispiel zu nennen) der nächsten Generation die ökologischen und ökonomischen Lebensgrundlagen entziehen. Bloß: Wir wissen weltlich nicht, wohin damit. Den Politikern die Schuld an allem zu geben ist ein leicht durchschaubarer Sündenbockmechanismus.

Im Anschluß an Bonhoeffers Protest gegen die —billige Gnadež haben sich auch Christinnen und Christen des Problems von Schuld und Sünde wieder angenommen, gründlich und flächendeckend. Immer mehr Not und Nöte wurden entdeckt, sie beherrschen geradezu die kirchliche Verkündigung. Für die Medien wird daraus der alljährliche Zweizeiler ? am Tag danach: —Bischöfe erinnerten in ihren Weihnachtspredigten an die Not der Welt. Gottesdienste am Heiligen Abend wieder gut besucht.ž Bloß: Wußten wir das mit all der Not nicht schon?

Am Tag nach dem Buß- und Bettag konnten die Medien das nicht vermelden, denn der war - ja, ich weiß, das ist überspitzt, aber habe ich so unrecht? - schon vor seiner Abschaffung als staatlicher, geschützter Feiertag zum Bus- und Bett-tag geworden. Auch kirchlich traten - wenn ich bereits zuspitze, dann auch mit Nachdruck ? «ErsatzhandlungenŽ an seine Stelle: ökumenische Begegnungen und das Friedensthema. Das war weltlich und wohl auch kirchlich «brauchbarerŽ.

Der kirchliche Beitrag zum Thema Schuld besteht heute in ihrer Vermehrung. Die evangelische Kirche in Deutschland stellt sich mir dar als Spezialistin für menschliche Schuld. Großzügig verteilt sie uns T-Shirts mit der Aufschrift —Ich bin an allem schuldž. Das Kräutlein gegen die billige Gnade ist ins Kraut geschossen. Ingmar Bergmann meinte anläßlich der Verleihung der Goldenen Palme durch die 50. Filmfestspiele in Cannes: —Die evangelische Kirche kennt keine Vergebung, sondern nur das lebenslange Ansammeln von Schuld.ž Ist solcher Umgang mit Schuld nicht lebensgefährlich? Bergmanns Filme meinen: Ja.

Wer jetzt widerspricht, wird mich in die Mündung der schärfsten theologischen Waffe blicken lassen, die noch verfügbar ist, der barthianischen Ordnung von Gesetz und Evangelium, die da lautet: erst kommt das Evangelium, dann das Gesetz. Erst der Versöhnte kenne die Sünde. Das ist so evangelisch wie richtig. Ist Evangelischsein also Sündersein, ein der Größe und Allgegenwart der Sünde sich bewußter Sünder sein? So schaut's aus. Das dem aber wirklich so sei, das ist so unevangelisch wie falsch. Das kann herauskommen, wenn die Formel «Gerechter und Sünder zugleichŽ nicht selbst noch einmal evangelisch verstanden wird. Dann hebt das Sündersein das Gerechtfertigtsein geradezu auf. Einmal aus dem Lauf des Evangeliums herausgekommen, kann die Kugel des Gesetzes nur tödlich sein. Dann rettet nicht Gott, dann müssen Christinnen und Christen die Welt retten. Psychologisch nennt man das Helfersyndrom, theologisch ist das Unglaube.

Was ich vorschlage, ist eine klare Unterscheidung von in Jesus Christus geleisteter Versöhnung von seiten Gottes und von von uns zu leistender Versöhnung unter den Menschen, also von Rechtfertigung und Heiligung, um es in (altmodischer?) Sprache zu sagen. Die Christen haben es nicht mit der Sünde zu tun, sondern mit deren Folgen. Dagegen können sie (begrenzt) etwas ausrichten. Und insoweit sie das können, müssen sie auch etwas tun. Bis zur Durchsetzung der Herrschaft Gottes haben wir mit den Folgen der Sünde zu tun. Und das ist ein sehr «weltlich DingŽ. Ein Beispiel, in kleiner Münze gesprochen: Wer jemandem die Voreinstellungen im Computer versaut, kann es selbst in der virtuellen Welt, in der es keine irreversiblen Schäden gibt, nicht mit «TschuldigungŽ sein Bewenden sein lassen. Die Folgen müssen erst noch behoben werden. Hier ist Bußleistung nötig: Satisfaktion, Wiedergutmachung ? des Schadens, nicht der Schuld. Taten haben eben Folgen, die sich zum Teil gar nicht oder nur durch andere Taten beseitigen lassen. Gottlob, wenn das möglich ist. Die Welt ist kein Computer. Die wirkliche und wirksame Wiederherstellung der Welt in ihrer Ordnung wird erst durch das Gericht des wiederkehrenden Christus erfolgen.

Gegenfrage: Was soll diese Rede vom Jüngsten Gericht? Sind wir nicht gerechtfertigt? Was meint Paulus, wenn er vom im Tod Jesu schon vollzogenen Gericht Gottes, von der Rechtfertigung des Christen aus Glauben, nicht durch Werke, und auch vom Endgericht nach den Werken spricht? Wen Gott gerecht spricht, der ist gerecht. Die sogenannte erste Rechtfertigung ist die einzige und deshalb die endgültige (in der theologischen Fachsprache: die eschatologische) Rechtfertigung des Menschen. Was bedeutet dann die Rede vom Gericht nach den Werken des Menschen? Das Gericht nach den Werken muß kommen, weil es Werke gibt. Im Endgericht werden die Werke eines jeden Menschen offenbar werden, die guten werden gelobt, die bösen getadelt werden. Die Rechtfertigung durch Glauben unterscheidet zwischen Person und Werk, legt uns nicht auf unsere Werke fest. Gericht meint also nicht die menschlich gedachte große Abrechnung. Den Opfern der Geschichte wird Gerechtigkeit widerfahren, die Täter werden «gerichtetŽ: zurechtgebracht, das absolute Scheitern menschlicher Existenz ist nicht das Letzte. Gott wird das letzte Wort haben. Was uns am Ende der Welt erwartet, ist der —liebe Jüngste Tagž (Martin Luther).

Der Bußtag lief in eine doppelte Abseitsfalle: Buße - überflüssig wie ein Kropf für die einen, In-Thema kirchlichen Seins für die anderen; hier für unnötig erklärt, dort unerträglich breit getreten. Die Folge: Verlust. Was Buße tun und zur Buße rufen für Gerechtfertigte bedeutet kann, ermangelt kirchlicher Anschauung. Darum brauchen wir einen Gottesdienst am Buß- und Bettag. Er macht die Buße der Gerechtfertigten anschaulich.

Wer da so nicht mitziehen kann, sollte spätestens hier aufhören zu lesen: dem geht das Projekt, das ich hier vorstelle, schief; dem wird es zur Publikumsbeschimpfung oder zum Spiel. Den anderen schlage ich vor, diese Unterscheidung in den Mittelpunkt zu stellen: Sündersein hebt die Rechtfertigung nicht wieder auf, die Rechtfertigung des Sünders erwartet von uns aber das Abarbeiten der Folgen der Sünde: Was der Mensch abzuarbeiten sich bemühen sollte, wo er echt Arbeit mit hat - das ist nicht die Sünde, die Jesus Christus ihm vergeben hat, sondern deren Folgen. Das ist dann eine sehr weltliche Angelegenheit, wir lasen es schon.

II. Als gottesdienstliches Hauptstück bietet sich am Bußtag die alte Tradition der Kyrie-Litanei an, die Anrufung Christi als des Herrn: Mit dem Bekenntnis zu seiner Herrschaft verbindet sich die Erwartung, daß er sie ausübt. Ausgerufen wird sie mit Worten, Bildern, Musik ... . Am Bußtag wird ein Akzent in den Vordergrund gerückt: die Klage. Die gottesdienstliche Klage umfaßt das Bekenntnis eigener Schuld und die Anklage fremder Schuld ? weil wir beides als Folgen der Sünde begreifen müssen. Hier können Einzelne loswerden, was sie an Unrecht erlebt haben und was sie an Unrecht begangen haben. Sich selbst im Gottesdienst anzuklagen ist eine alte Tradition (—Ich armer, elender, sündiger Menschž, wenn auch vom religiösen Ritus zur modernen Floskel geworden: —Wir haben zu wenig geliebt und gelittenž). Was ich zusätzlich vorschlage ist, andere anzuklagen. Das ist starker Tobak. Geht das? Darf ich jemanden im Gottesdienst —an den Pranger stellenž? So etwas ist nicht ohne Vorbild. Das Vorbild sind die alten öffentlichen Bußgottesdienste. Da klagte ein Volk Gott seine Not, die ihm ein anderes Volk (Türkengefahr) oder Teile des eigenen Volkes (Tyrannenherrschaft, Bürgerkrieg) oder die Natur (Naturkatastrophen) bereitete. Was kann diese Klage austragen?

1. Als Klage vor Gott ruft sie ihn an, seine verheißene Herrschaft auch durchzusetzen. Die christlich geglaubte Erlösung wartet um so dringlicher auf Gottes Reich. Laßt uns darum klagen ? Gott klagen, um der öffentlichen Weinerlichkeit zu entkommen!
2. Wenn Klage nicht unbestimmt bleibt, wenn sie Verantwortliche nennt, hat sie weltliche Auswirkungen. Klage kann Gegenklage auslösen. Zwei Beispiele: Machen dem einen die hohen Lohnkosten zu schaffen, so dem anderen die niedrigen Löhne. Klage braucht sich die bittere Erkenntnis der weltlichen Zusammenhänge nicht zu ersparen. Wie hoch muß Lohneinbuße ausfallen, um meinen Arbeitsplatz zu erhalten? ? Der eine Mensch mag sich mehr und mehr und mehr, am Ende für alles verantwortlich wissen, geneigt sein, seinem Wirken oder Unterlassen auch noch die Naturkatastrophen zuschreiben ? aber da hört er die Klage des Nächsten, der sich ein wenig mehr Realismus bewahrt hat und den Weltmeister im Schuldigsein in seine Grenzen ruft.

Ich setze mich mit drei Einwänden auseinander:
1. Wird in der Kirche nicht schon genug geklagt? Ist außer Klage noch etwas zu hören?
Mein Vorschlag ist es, das Klagen nicht zu verbieten, sondern ihr einen Ort anzubieten. Ich kenne keinen besseren als den Gottesdienst.
2. Kommt damit der vielbeschworene Stammtisch in die Kirche? Diejenigen, die immer wissen, wer woran schuldig ist?
Die Gefahr mag bestehen, in charismatischen Bewegungen ist er im frommen Gewand manchmal nicht fern ? aber das gottesdienstliche Element der Klage macht auch frei zur Kritik daran.
3. Ist ein solches Stück öffentlicher Klage im Gottesdienst realistisch gestaltbar und gottesdienstlich durchzuhalten?
Ja, denn der Klage mit ihrem Doppelgesicht der Anklage und der Selbstanklage folgt die Verabredung zu konkreter Änderung, zum Abarbeiten dessen, was bisher benannt wurde ? auf der Grundlage der Rechtfertigung des Sünders. Wenn sich beispielsweise der Staat angeklagt sieht (sicher ein Thema angesichts von Sparzwang und Sozialabbau), bekommt er mit den Folgen der geschichtlichen Entwicklung zu tun: die staatliche Aufforderung an die Christen, angesichts öffentlicher Notstände Buße zu tun, geht —zurück an den Absenderž. Der Gottesdienst hat Folgen. Das können Vorschläge zur Einführung einer Grundrente sein, die man seinem Abgeordneten zusendet, oder Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit in der Nachbarschaft oder Vorsätze zur Beendigung von Entschuldigungsstrategien: Wenn Kinder Blumen ausreißen, wollen sie sie ja nur kennenlernen...

III. Als erster Gedankenschritt in der Vorbereitung ergibt sich von daher die Aufgabe
- darzustellen, daß Taten Folgen haben, die nicht durch Versöhnung beseitigt sind, und
- so konkret wie möglich diese Folgen zu benennen.

Ein zweiter Schritt formuliert, davon ausgehend
- konkrete Klagen über die weltlich nicht realisierte Gottesherrschaft. Er benennt und nennt
- die Verursacher von Leid und Not, von Gewalt und Zerstörung.

Ein dritter Schritt sucht Mittel und Wege der Abhilfe. Hier ist Realismus statt Romantik gefragt. —Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfungž sollen hier nicht proklamiert werden, sondern gesucht werden Taten der Wiedergutmachung der Folgen der Sünde.

Einige Vorschläge zu Methoden bei der schulisch/gemeindlichen Planung:
- Gruppengespräche
- Zweiergespräche
- Schweigen: Einzelbesinnung
- Malaktionen
- Musik: selbstgemachte, auch DJ-mäßige aus der Konserve

Vorstrukturieren:
Was betrifft die Gemeinde/Gruppe/Schulklasse? Wer macht Probleme? Gibt es Lösungen? Keine in Sicht ? ? ein Grund mehr zur Klage!

Letzteres wird sich rasch als der eigentliche «KnackpunktŽ herausstellen. Wenn der Bundespräsident meint, wir hätten in Deutschland ein Anwendungsproblem für Problemlösungen, aber die Lösungen seien da, so ist das leider falsch. Das wird schon im Blick auf Alltagsprobleme rasch deutlich.

- Beispiel Schule: Wie schütze ich mich als SchülerIn vor der Gewalt meiner MitschülerInnen?
Das Modell der Bewaffnung scheitert an der Eskalation, an der besseren Bewaffnung des Gegners usw.. Inwieweit bin ich anderen eine Gefahr durch mein Messer, was ich natürlich «nur zur VerteidigungŽ mit mir führe?
Was im Unterricht vielfach bereits diskutiert wird, soll nicht alles wiederholt werden, hier kann der RU dankbar von anderen Fächern oder eigener Arbeit profitieren. Ergebnisse einer Projektarbeit können hier einfließen. Was neu hinzukommt: Scheitern muß zugelassen werden. z.B.: Gewalt wird bleiben, vermutlich zunehmen. Alternative Verhaltensweisen können benannt werden.
Flucht, andere um Hilfe bitten, Wachsamkeit und Vorsicht, Ablegen provozierenden Verhaltens
Gegen die Unkultur des Wegschauens bei Eltern, Erziehern und Polizisten müssen die Augen offen bleiben: Vorsicht, wachsame Mitschüler! aus Nächstenliebe? nein, aus Eigeninteresse.

- Beispiel Gesellschaft: Wie verhindere ich steigende Versicherungsbeiträge?
Wirklich beeinflussen kann ich mich nur selbst: also Maßhalten, wenn ich eine Versicherung in Anspruch nehme. Aber ? und jetzt wird es spannend und kontrovers ? auch mich Einmischen, wenn ein Bekannter den großen Schluck aus der Pulle nimmt: Betrug ist Betrug, auch wenn es scheinbar nur «die da obenŽ trifft. Obrigkeitsgläubigkeit? Nein, Egoismus ? «die da obenŽ gebenŽs mir ja weiter, was mein Nachbar da treibt. Wollen Sie sein Treiben auf Ihre Kosten mitbezahlen? Allen Ernstes wollten mir Konfirmandinnen und Konfirmanden klarmachen, daß Ladendiebstahl niemandem schade...

Was den so geplanten Bußtagsgottesdienst auszeichnet, ist, daß er sich solche Zusammenhänge nicht erspart. Das Projekt individualistischer Selbstverwirklichung muß in die Schranken gewiesen werden, wenn es sich auf Kosten anderer auslebt. Auch die Vorstellung, solidarisch sei alles möglich, scheitert an der Masse der Bedürftigen: Wer soll das noch bezahlen, wenn alle die gleichen hohen Leistungen haben wollen? Die Konfliktscheu gegenüber Mitmenschen solchen Lebensstils muß ein Ende haben. —Wollen Sie mir etwa vorschreiben, was ich zu tun habe?ž —Ja - denn ich finanziere Sie mitž. Toleranz muß den schuldiggewordenen Mitmenschen schützen ? aber seine Taten brauchen Kritik und Strafe. Können Parteien jeweils die halbe Wahrheit darstellen (—mehr Kaufkraft!ž gegen —geringere Produktionskostenž), können Christen, die die weltlichen Folge der Sünde bedenken, sich die Erkenntnisse und das Darstellen solcher Zusammenhänge des Ganzen nicht ersparen. Sie sind Täter und Opfer zugleich. Damit müssen sie leben ? damit können sie leben. Sie retten vielleicht nicht mehr unsere Gesellschaftsordnung, die auf Solidarität beruht(e) ? aber ihr weltliches Scheitern tilgt nicht die ihnen von Gott zugesprochene Vergebung. Die steht am Anfang. Und die bleibt bestehen. Aber unsere Taten erwarten das Gericht des wiederkehrenden Christus. Daraus ergeben sich

IV. Vorschläge zur gottesdienstlichen Gestaltung:
Zunächst weise ich auf Anregungen für biblische Texte und Gebete in der Erneuerten Agende hin.
- Buß- und Bettag S. 320f. (Das Formular auf S. 128-132 verspricht darüberhinaus noch einige Besonderheiten, ohne das Versprechen wirklich einzulösen.)
- Bittage S. 368-370
- Besondere Bitthemen folgen ab S. 372: Hl. Geist (Erneuerung der Kirche), Einheit der Kirche, Ausbreitung des Evangeliums, Gesegnete Arbeit, Tägliches Brot, Verantwortlicher Umgang mit Natur und Technik, bei Katastrophen und Epidemien, Erhaltung von staatlicher Ordnung und Gerechtigkeit, Überwindung sozialer Spannungen, für Verfolgte, Gefangene und Mißhandelte, Frieden und Schutz des Lebens
- die Adventssonntage S. 144-151
- die letzten Sonntage im Kirchenjahr S. 314-319
Weitere geeignete liturgische Elemente sind Luthers Litanei EG 192, die Lieder EG 146, 149, 153.

Den Gottesdienst nach der gewohnten Ordnung des sonntäglichen Hauptgottesdienstes zu feiern, davon rate ich ab. Die sollte den Sonntag auszeichnen. Für diesen Feiertag lassen sich viel sinnvoller Schwerpunkte bilden, die sich an den vier bekannten Strukturelementen orientieren:

I. Eröffnung und Anrufung
- nach meiner Erfahrung: keine langes (musikalisches) Vorspiel, schnell zur Sache kommen -
Lied zum Eingang EG 152
Eingangsvotum und Begrüßung 2 Kor 5, 17-21
- ggf. kurze inhaltliche Einführung, keine (erste) Predigt -
Kyrie-Litanei:
- vorbereitete Texte und Musik, mehrere Sprecher, die Bilder werden herumgetragen/allen gezeigt, als musikalische Gestaltung sehr gut geeignet das Kyrie EG 178,11, das pausenlos (auch während die Texte gesprochen werden) gesungen wird, mit Chor oder Schola ist Mehrstimmigkeit und Lautstärkenwechsel möglich, um die Texte durch die Musik zu unterstreichen, es darf dauern, Textvorschläge (auch zur sprachlichen Form: bitte keine Predigten!) Erneuerte Agende Nr. 347, 408, 412, Probe möglich? -
Kollektengebet
- faßt das Thema der adventlichen Klage kurz und prägnant zusammen -
II. Verkündigung und Bekenntnis
Schriftlesung, z.B. LK 18, 9-14 Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner
Lied EG 145
Predigt
? Thema: was nach der Versöhnung kommt; Konkretionen im Anschluß an die oben vorgestellten Überlegungen ?
III. Gemeinschaft
Musik zur Besinnung
 - Impuls für jede(n) Einzelne(n): was kann ich tun? was will ich lassen?; Angebot, Klage und Vorsatz aufzuschreiben
(Ein)Sammeln der Anregungen
Äußerung der Klage als Gebet
von den liturgisch Handelnden - sinnvollerweise eine Gruppe - ggf. verantwortlich verändert vorgetragen, von der Gemeinde aufgenommen durch
Liedruf EG 172
- wenn möglich, als Kanon -
Schuldbekenntnis
- vorher in Gruppen erarbeiteter oder traditioneller liturgischer Text (z.B. EG 799-802), gemeinsam gesprochen -
IV. Sendung und Segen
Segensgebet und Segen
- Lossprechungsformel -
Aschenkreuzritus?
Wer Mut hat zu einer «liturgischen AktionŽ, kann den aus der römisch-katholischen Kirche bekannten Ritus des Aschenkreuzes benutzen:
Jeder kann nach vorn treten, um sich zum äußeren Ausdruck seiner Bußgesinnung und seines gefaßten Vorsatzes ein Kreuz mit Asche auf die Stirn zeichnen lassen. Dabei sprechen die Austeilenden ein Votum, z.B: —Geh hin und verkündige das Evangelium!ž
gemeinsamer Auszug mit mitreißender Musik (kein Organistenzwirn)
 
 
 


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