Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Thesen zu einer evangelisch verstandenen Apokalyptik

- vorgetragen auf dem Gesamtephorenkonvent der Kirchenprovinz Sachsen am 9. und 10.3.04 -

—Fürchte deinen Nächsten wie dich selbstž.
1. Apokalyptik ist eine spezifische Weltsicht: —Ich sehe was, was du nicht siehst.ž Apokalyptik ist Fiktion, insofern sie Fakten deutet. (Rückfrage: Gibt es solche Zusammenhänge —wirklichž ­ oder —machež ich sie? Oder gibt es sie dann auch wirklich, wenn ich sie mache? (vgl. Goethe: —Ich sehe nur, was ich weiß.ž)
2. Das Zeitalter der Angst ist angebrochen. Die Folgen des neuzeitlichen technologischen und ökonomischen Fortschritts sind katastrophenträchtig: Fakt oder Fiktion?
3. Apokalyptische Bewegungen sind Seismographen der gesellschaftlichen Situation.
4. Apokalyptik hat zu tun mit Vorstellungen vom Ende. Apokalyptiker wissen, woŽs langgeht. Das ist ihr Trost angesichts gegenwärtiger und künftiger Schreckensereignisse.
5. Apokalyptik kann dem Bösen Macht zugestehen, ohne es zu verleugnen oder zu verdrängen ­ oder überzubewerten.
6. Nach jüdischer apokalyptischer Weltsicht zerfällt die Zeit in zwei Perioden: in diese Weltzeit und in die kommende Weltzeit. Der Apokalyptiker selbst steht am Ende des ersten, vor dem Beginn oder am Beginn des kommenden Äons: Die Welt ist —am Zu-Ende-Gehenž.
7. Die jüdische Apokalyptik ist theozentrisch. Sie enthüllt Gottes Gerechtigkeit.
8. Jesus selbst ist die Apokalypse in Person: In seinem Sterben und Tod vollzog sich die Wende. Heil wird in der Verkündigung Jesu nicht nur in der Zukunft erwartet, Heil ist schon jetzt. Das meint Aufhebung der Apokalyptik: paradise now!
9. In Teilen des Urchristentums findet eine Reapokalyptisierung statt: Offenbarung des Johannes. Apokalyptik spricht von der Gegenwart als zukünftiger Vergangenheit und von der Zukunft als Zukunft der Vergangenheit und Gegenwart. Die Naherwartung i.e.S. erscheint —gedehntž.
10. Die Großkirche und ihre Theologie hingegen bevorzugen —geistlichež Enthüllungen. Apokalyptik aber ist welt- und geschichtsbezogen: Das Ferne ist nah. Gott wirkt in dieser Geschichte.
11. Apokalyptische Texte werden im Mittelalter häufig auf die eigene Zeit übertragen und als Reiseroute, Zeitplan, sozialrevolutionäres Programm wörtlich verstanden, ja benutzt. Ein neuer apokalyptischer Aufbruch ­ das Ende dieser Kirche ist da. Gott will es.
12. Als Apokalyptiker bin ich im Ablauf der Ereignisse wichtig. Ich bin wer ­ nicht nur Opfer, auch Täter, Agent, Katalysator der Geschehnisse. Das apokalyptische Drehbuch läßt mich mitspielen, ich spiele eine Rolle.
13. Seit der Aufklärung sind christlich­religiöse Aspekte in apokalyptischen Bewegungen seltener zu finden. Weltlich gilt die Devise des —Lebens als letzte Gelegenheitž. Demgegenüber ist der Apokalyptiker Realist. Verlaß ist auf nichts und niemanden, nur auf Gott: —Fürchte Deinen Nächsten, wie dich selbst!ž (Das erregt gelegentlich Ablehnung, ja Haß auf die, die ­ wie die Apokalyptiker ­ nicht —positivž denken.)
14. Gott setzt der Welt ihr Ende. Sein Gericht gilt aller Welt. Das eröffnet allen Menschen eine Chance zur Begegnung mit Christus, d.h. mit dem Heil.
15. Was aber bedeutet ­ evangelisch verstanden ­ dann das Gericht für die Gerechtfertigten? Das Gericht nach den Werken muß kommen, weil es Werke gibt ­ damit —die Täter nicht über die Opfer triumphierenž (Horkheimer). Im Endgericht werden die Werke eines jeden Menschen offenbar werden: die guten werden gelobt, die bösen getadelt werden. Die Rechtfertigung durch Glauben unterscheidet zwischen Person und Werk, legt uns also nicht auf unsere Werke fest.
16. Apokalyptisches Denken wahrt die Intention des Bilderverbotes, insofern es das Bild des —lieben Gottesž mit dem Bild des gewalttätigen Gottes durchkreuzt: Gottes Herrschaft kommt, d.h. also auch: Gott vernichtet seine Feinde.
17. Nicht alles —Katastrophischež ist apokalyptisch: Christliche Apokalyptik ist Theologie der Hoffnung, Leben und Leiden in der Gewißheit des kommenden Tages des Herrn.
 
 


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