Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Jubilate über Apg 17, 22-34

Liebe Gemeinde!
Heute predigt bei uns der Apostel Paulus. Wir hören die Worte einer Missionspredigt. Schauplatz ist die griechische Hauptstadt Athen - vor fast 2000 Jahren die heimliche Hauptstadt der damaligen Weltkultur. Paulus spricht auf dem Areopag, dem Mittelpunkt der Stadt und des Staates. Ein Jude spricht zu Griechen:

Ihr Männer von Athen, ich sehe, daß ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch läßt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.

Kurze Unterbrechung, liebe Gemeinde. Was hat Paulus da gesagt? (Mich interessiert das hier und heute ganz besonders: Mal sehen, was ich als Prediger von Paulus lernen kann.) Er entfaltet ein 6-Punkte-Programm.

1. Paulus spricht hier zu den Männern. - Na klar, die machen die Politik; die sagen, woŽs in Athen langgeht.

2. Er lobt sie als gottesfürchtige Menschen. - Auch geschickt. Immer erst mal loben, um die Zuhörer für sich einzustimmen.

3. Die Geschichte mit dem Altar für den unbekannten Gott. - Sehr geschickt, das ist etwas für die gebildeten Athener, die ihre Philosophie kennen. Daß wir wissen, daß wir vom Göttlichen immer weniger wissen, als wir zu wissen glauben - das ist eine allen philosophischen Köpfen selbstverständliche Überzeugung. Gott- das große Geheimnis - oder: Vom Göttlichen können wir immer mehr sagen, was es nicht ist, als was es ist. Klar
- und logisch: Dieser Gott wohnt nicht in Tempeln. Dieser Gott, das wahre Göttliche läßt sich nicht bedienen. Welcher Philosoph wüßte das nicht und blickte nicht amüsiert auf den naiven Religionsbetrieb des einfachen Volkes?

4. —Ich sage euch, welchen Gott ihr da verehrt - ohne es zu wissen.ž Ein riskanter Satz. Ob man da noch zuhört, wenn einer so besserwisserisch daherkommt? Aber Paulus ist ja in Athen - und die Athener waren bekannt für ihre Neugierde. Öfter mal was Neues, auch in göttlichen Dingen - das ist so recht nach dem Herzen der Männer von Athen. Und Paulus bestätigt sie ja auch: Ohne es zu wissen, verehrt ihr ihn ja doch, den unbekannten Gott.

5. Jetzt spricht Paulus vom Schöpfer. Der eine Schöpfer hat aus einem Menschen alle Menschen gemacht. Die Griechen wissen, dieser Gedanke kommt vom Judentum - aber sie haben ihn sich längst zu eigen gemacht. Wir sind Geschöpfe des einen Gottes und Weltbürger. Alle Menschen sind gleich. Alles hat einen Ursprung. Das dachten jedenfalls die Athener auf dem Areopag. Immer noch: Gut gesprochen, Paulus.

6. Gott ist nicht nur Schöpfer, sondern auch Lenker der Welt. Gott läßt sich finden von denen, die ihn suchen. Fürwahr, Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Ein schöner Gedanke. —Griechischerž kann eine christliche Missionspredigt kaum werden. Ganz tief hat sich Paulus auf den Denkhorizont seiner athenischen Zuhörer eingelassen. Er hält hier das Musterbeispiel einer Anknüpfungspredigt. Er geht auf die Gedanken und Erwartungen seiner Zuhörer ein und knüpft daran an - eine Predigt wie aus dem Lehrbuch. So muß man es machen. Von Paulus lernen, heißt siegen lernen. Und so hören das ja nicht nur die alten Griechen gern - diese vertraute Botschaft von der Göttergleichheit des Menschen - auch moderne Esoteriker nicken: —Gut gesprochen, Paulus.ž Heben sich da schon Hände, um Paulus zu applaudieren - wie man doch immer dem am liebsten applaudiert, der einen bestätigt?

Aber erstens kommt es anders - und zweitens als man denkt. Denn Paulus spricht weiter: Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, daß alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Jetzt spricht Paulus von Buße, vom Gericht und von der Auferstehung Jesu. Das heißt, er will anfangen, davon zu sprechen. Doch schon bevor er Jesu Namen aussprechen kann, ist es aus mit der Bereitschaft der Zuhörer: Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören. So ging Paulus von ihnen.

Aus und vorbei. Ende des großen Projekts der Begegnung zweier Welten, der Begegnung von christlicher Missionspredigt und griechischer Bildung und Philosophie. Der Versuch, bei der Predigt an Bekanntes anzuknüpfen, ist gescheitert - gescheitert in dem Moment, als Paulus von Jesus Christus sprach. Der Versuch, die Menschen da abzuholen, wo sie standen, ist mißlungen - sie sind da nicht mehr mitgegangen.

Müssen wir also aufhören, missionarisch von Christus zu predigen - weil einem dann eh keiner mehr zuhört? Und welchem Zuhörer heute würde da wohl was fehlen - bei solch schönen Gedanken über Gott? Ist das nicht genug?

Oder müssen wir nur aufhören zu predigen wie Paulus, mit seiner Anknüpfung an Bildung und Philosophie, besser nur predigen von Buße, Gericht und Auferstehung - wie christliche amerikanische Fundamentalisten das tun? Erfahrungsgemäß kommt das ja durchaus an.

Ja, wirklich, beides kommt an und findet sein Publikum - aber nur je für sich: die bloße Jesus-Predigt und schöngeistige Gedanken über Gott. Nur die Kombination ist schwer verdaulich - aber der heutige Predigtext macht genau dies. Der eine Gott ist in Jesus. Und in ihm leben, weben und sind wir - durch Christus. Die Apostelgeschichte verschweigt das Schicksal solcher Anknüpfungspredigt nicht, ihren geringen Erfolg: Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Sie haben verstanden. Und man muß ja verstehen, was den christlichen Glauben ausmacht, was ihn erst zum christlichen Glauben macht. Gott als Geheimnis - im Menschen Jesus. Das Allgemeine und das Konkrete, der unbekannte Gott und der Mensch Jesus: eins. Weder die bloße Jesus-Predigt noch die Rede vom allgemeinen Göttlichen ist christlich. Das können wir von Paulus und seiner Anknüpfungspredigt lernen - und das müssen wir lernen, um nicht für christlich zu halten, was dies nicht ist. Zu einigen Resultaten der laufenden Konfirmandenprüfung möchte ich am liebsten sagen: —Sagt nie, das hätte ich gesagt, was Ihr da für christlich haltet!ž Beispiel: —Mit wem haben wir im Abendmahl Gemeinschaft?ž (Richtige Antwort: mit Jesus Christus und miteinander.) Oder frei nach —Wer wird Millionär?ž: —Was wird in der Bibel propagiert?ž Richtige Antwort der Kandidatin: Nächstenliebe. (War ja auch nur die 250 Euro-Frage.) Günter Jauch kommentiert: —Für eine Berlinerin - ne Superantwort!ž Er wußte: Zumeist ist heißt es hier ja entweder Bildung oder Bekenntnis. Wie hätten wir Berliner wohl bei einer Pisa-Studie über den Religionsunterricht abgeschnitten?

Und wir müßten uns jetzt fragen, ob in unseren Gemeinden wohl beide Gruppen miteinander auskommen können, die Fundis und die Philosophen - denn es ist ja leichter zu sagen, man wolle jemanden annehmen, wie er sei, als das dann auch wirklich zu können.

Aber während wir noch Kircheninternes bedenken, ist Hollywood schon wieder weiter, leistet religiöse Grundausbildung und bringt für den —religiös unmusikalischenž Menschen der Gegenwart den unbekannten Gott erst wieder ins Spiel. Das Problem heute ist ja nicht Anknüpfung ja oder nein - sondern: Woran denn noch anknüpfen? Wem sagt das noch was: Gott? Mein Gott, Walter!

Die Antwort aus Hollywood heute abend auf ProSieben: Krieg der Sterne, Episode 1. Beworben mit Orgelklängen: —Der Herr sei mit euch! Der Friede sei mit euch!ž Man denkt an Kirche. Dann wird aus den Orgelklängen die Erkennungsmelodie von Star Wars, und wir hören: —Möge die Macht mit euch sein!ž Die Macht - Hollywoods Antwort auf den —Altar für den unbekannten Gottž aus dem alten Athen, Anknüpfung an das Göttliche allgemein, Pionierarbeit, Religiöses für Anfänger. - Und wir könnten daran wieder anknüpfen, wir, die wir wissen, daß die Macht bei Jesus Christus allein liegt. Wir bringen diese aufregende exklusive Verbindung vom Göttlichen allgemein und einem Menschen ins Spiel. Seinen Namen zu nennen, macht aus dem Filmmärchen das Evangelium: —Möge die Macht Jesu mit euch sein!ž
Amen.
 
 


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