Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Sexagesimae über Apg 16, 9-15

Liebe Gemeinde!
Ein Hilferuf aus Mazedonien - was kann das alles bedeuten? Gibt es vielleicht Probleme beim Einsatz der Bundeswehr oder ist ein Tourist verunglückt? In beiden Fällen löst ein Hilferuf aus dem fernen Land wie Mazedonien umfangreiche Aktivitäten bei uns aus: Telefone klingeln, Flugzeuge steigen auf, Retter machen sich auf den Weg.

Vor fast 2000 Jahren ist schon einmal aus Mazedonien ein Hilferuf ergangen - und auch der hat gleich umfangreiche Hilfsaktivitäten ausgelöst. Davon berichtet unser heutiger Predigtext:

Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo wir dachten, daß man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Machen wir uns klar, was da geschah: Gleich nach dem Hilferuf nimmt Paulus, seinerzeitiger Standort Troja, ein schnelles Segelschiff. Schon zwei Tage nach dem Hilferuf ist er hier, in Neapolis, dem heutigen Kavalla in Nordgriechenland, einem schönen Naturhafen. Schon damals war der an einer der berühmten Römerstraßen gelegene Ort von einer Burg auf langgestrecktem Schieferfelsen überragt und wurde von einem stattlichen Aquädukt, einer römischen Wasserleitung, überquert. - Bild -

Ein historisches Ereignis ist das, der Apostel der Völker betritt zum ersten Mal in seinem Leben europäischen Boden.

Ich erinnere mich daran... - nicht an das Ereignis natürlich, aber an Bilder, an die Bilder in meiner alten Kinderbibel. Da sah man die mir damals schon vertrauten Umrisse Griechenlands und Kleinasiens wie auf einer Landkarte, darauf zwei Männer: ein Mazedonier, der um Hilfe ruft und Paulus, der sich gleich aufmacht.

Dabei weiß ich gar nicht so recht, warum mir dieses Bild heute noch so vor Augen ist. Es gibt ja spannendere Geschichten in der Apostelgeschichte. - Es ging mir aber nicht so wie unseren neuen Konfirmanden neulich. Bei der Kurzvorstellung einiger christlicher Kirchen und ihrer Geschichte dachten sie, sie hätten jetzt Erdkunde oder Geschichte und wären im falschen Film. - Mich hingegen sprach gerade diese nahezu filmreife Inszenierung an: ein Hilferuf und seine Folgen, ein geheimnisvoller Traum, der ganz reale Folgen auslöst.

Denn jedem Leser der ganzen Apostelgeschichte fällt hier ein Wort auf, das zum ersten Mal auftaucht, das Wörtchen: wir. —Wir suchten sogleich nach Mazedonien zu reisen,ž heißt es da - wie in einer Reisebeschreibung, wie in einem Tagebuch. Und wirklich, man hat immer vemutet, Lukas habe hier und an den anderen wir-Stellen (s)ein altes Reisetagebuch verwendet. Demnach wäre unser heutiger Predigtext so eine Art historischer Reisebericht, ein Paulus-Baedecker: —Auf den Spuren des Apostelsž.

Wer eine Reise macht - der kann bekanntlich was erzählen. Für einen Reiseführer erfahren wir hier aber wenig. Lukas hält sich gar nicht damit auf, die Schönheiten der Landschaft zu schildern, er berichtet nicht einmal von dem eindrucksvollen Küstengebirge, das als erstes zu überqueren war, nachdem Paulus sich spornstreichs  auf den Weg nach Phlippi gemacht hatte - ohne Aufenthalt in Neapolis/Kavalla. Von der Paßhöhe muß er einen tollen Blick auf die Landschaft gehabt haben - und obendrein auf historischen Boden: Hundert Jahre vor Paulus war hier die Entscheidungsschlacht gegen die Mörder Julius Caesars geschlagen worden ("... auch du, mein Sohn Brutus!" - Caesars letztes Wort, nach Shakespeare jedenfalls).

Ein antiker Baedecker wüßte zu berichten, daß anschließend hier eine römische Stadt entstanden war, benannt nach König Philipp von Mazedonien, dem Vater Alexanders des Großen. Alexander der Große hatte knapp vierhundert Jahre vor Paulus dessen Reiseweg in umgekehrter Richtung eingeschlagen. Ausgehend von Mazedonien hatte er die ganze damals bekannte Welt erobert. Seine kurze Herrschaft führte zur ersten Weltkultur, dem sogenannten Hellenismus, einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft aus griechischer Philosophie mit ägyptischen und orientalischen Einflüssen. Die damalige Weltsprache: Griechisch. Es war die erste Großkultur, mit der sich das junge Christentum auseinandersetzen mußte. Die kurze Seereise des Apostels Paulus von Troas/Troja nach Neapolis/Kavalla ist das Symbol für diesen Schritt. Lukas muß das gar nicht groß kommentieren. Nicht Erdkunde und Geschichte an sich sind sein Thema, sondern der Weg des christlichen Glaubens.

Vielleicht habe ich das als Schüler an dieser Geschichte so gemocht, die Symbolik des Hilferufes: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Die weltumspannende Kultur Europas, die alle möglichen Einflüsse aufgenommen hat, nun ruft sie nach dem Evangelium von Jesus Christus. Jesus trifft Platon und Aristoteles, der christliche Glaube öffnet sich der Welt. Große Worte für halbwüchsige Schüler? Dank eines engagierten Geschichtslehrers waren wir damals ausgesprochene Fans der griechischen Antike, und die Namen der antiken Superstars Perikles, Thukydides, Demosthenes usw. gingen uns so locker über die Lippen wie den Kids von heute Tyrannosaurus Rex und Brontosaurus oder Tom Cruise und Penelope Cruz.

Paulus auf dem Weg nach Philippi - eine Begegnung von Ost und West also. Sie beginnt aber nicht erst mit Paulus, sondern findet schon mitten unter den römischen Bürgern statt, die sich hier inmitten der Griechen eine eigene Stadt aufgebaut hatten. Hier lebten Menschen aller Nationalitäten. Philippi war eine Art Freihandelszone mit einer privilegierter Situation: Hier galten Römisches Recht für alle und für römische Bürger sogar Steuerfreiheit. Hier lebt Lydia, reich geworden als Händlerin mit dem wertvollsten Farbstoff der Welt: dem Saft der Purpurschnecke. Wohlhabene Leute färben damit die Stoffe, aus dem ihre Kleidung geschneidert wird. Besonders die Senatoren Roms sind darauf angewiesen: Ihre Staatsroben brauchen diesen teuren Saft aus zermanschten Schnecken.

Mittlerweile ist Paulus in Philippi angekommen. Am nächsten Sabbat macht er sich auf an den Fluß. Dort versammelt sich - in einer Synagoge? im Freien? - die jüdische Gemeinde der Stadt. Hier kommt er mit den Leuten ins Gespräch - auch mit Lydia.

Lukas liebt es, in seinen Geschichten Frauen vorkommen zu lassen. Das ist in der damaligen Welt nicht selbstverständlich, obwohl das Beispiel der reichen Lydia beweist, daß Frauen im Geschäftsleben durchaus eine bedeutende Rolle spielen konnten. Dennoch biedert sich Lukas hier nicht an, schlüpft er nicht in die Rolle eines "Frauenverstehers". Er stellt uns Lydia nämlich vor als "Gottesfürchtige". Dieses Wort ist ein feststehender Ausdruck. Er bedeutet nicht, daß Lydia besonders fromm war, sondern meint eine Frau, die der Synagogengemeinde und dem jüdischen Glauben nahesteht - ohne sich ihm förmlich angeschlosen zu haben. Die Gottesfürchtigen waren damals eine weltweite Bewegung von Männern und Frauen, Fans des Judentums, angezogen von seiner Botschaft vom einzigen Gott und dem sittlichen Ernst der jüdischen Gebote - obwohl sie meist nur die 10 Gebote hielten, ohne die zahllosen rituellen Vorschriften und Speisegesetze zu beachten. Nur wenige traten formell zum Judentum über: die Männer durch Beschneidung, die Frauen durch die Proselytentaufe.

Eine solche Gottesfürchtige also war Lydia. Lydia war womöglich nicht ihr Eigenname, sondern man nannte sie vielleicht deshalb so, weil sie aus Lydien in Kleinasien kam (Man kennt das auf Reisen: —Da kommen ja die Hamburgerž, heißt es dann beispielsweise.) Lydien, das ist das Gebiet zwischen dem heutigen Izmir und Pamukkale. Diese Lydia wird Christin, sie läßt sich taufen. Die erste Christin Europas war also Türkin.

Und Lukas, der Frauenfreund, berichtet nun, daß Paulus bei ihr einzieht: Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns. Paulus und die reiche Lydia? Paulus - alles andere als ein Frauenfreund, ausgerechnet der?

Erklärend wurde Lydia mir in meiner Schülerbibel als alte Witwe vorgestellt. Jedenfalls wird ihr Haus zum Mittelpunkt einer blühenden christlichen Gemeinde, der Lieblingsgemeinde des Apostel Paulus sozusagen. Der Brief an die Philipper legt davon Zeugnis ab.

Soweit das Reisetagebuch, angereichert mit Sachinformationen aus der alten Zeit. Und wo bitte bleibt nun das Evangelium? Bekommen wir es heute nicht doch nur mit Erdkunde und Geschichte zu tun? (Das wäre ja mal ganz entspannend - wenn auch nichts für Dietrich Bonhoeffer. Der hatte den Anspruch an die Bibel, sie solle ihm jeden Tag die Frage beantworten: —Was will mir Jesus Chrisrus heute sagen?ž) Wo also bleibt hier das Theologische, die Frohe Botschaft für uns?

Zunächst: Erdkunde und Geschichte sagen uns etwas ganz Wesentliches über das Christentum. Es ist keine Religion, in der man bloß richtige Einsichten haben muß oder das Gute zu tun hat. Das Christentum ist ein Glaube, der Hand und Fuß hat - und in Bewegung setzt. Unser Glaube sucht sich immer einen konkreten Ort und eine bestimmte Stelle, z.B. Jesus ist Jude, lebte unter römischer Besatzung in Israel. Trotzdem sind wir im Glauben an keinen Ort gebunden und an keine Zeit. Weder heilige Zeiten spielen für uns eine Rolle noch heilige Orte. Das Christentum hat überall seine Zeit und seinen Ort. Aber Gottes Handeln ist bodenständig und verliert sich nicht in Gedanken im Wechsel von Zeit und Raum - darum diese Geschichten und Erdkunde, eben: Apostelgeschichte. Und der christliche Glaube setzt in Bewegung: daß jede Zeit und jeder Raum die Botschaft des Evangeliums hören kann. Das war ja der Inhalt des Hilferufes aus Mazedonien: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Europa bittet um das Evangelium von Jesus Christus. Wenn das keine massive Theologie ist... Was Lukas, der Theologe des Weges und der Geschichte, der theologische Reise-Führer, hier am Ende allerdings ganz deutlich macht: Die Kraft, die das alles in Bewegung setzt, ist Gott selbst. Der (Lydia) tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Weder bekehrt Paulus die Lydia, noch bekehrt sie sich selbst - es ist Gott, der ihr Herz bewegt. Christ wird man nur durch Christus. Und das macht die Taufe sichtbar.

Ein theologischer Baedecker also, ein theologisches Reisetagebuch von einem Hilferuf und seinen Folgen. Die kleine Reise des Paulus über das östliche Mittelmeer nach Europa - ein großer Schritt für die Menschheit: So kam Gott nach Europa.
Amen.
 
 


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