Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Musik und Gedanken zum Ewigkeitssonntag 2001 - eine Andacht

- Musik: Mendelssohn, Orgelsonate 2, ein Satz -
Begrüßung: - Text von Lied EG 533 -
- Musik: Choral —Du kannst nicht tiefer fallen...ž EG 533 Orgel -

Er liebte Buttermilch, der Mann in den Fünfzigern, der seit drei Wochen auf Station 10 —Innere Männerž lag, ohne daß die Ärzte eine Krankheit hätten diagnostizieren können. Jeden Abend ging eine wahre Schlacht los um die wenigen zur Verfügung stehenden Becher seines Lieblingsgetränkes. Häufig entschied er sie für sich: unter Hinweis auf seinen immer schwächer werdenden Zustand. Ehrlich gesagt: Wir hielten ihn für einen Simulanten. Eines Morgens starb er vor unseren Augen, in einem heftigen Aufbäumen und schnellen Zusammenbruch aller Lebensfunktionen, jede Hilfe kam zu spät. Ein paar Tage schlichen wir bedrückt und schuldbewußt umher. Und bei der Obduktion waren wir Krankenpfleger und -schwestern dabei. Wir wollten es nun wissen. Ergebnis: Gleich drei Befunde mit notwendig tödlichem Ausgang. Mein stärkster Eindruck aber hatte mit der Frage nach der medizinischen Todesursache überhaupt nichts zu tun. Ich dachte: Das ist doch weder der freundliche alte Herr, der vor drei Wochen eingeliefert worden war, noch der renitente Patient, als den wir ihn seitdem kennengelernt hatten. Mich durchzuckte der Gedanke: Das da ist er doch nicht mehr. Und der, den ich kannte: Wo ist er jetzt?

- Musik: Choral —Ach wie flüchtig, ach wie nichtigž EG 528 Orgel -

Wo ist Herr P. jetzt? Natürlich ist diese Frage in den Augen vieler irgendwie unpassend. Schon einem Kollegen im Krankenhaus erging es anders als mir. Sein Eindruck: Hier und jetzt - nur Tod. Herr P. ist Vergangenheit, er hat sonst keinen Ort. Da ist nichts als Erinnerung. Mußte auch ich nun den Worten Heinrich Heines zustimmen: —Mit dem letzten Atemzug ist alles vorbei, Freude, Liebe, Trauer, Makkaroni, Theater, Lindenbäume, Himbeerbonbons, die Macht menschlicher Beziehungen, Klatsch, Hundegebell, Champagnerž? Oder durfte ich fragen: Wo ist Herr P.? Vielleicht im Himmel? Werde ich ihn gar wiedersehen?  —Es ist aber noch keiner zurückgekommen. Das wissen wir dochž, bekannte mir ein Friedhofsarbeiter seinen Glauben.

Wenn Christen sich heutzutage mit dieser Frage auseinandersetzen, verwenden sie häufig Bilder aus der esoterischen Szene. Dort feiern Jenseitsglaube und Diskussionen um das Schicksal der unsterblichen Seele fröhlich Urständ: Um erst wirklich —in den Himmelž zu kommen, gibt es für die Seele im Jenseits noch viel zu tun, zu leisten, zu erkennen. Zuvor, im Sterben, läuft mein ganzes Leben mir wie ein Film vor Augen ab. Der Weg vom Tod zum Leben ist ein Werden wie von der Raupe zum Schmetterling. Die Überzeugung von einem Weiterleben der Seele nach dem Tode hat eine Mehrheit von 52,6%  (Tendenz zunehmend)

Aber auch, wenn nichts mehr aus mir wird, dann wächst doch aus meinem Grab ein Baum, den ich nähre. Herr von Ribbeck aus Ribbeck im Havelland... Aidsinfizierte Kinder bekommen wieder zu hören, daß im Himmel ein Garten auf sie wartet. —Mein Oma ist jetzt ein Stern.ž In der Tat: Rein physikalisch sind ja die höheren Elemente Resultat eines Kernfusionsprozesses, wir sind also —Sternenstaubž. Nur: Gott sind wir los. Lädt der christliche Glaube ein zur Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten ­ oder kann er einen eigenständigen Beitrag leisten auf die Frage: Wo sind unsere Toten?

—Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.ž (Lk 20, 38) So heißt es im Neuen Testament. Was bedeutet dieser Grund-Satz jüdisch-christlichen Glaubens?

- Musik: Choral —Jesus, meine Zuversichtž EG 526 Orgel -

Die mittelalterliche Theologie entwickelte aus biblischen und altkirchlichen Motiven einen Reihe von klaren Antworten: Die meisten unserer Toten sind in einer Art Zwischenzustand: im sogenannten Fegfeuer, einem Ort der Läuterung. Große Verbreitung fand das Modell des Fegfeuers durch seine Verbindung mit Theorie und Praxis des Ablaßwesens: Es machte Jenseitsvorsorge zur sinnvollen Lebenspraxis. Der Sünder lädt Schuld und Strafe auf sich. Die Schuld wird durch die Absolution nach reuigem Bekenntnis erlassen, die Sündenstrafen müssen entweder in diesem Leben durch gute Werke und Gebet oder nach dem Tod im Fegfeuer abgebüßt werden. Aber es ist möglich, für sich oder einen Verstorbenen einen von der Kirche angebotenen strafmindernden Ablaß zu erwerben. So können die Christen etwas für ihr Heil und das Heil der Angehörigen tun. Sie können Vor- und Nachsorge bezüglich des Jenseits leisten mit Gebet, guten Werken, frommen Stiftungen. Das Fegfeuer ist Vorhof zum Himmel. Die «Armen SeelenŽ mögen zwar leiden, doch ist ihre Leidenszeit begrenzt. Zwischen den Lebenden und diesen Toten besteht eine Gemeinschaft des Gebens und Nehmens. Wo also sind die Toten? Im Himmel (Maria und die Heiligen), im Fegfeuer (die Mehrzahl der Verstorbenen, aber eben zeitlich begrenzt), in der Hölle (die Todsünder).

 - Musik: Choral —Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangenž EG 518 -

Die Reformatoren  verwarfen die Vorstellung eines Fegfeuers aufgrund ihrer Ablehnung der römischen Lehre, die der Kirche Macht gab bis in den Herrschaftsraum Gottes hinein. Für die Toten und zu ihrem Heil gibt es nach reformatorischer Auffassung nichts mehr zu tun, weil Jesus Christus alles getan hat. Martin Luther kehrt die mittelalterliche Sentenz —Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangenž um: —Dreh's um, so glaubt ein Christ: Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen.ž Jedoch überwiegt bei Luther die Vorstellung vom Schlaf der Verstorbenen: —Wir sollen schlaffen, donec veniat und klopfft an das greblin Et dicat: D(r). Martine, surge. Ibi in momento surgam und werde ewig mit jhm frolich seinž.  Für die Glaubenden hat der Tod noch Gestalt, aber nicht mehr Gewalt.

Worauf es für die Christen ankommt, ist daß das neue Leben in Christus allein von Gott kommt. Wenn das klar ist, kann die Anschaulichkeit zu ihrem Recht kommen. So wurde der Theologe Karl Barth einmal von einer - wie es heißt: etwas anstrengenden - Dame nach dem ewigen Leben befragt: —Herr Professor, sagen Sie bitte, ist es auch ganz gewiß, daß wir im Himmel all unsere Lieben wiedersehen werden?ž Er sah die Dame scharf an und sagte dann langsam und mit Nachdruck: —Ja ­ aber die anderen auch.ž - Gern hätte ich ihm meine Frage gestellt: —Und wo sind unsere Toten?ž

- Musik: Choral —Wachet auf, ruft uns die Stimmež EG 147 Orgel -

Warum will ich die alte Frage noch einmal stellen? Ich frage bewußt nach Gott, und ich frage nicht nach allen Toten, sondern nach unseren, d.h. nach den Christusgläubigen. Die biblische Antwort lautet: Mit Jesu Christi Auferweckung von den Toten hat das allgemeine Erwachen der Toten am Ende der Tage begonnen, er ist der —Erste der Entschlafenenž (1 Kor 15, 20). Paulus spricht also von einer Ordnung des Lebendigwerdens: Erst Christus, dann die Christen, dann das Ende mit der endgültigen Vernichtung des Todes —als letzter Feindž (1 Kor 15, 26) und der Übergabe der Herrschaft an den Vater, damit —Gott sei alles in allem.ž (1 Kor 15, 28) Die Hoffnung der Christen hat einen Ablauf, hat Geschichte.

Durch Glauben gerechtfertigt sind wir «in ChristusŽ, leben wir im Raum seiner  Herrschaft. Es ist ein Zwischenzustand, ein Zwischenzustand im angebrochenen, aber nicht vollendeten Reich Gottes: Unsere Stellung in der Welt ist bereits eine andere, sie kann uns nicht mehr beherrschen - aber die Realveränderung der Welt steht noch aus (Röm 8, 21). Der Tod bleibt der —letzte Feindž (1 Kor 15, 26), insofern er uns Überlebenden immer wieder den Schmerz des Abschieds zufügt. Leben und Sterben aber sind relativiert durch das —des Herrnž-Sein des Christen: —Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.ž (Röm 14, 8) Mein Tod beendet mein Leben in Glaube und Anfechtung, dann lebe ich —in der Hoffnung auf die Krone der Herrlichkeitž (Calvin).

«Wenn alles getan istŽ, leben unsere Toten in der Erwartung der Verwirklichung des Reiches Gottes, «in ChristusŽ in Erwartung der Auferstehung. Das Reich Gottes aber ist bis zum Tag des Gerichts noch «im KommenŽ. Das Gericht Christi —nach den Werkenž steht für unsere Toten wie für alle anderen Menschen aus der Perspektive der Lebenden noch aus.

Unsere Toten aber haben schon einen Ort. Das hat das Mittelalter richtig gesehen. Unsere Toten sind «in ChristusŽ. Und wo ist Jesus Christus? Im Glaubensbekenntnis heißt es: —Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.ž Unsere Toten sind also in Christus auf dem Weg des kommenden Reiches Gottes. Wie er sind sie —im Kommen.ž

—Sind die Seligen bei dem Herrn, und ist Er bei uns ­ wie können wir da weit voneinander sein? Je näher wir bei Jesus sind, umso näher sind wir auch den Seligen.ž (Paul Le Seur)

Werden wir uns dann wiedersehen? Die Wahrheit der Hoffnung auf ein Wiedersehen unserer Toten liegt neben dem Gemeinschaftscharakter der Botschaft Christi und der biblischen Bilder vom Leben «in ChristusŽ vor allem in ihm selbst: Er selbst sich hat sehen lassen, ist den Seinen erschienen und hat die Gemeinschaft mit ihnen wiederhergestellt (Joh 20, 21).

Wer ernsthaft etwas über den Ort unserer Toten sagen will, sagt Zweiflern was zum Lachen. Ich denke da an die scheinheilige Frage eines Skeptikers, wie er im Himmel als Engel sein Nachthemd über die Flügel ziehen solle. Gotteslästerlichkeit? Nein, solche Anekdoten bewahren uns alle vor dem Zuviel- und vor dem Zuwenigwissenwollen. Wenn sie ein Lächeln auslösen, geben sie der Hoffnung Raum auf —den lieben Jüngsten Tagž (Luther). —Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer.ž (Ps 2, 4) Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wir dürfen hoffen, daß Gott das boshafte Grinsen der Skeptiker und das gequälte Lächeln der Frommen zu einem erlösten Lachen verwandeln wird. In diesem Sinn: In Gottes Lachen - da leben unsere Toten. Amen.

- Musik: Mendelssohn, Orgelsonate, ein Satz (Choral+ruhige Musik) -
Gebet: -Text von Lied EG 154 -
VU
Segen
Choral von César Franck
 
 


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